Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Erste Schritte

Nora Ephron: Was nie im Trend lag, kommt auch niemals aus der Mode

Die gefragteste Eigenschaft unserer Zeit liegt zweifellos im Verkaufen, das sich bekanntlich in Subkategorien wie Werbung, Public Relations oder Öffentlichkeitsarbeit gliedert. Mit dem vorliegenden Titel Was nie im Trend lag, kommt auch niemals aus der Mode ist dem Verlag eine geniale Verkaufsidee gelungen (ich jedenfalls bin total davon angetan), vor allem auch, wenn man bedenkt, dass das Original mit einem gänzlich anderen (aber ebenfalls gelungenen) Titel daherkam: I Feel Bad About My Neck.

Nora Ephron ist mir ein Begriff (Harry und Sally, E-Mail für dich, Silkwood), Dolly Alderton, von der das Vorwort stammt. hingegen nicht. Ich habe sie nicht gegoogelt (!), wie sie Ephrons Schreibstil charakterisiert, spricht mich sehr an: „zwischen Zynismus und Begeisterung, das richtige Verhältnis von Ausführlichkeit zu Kürze, die passende Dosis Realität, gemischt mit der passenden Dosis Romantik.“ Ist das mehr als die übliche Lobhudelei, die man regelmässig in einem Vorwort findet?

Teils, teils. Jedenfalls für meinen Geschmack. Nora Ephron ist zweifellos eine begabte Schreiberin, noch besser ist, wie sie ihre Essays strukturiert. Kein Wunder, schliesslich war sie (sie starb 2012) eine begabte Drehbuchautorin. Was ich weniger schätzte, war die gelegentliche Effekthascherei. Doch zum Positiven (und dies überwiegt bei weitem): Ihre Fähigkeit, pointiert und witzig zu formulieren, ist wunderbar speziell: „Kurz bevor ich nach New York zog, hatten zwei historische Ereignisse stattgefunden: Die Pille war erfunden worden, und das erste Kochbuch von Julia Child war erschienen. Daraufhin hatten alle Sex, und wenn der Sex vor bei war, kochte man etwas.“

„Ich schäme mich für meinen Hals“ ist der erste Essay überschreiben, der mich immer mal wieder laut heraus lachen liess. „Meiner Hautärztin zufolge fängt der Hals mit dreiundvierzig an, sich zu verabschieden, und dann ist es vorbei.“ Nein, nicht ganz – schliesslich wird man mit dem Alter auch noch „weise und klug und milde.“

Essay Nummer zwei richtet sich an Frauen, die keinen Sinn für Handtaschen haben, und ist eine originelle Anregung, sich Gedanken über Sinn und Zweck von Handtaschen im Allgemeinen und im Besonderen zu machen. Warum haben sich eigentlich Handtaschen bei Männern noch nicht durchgesetzt? Weil sie die Bewegungsfreiheit einschränken.

Es folgen Essays über Sport und Elternschaft, die Glückseligkeit, die Bücher vermitteln können sowie das Leben in New York und und und. Das liest sich nicht nur überaus vergnüglich, sondern ist auch lehrreich. Mir war jedenfalls bislang nicht bekannt, dass Sport in der Kulturgeschichte erst ziemlich spät auftauchte. „Ungefähr bis 1910 waren die Menschen die ganze Zeit in Bewegung, aber sie betrachteten es nicht als Sport, sondern als das eigentliche Leben.“

Was nie im Trend lag, kommt auch niemals aus der Mode dokumentiert auch das sogenannt gehobene soziale Umfeld der Nora Ephron, wo man mit einer Köchin aufwächst und die Freundin für eine gebrauchte Handtasche schon mal zweitausendsechshundert Dollar ausgibt. Man erfährt auch, dass man im Pearl’s, dem berühmten chinesischen Restaurant, eigentlich nie einen Tisch bekam, wenn doch „blieb einem das Essen für immer in Gedächtnis, denn die Gerichte enthielten so viel Mononatriumglutamat, dass man noch Jahre später hellwach davon war.“ Ich habe Tränen gelacht …

Mein Lieblingsessay behandelt das Phänomen der Elternschaft, ein Konzept, das zur selben Zeit erfunden wurde wie verhaltensändernde Medikamente. „Elternschaft legt die die Annahme zugrunde, dass das Baby ein Klumpen Lehm war, den man (durch harte Arbeit, Förderung und positive Verstärkung) zu einem perfekten Menschen formen könne, der irgendwann eine Zusage für ein College seiner Wahl bekäme.“ Dieses Konzept hatte unter anderem zur Folge, dass mittlerweile Eltern Unterstützung von teuren Spezialisten brauchen ….

Was nie im Trend lag, kommt auch niemals aus der Mode bietet scharfsinnige, unterhaltende und ausgesprochen amüsante Essays und endet mit einem berührenden, luziden Text über Alter und Tod.

Nora Ephron
Was nie im Trend lag, kommt auch niemals aus der Mode
Und andere Wahrheiten aus dem Leben einer Frau
Atlantik Verlag, Hamburg 2021

Werbung

Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019), Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021), Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022).

Kommentar hinterlassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: