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Erste Schritte

Helen Garner: Drei Söhne

Robert Fraquharson soll seine drei Söhne getötet haben. Für die australische Öffentlichkeit ist der Fall klar: Ein Racheakt, um es seiner Frau heimzuzahlen, die sich von ihm getrennt hat und mit einem anderen Mann zusammenlebt. Doch war es das? Helen Garner, geboren 1942, hat sich während Jahren mit dem Fall beschäftigt. „Ein unerhörtes und unvorhersehbares Gerichts-Drama über die Suche nach Recht und Gerechtigkeit“, nennt der Klappentext dieses Buch. Als ob es in einem Gerichtssaal um Gerechtigkeit gehen würde/könnte …

Dem Text ist auch ein Zitat der kürzlich verstorbenen Janet Malcolm, einer anderen glänzenden Beobachterin, vorangestellt: „… man lebt auf zwei Gedanken- und Handlungsebenen: auf einer in unserem Bewusstsein, auf die andere aber kann man nur durch Träume, Versprecher und unerklärliches Verhalten schliessen.“ Drei Söhne hat mich auch – immer mal wieder – an Malcolms Texte erinnert, der scharfsinnigen Einsichten wegen. Etwa als Helen Garner den „öden managerhaften Jargon der Kognitiven Verhaltenstherapie“ schildert. Oder Ihre Anmerkungen zur Liebe: „Da war sie wieder mal, diese sentimentale Vorstellung von Liebe als einem Zustand einfachen Wohlwollens, als einer ruhigen, sonnendurchfluteten Region, in der wir alle sich sind vor unseren eigenen zerstörerischen Impulsen. Ich dachte, dass Freud der Sache näher kam, wenn er sagte: ‚Wir sind dem Leid nie so schutzlos ausgeliefert wie dann, wenn wir lieben.’“

Eine Meinung zu haben, ist gratis, und auch der inneren Stimme (die oft nicht viel mehr ist als ein rationalisierter Impuls) zu folgen, kostet nicht viel, doch die Wirklichkeit ist zumeist etwas anderes, entzieht sich unseren schnellen Entscheiden. Helen Garner, eine aufmerksame Zeugin, beschreibt detailliert, was sie beobachtet, empfindet und tut. Sie gibt viel preis, exhibitionistisch wirkt sie nicht. Ihre Empathie springt auf den Leser über, was die Lektüre gelegentlich zu einer emotionalen Berg- und Talfahrt macht. Ich schätze das, sehr sogar, denn so ist es ja auch im richtigen Leben.

Ein Geschworenenprozess ist auch immer Theater. Das Gericht spielt vor Publikum, will gefallen. Vorgeführt wird eine Art Wettkampf, es geht um Gewinnen und Verlieren. Ein Gerichtsprozess ist auch immer eine eitle Inszenierung, bei der sich die streitenden Parteien um ein Urteil in ihrem Sinne bemühen. Entgegen einer weitverbreiteten Auffassung findet die Wirklichkeit in einem Gerichtssaal nicht statt. In den Worten einer (nicht gewählten) Geschworenen: „Everything is ambiguous in life except in court.“ (zitiert von Janet Malcolm).

Trotzdem hat man natürlich das Gefühl, vor Gericht werde die Wirklichkeit nachgestellt. Zeugen werden ein vernommen, Sachverständige tragen ihre Expertise vor, Journalisten stehen unter Zeitdruck. „Journalisten müssen sehr zügig arbeiten“, sagte ich. „Das ist bestimmt der Grund dafür, dass sie immer so früh eine dezidierte Meinung fassen. Wir sind Amateure. Wir haben genügend Zeit, noch hin und her zu tendieren.“

Dazu kommt, dass es der Juristerei eigen ist, einen an sich simplen Sachverhalt zu verkomplizieren. Einerseits, um den juristischen Berufsstand zu rechtfertigen, andererseits, um alltägliches Geschehen theoretisch zu fassen, also ein hochkompliziertes und extrem ausgefeiltes Gebilde über eine recht banale Wirklichkeit zu stülpen. Was wirklich vorgefallen ist, kann so recht eigentlich nicht gewusst werden. „Niemand ausser Farquharson wusste, was an diesem Abend im Auto passiert war, und inzwischen wusste er es vielleicht selbst nicht mehr.“

Helen Garner lässt nicht nur Anwälte und Experten ausführlich zu Wort kommen, sie macht sich auch selber Gedanken – und es sind diese, die mich vor allem faszinieren, da sie nicht in ein vorgefertigtes medizinisches oder juristisches Gedankengebäude passen müssen. „Wie jeder Tagebuchschreiber habe ich eine geschärfte Vorstellung davon, wie Gedächtnis funktioniert.“ Und dieses ist wenig verlässlich, keine feste Grösse, sondern ständig im Wandel: „Im Laufe der Zeit, wenn die Geschichte immer mal wieder aus meinem Gedächtnis verschwand und wieder hochkam, hat mein Gedächtnis daran gearbeitet …“.

Fazit: Eine hoch differenzierte, aufschlussreiche, bewegende, überaus spannende Annäherung an die Wirklichkeit. Ein Meisterwerk!

Helen Garner
Drei Söhne
Ein Mordprozess und seine Geschichte
Berlin Verlag 2016

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Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019), Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021), Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022).

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