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Erste Schritte

Thomas Fischer: Sex and Crime

Wer dieses Buch mit Gewinn lesen wolle, müsse eine gewisse Schwelle überwinden, schreibt der Autor in seiner Einleitung. Und das meint: Ohne die Bereitschaft, sich auf juristisches Denken (zu dem auch das Juristendeutsch gehört) einzulassen, lohnt die Lektüre nicht wirklich. Allzu schwer macht es Thomas Fischer, geb. 1953, bis April 2017 Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe, den Lesern jedoch nicht – er ist ein begabter Schreiber und weiss sich verständlich (zwar etwas schulmeisterlich, doch auch immer mal wieder witzig) auszudrücken. So stellt er unter anderem klar, dass die Annahme, Juristen seien ständig juristisch (in Sprache und Denken) unterwegs, falsch sei. „Das stimmt ebenso wenig wie die Annahme, Zahnärzte würden beim Abendessen stets über das Kariesrisiko referieren, genauso wenig therapieren Psychologen zum Glück nicht rund um die Uhr ihre soziale Umgebung.“ Wobei: So ganz sicher bin ich mir da nicht, denn unser Sprechen und Denken wird wesentlich von dem geformt, womit wir uns beschäftigen respektive von unserem Handeln. Ich jedenfalls bilde mir ein, Juristen auch auf hundert Meter als solche zu erkennen …

„Die Lebenswirklichkeit ist unendlich vielgestaltig und kann sprachlich nicht einfach abgebildet, sondern muss in begrifflichen Abstraktionen beschrieben werden.“ Das hat viel für sich, nur gibt es auch noch ganz andere Gründe, weshalb Juristisches auch Juristen oft ein Rätsel ist. So lässt sich etwa mit dem Verkomplifizieren von Sachverhalten gut Geld verdienen. Auch kann man sich wichtig machen. Andererseits: Die Dinge sind nun mal kompliziert, in jeder Disziplin. So verstand auch die gescheite Susan Sontag, die sich auf ihren Verstand einiges einbildete, die spezialisierten Mediziner nicht, die ihren Krebs bekämpften.

Der Titel Sex and Crime ist Marketingüberlegungen geschuldet (Nichts scheint heutzutage wichtiger als Kaufen und Verkaufen) und irreführend, denn dieses Buch ist vor allem eine recht nüchterne Abhandlung zu Fragen des Sexualstrafrechts. Zugegeben, eine anregende, weil grundsätzliche, die nicht zuletzt deutlich macht, „dass durchweg die ökonomischen Positionen und Interessen von grösster Bedeutung für die jeweiligen Moralvorstellungen waren.

Juristen (wie eigentlich allen akademisch Ausgebildeten) geht es wesentlich um Begriffsklärung, was im Justizwesen (im Gegensatz zum akademischen Leben) regelmässig praktische Folgen nach sich zieht. So trifft etwa die Vorstellung einer Leitkultur in der Praxis auf schier unüberwindliche Hindernisse. Das liegt daran, dass es eine allgemeingültige Moral nicht gibt, weswegen denn auch der durchschnittliche Strafrichter die Verhaltensweisen junger Erwachsener aus ungebildeten armen Bevölkerungsschichten schlicht nicht nachvollziehen kann. Woher auch?Thomas Fischer spricht viele solcher Konfliktfälle an und er macht praktische Vorschläge, wie sie anzugehen sind. Seine Ausführungen zur Empathie (Seite 171) empfand ich als überaus hilfreich.

Was mir an Sex and Crime ganz besonders gefällt: Dass Vorgänge nie isoliert, sondern immer in grösseren gesellschaftlichen Zusammenhängen betrachtet werden. Und dabei auf Wesentliches hingewiesen wird: Etwa darauf, dass bis vor etwa 15 Jahren vor allem männliche Jugendliche den Wunsch nach einer Geschlechtsumwandlung äusserten und es heutzutage vor allem weibliche Jugendliche sind (etwa 80 Prozent). Die Umwandlung des Körpers gemäss seinen Wünschen zeigt sich jedoch genauso im Sport oder in der plastischen Chirurgie. Dahinter steht die Überzeugung, der Mensch solle frei entscheiden können. Das Recht unterstützt ihn dabei, wohl wissend, dass der Mensch gar nicht frei sein kann. Nur eben: Wer will denn schon das ganze System zum Einstürzen bringen?

