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Erste Schritte

Guy Deutscher: Die Evolution der Sprache

Die Bücher, bei denen mich schon die ersten Seiten ständig zustimmend schmunzeln lassen, sind rar; das vorliegende gehört eindeutig dazu. Das liegt an Sätzen wie „Oft scheint die Sprache mit derartigem Geschick entworfen worden zu sein, dass man sich kaum vorstellen kann, sie sei etwas anderes als die vervollkommnete Schöpfung eines Handwerksmeisters.“  Oder: „Die Sprachmaschine gestattet es so ziemlich jedem – vom prämodernen Jäger in grauer Vorzeit bis hin zu postmodernen Intellektuellen in grauer Vorstadt – , diese bedeutungslosen Laute zu einer unendlichen Vielfalt subtiler Bedeutungen zu verknüpfen, und das alles anscheinend ohne die geringste Mühe.“

Guy Deutscher will mit diesem Buch „einige Geheimnisse der Sprache enthüllen und versuchen, das Paradox dieser grossen Erfindung, die nicht erfunden wurde, aufzulösen.“ Doch wie will man eigentlich Verbindliches über die Herausbildung komplexer Sprachen herausfinden, also über etwas, das sich in vorgeschichtlicher Zeit zugetragen hat? Indem man sich eines Grundaxioms bedient, mit dem auch dîe Geologie operiert, also von der Gegenwart ausgeht, denn die Gegenwart ist der Schlüssel zur Vergangenheit.

Ob die Sprache angeboren ist, streiten sich Linguisten noch heute, was hauptsächlich daran liegt, dass niemand wirklich weiss, was genau im Gehirn verankert ist. Fakt ist jedoch (und darüber wird nicht gestritten), dass Kinder sich jede beliebige menschliche Sprache aneignen können. „Man nehme ein menschliches Baby von irgendeinem Ort des Globus und setze es an einem beliebigen anderen Ort ab, auf der indonesischen Insel Borneo beispielsweise, und in wenigen Jahren wird es heranwachsen und fliessend und fehlerlos Indonesisch sprechen.“

Um sich verständigen zu können, genügt es bekanntlich nicht, einfach Wörter aneinanderzureihen. Entscheidend ist vielmehr wie die Worte aneinandergereiht werden. Vertauscht man ein Wort, ändert sich die Bedeutung eines Satzes. So hat man etwa Entwicklungshilfe definiert als Transfer von Geld „von armen Menschen in reichen Ländern zu reichen Menschen in armen Ländern.“

Wie alles andere so befindet sich auch die Sprache im ständigen Wandel. Viele dieser stetigen Veränderungen nehmen wir gar nicht wirklich wahr, doch wenn wir einmal innehalten (was ganz generell ein gute Idee ist) und uns die Zeit nehmen, einige Sprachphänomene etwas genauer zur betrachten, so stellen wir unschwer fest, dass sich da ganz Eigenartiges tut. Nehmen wir ein Wort wie „irre“, das heutzutage für „es ist ja unglaublich“ (im negativen Sinne) bis zu „das ist so was von super“ (im positiven Sinne) gebraucht wird. Schon eigenartig, dass ein Wort, das einst für „geistesgestört“ stand, so schnell seine Bedeutung gewechselt hat.

Wie immer und überall: Der Wandel geschieht in einem Kontext und ist in diesem meist verständlich, wobei ein besonderes Problem die Präpositionen stellen, wie dieses Beispiel sehr schön illustriert: „Ein junger Mann bremst neben einem Türken und fragt: ‚Sag mal, wo geht’s hier nach Aldi?‘ ‚Zu Aldi‘, entgegnet der Türke. Darauf der junge Mann: ‚Was denn, schon Feierabend?'“

Gemäss den Fachleuten ist der Sprachwandel oft ein Wandel zum Schlechten. „Sprachen haben ebenso wie Regierungen eine natürliche Neigung zur Entartung“, so Samuel Johnson. Viele sehen Anglizismen als Hauptgefahr. So meinte E. Siewert in der Süddeutschen Zeitung, Luthers Worte „hier stehe ich, ich kann nicht anders“ müssten  in einer zeitgemässen Fassung heissen:  „Dies ist mein Statement. Ich sehe keine Alternative. Der Superboss im Heaven möge mir assistieren! Und tschüss!“

Die Evolution der Sprache ist eine wahre Fundgrube an Erhellendem und Aufschlussreichem. Und es ist ein überaus witziges Werk. „Eine Frau im Laden: ‚Kann ich das Kleid im Fenster anprobieren?‘ Die Verkäuferin: ‚Sicher, aber wir haben auch Umkleidekabinen.'“ Zudem geht dieses Buch so recht eigentlich weit über die Sprache hinaus und bietet höchst Lehrreiches in Sachen Wahrnehmung bzw.  Welt- und Lebensorientierung. Konkret: „Wäre es nicht möglich, wiederkehrende Muster in der wachsenden Masse an neuen Informationen ausfindig zu machen, dann würde unser Verstand einfach an Details ersticken.“

Guy Deutscher
Die Evolution der Sprache
Wie die Menschheit zu ihrer grössten Erfindung kam
C.H. Beck, München 2022 

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Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019), Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021), Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022).

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