Mieko Kawakami: Brüste und Eier

Japan fasziniert mich seit meiner Jugend, hauptsächlich des Zen wegen. Seit ich vor eineinhalb Jahren selber für ein paar Wochen vor Ort war und während dieser Zeit Haruki Murakamis 1Q84 verschlang, bin ich Murakami-Fan. Wenn nun also Murakami Mieko Kawakamis Brüste und Eier in den Himmel lobt („So grossartig, dass es mir den Atem raubt“), kann man sich unschwer vorstellen, dass ich mich ausgesprochen erwartungsfroh an die Lektüre mache – und sofort mittendrin und höchst angetan bin, von dem, was ich da lese. „Tokyo Station. An der Sperre hielt ich angesichts der unglaublichen Menschenmassen, die wer weiss woher kamen und nach wer weiss wohin gingen, unwillkürlich inne.“ Genau darüber wunderte ich mich damals auch. Und wundere mich jetzt, dass eine Japanerin sich darüber genauso wundert.

Worum geht’s? Natsuko, 30, ist als junge Frau von Osaka nach Tokyo gekommen, um Schriftstellerin zu werden. Eines Tages erhält sie Besuch von ihrer älteren Schwester Makiko, 40, die als Hostess arbeitet, und deren pubertierender Midoriko, die seit ein halben Jahr zu Hause nicht mehr spricht (sie kommuniziert schriftlich), in der Schule hingegen schon. Makiko und Natsuko akzeptieren das – ziemlich unvorstellbar in einer westlichen Gesellschaft, wo wohl unverzüglich Psychiaterinnen und Psychologen in Anspruch genommen werden würden.

Makiko will sich die Brüste vergrössern lassen, ist anhand von Broschüren bestens informiert über die verschiedenen Möglichkeiten, sie ist von einer regelrechten Obsession befallen. Es ist nicht die einzige – in jüngeren Jahren konnte sie nicht aufhören, Eiswürfel zu zerbeissen. „Ich kann einfach nicht damit aufhören“, sagte sie knirschend, „dabei ist es so kalt, und müde bin ich auch.“

Midoriko, die sich ebenfalls über Brust-OPs kundig gemacht und dabei erfahren hat, dass Frauen mit Brust-OP dreimal so häufig Selbstmord begehen wie Frauen ohne, macht sich Sorgen um ihre Mutter. „Ob Mama das weiss? Wenn nicht, muss ich es ihr sagen.“ Glänzend auch, wie Mieko Kawakami das Verhältnis von Midoriko und ihrer Tante Natsuko beschreibt.

Soweit der erste Teil, der im Jahre 2008 spielt, der zweite umfasst die Jahre 2016-2019. Natsuko hat einen erfolgreichen Roman veröffentlicht und kann als Schriftstellerin leben. Sie freut sich darüber fragt sich aber auch, ob das jetzt schon alles gewesen sein soll. Mittlerweile 38 und alleinstehend, beschäftigt sie auch die Frage nach einem Kind. „Würde ich auch irgendwann ein Kind haben? Könnte ich, die ich weder einen Freund hatte noch einen begehrte, weder Sex wollte noch dazu in der Lage war, überhaupt eines haben?“ Sie macht sich kundig über Samenbanken, erzählt von einem Mann, der mittels Samenspende zur Welt gekommen war und jetzt auf der Suche nach seinem Vater ist, setzt sich intensiv mit den verschiedenen Aspekten der künstlichen Befruchtung auseinander.

Zu meinen Highlights in Brüste und Eier gehört der Besuch eines Chinarestaurants, vor allem der wunderbar witzigen Schilderung der hygienischen Zustände wegen. Natsuko beschreibt ganz einfach, was sie sieht – immer noch die überzeugendste Form der Kritik. Eine Spezialistin für Tropenmedizin ging mir dabei durch den Kopf, die mir einmal barsch beschied, in China sei überhaupt gar nichts hygienisch.

Ein weiteres Highlight ist die Schilderung einer Autorenlesung. „Er leierte seinen Text, von dem ich nur hier und da ein schwieriges Wort aufschnappen konnte, so herunter, dass ich den Eindruck eines in Schleifen vom Band abgespielten Sutras bekam und befürchtete, es würde gar nicht mehr aufhören.“Und immer wieder begeistert mich Mieko Kawakami Beobachtungsgabe und ihr feiner Humor: „Eine etwa sechzigjährig Frau, eine Strickmütze mit Ohrenschützern auf dem Kopf, kam wie ein Koffer auf dem Gepäckband die Rolltreppe hoch und ging an uns vorbei.“

Brüste und Eier ist ganz Vieles in Einem: Eine Geschichte von Familienverbundenheit, ein philosophischer Essay übers Kinderkriegen („Auf der ganzen Welt gibt es keinen Vater, keine Mutter, die vor der Geburt an ihr Kind gedacht haben.“), eine Auseinandersetzung mit dem Schreiben als Existenzform, eine Schilderung des Lebens am Existenzminimum sowie eine sehr spezielle Liebesgeschichte.

Fazit: Gescheit, subtil, humorvoll – rundum empfehlenswert.

Mieko Kawakami
Brüste und Eier
DuMont Buchverlag, Köln 2020

Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019).

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