Monika Maron: Artur Lanz

Eine zufällige Begegnung veranlasst Charlotte Winter „darüber nachzudenken, warum Helden so in Verruf geraten und überhaupt nur noch als Helden, am besten Heldinnen des Alltags zu ehren seien, und ob mit den Helden auch die Sehnsucht nach ihnen verloren sei.“ Die Reaktionen aus ihrem Bekanntenkreis sind grösstenteils ablehnend bis höhnisch. Und ich, der ich Helden eigentlich nur im Hollywood-Universum verorte, frage mich, ob ich mir ein solches Buch wirklich antun will. Wäre es nicht Monika Maron gewesen, die diesen Roman geschrieben hat, hätte ich mich wohl nicht auf das Thema Helden eingelassen – und das wäre schade gewesen, denn es geht hier nicht um den Supermann, den ich im Kopf hatte, sondern um Grundhaltungen, die uns abhanden gekommen sind: Ehre, Anstand und Mut. Im klassischen Sinne, nicht als Floskeln.

Ist ein Wort wie Feigheit überhaupt noch in Gebrauch? Oder Ritterlichkeit? Artur Lanz ist auch eine höchst eigenständige Reflexion über unsere Zeit, zu der natürlich auch ein Frauentypus gehört, der sich leider wenig von dem Männertypus unterscheidet, der gegenwärtig das Sagen hat – weil wir Deppen (und Deppinnen) uns das gefallen lassen. Monika Maron zitiert Doris Lessing, die schon 2001 gesagt hat: „Es ist Zeit, dass wir uns fragen, wer eigentlich diese Frauen sind, die ständig die Männer abwerten. Die dümmsten, ungebildetsten und scheusslichsten Frauen können die herzlichsten, freundlichsten und intelligentesten Männer kritisieren, und niemand sagt etwas dagegen. Die Männer scheinen so eingeschüchtert zu sein, dass sie sich nicht wehren. Aber sie sollten es tun.“

Doch wovon handelt dieser Roman eigentlich? Von den Begegnungen der Charlotte Winter, die als Lektorin gearbeitet hat und jetzt im Alter kleinere Geschichten schreibt, mit Artur Lanz, einem Physiker, der sich nach Herzinfarkt und Scheidung fragt, wo er eigentlich falsch abgebogen ist. Sie erzählen einander von ihren Gedanken, die sich wesentlich darum drehen, wie man richtig leben soll – die einzige Frage, die ich für wirklich relevant halte.

Dabei kommt neben der in den Medien allgegenwärtigen politischen Korrektheit auch das Alter zur Sprache. Charlotte ist beim Nachdenken über den eigenen Lebensentwurf zum Schluss gekommen, dass man oft den Weg des geringsten Widerstandes geht, der jedoch unserem Temperament nicht entspricht. Eine Einsicht, bei der sich zu verweilen lohnt. Und sie stellt unter anderem fest, dass sich ihr Blick auf Männer „auf die Kategorien sympathisch oder unsympathisch, intelligent oder einfältig verengt hatte.“ Auch fragt sie sich bei der Lektüre von Fontanes Stechlin, „warum ich es nicht schaffte, die Zeitungen und überhaupt alle Überbringer täglicher Nachrichten zu meiden und stattdessen den Rest meines Lebens in so anregender wie beglückender literarischer Gesellschaft zu verbringen, zumal es im Verlauf der Ereignisse nicht das Geringste änderte, ob ich mich über den Gang der Welt erregte oder nicht, und ich wahrscheinlich nicht einmal mehr erfahren würde, wohin die Reise gegangen war.“

Übrigens: Es ist nicht nur das eigensinnige Denken, das mich ganz unbedingt für Monika Marons Schreiben einnimmt, es sind auch immer wieder so gelungene Formulierungen wie diese: „Nachdem ich Wein und Gläser auf den Tisch und Herr Barthel sich mit dem ersten Glas aus seiner Sprachlosigkeit befreit hatte …“ Oder diese: „… die Süchtigen sterben nicht aus, die wechseln nur die Droge.“

Artur Lanz ist kein Plädoyer fürs Heldentum, dafür ist Monika Maron viel zu differenziert. Es geht ihr um das Gefühl der Heldensehnsucht, was nicht meint, dass sie leibhaftige Helden vermisst (doch wenn ein solcher in Gestalt eines Bikers auftaucht, ist sie, obwohl verwundert, durchaus davon angetan), sondern dass die Sehnsucht nach Helden nicht ausgestorben ist. Nach echten Helden, nicht nach dem Pizzaservice namens „Lieferheld“.

Monika Maron
Artur Lanz
S. Fischer, Frankfurt am Main 2020

Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019).

Kommentar hinterlassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s

Erstelle deine Website auf WordPress.com
Erste Schritte
%d Bloggern gefällt das: