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Kristoffer Hatteland Endresen: Saugut und ein wenig wie wir

Saugut und ein wenig wie wir handelt von unserer Beziehung zum Schwein. „Das Schicksal des Schweins ist ein Ergebnis unserer Schaffens- und Urteilskraft. Wir haben es domestiziert und am Ende einer langen Entwicklung eingesperrt. Deshalb ist die Geschichte des Schweins ebenso eine Geschichte des Menschen.“ Die Ähnlichkeit zwischen Schwein und Mensch ist in mancher Hinsicht so gross, dass manche sich fragen, ob die Evolutionsforschung da nicht etwas übersehen hat und wir vielleicht näher miteinander verwandt sind als wir das bisher angenommen haben.

So verläuft etwa die Krebserkrankung beim Schwein ähnlich wie beim Menschen. Auch sind Schweine Organspender. „Schon 1838 bekam ein Patient in England eine Hornhaut, die von einem Schwein stammte – ganze 65 Jahre, bevor die erste Hornhaut von Mensch zu Mensch transplantiert wurde.“ Zudem sind Schweine und Menschen Allesfresser, ernähren sich von Fleisch und von Pflanzen. Erst mit dem Feuer, das uns zu kochen erlaubte, wurde deutlich, dass es in Sachen Essen Unterschiede gab.

Unser Fleischverbrauch hat in den letzten fünfzig Jahren stetig zugenommen, Schweinefleisch ist die mit Abstand meist verzehrte Fleischsorte der Welt. Wie kommt es bloss, dass diese riesige Industrie weitestgehend unsichtbar ist?, fragte sich Kristoffer Hatteland Endresen, der fast täglich Schweinefleisch isst, obwohl er jegliche Form von Nutztierhaltung ablehnt, und begab sich auf Spurensuche.

„In der Diskussion über den Fleischkonsum und den dadurch bedingten Effekt auf unser Klima muss man so viele Fallgruben umschiffen und so viele Perspektiven berücksichtigen, dass einem fast schwindelig wird.“ Obwohl Fleischesser, betrachtet der Autor sich weder als Idealist noch als Ignorant. In unseren Zeiten der Interessenskonflikte ist das keine bequeme Lage, doch es ist die einzige, die das Potential hat, uns weiterzubringen.

Um herauszufinden wie es um die Schweinezucht in Norwegen bestellt ist, bemüht er sich um einen Job bei einem Schweinebauer, der sich genauso zwischen Stühlen und Bänken befindet wie alle anderen, die ihren Denkapparat nicht gänzlich abgeschaltet haben. „Diese Aktivisten sind schon
schlimm, aber die Lebensmittelaufsicht ist manchmal auch nicht besser. Die Inspektoren haben oft keine Ahnung und fordern Massnahmen, die für uns Bauern enorme Konsequenzen haben.“

Was Kristoffer Hatteland Endresen antrifft, sind Lebensumstände, über die ich mir noch nie Gedanken gemacht habe. Und ich wundere mich darüber. „Auf diesen sechs Quadratmetern verbringen die Schweine ihr gesamtes Leben, wobei die Zeit, die ihnen bleibt, nicht lang bemessen ist. Es dauert nur etwa sechs Monate von der Geburt bis zu dem Tag, an dem sie im Lastwagen zum Schlachthof gefahren werden. In dieser Zeit erleben sie nicht viel, sie haben nichts zu tun, können lediglich entspannen und auf die nächste Fütterung warten. Es gibt nichts zu erforschen, nichts, für das sie ihre Instinkte einsetzen könnten – nur Streu und Heu, für das sie sich aber nicht sonderlich zu interessieren scheinen.“

Saugut und ein wenig wie wir behandelt das Thema Schwein aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, von seinem ausgeprägten Geruchssinn zum religiös begründeten Verbot dieses Tier nicht essen zu dürfen bis zu Glaubenskriegen über Fragen von rein und unrein. Der Autor zeigt nicht nur sehr schön auf, wie alles mit allem zusammenhängt, sondern macht auch deutlich, dass der Mensch von dieser Komplexität überfordert ist und sich deswegen Schlachtfelder sucht, wo es angeblich um Recht und Unrecht geht.

Heutzutage erfolgt die Zucht mittels künstlicher Besamung. „Ausgangspunkt war die Entdeckung der Samenzellen im eigenen Sperma durch den Niederländer Anton van Leeuwenhoek in den 1670er Jahren.“ Van Leeuwenhoek war Tuchhändler, entwickelte ein kompaktes Mikroskop, weil er Stoffe genauer untersuchen wollte und entdeckte als erster Mensch auf dem Stoff Bakterien. In der Folge nahm er den Samen ganz unterschiedlicher Tiere unter die Lupe. Es sind solche Zusammenhänge, die mich ganz besonders faszinieren und dieses Buch ist voll davon.

Kristoffer Hatteland Endresen hat nicht nur eine ungeheure Fülle von Informationen verarbeitet – das Buch ist nicht zuletzt eine beeindruckende Fleissarbeit – , er erzählt auch von seiner Arbeit mit den Schweinen, von seinen Versuchen, sie mit ihm vertraut zu machen, von der Ruhe im Stall am frühen Morgen („Die Zeit, von der man sich wünscht, sie würde länger dauern, die aber unerbittlich verrinnt, wenn die Kollegen einer nach dem anderen, kommen.“), von seinen Überlegungen zur Schönheit und Hässlichkeit.

Wie jedes wirklich gute Buch so ist auch dieses eine Auseinandersetzung mit Grundfragen des Lebens, wobei unter anderen auch Ludwig Wittgenstein, Charles Darwin und Umberto Eco zu Wort kommen. Können wir uns in die mentale Welt der Tiere versetzen? “… sie sieht mir in die Augen, wie ein Mensch. Aber vielleicht projiziere ich da etwas hinein. Andererseits haben ihre Augen etwas, das mich ganz konkret an meine eigenen erinnert. So etwas habe ich vorher bei noch keinem Tier gesehen.“

Wir können uns nicht in Tiere versetzen. Einige haben es versucht und sind gescheitert. „Wie kann ich das Verhalten der Tiere richtig deuten, wenn ich schon bei vielen Menschen Schwierigkeiten damit habe?“ Letztlich bleibt uns nur, die Tiere nach menschlichen Kriterien zu beurteilen. Und vor allem, nützliche Fragen zu stellen. So meinte etwa der englische Philosoph und Sozialreformer Jeremy Bentham schon 1780: „Die Frage ist nicht ›Können sie denken?‹ oder ›Können sie sprechen?‹, sondern ›Können sie leiden?‹.“

In der Natur ist ›das Leid‹ normal, es gehört zum Alltag; in unserer Wohlfühlgesellschaft hat es jedoch keinen Platz, denn diese ist nicht normal, sondern hochgradig artifiziell. „Weil wir aber wissen, dass das Leid trotz allem existiert, ist es in unseren Köpfen zum Monster geworden. Diese Angst sowie das Streben nach Wohlbefinden projizieren wir auch auf die Tiere. Wie zweckmäßig ist das?“ Gute Frage! Kristoffer Hatteland Endresens Ausführungen dazu sind lohnenswert.

Fazit: Eine vielfältige, aufschlussreiche und erfreulich persönliche Kulturgeschichte des Schweins.

Kristoffer Hatteland Endresen
Saugut und ein wenig wie wir
Eine Geschichte über das Schwein
Westend, Frankfurt am Main 2022

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Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019), Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021), Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022).

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