Wir leben in einem das Ego zelebrierenden Zeitalter, was unter anderem zur Folge hat, dass wir Alles und Jedes einklagen wollen. Autor Fischer hat zwar durchaus Verständnis für das ständig zunehmende Straf- und Verfolgungsbedürfnis, macht jedoch auch deutlich, dass die Ausweitung der Strafbarkeitsbereiche kein probates Mittel ist, um mit gesellschaftlichen Veränderungen, die sich auf ganz unterschiedlichen Gebieten ereignen, klarzukommen.

„Sein braucht Sollen: die Notwendigkeit von Normen“ ist ein Kapitel überschrieben, das unter anderem ausführt, dass diese sich wandeln (wie alles andere auch, möchte man hier hinzufügen) und also kontinuierlich gesellschaftlich neu ausgehandelt werden müssen. Die herrschende Kultur bestimmt, wo es langgeht, und diese kann von Ort zu Ort, etwa von Stadt zu Land oder auch in einzelnen Stadtteilen, verschieden und/oder von der Religion bzw. der Kultur geprägt sein. Zu der offensichtlich nicht-kompatiblen westlichen und muslimischen Sexualmoral meint Autor Fischer: „Es kommt hier nicht drauf an, ob eine dieser Positionen richtig ist und eine andere falsch.“ Ich sehe das entschieden anders.

Juristen halten sich ans Recht, was auch in dem schönen Satz zum Ausdruck kommt: Ein Blick ins Gesetz erleichtert die Rechtskenntnis. Autor Fischer, ein argumentations- und streitfreudiger Mann, liefert mit diesem Werk ein gelungene Einführung in die mannigfachen juristischen Versuche, das Leben einzufangen. Auch wenn er als erfahrener Richter um die Grenzen des rechtlich Regelbaren weiss, die Untersuchungshaft hat er selber wohl kaum erfahren, wenn er beklagt, dass sie häufig wie eine vorweggenommene Strafe behandelt werde. Juristisch hat er zwar Recht, doch wer schon einmal auf Rikers Island in Untersuchungshaft gesessen ist (schrieb Janet Malcolm in ‚Iphigenia in Forest Hills‘), weiss, dass die Unschuldsvermutung reine Fiktion ist.

Sex and Crime zeichnet sich wesentlich dadurch aus, dass es an Beispielsfällen aufzeigt, wie die Strafrechtspraxis funktioniert. Eindrücklich demonstriert der Autor, wie Juristen mit dem wirklichen Leben umgehen – sie bedienen sich eines überaus komplexen, hochdifferenzierten theoretischen Gebildes, das weit stärker von der sozialen Wirklichkeit geprägt ist als dass es diese prägt. Dabei wird die herrschende Streitkultur nicht etwa in Frage gestellt, sondern als zum Menschen gehörig begriffen.

„Das wirkliche Leben ist ausserordentlich vielgestaltig, und kein Fall ist genau wie andere. Dass es auf Einzelheiten, Differenzierungen und Grenzbereiche ankommt, ist eine der Botschaften, welche das Buch gerne vermitteln würde“, schreibt Thomas Fischer im Vorwort. Dies ist ihm zweifellos gelungen. Darüber hinaus zeigt er überzeugend auf, wie erhellend (und wohltuend, angesichts der täglichen medialen Aufgeregtheiten) stetes Bemühen um Sachlichkeit sein kann. Nicht nur für Auseinandersetzungen mit dem Sexualstrafrecht, sondern generell.

Thomas Fischer
Sex and Crime
Über Intimität, Moral und Strafe
Droemer, München 2021

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Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019), Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021), Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022).

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