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Erste Schritte

Ed Yong: Die erstaunlichen Sinne der Tiere

Wir Menschen nehmen nur einen sehr, sehr kleinen Ausschnitt der Welt wahr.Tieren geht es ebenso; auch ihre Welt ist begrenzt. Wir halten die Welt, die wir wahrnehmen können „fälschlicherweise leicht für alles, was man kennen kann. Das ist eine Illusion, und diese Illusion hat auch jedes Tier.“

Was der Mensch übers Tier weiss bzw. wissen kann, findet seine Grenzen in seiner Wahrnehmung. Vieles können wir uns gar nicht vorstellen, weil unsere Fantasie weit beschränkter ist als wir gemeinhin annehmen. Ed Yong, Wissenschaftsjournalist bei The Atlantic, ist der Auffassung, „dass Tiere hoch entwickelt sind und es uns bei aller vielfach gepriesenen Intelligenz schwerfällt, andere Lebewesen zu verstehen oder uns der Neigung zu widersetzen, ihre Sinne durch unsere eigenen zu betrachten.“ Schopenhauer war übrigens der Meinung, die Sinne der Tiere seien weiter entwickelt als die von uns Menschen, weshalb uns denn auch der Verstand mitgegeben wurde, auf dass dieser unsere mangelhaft ausgeprägten Sinne ergänzen möge.

Die meisten Menschen haben nicht nur Mühe, aus ihrer vertrauten Welt herauszutreten, es macht ihnen auch Angst. Freiwillig wagt sich selten jemand in unbekanntes Territorium. Wer hingegen mit einer sogenannten „Störung“ geschlagen ist, wird sich gezwungenermassen neu orientieren müssen. „Wenn Menschen ihre Welt auf eine Weise wahrnehmen, die als untypisch gilt, besitzen sie vielleicht ein intuitives Gefühl für die Grenzen des Typischen.“ Zugespitzt formuliert: Von Normalen können wir nur etwas über die normale Welt erfahren.

Die erstaunlichen Sinne der Tiere ist ein Augenöffner, der ausgesprochen detailliert über die Wahrnehmungsfähigkeiten ganz unterschiedlicher Tiere informiert. Dass Hunde über einen ausgeprägten Geruchssinn verfügen, das wusste ich, doch dass dieser es ihnen erlaubt, sowohl die Vergangenheit, die Gegenwart wie auch die Zukunft zu lesen, war mir vollkommen neu. Zu den für mich verblüffendsten Experimenten gehört das des Biologen E.O. Wilson, der Oleinsäure auf lebende Ameisen strich. Die Folge: Die andern Ameisen behandelten diese wie Leichen „und trugen sie zu den Abfallhaufen der Kolonie. Dass die Ameisen noch lebten und sichtbar zuckten, spielte keine Rolle. Wichtig war nur, dass sie wie Tote rochen.“

Nun sind Menschen zwar keine Ameisen, auch wenn sie manchmal mit einem ähnlichen Tunnelblick unterwegs sind: Menschen können wählen, mit welchen Sinnen sie die Welt wahrnehmen wollen. Unsere Fähigkeit, in andere Umwelten einzutauchen, betrachtet Ed Yong, als unsere grösste Sinnesleistung. Voraussetzung dafür ist, sich mit diesen anderen Umwelten vertraut zu machen. Und genau dies leistet dieses Buch – anschaulich, differenziert und überzeugend.

Die erstaunlichen Sinne der Tiere ist ein ungemein informatives Werk, das mich vielerlei lehrt, über das ich mir noch nie Gedanken gemacht habe. Sicher, dass Menschen zwei Augen haben, die im Kopf liegen, gleich gross und nach vorn gerichtet sind, das wusste ich. Und habe automatisch angenommen, dies sei der Normalfall. Doch weit gefehlt. So sind etwa die Augen der Riesenkraken so gross wie Fussbälle. Und dann die Fülle verschiedener visueller Umwelten: „Manche Tiere sehen in der Ferne jedes einzelne Detail, andere nicht mehr als verschwommene Flecken aus Licht und Schatten.“

Die Riesenkraken mit ihren riesigen Augen sehen sogar in einer Tiefe von bis zu 800 Metern. Fesselnd beschreibt Ed Yong, wie Forscher das herausgefunden haben. Dabei macht er auch deutlich, wie verheerend das menschliche Vordringen in unbekannte Gebiete sein kann. „Die völlige Dunkelheit der Tiefsee wirft für Forschende, die ihre Bewohner studieren wollen, ein Problem auf. Was um sie herum vorgeht, sehen sie nur dann, wenn sie an ihrem eigenen Tauchboot das Licht einschalten, aber das ist für Organismen, die sich an ein Leben ohne Licht angepasst haben, verheerend. Schon Mondlicht kann einen Tiefenkrebs in wenigen Sekunden blind machen. Die Scheinwerfer eines Tauchbootes richten noch viel schlimmere Schäden an.“ Die Forscher haben mittlerweile gelernt, der Umwelt in der Tiefsee respektvoller gegenüberzutreten.

Die erstaunlichen Sinne der Tiere handelt von so ziemlich allem, was mit den Sinnen wahrgenommen werden kann: Geruch und Geschmack, Licht, Farben, Wärme, Kälte, Schmerzen. Apropos Schmerzen: Empfinden Tiere Schmerzen? Wer schon einmal in die Augen eines Pferdes geschaut hat, weiss, dass sie es tun. Ed Yong schlägt vor, anders zu fragen und zitiert die Physiologin Catherine Williams (er zitiert übrigens ganz viele Forscher, die Aufschlussreiches zu berichten wissen): „Unter welchen Bedingungen und angesichts welcher Reize ist es ein Vorteil, sie (die Schmerzen) zu haben, sie zu erleben und sie zur Schau zu stellen?“

Die erstaunlichen Sinne der Tiere macht mich immer wieder staunen. So lautet etwa eine der Legenden zu einer auch farblich eindrücklichen Aufnahme (der Bildteil allein lohnt dieses Buch): „Schmetterlinge und andere Insekten tragen Rezeptoren an den Füssen und schmecken damit die Dinge, auf denen sie landen.“ Eine andere: „Ein Wels ist eine schwimmende Zunge: überall auf der Haut sind Geschmacksknospen verteilt.“

Fazit: Eine faszinierende und überaus lehrreiche Einladung in unbekannte Welten einzutreten.

Ed Yong
Die erstaunlichen Sinne der Tiere
Erkundungen einer unermesslichen Welt
Kunstmann, München 2022

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Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019), Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021), Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022).

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