Caroline Fourest: Generation Beleidigt

Der ersten zwei Sätze der Einleitung bringen es auf den Punkt: „Im Mai 1968 träumte die Jugend von einer Welt, in der es verboten ist zu verbieten. Die neue Generation denkt nur daran, zu zensieren, was sie kränkt oder ‚beleidigt‘.“ Soll man da wirklich ein Buch drüber lesen? Wäre nicht gescheiter, sich einfach von diesen Leuten, die sich ständig beleidigt fühlen, abzuwenden? Caroline Fourest sieht das entschieden anders und berichtet unter anderem von französischen Lesbengruppen die sich abgesondert haben. „Diese Frauen haben weder den Lauf der Welt noch die grassierende Homophobie auch nur um ein Jota verändert. Diese Radikalen sind oft Menschen, die weder die Kraft noch die Geduld haben, andere Menschen zu verändern.“

Doch weshalb sollte man das eigentlich wollen, „andere Menschen zu verändern“? Und zudem: Ist dieser mittlerweile grassierende Gesinnungsterror wirklich etwas Neues? Als ich Mitte der 1970er von Jura zu Ethnologie wechselte, stellte ich mit Befremden fest, dass die Ethnologen noch um einiges rechthaberischer waren als die Juristen, wohl auch deswegen, weil die Juristen die Macht verwalten und Ethnologen eh niemand ernst nimmt.

Das Leben ist unsicher. Und so streben wir nach Sicherheit. Nicht weil das eine schlaue Idee ist, sondern weil unser Lebenstrieb das so will. Diesem Streben nach Sicherheit ordnen wir alles unter. Die Folge ist, dass wir uns an allem festklammern, das uns Orientierung verspricht. Der Herkunft, der Rasse, der Zugehörigkeit, der korrekten Meinung. Unsere Welt, so Caroline Fourest, ist „zum Bersten identitär“ geworden.

Jede Identität ist kreiert und dauernd im Fluss. Sie festzumachen zu versuchen, sei es an der Hautfarbe, der Sprache oder den sexuellen Vorlieben, ist einerseits immer sehr willkürlich und andererseits oft selten etwas anderes als der hilflose Versuch, im Leben Halt zu finden. Gescheiter wäre, sich an der Realität, in der alles unsicher ist, auszurichten, anstatt sie zu verneinen, indem man auf Stabilität in der Form von Überzeugungen aus ist.

In der Essenz geht es bei der Frage, ob man sich bei einer anderen Kultur bedienen darf (Cultural Appropriation), um Zensur und um Leute, die sich zu Zensoren aufschwingen. Wir sollten uns weder solche Argumente noch solche Leute anhören, sondern einfach und gelassen unser Ding machen. „Ohne die Stones hätte der Blues die Pforten des Ghettos niemals überwunden“, lese ich zustimmend. Und auch dies: „Muddy Waters, der zu den ‚Beraubten‘ gehört, hat darüber den genialen Satz gesagt: ‚Sie haben mir meine Musik gestohlen, doch mir meinen Namen gegeben.’“

Generation Beleidigt zeigt die Entwicklung eines zunehmend rigiden gesellschaftlichen Klimas detailliert und gut nachvollziehbar auf. Immer wieder hatte ich bei den Fällen, die Caroline Fourest schildert, den Eindruck, diese Aufgeregtheiten und Empörungen müssten einen anderen Grund haben als die angeblich so verwerfliche kulturelle Aneignung. Nicht etwa, dass ich diesen kennen würde, doch die Gründe, die die angeblich Betroffenen anführen, nehme ich ihnen schlicht nicht ab. Auch deswegen nicht, weil sich viele zum Beispiel über Ausstellungen ereifern die sie gar nicht selber gesehen, sondern von denen sie gelesen oder gehört haben.

