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Erste Schritte

Guillermo Martínez: Der langsame Tod der Luciana B.

Dieser Kriminalroman ruft in mir bereits nach den ersten Seiten Bilder aus meiner argentinischen Zeit hervor. Und dies ist allein der Tatsache geschuldet, dass sein Autor, Guillermo Martínez, in Buenos Aires lebt. Schon eigenartig, was der Kopf so mit einem macht.

Die schöne und intelligente Studentin Luciana B. arbeitet für einen Monat als Sekretärin bei einem Schriftsteller (dem Erzähler dieser Geschichte). Die Intimität, die sich zwischen den beiden einstellt, ist fast mit Händen zu greifen, doch zu mehr als einem Kuss kommt es nicht, bevor Luciana wieder zu ihrer angestammten Arbeit bei einem Krimiautor namens Kloster zurückkehrt.

Zehn Jahre später steht sie wieder vor des Erzählers Tür. Ein völlig veränderter Mensch, dem man die einstige Schönheit nicht mehr ansieht. Ihr Verlobter sei tot, ihre Eltern und ihr Bruder ebenfalls. Kloster habe sie umgebracht. Und er sei noch nicht fertig mit dem Töten. „Niemand weiss Bescheid. Niemand bekommt es mit“, informiert ihn Luciana. Obwohl die Zeitungen von allen drei Fällen berichtet hàtten, „obwohl sich die Todesfälle unübersehbar vor aller Augen ereignet hatten und einer sogar einen Skandal verursacht hatte.“Sie bittet den Erzähler/ Schriftsteller um Hilfe.

Dem Allem vorangegangen war der Versuch Klosters, Luciana zu küssen, doch sie entwand sich ihm und kündigte. Anwälte kommen ins Spiel; die Anwältin, an die sich Luciana wendet, übernimmt das Szepter. „Ihren Worten nach waren verheiratete Männer am leichtesten einzuschüchtern, wir müssten uns nur überlegen, welche Summe wir aus ihm herausholen wollten.“ Die junge Frau gerät in einen Sog, ist dem Fortgang der Dinge ausgeliefert.

Doch erzählt Luciana die Wahrheit oder ist sie besessen von Wahnvorstellungen? Als der Erzähler/Schriftsteller auf ihr Begehr Kloster aufsucht, kriegt er eine ganz andere Einschätzung der Geschehnisse zu hören. Er ist hin und her gerissen, wem soll er glauben? Sieht Kloster die Realität voraus, wird diese davon beeinflusst, was er schreibt?

Dieser Text ist ungeheuer dicht und von einer Differenziertheit, die Kriminalromanen selten eignet. Guillermo Martínez ist ein Meister darin, beklemmende Gefühle hervorzurufen. Mit Der langsame Tod der Luciana B. ist ihm ein Meisterwerk gelungen, das einerseits aufzeigt, wie aus einer Lappalie ein Monster wird. „Rückblickend betrachtet hatte er mir schliesslich nur einen Kuss geben wollen. Doch die Konsequenzen standen dazu in keinem Verhältnis, schienen ausser Kontrolle geraten.“ Und andererseits deutlich macht, dass das Leben viel verrückter und verzwickter ist als dass es sich geradlinig entwickeln würde.

Der langsame Tod der Luciana B. ist ein raffiniertes Rätselspiel mit Bezugnahmen auf Oliver Sacks, Edgar Allen Poe, Thomas Mann und Henry James. Auch Hegel wird einmal zitiert, mit diesem hilfreichen Satz: „Das Subjekt ist die Reihe seiner Handlungen.“ Kloster meint dazu (und charakterisiert damit so recht eigentlich diesen Roman): „ … James hat sein ganzes Werk auf den Intervallen zwischen den einzelnen Handlungen errichtet, auf den Einschüben zwischen den Dialogzeilen, auf den versteckten Absichten, auf der Hölle aus Zögern, Berechnungen und Strategien, die jeder Handlung vorangehen.“

Es gehört zu den Mysterien der menschlichen Existenz, dass wir nicht wissen (können), was wir mit unserem Verhalten in Gang setzen. Selten wurde das so eindringlich dargestellt wie in diesem rundum stimmigen Kriminalroman, der einen in seinen Bann schlägt, auch weil er unter anderem darlegt, dass wir unseren Gefühlen (und dazu gehören Hass und Rache) in einem Masse ausgeliefert sind, das uns das Fürchten lehren sollte.

Fazit: Ein höchst gelungener Krimi darüber, wie Literatur die Realität vorauszuahnen vermag.

Guillermo Martínez
Der langsame Tod der Luciana B.
Eichborn, Köln 2021

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Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019), Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021), Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022). Die Welt will betrogen sein: Über Gehorsam, Gier und Selbstvermarktung (neobooks 2023).

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