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Philipp Felsch: Wie Nietzsche aus der Kälte kam

Philipp Felsch, Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt Universität zu Berlin, legt mit Wie Nietzsche aus der Kälte kam ein sehr akademisches Werk vor, was in diesem Falle meint: sehr differenziert, für Nietzscheologen – und zu diesen gehöre ich definitiv nicht. Die Lektüre lohnt sich trotzdem. Einmal, weil die Geschichte, die hier erzählt wird, höchst faszinierend ist, dann aber auch, weil Professor Felsch gut zu schreiben versteht.

Zwei Italiener, Giorgio Colli („Nietzsche braucht keine Interpreten.“) und Mazzino Montinari („Nietzsche ist eine Krankeit.“), der eine „ein bürgerlicher Privatgelehrter mit gräkophilen Obsessionen“, der andere „ein zwölf Jahre jüngerer abtrünniger Kader der kommunistischen Partei mit proletarischem Familienhintergrund“, machen sich auf, den wahren Nietzsche zu porträtieren. Sie tun dies mit einer philologischen Genauigkeit, die der verstorbene FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher so charakterisierte: „Die aggressive Intelligenz Nietzsches wahrgenommen mit den Mitteln der ödesten Pedanterie.“

Philipp Felsch charakterisiert Giorgio Colli als Menschenfänger. Dass er sich bei seiner Einschätzung auch auf Fotografien bezieht, ist allerdings problematisch, denn uns fehlt die Fähigkeit „Persönlichkeitsmerkmale aus statischen Abbildungen oder allein aus Gesichtszügen herauszulesen. Wir sind vielmehr von der Entwicklung her darauf angelegt, sehr sensibel auf den emotionalen Ausdruck einer Person zu achten – ob sie zum Beispiel traurig, angewidert oder panisch dreinschaut – , wenn sie in Aktion ist, das heisst mit uns oder anderen interagiert“, wie John Bargh in Vor dem Denken ausgeführt hat.

Sowohl Colli, der Lehrer und „Führer“, wie auch Montinari, sein Lieblingsschüler, waren Antifaschisten, doch während Colli in Nietzsche einen modernen Mystiker sieht, versteht ihn Molinari „als radikalen Aufklärer, als Verfechter unscheinbarer, mit strenger Methode gefundener Erkenntnisse.“ Die Archivarbeit, der sie sich verschrieben haben, bedeutet Ordnung und Klarheit zu schaffen, was nur dann Sinn macht, wenn man annimmt, das Leben gehorche einer gewissen Folgerichtigkeit. Eine einigermassen fragwürdige Annahme, wie ich finde.

Wie Nietzsche aus der Kälte kam ist ein sehr gelehrtes Werk, in dem es von vielfältigen Bezügen geradezu wimmelt. Von Norbert von Hellingraths Hölderlin-Ausgabe, über Kafkas spärliche Hinterlassenschaften zu Walter Benjamin, der das Original in der Kunst im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit bedeutungslos fand. Und weiter zu Thomas Mann, Adorno und und und. Doch Professor Felsch bereitet nicht einfach sein Wissen aus, er erklärt und erläutert und stellt Zusammenhänge her.

Als einer, der sich von den Philosophen (und allen anderen) nimmt, was ihm passt und alles andere nicht beachtet, da mir akademisches Arbeiten, bei dem als wichtig erachtet wird, wer was wie wo und in welchem Zusammenhang geäussert hat, wenig bedeutet, bin ich verblüfft, wie spannend sich dieses Buch liest. Dazu kommt, dass die Lektüre überaus anregend ist, was auch daran liegt, dass Philipp Felsch weit über sein Hauptthema hinausgeht und vielfältige wie auch nützliche Einsichten, etwa über Italien – „Die Familie erklärt in Italien alles, sie rechtfertigt alles, und sie bedeutet alles“, so Leonardo Sciasca – vorlegt sowie über die sogenannt tonangebenden Intellektuellen der damaligen Zeit wie Togliatti, Sartre, Calvino und andere mehr.

Apropos tonangebende Intellektuelle: Bei den Nietzscheologen, unter denen Missgunst und Eitelkeiten so verbreitet sind wie überall sonst auf der Welt, waren Colli und Montanari alles andere als willkommen, wie Professor Felsch in seiner Einleitung deutlich macht.

Zudem – und dies ist, was mir die Lektüre unter anderem wertvoll macht – werde ich auch mit den Gedanken Gramscis („Ohne ein neues Denken, ohne eine hohe Kultur kann in der modernen Welt keine einzige politische Bewegung erfolgreich sein“, so Luigi Rossos Fazit aus Gramscis Überlegungen) und Lukács vertraut gemacht, der die Auffassung vertrat, Nietzsches gesamtes Werks sei ein Angriff auf die fortschrittlichen Kräfte des Sozialismus.

Angesichts der Tatsache, dass jeder in Nietzsche hineinliest, was er will – Wir sehen die Dinge nicht, wie sind, wir sehen sie, wie wir sind, heisst es im Talmud – ist das Unterfangen von Colli und Montanari höchst einleuchtend. Gleichzeitig scheint mir die Vorstellung, einen Menschen mittels seiner Aufzeichnungen erfassen zu können, gänzlich absurd. Besonders eingedenk Nietzsches Satz: „Ich mache mir aus einem Philosophen gerade so viel als er imstande ist ein Beispiel zu geben.“ Hält man sich dann noch vor Augen, was in Jenseits von Gut und Böse zu lesen ist: „Schreibt man nicht gerade Bücher, um zu verbergen, was man bei sich birgt?“, oder nimmt man seine berüchtigte Parole der Überschreitung: „Nichts ist wahr, alles ist erlaubt“, mag man sich gelegentlich schon fragen, woher bloss die Vorstellung kommt, man könne einen Menschen und sein Werk verstehen?

Selten ist mir deutlicher geworden, dass Nietzsches apodiktische Sätze vor allem als Aufforderungen an sich selber zu verstehen sind. Etwa aus der Fröhlichen Wissenschaft: „Wir gehören nicht zu Denen, die erst zwischen Büchern, auf den Anstoss von Büchern zu Gedanken kommen.“ So konnte Montinari zum Beispiel nachweisen, dass Nietzsche, der bis zu seinem Tod ein hungriger Leser geblieben war, Gedanken von Wagner, Tolstoi und Renan übernommen hatte.

Wie Nietzsche aus der Kälte kam ist ein sehr spezielles und überaus erhellendes Buch. Einmal, weil die Ausgangslage aussergewöhnlicher kaum sein könnte: Da lädt der Direktor der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur im ostdeutschen Weimar zwei mangelhaft Deutsch sprechende Italiener, die nicht über einschlägige Qualifikationen verfügten, ein, sich des Nietzsche-Archivs anzunehmen. Dann aber auch, weil diese kenntnisreiche Darstellung höchst differenziert aufzeigt, was es von Nietzsches Nachlass und dem Umgang mit ihm, alles zu wissen gibt.

Philipp Felsch
Wie Nietzsche aus der Kälte kam
Geschichte einer Rettung
C.H. Beck, München 2022

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Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019), Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021), Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022).

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