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Erste Schritte

Alix Ohlin: Robin und Lark

Es hat etwas Magisches, wie Alix Ohlin schreibt. Ich jedenfalls fühle mich sofort in die Geschichte hinein gezogen und gefangen genommen von ihrem Schreiben. Das ist mir schon bei In einer anderen Haut so ergangen. Es ist die Sprache, einerseits hoch differenziert, anderseits wunderbar fliessend – meisterhaft, wie übrigens auch die Übertragung aus dem Englischen von Judith Schwaab.

Marianne, eine schöne Frau, hat zwei Töchter. Lark, von ihrem ersten Mann, der eines Tages einfach so aus ihrem Leben verschwand, und Robin, von ihrem zweiten Mann, der überraschend an Krebs starb. Die beiden könnten verschiedener nicht sein. Lark, klug, fleissig und still, die alles methodisch angeht; Robin, wild, impulsiv und eine begnadete Pianistin. Wie viele eigenwillige Personen, leidet ihre Mutter unter starken Stimmungsschwankungen, die Töchter passen sich an, „Wir wussten nie, mit welcher Marianne wir zu rechnen hatten, und so lernten wir, nichts zu erwarten und nichts zu verlangen.“

Immer mal wieder bringt mich Robin und Lark zum Schmunzeln, indem es mir die zum Teil liebenswürdige Absurdität unseres Tuns vor Augen führt. „Robin trug wie ich meistens Secondhandkleidung aus einer Boutique in der Nachbarschaft mit dem Namen Mimi La Guerre, deren Besitzerin weder Mimi hiess noch erklären konnte, wo dieser Krieg war, die uns aber mochte und uns Outfits für weniger als einen Dollar verkaufte.“

Die Wege der beiden ungleichen Schwestern, die sehr aneinander hängen, trennen sich, als Lark mit 17 ein Stipendium erhält und zum Studieren in die USA geht, über die der drei Jahre ältere Gordon („Er erinnerte mich an einen Orang Utan, und fast hätte ich ihm das gesagt, doch dann wurde mir bewusst, dass er das vielleicht nicht als Kompliment auffassen würde.“) sie aufklärt: „… dieses Land hier wurde von religiösen Extremisten gegründet, und das sagt alles über unseren nationalen Charakter aus.“

Als Lark sich „ohne besondere Motivation und ohne gross darüber nachzudenken“ für einen Kurs über Filme einschreibt, verliebt sie sich neu, „diesmal in akademischer Hinsicht.“ Anlässlich der Besprechung eines Dokumentarfilms, in dem Werner Herzog wegen einer verlorenen Wette mit Errol Morris seinen Schuh isst, kommentiert Professorin Olga Iwanow, „dies als Beispiel für sublimierte sexuelle Begierde als Bekräftigung patriarchalischer Bande, was jedoch nicht heissen solle, ‚dass sie nicht beide grosse Filmemacher gewesen sind‘, fügte sie hinzu. ‚Nur dass die Kamera aus einer Position männlichen Verlangens und Begehrlichkeiten agiert.’“ Ich habe Tränen gelacht, als ich das las.

Die beiden ziehen nach New York, wo Robin Musik und Lark Film studiert. Dann reist Robin mit ihrem Freund nach Island und bleibt lange Zeit weg. Das einzige Lebenszeichen ist eine Postkarte aus Schweden. Als sie dann plötzlich zurückkehrt, erklärt sie nichts. Dann geht Lark …

Es ist selten, dass ein Buch Empathie und Sympathie für zwei so ganz unterschiedliche Charaktere zu vermitteln vermag. Solches Schreiben setzt genaues Beobachten und Sich-Zeit-Nehmen voraus. Sowie ein aussergewöhnliches Talent, die ungemein vielfältigen Manifestationen des Lebens zu spüren und in Worte zu fassen. Alix Ohlin, 1972 in Montreal geboren und als Leiterin des Studiengangs für Kreatives Schreiben an der University of British Columbia in Vancouver lebend, ist eine höchst beeindruckende Autorin.

Robin und Lark ist aus der Sicht von Lark geschrieben, ihr Verhältnis zu Robin bildet den Hauptstrang des Romans. Doch auch die Schilderungen ihres Verhältnisses zur Mutter und zu ihrem Arbeitsgeber und späteren Partner sind von grosser Hellsichtigkeit geprägt, die oft sehr witzig („Wir waren weniger ein Paar als ein Zusammenschluss von Kräften.“) und ausgesprochen smart („Nicht alle neuen Erkenntnisse waren leicht hinzunehmen.“) sind.

Fazit: Sehr berührend, äusserst unterhaltsam und voller gescheiter Einsichten ins menschliche Empfinden. Ungeheuer dicht und befreiend leicht – eine seltene und unwiderstehliche Kombination!

Alix Ohlin
Robin und Lark
C.H. Beck, München 2020

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Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019), Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021), Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022).

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