Anne Enright: Die Schauspielerin

Schauspieler sind Süchtige, sage ich zu einer Freundin, abhängig von Zuneigung und Beifall. Was mich an ihnen fasziniert, erwidert sie, ist ihr Eintauchen in andere Leben. Mir gefiel ihr Einwand, die beiden Auffassungen schliessen sich ja nicht aus. Dies die Ausgangslage als ich Anne Enrights Die Schauspielerin (der schön gestaltete Umschlag, insbesondere das mich sehr ansprechende Grün, soll nicht unerwähnt bleiben – „Von nun an“, sagte ihr Agent, als sie in New York zum Star wurde, „kannst du jede Farbe tragen, die du möchtest. Hauptsache sie ist Grün.“) zur Hand nahm.

Es ist der Spätsommer 1973 und Norah hat ihren Collegeabschluss gemacht. Ihre Kollegen und sie feiern im Haus ihrer Mutter Katherine O’Dell, der gefeierten Schauspielerin. „Ein paar Freunde meiner Mutter kamen herauf und wurden von meinen Gästen ignoriert, weil sie alt waren. Vielleicht wirkten damals auch einfach alle Männer alt, mit ihren ausgebeulten Sakkos und ihren Zigaretten. Es gab keinen Unterschied zwischen fünfundzwanzig und fünfundvierzig, jeder trug Krawatte.“ Viel besser kann man kaum illustrieren, wie sich die Zeit von damals von der heutigen unterscheidet.

Katherine O’Dell, die es von den irischen Dorfbühnen nach Hollywood schaffte, starb im Alter von 58 an Alkohol und Tabletten, nachdem sie einige Jahre in Heilanstalten verbracht hatte. Ihre Tochter Norah, die zur Romanautorin geworden war, wird von Holly Devane, einer Doktorandin („Ihr Auto stand an der Mauer zum Nachbargrundstück, weniger geparkt als zurückgelassen.“), die Wörter wie „heteronormativ“ benutzt, zu ihrer Mutter befragt. Wie Anne Enright dieses Interview schildert – mit einer Mischung aus scharfer Beobachtung und Witz – , macht mir ihr Scheiben sehr sympathisch. „Also betrachtete ich die junge Frau aufmerksam, während ich vorgab, sie nicht zu betrachten: ihren durchtrainierten, angespannten kleinen Körper, ihr blühende, der Dummheit nahe Intelligenz. Ihre Jugend.“

Norah beschliesst, die Geschichte ihrer Mutter, dieser so irischen, doch in London geborenen Schauspielerin, die eine grosse Leserin von Memoiren und Biografien gewesen war, selber aufzuschreiben. „Sie ging durch eine längere Stalin-Phase und war ausser sich, nicht wegen der Gulags oder der Konferenz von Jalta, sondern wegen des Selbstmords seiner Frau und seiner Vorliebe für süsse georgische Weine, und weil er seine Minister nach dem Abendessen ‚An der schönen blauen Donau‘ bellen liess, wie die Hunde. Sie zitierte seine Tochter Swetlana: ‚Er war Schütze, wissen Sie, an der Schwelle zum Steinbock.“ Eine Passage, die ganze Bibliotheken historischer Diktatoren-Literatur auf den Punkt bringt.

Dass die Mutter in Heilanstalten versorgt wurde, hatte damit zu tun, dass sie den unbegabten Schauspieler („Er stand ungern auf der Bühne – ich vermute, er konnte die Aufmerksamkeit nicht ertragen.“), doch erfolgreichen Produzenten („ein geborener Stratege“) Boyd O’Neill in den Fuss schoss, so dass dieser in der Folge humpelte und sich mit Alkohol tröstete. Von den Verletzungen und Missverständnissen, die diesem Schuss vorangegangen waren, erzählt dieser Roman. Und vom Schauspieler-Dasein in Hollywood, bei dem die Presseabteilung federführend ist.

Anne Enright ist eine genaue und hoch reflektierte Beobachterin. „Mit ihren dreiundachtzig Jahren war Pleasance immer noch reizend, vielleicht sogar reizender als früher, denn die Unschärfe des Alters versüsste ihre leicht dümmliche Art.“ Und sie verfügt über einen wunderbar trockenen Humor. „Ich erklärte ihm, der Grat zwischen Bewunderung und Boshaftigkeit sei bei manchen Menschen so schmal, dass sie praktisch auf dasselbe hinausliefen.“ „’Sie ist jetzt an einem besseren Ort‘, sagte ich, obwohl ich nicht glaubte, dass meine Mutter irgendetwas anderes war als tot.“

Die Beifallssucht ist nicht das Thema dieses Romans (obwohl: selbst von der fünfjährigen Tochter sucht die Mutter Bestätigung), dafür kommen ganz viele andere Seiten der Schauspielerei zur Sprache, von denen man selten liest, wenn überhaupt. Ein Beispiel: „ … dieser Job bestand darin, den Schein zu wahren, nicht aus Eigeninteresse, sondern den zahlenden Massen zuliebe. Das Publikum durfte man nicht enttäuschen.“ Ob aus Idealismus oder pekuniärem Interesse, sei dahingestellt.

Erinnerungen sind eine eigenartige Sache. Zwar weiss Norah noch, dass ihre Mutter einmal eine Hütte in den italienischen Alpen verlor, weil sie den Namen des Ortes vergass, doch der Tod ihrer Grossmutter „überraschte mich so sehr, dass er sämtliche Erinnerungen an sie auslöschte. Umso deutlicher habe ich bis heute die Nonne vor Augen, deren Hand ich halten durfte, wenn ich auf dem Schulhof in der ersten Reihe stand. Ihre Wangen waren von einem zarten blonden Flaum bedeckt.“

Die Schauspielerin ist auch ein Buch über Irland, Irisches und die Iren. Und übers Erwachsenwerden in den 1970ern der IRA und der Bombenanschläge, als die Toiletten in einer Universität „nach ‚Herren‘, ‚Damen‘ und ‚Nonnen‘ getrennt waren“ und die Auffassung herrschte, alle Männer seien zudringlich und alle Frauen duldsam und Norah sich, „als es an der Zeit war, meine Jungfräulichkeit zu verlieren, auf ein plumpes, furchtbares Ereignis gefasst machte, ähnlich einem Messerangriff.“ Über die Beschreibung ihres Entjungferers habe ich Tränen gelacht. „Sein Vater war Tierarzt im County Carlow, deswegen besass er gewisse Grundkenntnisse über die Mechanik, genauer gesagt die ‚Hydraulik‘ des Vorgangs. Er hatte die Angewohnheit, Pointen zu verschlucken und dabei das Kinn anzuheben wie jemand, der sich selbstzufrieden eine Erdnuss in den Mund wirft.“

Fazit: Hervorragend erzählt, scharfsinnig und sehr witzig – ein lebensweiser Roman.

Anne Enright
Die Schauspielerin
Penguin Verlag, München 2020

Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019).

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