Hans Rosling: Wie ich lernte, die Welt zu verstehen

Der 1948 geborene und im Februar 2017 gestorbene Hans Rosling, war Professor für Internationale Gesundheit am Karolisnka Institutet und Direktor der Gapminder Stiftung in Stockholm. Mit „Factfulness“, das er zusammen mit seinem Sohn Ola Rosling und seiner Schwiegertochter Anna Rosling Rönnlund schrieb, erlangte er Kultstatus. Über das jetzt vorliegende, gemeinsam mit Fanny Härgestam verfasste Werk, hält er im Vorwort fest: „Dieses Buch enthält nur wenige Zahlen. Stattdessen handelt es von meinen Begegnungen mit Menschen, die mir die Augen geöffnet, mich zum Umdenken gebracht haben.“

Das Schweden, in dem er aufwuchs, ist ein anderes als das Schweden, in dem seine Eltern und Grosseltern aufwuchsen. „Nichts hat mir dabei so sehr geholfen, unsere moderne Welt zu verstehen, wie die Parellelen zur Lebenswirklichkeit meiner Verwandten aus vorangegangenen Generationen.“ Es ist eindrücklich, wie er deren Leben beschreibt. Etwa die Lobeshymnen der Grossmutter auf das elektrische Licht. Oder wie er die Familienüberzeugung (kaputte Dinge wirft man nicht weg, man repariert sie) illustriert: „Als der Henkel unseres ersten Plastikeimers kaputtging, machte mein Vater einen neuen, aus Holz.“

Hans Rosling war ein neugieriger und interessierter Mensch, der die Welt verstehen wollte. Das hat früh angefangen und sein Leben durchzogen. „Mein Weltbild wurde von meinem Vater, meiner Mutter und unserem Radio zu Hause sowie von Begegnungen mit Menschen geprägt. Nicht von der Schule.“

Nicht nur lernbegiering ist der junge Hans, sondern ein Streber. Jedoch einer, der sich von der Wirklichkeit belehren lässt. Als er bei einem Studienaufnethalt an der Universität von Bangalore merkt, dass ihm die indischen Studenten überlegen sind, begreift er (das war 1972), „dass Asien eines Tages Nordamerika und Europa einholen würde. Was seitdem geschehen ist, bestätigt meine Beobachtung von vor vierundvierzig Jahren.“

Im Alter von 29 ist er Vater von zwei Kindern und bereitet sich mit seiner Frau Agneta, die Krankenschwester ist und zur Ausbildung als Hebamme steht, auf einen längeren Einsatz in Mosambik vor, als er die Diagnose Krebs erhält. Seine Verwandten sprachen ihn nicht auf seine Krankheit an, ihm was das angenehm. „Sie fragten mich nicht, wie es mir ging, sondern halfen uns einfach mit praktischen Dingen.“ Und da er nicht aufgibt, bevor er jeweils völlige Klarheit hat („Viele finden deshalb meine Gegenwart schwer zu ertragen“), findet er heraus, dass er gar nicht an Leberkrebs, sondern an einer Chronischen Hepatitis leidet. Also auf zum Sozialeinsatz nach Mosambik, mit Frau und Kindern.

Im Norden des Landes, in Nacala, lernt er nicht nur, sich an die lokalen Sitten anzupassen (Ein Arzt, der Fahrad fährt, macht sich lächerlich und verliert jeglichen Respekt), sondern sieht sich auch mit medizinischen Grundsatzfragen konfrontiert. „Es kann doch nicht ethischer sein, sich von seinen gefühlen leiten zu lassen, als eingehend zu untersuchen, wo deine Bemühungen die meisten Leben retten können.“

In der Folge wird er zum Forscher und dann zum Lehrer. Seine Expertise ist gefragt und so wird er eines Tages auch nach Kuba gerufen, wo eine Epidemie ausgebrochen ist. Die Schilderung dieses Einsatzes, bei dem er auch auf Fidel Castro trifft, macht unter anderem deutlich, worauf es bei der Erforschung der Ursachen einer Epidemie wesentlich ankommt: Die richtigen Fragen zu stellen. Konkret: Mittels Fragebögen lässt sich nicht eruieren, was vorgefallen ist, denn bei diesen wird nur untersucht, was die Fragenden sich vorstellen können. Man muss selber vor Ort gehen und mit den eigenen Sinnen wahrnehmen, was der Fall ist.

Wie ich lernte, die Welt zu verstehen ist sowohl aufschlussreiche Zeitreise („Dem ersten kleinen Anzeichen einer Globalisierung von Konsumgütern, in diesem Fall Unterwäsche aus Portugal, begegnete man sogleich mit Misstrauen.“) wie auch von Realismus geprägte Aufklärung („Wenn man politisch interessiert ist, überschätzt man sehr, was politische Reformen in einem Land bewirken können. Oft verändern sie gar nichts, ausser den Voraussetzungen für Entwicklung.“). Vor allem aber ist es die eindrückliche Geschichte eines Mannes, der sich mit den eigenen Konditionierungen auseinandergesetzt und den Tatsachen des Lebens gestellt hat.

Fazit: Eine ausgesprochen lehrreiche Lektüre.

Hans Rosling
mit Fanny Härgestam
Wie ich lernte, die Welt zu verstehen
Ullstein, Berlin 2019

Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019).

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