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Erste Schritte

Josie-Marie Perkuhn / Mariana Münning (Hrsg.): Operation Covid

Die Massenmedien funktionieren derart gleichgeschaltet, dass einem Angst und Bange werden kann. Nach zwei Jahren Corona auf allen Kanälen, nun seit einigen Wochen die Ukraine auf allen Kanälen. Wir werden zugeschüttet mit Informationen. Das ist Propaganda, die sich jedoch in sogenannt freiheitlichen Staaten (wo das Geld an der Macht ist) und in autoritären Staaten (wo das Geld an der Macht ist) massiv unterscheidet. Anders gesagt: Propaganda ist nicht gleich Propaganda. Die westliche Spielart bedeutet, im Namen der Ausgewogenheit, auch Leuten eine Stimme zu geben, die nachweislich Falsches behaupten. Die Propaganda von Staaten wie Russland und China ist da gänzlich anders gestrickt – da wird von der offiziellen Linie Abweichendes nicht nur verboten, sondern hart und brutal bestraft.

Am 22. März 2022 berichtete „Spiegel Online“: „Der Programmierer Wang Jixian lebt und arbeitet in Odessa, er ist einer der letzten Chinesen in der Ukraine – und er berichtet in sozialen Medien aus seinem Alltag im Krieg. Die chinesische Zensur bestrafte das sofort.“ Die Unterdrückung von Nicht-Genehmem ist ein wesentliches Merkmal autoritärer Staaten – dass sie jedoch nicht lückenlos funktionieren kann, zeigt dieses Buch an zahlreichen Beispielen.

Operation Covid setzt sich aus bereits veröffentlichten Beiträgen und neuen Beiträgen zusammen (…) Die ersten vier Beiträge sind bereits im Frühjahr 2020 entstanden und schildern Eindrücke zur Situation vor Ort. L.S. ist das Kürzel für die Texte, deren Autorenschaft anonym bleibt“, lese ich in der Einleitung. Es sind aufschlussreiche, wenn auch sprachlich unbedarfte wie fehlerhafte Schilderungen (Ich hatte den Eindruck, der chinesische Originaltext des ersten Beitrags sei von einem Computer übersetzt worden.), die mehrfach betonen, der Augenarzt Li Wenliang und die Stationsärztin der Infektionsabteilung am Innerstädtischen Krankenhaus Wuhan, Ai Fen, seien keine Whistleblower gewesen – ganz so als ob Whistleblower ein dirty word wäre.

Man erfährt, dass Li Wenliang bereits zwei Tage nach seiner Ansteckung, die für ihn eindeutig verfolgbar war, erste Symptome zeigte. Nur gerade einen Monat später starb er. Und man lernt, dass in ländlichen Gebieten Ältere oft gar nicht ins Krankenhaus gehen, um ihre Familien nicht zu belasten. Man sollte also mit offiziellen Zahlen vorsichtig umgehen, nicht zuletzt, weil in Wuhan das Militär die Leitung des Virologischen Instituts übernahm, um sicherzustellen, dass nur Regime-Konformes an die Öffentlichkeit dringen konnte.

Jedem politischen Regime geht es primär um Machterhalt. Dafür braucht es die Unterstützung der Bevölkerung, ob in einer Demokratie oder einer Diktatur. Auch das autoritäre chinesische Regime ist gezwungen, sich die Menschen gewogen zu machen. Mit anderen Worten: Sich in einem positiven Licht zu zeigen, ist wesentlicher Teil der Propaganda. Die Ankunft eines chinesischen Ärzteteams im von Corona gebeutelten Norditalien wurde medial clever inszeniert. Vorangegangen war jedoch dies: „Europa hatte noch Ende Januar, beim Höhepunkt des Coronavirus-Ausbruchs in Wuhan, 56 Tonnen medizinischer Hilfsgüter nach China geschickt, war dabei jedoch, auch auf Bitten der chinesischen Seite, diskret vorgegangen.“

Operation Covid ist ein lehrreiches Werk, das unter anderem darüber aufklärt, dass Ärzte in China traditionell über geringes Ansehen verfügen, zeigt wie die chinesische Regierung mit ihrer Impfstofferpressung (Impfstoffdiplomatie scheint mir ein verfehlter Ausdruck) Staaten auf Linie zu bringen versucht, und immer mal wieder mit Verblüffendem aufwartet. „Wie man es auch dreht und wendet, chinesische Dissidenten, die Covid-19 als ‚höchst patriotisches Virus‘ bezeichnen, haben offensichtlich recht. Es verhält sich in chinesischen Körpern anders als in ausländischen. Besonders patriotisch ist es offensichtlich dabei, weniger Chines:innen das Leben zu kosten und bei Personen, die symptomarme Infektionen durchmachen, auch nicht infektiös zu werden.“

Operation Covid informiert auch über die Gründe, weshalb Taiwan bislang mit seiner Covid-Strategie gut gefahren ist und berichtet von persönlichen Erfahrungen vor Ort in China und Taiwan. Überdies erfährt man, dass Querdenker in Taiwan unbekannt sind sowie dass Fundamentalismus jeder Art verbreiterter ist als (jedenfalls von mir) angenommen. Mir hat dieses Buch vor allem vor Augen geführt, wie verheerend es ist, wenn von der Propaganda verbreitete Ideologien der Realität im Wege stehen.

Fazit: Es sind die detaillierten, sachlichen und unaufgeregten Informationen, die dieses Werk überzeugend machen.

Josie-Marie Perkuhn / Mariana Münning (Hrsg.)
Operation Covid
Umgang mit dem Coronavirus von Wuhan bis Taipei
Drachenhaus Verlag, Esslingen 2022

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Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019), Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021), Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022).

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