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Erste Schritte

Laure Limongi: Sieben Tage Windstille

Bastia, Korsika. Huma, auf die dreissig zugehend, kehrt zurück, nach sieben Jahren. Mit dem Schiff, aus Marseille. Ich wähne mich vor Ort mit dabei, so sehr spricht mich Stil, Rhythmus und Ton von Laure Limongi an. Nicht zuletzt ihr trockener Witz hat es mir angetan. „ … die Automaten, die mit Konservierungsstoffen vollgestopften Süssigkeiten zum Preis iranischen Kaviars verkauften …“.

Sieben Tage Windstille handelt vom Geheimnis einer Familie, ist aber auch die Geschichte einer Befreiung. Und darüber hinaus, jedenfalls für mich, eine korsische Einführung, denn ich weiss so gut wie nichts von dieser Insel. „Für die Stadtbewohner – die seit über fünfzig Jahren den Grossteil der korsischen Bevölkerung ausmachen – ist der Rhythmus des Lebens geprägt durch das Ritual des Dorfbesuchs am Wochenende. Auf Korsika hat jeder ein Dorf.“

Dasjenige der Pietris liegt über eine Stunde von Bastia entfernt; ihre Villa hoch oben auf den Klippen, mit Blick übers Meer. Die kleine Huma erlebt die Wochenenden im Dorf als verwirrend. Was man isst kommt aus dem Garten oder vom Tausch mit Nachbarn, fliessendes Wasser gibt es nicht. „Das Reich der Werbung und der chemischen Düfte in der Stadt; aus der Erde kommende, noch Humusgeruch verströmende Lebensmittel im Dorf – es ist seltsam, dass diese zwei so unterschiedlichen Welten nr eine wenn auch sehr kurvenreiche Autostunde auseinanderliegen.“

Es hat etwas Magisches, dieser Sprachsog – man glaubt den Ort zu sehen, zu spüren, zu riechen – wie Laure Limongi diese Familie schildert, bei der allein zählte, dass der äussere Schein gewahrt wurde. Und dann diese sehr speziellen Charakterisierungen: Madeleine, die Alleinherrscherin des Pietri-Imperiums, Zie, die schönere Rita Hayworth, Gabriel, der Kirk Douglas ähnelte und das pflegte.

Als die kleine Huma in der Schule gefragt wird, was ihre Eltern, Alice und Lavi, beruflich tun, weiss sie keine Antwort. Und so fragt sie zuhause. Ihr Vater baut Gebäude, kriegt sie die gesellschaftlich akzeptable Antwort, welche die Autorin wunderbar ironisch ergänzt:, „in denen viele Familien wohnen, vereint in der unbeschreiblichen Freude über die enge Nachbarschaft, genannt Mehrfamilienhäuser.“

Das Elternhaus voller Waffen, Mutter und Vater, die ständig über Politik streiten, so wächst Huma auf. Es ist die Zeit der Korsischen Nationalen Befreiungsfront mit Parolen, die die Franzosen und Araber raus haben wollten. „Will man sie ins Meer werfen? Und ihre Mama, die auf dem Festland geboren wurde, schmeisst man die dann auch ins Meer?“, fragt sich die Kleine. Fragen, die deutlich machen, wie simpel doch viele Leute emotional unterwegs sind.

Als Huma sechs Jahre alt ist, beschliessen ihre Eltern, sie solle fortan mit May, der Grossmutter, im obersten Stock des Hauses leben. Meisterhaft, wie Laure Limongi das hoch komplexe, von Neid, Eifersucht, Rache, Missgunst und Ressentiments geprägte Innenleben dieser Familie schildert. Überhaupt gelingt es ihr ganz hervorragend, Atmosphärisches zu vermitteln – das Bild von Korsika, das in meinem Kopf entsteht, offenbart mir eine Insel mit sehr eigenen Gesetzen. „May wundert sich, dass der Gebrauch von Waffen auf dem Festland so stark reglementiert ist. Es ist nicht leicht, ihr klarzumachen, dass das Gesetz hier genauso lautet wie auf Korsika.“

Es gibt Szenen in diesem Buch, die sich mir eingegraben haben. Als Lavi auf seinen Vater losgeht, als die zehnjährige Huma bei der Wahl ihre Grossmutter überlistet. Und dann gibt es da diese ganz wunderbare Schilderung des Fotoentwickelns im Badezimmer, die eine Zeit heraufbeschwört, als der Fotografie eine Magie eignete, die sie weitgehend verloren hat. „Mit der Spitze der Zange, die das Papier im Bad schwenkt, berührt sie den Beweis ihrer Existenz und des wohlwollenden Blickes, der auf sie gerichtet ist.“

Fazit: Sensibel und realistisch, bewegend und überraschend.

Laure Limongi
Sieben Tage Windstille
Mare, Hamburg 2021

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Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019), Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021), Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022).

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