Alan Bennett: Der souveräne Leser

Dass das Leben die Versprechungen der Literatur selten halten kann, weiss nicht nur jeder Leser (und jede Leserin), sondern ist so recht eigentlich ein Gemeinplatz, ausser natürlich, man konkretiert dies so anschaulich wie Alan Bennett es tut, der in Der Verrat der Bücher, dem ersten Essay dieses Bandes, unter anderem ein Picknick beschreibt, das nicht auf einer schneeweissen Tischdecke im Gras an einem Flussufer, sondern auf einer Bank an der Bushaltestelle in der Vicar Lane in Leeds stattfand. Auch Lehrbücher scheinen nicht viel mit dem wirklichen Leben zu tun zu haben. In Leeds jedenfalls lebten die Eulen nicht in hohlen Baumstämmen, wie das die Naturkundebücher behaupteten. Woraus folgt: Bücher bilden nicht die Wirklichkeit ab, sie dienen wesentlich der Flucht. Es ist nicht ohne Ironie, dass wir wiederum von Büchern darauf aufmerksam gemacht werden

Der souveräne Leser handelt von Büchern und vom Lesen – und da dieses individuell vonstatten geht, überrascht es wenig, dass Bennetts Mutter und Vater unterschiedlich lesen, und auch ganz anders als er selber. Durch die Lektüre beginnt er, sich zu entdecken und das meint: sich sowohl zu identifizieren als auch abzugrenzen. „Wir sind beide schwul, das immerhin weiss ich, auch wenn ich seine Ungeduld errege, weil ich mich weniger damit abfinde als er und gelegentlich mit einem Mädchen Händchen halte (weiter geht es nie): ein Versuch konform zu sein, dessen Sinn er nicht sieht und der schliesslich in einen seiner Wutausbrüche mündet.“ Übrigens: Als Hetero wäre ich auf diese hellsichtige Bemerkung wohl gar nie gekommen: „…aber wenn Homosexualität ein Anderssein ist, auf das zu akzeptieren ich nie vorbereitet wurde, warum, so denke ich mir, sollte es dann von anderen so bereitwillig angenommen werden …“.

Alan Bennett schreibt gescheit, eloquent und witzig; immer mal wieder bringt er mich zum Schmunzeln. „Jetzt war das Studium fast vorbei. Ich hatte keine Ahnung, was ich machen wollte. So wie ich einmal geglaubt hatte, Pastor zu werden – aus dem alleinigen Grund, dass ich wie einer aussah – , so dachte ich jetzt in der gleichen Logik, ich könnte Professor werden.“

Auch von seinen Lektüren berichtet er. Anregend, meinungsstark und unterhaltsam. Als er ein Buch von Kafka aus der Bücherei liest, fällt ihm auf, dass ein Abschnitt am Rand mit einem langen Schlängelstrich markiert ist. „Ich schaue mir den Abschnitt besonders aufmerksam an, ziehe aber keinen grossen Gewinn daraus. Als ich umblättere, bewegt sich der Strich. Es ist ein langes, dunkles Haar.“ Und von Alltagsbeobachtungen berichtet er. Als eine ältere Frau in einem Blumenladen nach Veilchen fragt, wird ihr gesagt, sie seien nicht mehr ganz frisch. „Macht nichts“, erklärt sie, „ich will sie bloss in ein Grab werfen.“

Ausführlich schreibt er von Kafka, der zwar Vegetarier, Sonnenanbeter und selbstironisch gewesen sei, jedoch dem Liedtext von Simon & Garfunkel – „I’d rather be a hammer than a nail“ – nicht hätte beipflichten können,da er sich stets als beides gleichzeitig fühlte. Von Bruce Chatwin, Isaiah Berlin und Philip Larkin lesen wir. Und von Nabokov und Tschechow, Proust und Wittgenstein. Und und und … Für an der Geisteswelt Interessierte ein Muss!

Übrigens: Auch Witze erzählt Bennett in diesem überaus gelungenen Werk. Hier mein liebster: „Vater: Sohn, du hasst mich. Sohn: Vater, ich liebe dich. Mutter: Widersprich deinem Vater nicht.“

Fazit: Geist- und lehrreich sowie ausgesprochen unterhaltsam. Ein echter Bennett eben!

Alan Bennett
Der souveräne Leser
Wagenbach Verlag, Berlin 2020

Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019).

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