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Erste Schritte

James Hamblin: Natürlich waschen!

James Hamblin, gemäss Klappentext „ehem. Arzt“, arbeitet heute als Autor, leitender Redakteur bei The Atlantic und Dozent an der Yale School of Public Health. Es ist das erste Mal, dass ich jemanden als „ehem. Arzt“ charakterisiert sehe – und ich finde das bemerkenswert, positiv bemerkenswert, denn es ist selten, dass jemand, der studiert hat, sich nicht ein Leben lang über sein Studium definiert, das oft nichts weiter als eine Basisausbildung gewesen ist. Bei denen, die doktoriert haben, ist es meist noch schlimmer – weil sie im Alter von 23 Jahren eine Arbeit geschrieben haben, die selten mehr als eine Anpassungsleistung an das herrschende System ist, erwarten viele von ihnen, für den Rest ihres Lebens mit Doktor angeredet zu werden.

Als James Hamblin von der Medizin zum Journalismus wechselte, stellte er alles, sein ganzes Leben, auf den Prüfstand. Zu dieser gründlichen Inventur gehörte auch die Körperpflege. In Natürlich waschen! Was unsere Haut wirklich gesund hält erzählt er jedoch nicht nur von seinen diesbezüglichen Überlegungen, sondern er setzt sich auch mit den Einwänden von Freunden und Bekannten auseinander. Obwohl Natürlich waschen! Was unsere Haut wirklich gesund hält suggeriert, es handle sich dabei um einen Ratgeber, ist dieses Buch weit mehr: Eine überaus facettenreiche Einführung in das grösste Organ des Menschen. „Würde man sie (die Haut) ausbreiten, wäre sie fast zwei Quadratmeter gross.“

Nichts, dass man in der heutigen Zeit nicht zu einem Objekt des Geldverdienens machen kann. Seife, Reinigungsmittel, Deos, Haar- und Hautpflegeprodukte sind ein Billionen US-Dollar Geschäft. Und wie jedes Geschäft, das sich lohnt, lohnt es sich vor allem für die Verkäufer. Doch wie gesund sind eigentlich diese mannigfaltigen Geldproduzenten? Die Billiarden von Mikroben, die auf unserer Haut leben, werden sich über diese chemischen Attacken kaum uneingeschränkt freuen. „Ihre grosse Mehrheit ist nämlich nicht nur harmlos, sondern sogar sehr wichtig für unsere Haut und somit auch für unser Immunsystem.“

Natürlich waschen! Was unsere Haut wirklich gesund hält macht mich auf vieles aufmerksam, worüber ich mir noch gar nie Gedanken gemacht habe. Etwa: „Bislang verstehen wir erst in Ansätzen, welche Folgen es für unser Immunsystem und unser wichtigstes Immunorgan, die Haut, hat, wenn wir, gezwungenermassen oder freiwillig, in von der Aussenwelt abgeschotteten Räumen leben.“ Oder: „Sämtliche Wirbeltiere befolgen offenbar Hygieneregeln.“ Oder: „ … das Pflegeritual Spass macht, weil man sich täglich ein wenig Zeit für sich nimmt.“

Wie jedes Wissensgebiet, unterliegt auch die Dermatologie dem steten Wandel. „Lange Zeit hat man die Haut als Barriere betrachtet, die uns von unserer Umgebung trennt, doch wie neuere Erkenntnisse zum Mikrobiom zeigen, ist sie wohl eher eine dynamischen Schnittstelle.“ Auch hatte die Körperpflege die längste Zeit der Menschheitsgeschichte eher mit Spiritualität und Ritus zu tun als mit heutigen Gesundheits- und Schönheitsvorstellungen.

Natürlich waschen! Was unsere Haut wirklich gesund hält ist nordamerikanischer Journalismus vom Feinsten – enorm detailreich sowie dem storytelling verpflichtet. Seit wann verwenden eigentlich Milliarden von Menschen mehrmals täglich Seife, „und zwar nicht, weil ihnen danach ist, sondern weil sie das für absolut notwendig halten?“ James Hamblin sucht einen Seifenhistoriker auf. Natürlich nicht irgendeinen, sondern den ‚Seifenkönig‘, von dem er unter anderem erfährt, „dass der Verkauf von Seife eine Kunst ist, mehr noch als ihre Herstellung.“

Natürlich waschen! Was unsere Haut wirklich gesund hält ist ein veritabler Augenöffner, der wesentlich über die biologische Diversität in und auf unserem Körper aufklärt. „Die Biodiversitäts-Hypothese besagt nicht, dass Hygiene per se schlecht sei, sondern dass es schlecht sei, wenn die Vielfalt der Mikrobenwelt schwindet.“ Konkret: Nicht nur Achseln, Genitalbereich und Füsse gehören gereinigt, auch Händewaschen ist wichtig, denn dadurch können viele Infektionsketten unterbrochen werden.

Dass alles mit allem verbunden ist, sagen heutzutage (fast) alle. Was das in Sachen Haut bedeutet, führt James Hamblin in diesem ausgesprochen informativen Werk aus, in dem er unter anderem darauf hinweist, „dass unsere Körperpflege nicht nur uns selber betrifft, sondern ebenso die Bakteriengemeinschaften, die überall auf und um uns leben, die Einfluss haben auf all unser Tun, so wie unser Tun auf sie.“

Fazit: Anregend, lehrreich und nützlich.

James Hamblin
Natürlich waschen!
Was unsere Haut wirklich gesund hält
Kunstmann, München 2021

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Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019), Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021), Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022).

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