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Erste Schritte

Kai Hensel: Terminal

Jana ist 19, stammt aus Bottrop und arbeitet ihn Berlin als Pizzakurier. Ihr Chef, ein Bulgare, hat klare Ansichten, was ihren Job angeht: „Wenn jeder seine Arbeit macht, nichts als seine Arbeit und pfuscht nicht ins Leben von anderen Leuten – die Welt wird ein besserer Ort.“ Furchtbar, ein Systemerhalter par excellence. Auch Jana passt der Satz nicht und sie hält sich auch nicht daran, was natürlich Konsequenzen hat – und davon handelt dieser Roman.

Peter Pankelow, der einst umschwärmte, dann fallen gelassene und mittlerweile nahezu vergessene Bürgermeister, arbeitet mit Sam zusammen, einem jungen, erfolgshungrigen und skrupellosen Mann. Und er hat eine Mission. Was für eine zeigt sich erst im Lauf der Geschichte – dass man auch nach der Hälfte des Buches nichts Genaueres darüber weiss, nervt allerdings ziemlich. „Sam musste sich in Momenten wie diesen an die elementare Klarheit ihrer Aufgabe erinnern, um nicht zu verzweifeln.“ Bei mir selber hat sich jede elementare Klarheit darüber, was eigentlich das Ziel dieser Mission ist, bis zum Schluss nicht eingestellt.

Ein Unfall, den Jana verursacht hat, für den Peter Pankelow jedoch die Verantwortung übernimmt (er bezahlt sie fürstlich), bringt die beiden zusammen. In der Folge bringt sie seinen Wagen auf Vordermann und mutiert zu seiner Angestellten. „Was bildete der Kerl sich ein? War sie seine Sklavin?“ Nun ja, sie verhält sich eben entsprechend. Er bietet ihr einen Job als Fahrerin an, das doppelte Gehalt. Sie lehnt ab, hat ein ungutes Gefühl. Dann besinnt sie sich wieder anders, wird eingestellt und kurz darauf wieder gefeuert …

Es geht um den Berliner Flughafen, dessen Eröffnung sich seit Jahren verschob. Pannen. Kostenüberschreitungen, geplatzte Termine – ein einziges Desaster, das natürlich auch viele Opfer forderte. „Einhundertsechstausendeinhundertzweiunddreissig Mängel“ soll es gegeben haben. Und man versteht, dass ein Flughafen, der nie fertig zu werden scheint, nicht einfach nur ein Monument politischen Versagens, sondern auch eine Goldgrube für die am Bau beteiligten Firmen ist.

Intrigen, Verdächtigungen und auch die Politik kommen nicht zu kurz. Und da gibt es dann auch diese ganz wunderbare Charakterisierung„ … Pankelow – ganz Politiker, der nie Nein sagt, egal was es andere Leute kostet – hatte sofort eingewilligt.“ Doch warum tun die Menschen, was sie tun? „Sie erfüllen die Aufgabe, für die sie geboren wurden – oder scheitern, dann ist ihr Leben verpfuscht.“ Woran sich wieder einmal zeigt, wie fern jeder erfahrbaren Realität unser Entweder/Oder-Denken ist.

Auch über Berlin, von unten gesehen, erfährt man einiges. „Jana floh aus der S-Bahn. Sie ertrug das Gedränge nicht, die Gerüche, die Bettler mit ihren Jogginghosen und verfilzten Hunden. In den ersten Tagen war ihr Berlin aufregend erschienen – die vielen Hautfarben, überall Graffiti und Strassenmusiker, schlafende Junkies in den Unterführungen.“ Später, in der Strassenbahn: „Jana sah die leeren Gesichter um sich herum. Menschen erschöpft vom Funktionieren, Korrigieren, Optimieren, vom Verbergen ihrer Wunden.“

Besonders wirklichkeitsnah ist die Geschichte, die dieser Roman erzählt, allerdings nicht; auch gehört Psychologie nicht gerade zu des Autors Stärken, hingegen weiss er packend zu erzählen, versteht es, die Spannung hoch- und voranzutreiben, manchmal auch auf Kosten der Plausibilität, doch es funktioniert, wenn man mit den Details grosszügig umgeht. Man merkt vor allem an den Übergängen – harte Schnitte – , dass Kai Hensel Erfahrung als Drehbuchschreiber hat. Auch die auf Effekt getrimmten Dialoge erinnern an Fernsehserien.

Fazit: Ein rasanter, filmreifer Roman, der starke Bilder im Kopf zurücklässt.

Kai Hensel
Terminal
Unionsverlag, Zürich 2021

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Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019), Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021), Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022).

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