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Susan Taubes: Nach Amerika und zurück im Sarg

Susan Taubes, 1928 in Budapest geboren, emigrierte im Alter von 11 Jahren mit ihrer Familie in die USA. Der vorliegende Roman erschien 1969 unter dem Titel Divorcing in New York, „eine Woche vor dem Freitod der Autorin und zwei Jahre nach Abschluss ihres eigenen Scheidungsverfahrens. Insofern war es naheliegend, den Roman als autobiografisches Zeugnis zu lesen“, so die mit dem Nachlass von Susan Taubes betraute Sigrid Weigel im Vorwort, nur um dann hinzuzufügen: „Dem widerspricht jedoch die in jeder Hinsicht radikale Schreibweise, die alle genreüblichen Konventionen durchbricht und ein intelligentes Spiel mit etablierten Erzählmustern und mit den Rollenreden traditioneller Rituale treibt.“ Rollenreden traditioneller Rituale? Was auch immer das sein mag …

Ausser Leuten, die Literatur studiert haben, kenne ich niemanden, der der Auffassung ist, man könne Autor und Werk voneinander trennen. Weshalb die gewählte Form ein Argument gegen das autobiografische Zeugnis sollte, entzieht sich mir: Bei Allem, was wir tun und sagen, in welcher Form auch immer, geben wir immer vor allem Auskunft über uns selbst. Dazu gehört auch Erfundenes und Konstruiertes. In diesem Sinne ist schlicht alles autobiografisch, kann es so recht eigentlich gar nichts anderes geben. Mit anderen Worten: Ich lese diesen Roman als Abschiedsbrief einer seit Jahren depressiven Frau, die plant sich umzubringen. „Jetzt, da ich tot bin“, scherzt Sophie mit ihrem Lover, „kann ich endlich meine Autobiografie schreiben.“

Auf Nach Amerika und zurück im Sarg bin ich durch einen Beitrag von Leslie Jamison in der ‚New York Review of Books‘ aufmerksam geworden, der sich auch in diesem Buch findet, worin sie unter anderem dieses „Sammelsurium von Erinnerungen, Träumen, Streitereien, erotischen Begegnungen, Notizen aus dem Leben einer Mutter sowie finsteren Fantasien, einschliesslich einer Leichenschau, einem Begräbnis und einem Strafprozess“ als „ein seltsames Kunstwerk, provokativ und beunruhigend“ beschreibt. Das trifft es für mich sehr gut.

Sophie Blind verlässt ihren treulosen Mann Ezra und siedelt mit ihren drei Kindern nach Paris über, wo sie etliche Liebhaber hat. „So grauenhaft, frivol oder sinnlos, wie es Sophie vorkommt, kann es in Paris eigentlich gar nicht sein. Nichts von dem, was sie tut, kann sie ernst nehmen.“ Freischwebend, nicht zu fassen, melancholisch und scharfsinnig, so wirkt sie auf mich. Ezra reist ihr nach, will nicht akzeptieren, dass ihre Ehe gescheitert ist, sie nicht mehr mit ihm verheiratet sein will.

Rückblenden auf ihre Ehe mit Ezra, die Kindheit in Ungarn, die Zeit als junge Frau. „Es war schön, immer beschäftigt, immer überlastet zu sein; aufgebraucht zu werden, darum ging es im Leben, sie war damals schon fast durchsichtig geworden.“ Es ist die Mischung aus Gedanken- und Erinnerungsfetzen, existenziellen Einsichten („Bewusstwerdung, ein lebenslanger Kampf. Weil ungezählte Aufbrüche, selten ein Ankommen – meistens irrig.“) und hellsichtiger Eigenwahrnehmung („Sie ist nur begrenzt zum Selbstbetrug fähig …“) empfinde ich als überaus faszinierend.

Dieser Roman ist auch ein Lebensbericht. Die Flucht vor den Nazis, die Jahre in New York. „Sie hatte durchaus vor, Amerika zu lieben.“ Ihr Besuch 1947 im von den Russen besetzten Budapest, wo sie auch ihre Mutter trifft, die sie erstaunlich jugendlich und unverändert erlebt. Wie sie es geschafft habe zu überleben? „Als das Bombardement begann – wahrscheinlich liegt es daran, dass ich so neurotisch bin“, sagte sie in bester Laune, „es hat mich überhaupt nicht gestört. Ich habe alles verschlafen wie ein Bär.“ Ich bezweifle, dass man sich das ausdenken kann.

„Ja, sie liebte das Reisen. Es ist die einzige Art zu leben, sagte Sophie immer, die einzige Art, in der Zeit zu leben: mit ihr zu entfliehen. Sophie wurde unruhig, wenn sie zu lange an einem Ort war.“ Nirgendwo scheint sie sich zugehörig zu fühlen; sie wirkt, als ob sie sich auch sich selber entziehen würde.

In Paris, ein Mann mit hängendem Wahlrossschnauzer will ihr weismachen, ihr Problem sei, sich „zwischen Spinoza und einer Existenz als Playgirl in Acapulco zu entscheiden“ – Nach Amerika und zurück im Sarg liest sich so phantastisch wie realistisch. „Zwischen Leben und Traum war eigentlich kein allzu grosser Unterschied, sosehr die beiden auch miteinander zankten, stritten, sich gegenseitig auszutricksen versuchten. Anders war nur ein Buch (…) In einem Buch wusste sie, wo sie war. Denn mochte es auch noch so verwirrend, stümperhaft und doppelsinnig sein – ein Buch war und blieb ein Buch.“

Überaus faszinierend auch die Ausführungen zur Psychoanalyse. Sophies Vater erklärt seiner Tochter, er sei Mediziner, Neurologe und Psychoanalytiker, die Psychoanalyse eine neue Wissenschaft, die noch von sehr wenigen verstanden würde. „Man glaubte, dass man etwas gegen die Lehre oder über die menschliche Natur ausgesagt habe, aber nach dieser Lehre handelten alle Aussagen von sich selbst.“ Hellsichtig kommentiert die junge Sophie: „Die Leute, die zu ihren Vater kamen und ihm alles erzählten, wussten nicht, dass das Allerwichtigste war, sein Geheimnis zu wahren. Sie hatten kein Geheimnis, darum waren sie so unglücklich und deshalb mussten sie immer wieder zu ihrem Vater kommen.“ Max Frisch geht mir durch den Kopf. Der Mensch vergebe sich mit seinen Geheimnissen, hat er einmal gemeint.

Nach Amerika und zurück im Sarg ist sehr gut übersetzt; Sprache, Ton und Rhythmus sprechen mich sofort an. Und natürlich ist es kein simples Erinnerungsbuch, schliesslich kann man Erinnerungen nicht trauen. So notiert Sophie über ihren Vater: „Was er über sie erzählte und woran sie sich tatsächlich erinnerte, das gehörte in verschiedene Schubladen. Nur, dass sie sich nicht sicher war,, was wirklich ihres war, alles war mit anderer Leute Sachen vermischt: was sie ihr erzählten, Papi, Omama und ihre vielen Tanten und Onkels. Sie brauchte wirklich eine Schublade, wo sie deren Dinge einlagern konnte.“

Fazit: Ein wunderbares Potpourri! Traurig und lustig, tragisch und berührend, clever und imaginativ.

Susan Taubes
Nach Amerika und zurück im Sarg
Matthes & Seitz Berlin 2021

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Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019), Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021), Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022).

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