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Erste Schritte

Michel Houellebecq: Serotonin

Der 46jährige Protagonist von Serotonin, gut verdienend, im Landwirtschaftsministerium in Paris auf Vertragsbasis angestellt, hält sich zu Beginn des Romans in einer spanischen Nudistenkolonie auf. Seine Gedanken kreisen hauptsächlich um Sex und das Älterwerden. Und er hält Rückschau, lässt sein Leben und vor allem seine Beziehungen Revue passieren.

Lag der Akzent im Zuge der 1960er Jahre auf freier Liebe, Nacktheit, der Emanzipation der Arbeiterklasse und dergleichen, so setzten sich im Laufe der 1980er „Wettbewerb, Hardcore-Porno, Zynismus und Aktienoptionen“ durch, sinniert er. Selten wurde die jüngste Geschichte treffender zusammengefasst.

Niemand (jedenfalls keiner, den ich kenne) macht die Absurdität des ökonomischen Denkens und seiner Auswirkungen deutlicher als Houellebecq, der trocken beschreibt, was ist. Etwa so: „…. Lastwagenflotten, die Nordeuropa mit in Gewächshäusern angebauten, von illegal aus Mali eingereisten Arbeitern geerntetem Gemüse versorgten.“

Serotonin handelt vom Aussteigen. Da hat einer genug, mag nicht mehr. Was er will, das weiss er zwar auch nicht, doch er kündigt die Wohung und seine Arbeitstelle und zieht in ein Hotel mit Raucherzimmer. Seine Simmung bezeichnet er als „friedvolle, gefestigte Traurigkeit“, ihm ist gewiss, dass das Leben noch mit einigen Überraschungen aufwarten wird.

„Im Moment allerdings spürte ich keinerlei Bedürfnisse, was zahlreiche Philosophen, so jedenfalls mein Eindruck, als einen beneidenswerten Zustand betrachtet hätten; die Buddhisten waren im Grossen und Ganzen auf derselben Wellenlänge. Andere Philosophen jedoch sowie die Gesamtheit der Psychologen betrachteten diese Abwesenheit jeglichen Verlangens im Gegenteil als pathologisch und anomal. Nach einem einmonatigen Aufenthalt im Mercure-Hotel fühlte ich mich noch immer nicht in der Lage, diese klassische Debatte zu entscheiden.“ Super, wunderbar! Besser kann man mit solchen Grundsatzfragen schlicht nicht umgehen!

Wie im richtigen Leben auch, dreht sich bei Houellebecq vieles um Sex. Dabei spricht er an und aus, was sonst niemand wahrhaben will oder sich nicht zu sagen traut. Etwa über das Erasmus-Programm: „Man muss bedenken, dass die Erasmus-Stipendien, die später den sexuellen Austausch zwischen europäischen Studenten so sehr vereinfachen sollten, zu dieser Zeit noch nicht existierten …“. Oder über die Thailand-Bumstouristen: „… für rechtschaffene, leicht dämliche Typen war das eine gute Sache, oft waren es Engländer aus der Unterschicht, die entschlossen waren, allen Anzeichen von Liebe oder schlicht sexueller Erregung bei einer Frau Glauben zu schenken, so zweifelhaft sie auch erscheinen mochten …“.

Um seinen Gefühlshaushalt in den Griff zu kriegen, nimmt er das Antidepressivum Captorix, von dem er zwar nicht weiss (das ist bei Antidepressiva generell so), ob und wie es wirkt, nur dass es ihn die Libido kosten wird. Was also tun?, da doch diese letztendlich das Wichtigste ist – man denke an Thomas Mann und Marcel Proust, wie Houellebecq ausführt.

Zu den stärksten Passagen dieses Romans gehört für mich die Schilderung eines französischen Zuchtbetriebs „mit mehr als dreizehntausend Hühnern, der Eier bis nach Kanada und Saudiarabien auslieferte (…) In den von starken Halogenlampen an der Decke beleuchteten Hallen kämpften Tausende von Hühnern dicht an dicht ums Überleben, es gab keine Käfige, es war ein ‚Bodenhaltungsbetrieb‘, sie waren kahl, ausgemergelt …“. Unweigerlich gehen mir da die Arbeitsbedingungen in den Fleischfabriken im Kreis Gütersloh und in den USA durch den Kopf. Kein Wunder, will man da lieber nicht genauer hinschauen, obwohl nichts nötiger wäre als gerade dies, denn nichts ist bekanntlich einer Pandemie förderlicher als Nähe und Enge.

Serotonin ist ein grosses Lesevergnügen. Zynisch, romantisch, sarkastisch, sehnsüchtig, berührend. Selten habe ich treffender und origineller über die europäische Gegenwart gelesen. Weil Houellebecq gleichzeitig nüchtern, wahr und zärtlich schreibt. „ … ich glaube nicht,dass ich mich irre, wenn ich die Liebe mit einer Art Traum zu zweit vergleiche …“.

Michel Houellebecq
Serotonin
DuMont Buchverlag, Köln 2020

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Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019), Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021), Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022). Die Welt will betrogen sein: Über Gehorsam, Gier und Selbstvermarktung (neobooks 2023).

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