Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Erste Schritte

Paolo Maurensig: Der Teufel in der Schublade

Mit dem 1943 in Norditalien geborenen und heute in der Nähe von Udine lebenden Paolo Maurensig verbinde ich eine Erkenntnis, die er in Der Schatten und die Sonnenuhr ausgeführt hat und mich seither begleitet – dass der Geist niemals feste Modelle bilde („Jede Form opfert sich, um eine andere, unmittelbar folgende Form hervorzubringen.“), im Gegensatz zur Photographie, welche die Realität fixiere und kristallisiere („Sie saugt in gewisser Weise dem Lebensfluss selbst das Blut aus und gibt als Leben aus, was nicht mehr Leben ist.“).

Auch Der Teufel in der Schublade beginnt so genau beobachtet und schildert subtil einen Sammler, der sich Gedanken über den Sinn des Nicht-Wegwerfen-Könnens macht. Unter den Sachen, die sich bei ihm angesammelt haben, befindet sich auch ein Manuskript, das unter anderem von einer Gedenkveranstaltung für Carl Gustav Jung in Küsnacht berichtet, bei der ein Pater Cornelius einen Vortrag hielt, in dem er den Teufel als ein real existierndes Wesen darstellte. „In der Tat, so ist es. Nur konnte ich das vor einer Zuhörerschaft von Psychoanalytikern nicht so offen sagen. Sie hätten mich auf der Stelle einer Analyse unterzogen.“

Pater Cornelius erzählt dem jungen Verlagsangestellten und angehenden Schriftsteller Friedrich seine Geschichte, die im schweizerischen Dichtersruh spielt, wo Goethe einst abgestiegen sein soll. Ein Messingschild neben einem primitiven Kleiderhaken erinnert daran mit einem ihm zugeschriebenen Aphorismus: Die Kunst ist lang, das Leben kurz, das Urteil schwierig.

Gerade mal 1000 Einwohner zählt das Dorf, das von einem kollektiven Wahn erfasst scheint, denn alle schreiben sie und schicken ihre Manuskripte an deutschsprachige Verlage, von wo sie, versehen mit den üblichen Ablehnungsflokeln, umgehend retourniert werden.

Dann trifft der Teufel in Gestalt des Verlegers Dr. Bernhard Fuchs aus Luzern im Dorf ein, zeitgleich mit dem unerwarteten Ausbruch der Tollwut. Und damit stellen sich grundsätzliche (und auch sehr aktuelle) Fragen, denen der Mensch meist aus dem Weg geht. „War das Böse übertragbar? War es ansteckend? Welchen Sinn hatte es, nach dem Guten zu streben, wenn schon ein kleiner Kratzer oder ein Speichelfaden alles wieder zunichtemachen konnte?“

Die Behörden zeigen sich zuvorkommend als der Verleger sich im Dorf niederlassen will. Man kennt zwar seinen Verlag nicht, weder den Namen noch die Adresse und will sie auch gar nicht wissen – man verhält sich „wie kleine Kinder bei der Aussicht auf einen Stängel Zuckerwatte“.

Wie immer, wenn Menschen sich in einem Massenwahn befinden, braucht es jemanden, der ihnen zeigt, dass sie sich Illusionen hingeben. Im Falle von Der Teufel in der Schublade ist es zuerst eine junge Frau, später dann Pater Cornelius, der von der Kanzel herab über den Teufel wettert. Als er diesen schliesslich stellt, rechtfertigt sich der Teufel damit, dass er nicht anderes als „kluge Hebammenkunst“ betreibe. „Ich versuche, in jedem das zutage treten zu lassen, was an Schlechtem in ihm verborgen ist.“

Paolo Maurensig ist mit Der Teufel in der Schublade ein zeitloser Text gelungen, der von grosser Aktualität ist. Wir sind gut beraten, uns der Strategie des Teufels bewusst zu werden, die er Pater Cornelius so beschreiben lässt: „Er würde die Geister verwirren, indem er die Mittelmässigen in den Himmel hob, die Verdienstvollen zu Fall brachte und damit alle in ein Chaos aus Hass und Hochmut, Euphorie und Verzweiflung stürzte. Das Wichtigste für ihn war, möglichst viele Seelen der Verdammnis anheim zu geben. Und dabei kamen ihm andere Teufelsscharen zu Hilfe, die bis anhin in der Schublade eingesperrt waren.“

Fazit: Elegant und leicht, amüsant und wesentlich.

Paolo Maurensig
Der Teufel in der Schublade
Nagel & Kimche, München 2020

Werbung

Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019), Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021), Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022).

Kommentar hinterlassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: