Ted Lewis: Schwere Körperverletzung

Ted Lewis wurde 1942 in Manchester geboren, studierte an der Hull Art School, arbeitete in der Werbung und wird zur britischen Noir-Schule gezählt. Er „starb überraschend im Jahr 1982“, lese ich in der Kurzbiografie des Verlages. Als ich dann jedoch aus dem Vorwort von Derek Raymond erfahre, dass Lewis offenbar ein schwerer Alkoholiker („Und keiner von uns hat ihn je kennengelernt, denn er war immer völlig betrunken.“) war, dachte es so in mir „überraschend“ hätte man getrost weglassen können, denn schwere Alkis sterben wenig überraschend an ihrer Sucht.

Apropos Alkohol: Die Protagonisten in diesem Buch scheinen nichts tun zu können ohne Drink in der Hand (die Alkoholiker Methode, sich ans Leben zu klammern) und die Frau des Hauptdarsteller George Fowler, Kopf eines weitverzweigten Londoner Unterweltimperiums, ist ständig scharf auf ihn – die klassische Wunschvorstellung eines Alk. Derek Raymond fragt sich im Vorwort, woher Lewis‘ Kenntnis und Verständnis der Hoffnungslosigkeit, des Hasses, der Wünsche etc. kommen. Na ja, er beschreibt, was er kennt. Und das Einzige, wovon man einigermassen eine Ahnung haben kann, sind die eigenen Empfindungen.

Doch zum Buch: Es spielt in der Unterwelt, handelt von Gewalt und Korruption, inklusive brutaler Folterungen (die, als Lewis diesen Roman schrieb, bei den englischen Banden legendär waren) und Entführungen. Und von Begierden der besonders Gierigen, die immer extremer und ausgefallener werden. Von einer Welt also, die mich nicht interessiert. Wie mich Gangster und Mafiosi generell nicht interessieren. Genau so wenig wie die Banker, Manager und Politiker, die legalisiert kriminell unterwegs sind. Und die, die dauernd auf der Suche nach dem nächsten Kick sind, sowieso nicht. Auch finde ich die Protagonisten entschieden zu cool gezeichnet – Ted Lewis scheint davon auszugehen, dass der Mensch nicht nur weiss, was er tut, sondern auch noch im Griff hat, was er tut. Nur dass sich dann im Laufe der Geschichte zeigt, dass da vieles ins Wanken gerät, von der Wahrnehmung bis zu den Gewissheiten. Alkoholiker kennen das nur allzu gut.

Dass ich Schwere Körperverletzung trotzdem für ein gutes, ja ein empfehlenswertes Buch halte, liegt daran, dass Ted Lewis etwas zu sagen hat. Er denkt eigenständig und klar – und das kommt bekanntlich nicht allzu oft vor. „Menschen stellen immer wieder eine Überraschung dar; alles Erdenkliche steckt in ihnen, doch nur sehr wenige wissen um die Möglichkeiten, die sich unterhalb der Oberfläche verbergen, von der sie meinen, dass sie sie ausmache, und noch weniger haben den Mut, ihr früheres Selbst abzustreifen wie einen Kokon.“

Dazu kommt, dass er spannend zu schreiben versteht. Der Text liest sich flüssig, die einzelnen Kapitel haben eine leserfreundliche Länge, die Übergänge sind gekonnt gesetzt und die Dialoge (jedenfalls einige) zeugen von einem smarten Kopf.

„Sie interessieren mich? Das glauben Sie?“ „Nun“, sage ich, „weshalb sollten Sie sonst hier sein?“ „Um irgendetwas zu tun, vielleicht?“ „Sie meinen, um sich die Zeit zu vertreiben?“ „Richtig. Man muss notwendigerweise nicht gleich an jemandem interessiert sein, wenn man die Zeit mit ihm verbringt.“ „Nicht notwendigerweise“, sage ich. „Nein.“

Als Fowler herausfindet, dass einige seiner Leute in die eigene Tasche wirtschaften, leitet er eine Säuberungsaktion ein und zieht sich nach Mablethorpe zurück, einem Kaff an der Küste, wo er sich langweilt. „Es ist eben so, dass die Fahrt in die Stadt und das Umherwandern mir die Illusion verschaffen, die Zeit verfliesse, stehe nicht still wie die immerwährende Leere, worin mein Verstand verharrt.“ Wie die meisten Menschen kann auch Fowler nicht viel mit sich anfangen und Ted Lewis beschreibt das eindrücklich.

In Mablethorpe holen Fowler auch die Dämonen der Vergangenheit ein, die er in klassischer Alkoholiker-Manier zu ersäufen trachtet und sie dadurch, auch das ist klassisch, nur noch verwirrender und intensiver erlebt – seine Ängste haben ihn an der Gurgel. Dann läuft ihm die junge Lesley über den Weg … ist sie von der Polizei, der Presse? Sie verschwindet, taucht wieder auf, ist nicht zufassen. Eine faszinierende und rätselhafte Figur, die nicht nur Fowler, sondern auch den Leser gefangennimmt und die Geschichte vorantreibt.

Fazit: Ein cleverer Thriller mit überraschenden Wendungen. Nichts für empfindsame Seelen.

Ted Lewis
Schwere Körperverletzung
Pulp Master, Berlin 2020

Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019), Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021).

Kommentar hinterlassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Erste Schritte
%d Bloggern gefällt das: