Anna Quindlen: Der Platz im Leben

Charlie und Nora Nolan sind seit über fünfundzwanzig Jahren verheiratet, leben in New York, mit den typischen Problemen von Leuten, denen es finanziell gut geht; ihre Zwillinge sind auf dem College. Charlie hat die Angewohnheit, Wörter zu Sätzen zu machen, mit Punkten dazwischen. „Du. Bist. Toll“, sagte er, als sie sich kennenlernten. Und Nora dachte schon bald einmal: „Nur. Noch. Nervig.“ Toll, finde ich das!

„Nora hatte Charlie geheiratet, um über etwas anderes hinwegzukommen, etwas Tiefgreifendes und Unmögliches, das irgendwann vermutlich genauso alltäglich geworden wäre wie alles andere auch.“ Wer solche Sätze schreibt, verfügt über viel reflektierte Lebenserfahrung – und nichts schätze ich mehr (mit Ausnahme der Liebe).

Intelligent, humorvoll und unterhaltsam, so schreibt die 1952 geborene Amerikanerin Anna Quindlen. Zum Beispiel über das Leben in New York, wo über einen eigenen Parkplatz zu verfügen für einige Männer zu den höchsten der Gefühle zählt. Und von wo, wer es sich leisten kann, an den Wochenenden flüchtet, „nach Nantucket, in die Hamptons, irgendwohin, wo es sauberer und grüner war. Und langweiliger, wie Nora oft dachte.“

Der Platz im Leben spielt unter liberalen, gut situierten Paaren, die ihr Leben und die damit einhergehenden Probleme differenziert, gescheit und mit Ironie angehen. „Hat den Leuten, die in Armut leben, schon mal jemand gesagt, dass sie insgesamt angeblich glücklicher sind?“ Und sich alle für New Yorker halten, obwohl die meisten von ihnen von wo ganz anders herkommen. „Und viele von ihnen waren zu Menschen geworden, die es genossen, die Stadt, in der sie lebten, zu verabscheuen. Aber Nora hatte nie aufgehört, sie zu lieben.“

Dass man politisch korrekt ist, versteht sich in diesen Kreisen, auch wenn die Auswirkungen gelegentlich ans Absurde grenzen. Als Nora die Haushälterin (nur schon sie als ihre Haushälterin zu bezeichen, schien ihr problematisch) einmal als Afroamerikanerin bezeichnete, schnappte diese total ein, weil sie keine Afrikanerin, sondern Jamaikanerin war – vor lauter schlechtem Gewissen gab ihr Nora eine Gehaltserhöhung von fünfzig Dollar!

Eines Tages findet Nora einen Hundekotbeutel vor ihrer Haustür, die Parkplatzgebühr wird immer teuerer und Bob Harris, Charlies Chef, macht ihr, die im Museum of Jewelry arbeitet, das Angebot, für ihn eine Stiftung zu leiten. Es ist anregend und spannend zu lesen, wie viele unterschiedliche Dinge nebeneinander geschehen und manchmal ineinander greifen, auch wenn die verschiedenen Welten getrennt bleiben. So glaubt Nora „dass die Grenzen zwischen Menschen genauso klar gezogen waren wie der Mittelstreifen auf der Park Avenue (…) und man diese Grenzen respektieren musste.“ Doch sie wird eines Besseren belehrt …

Enrique Ramos, der Handwerker-für-Alles, wird von Jack Fisk, einem zu Wutausbrüchen neigenden Anwalt, mit einem Golfschläger traktiert. Charlie ist Zeuge des Vorfalls. Wenig überraschend gibt es drei Variationen darüber, was genau geschehen ist. Was sich in der Folge ereignet, sagt wenig über den Vorfall aus, gibt hingegen Auskunft über die Sichtweise der Beteiligten und all der anderen, die ihre Meinung kundtun. Die Menschen sehen die Dinge nicht wie sie sind, sondern wie sie selber sind, heisst es im Talmud.

Anna Quindlen ist sowohl eine genaue Beobachterin als auch eine eigenständige und originelle Denkerin. „So wie die Natur verabscheute auch die Boulevardpresse jede Form von Vakuum“, schreibt sie einmal. Oder: „Es gibt Geräusche, die man nie vergisst“; ein Satz, der einen veranlasst, in den eigenen Erinnerungen zu stöbern. Über die Ehe bemerkt sie, diese bestehe aus „neun Zehntel Trägheit“ und als Nora hört, eine Nachbarin arbeite als Thoraxchirurgin und befasse sich vor allem mit Lungentransplantationen bei Kindern mit Mukoviszidose (einer Stoffwechselerkrankung), lässt sie sie kommentieren: „genau die Sorte Beruf, bei der Nora sich immer herzlich dafür schämte, wie sie ihren Lebensunterhalt verdiente.“

Fazit: Klug, witzig und sehr unterhaltsam. Typisch Anna Quindlen eben!

Anna Quindlen
Der Platz im Leben
Penguin Verlag, München 2019

Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019).

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