Die Autorin schreibt gut und witzig und scheut vor klaren Aussagen nicht zurück. Hier zwei Beispiele: „Man kann die Leute nicht mehr zählen, die gezwungen sind, Entschuldigungen vorzubringen, weil sie es gewagt haben, eine Afrofrisur, Dreadlocks oder bloss angeblich ‚afrikanische‘ Zöpfe zu tragen.“ Und als eine schwarze Lesbengruppe deklariert: ‚Wir glauben, dass die tiefste und möglicherweise radikalste Politik direkt unserer Identität entspringt und nicht der Aufgabe, der Unterdrückung von jemand anderem ein Ende zu setzen‘, kommentiert sie trocken: „Damit ist alles gesagt. Die eigene Nabelschau ist wichtiger, als für das Wohl der ganzen Welt zu kämpfen.“ Das Wohl der ganzen Welt? Geht es auch etwas kleiner?

Zu Recht stellt sie fest, dass „die wirklichen Diskriminierungen in den letzten Jahren zurückgegangen sind.“ Das hindert Berufs-Aktivisten allerdings nicht, ständig neue Diskriminierungen auszumachen. „Ganz so als hätten sie Angst, arbeitslos zu werden, stürzen sich professionelle Aktivisten auf belanglose Nebenschauplätze, um sie polemisch aufzublähen und zu übertreiben (…) die im Theater, in Kinos oder in der Universität falsche Feinde erschaffen, nur um einen Posten zu ergattern.“

Würde es dabei bleiben, wäre das Ganz zwar lächerlich (wie einiges im Theater, in Kinos oder in der Universität), doch eben auch einigermassen harmlos. Doch das ist es nicht. Die drastischen Konsequenzen dieser Beleidigten-Weltsicht benennt die Autorin nicht nur deutlich, sondern stellt sie auch in einen grösseren Zusammenhang: „Die Frage lautet nicht mehr, ob ein Mann eine Frau vergewaltigt, sondern ob er einer bedrängten Minderheit angehört oder nicht. Sollte dies der Fall sein, so hat die Verteidigung der vermeintlich bedrängten Minderheit Vorrang vor der Anzeige der Vergewaltigung. Genau so dachten vor dreissig Jahren auch die sektiererischen Marxisten, als 1976 eine Feministin von einem eingewanderten Arbeiter vergewaltigt worden war und ihre Genossinnen sie dazu anhielten, die Tat nicht anzuzeigen. Sie warfen ihr vor, dem Proletariat zu schaden und den rassistischen Bossen in die Hände zu spielen.“

Doch es gibt Leute, die sich wehren. Die Autorin, die sich der weitverbreiteten Opfermentalität nicht beugen mag, wie auch die Theatermacherin Ariane Mnouchkine gehören dazu. „Die allerschlimmste Zensorin“, so warnt Mnouchkine, „ist unsere Angst. Es ist sehr beängstigend, des Rassismus bezichtigt zu werden, unsere Ankläger wissen das.“

Generation Beleidigt präsentiert eine Fülle von überwiegend reichlich grotesken Beispielen, bei denen ich mich immer mal wieder darüber wunderte, in welchem Masse vielen modernen Menschen die Bodenhaftung abhanden gekommen ist. Sektierertum ist offenbar verbreiterter als mir bewusst war. Gedeihen konnte es vor allem, weil wir Meinungen zu ernst nehmen und dabei vergessen, dass es doch nur Meinungen sind.

Caroline Fourests Aufruf gegen intellektuelle Blindheit (der viele durchaus Intelligente erliegen) und gegen die Spaltung der Gesellschaft ist ein Plädoyer für Würde, Zivilcourage, eine gerechtere Welt und common sense (der bedauerlicherweise nicht sehr common ist).

Caroline Fourest
Generation Beleidigt
Edition Tiamat, Berlin 2020

Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019).

Kommentar hinterlassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s

Erstelle deine Website auf WordPress.com
Erste Schritte
%d Bloggern gefällt das: