Es gibt Bücher, da wird man sofort hinein gesogen und gleichsam gefangengenommen von einer Atmosphäre, die etwas Magisches an sich hat, und das liegt nicht an der Geschichte, die erzählt wird, es liegt an den Bildern, die sich im Kopf formen, wegen Szenen, Sätzen, Dialogen, die einen die Geschichte fast vergessen machen oder jedenfalls in den Hintergrund drücken. Driver 2 gehört zu diesen Büchern und James Sallis schafft es, einen Film in meinem Kopf ablaufen zu lassen, der mich glauben lässt, ich selbst sei in der Wüste in Arizona.
Was mir Sallis vermittelt, ist ein Lebensgefühl. Verloren, frei und gegenwärtig. Und das klingt dann so:
„Irgendwo dazwischen, vielleicht auf halbem Weg den Block hinunter oder während er eine Strasse überquerte, irgendwann zwischen den ersten Sonnenstrahlen und der einsetzenden Dunkelheit wurde ihm klar, dass er nicht in sein altes Leben zurückkehren würde.“
Oder so:
„’Sieht so aus, als ob die Wüste und eine lange Mondscheinfahrt auf dich warten.‘
‚Ganz klar oben auf der Liste.‘
‚Wenn es soweit ist, geniesse jede Minute.‘
‚Mach ich.‘
‚Sind die besten Stunden im Leben, nur du und die Strasse, während du den ganzen Scheiss hinter dir lässt.‘
‚Klar.‘
Der Mann nickte kurz und ging davon.
Waren es wirklich die besten Stunden? In vielerlei Hinsicht absolut. Da draussen zu sein, ungebunden und frei, fast wie im Flug, fort von allem, was sich solche Mühe gab, einen festzuhalten. Wenn man dieses Gefühl erst einmal kennengelernt hatte, kam man nie wieder darüber hinweg und nichts kam diesem Gefühl auch nur annähernd gleich.“
Oder so:
„’Meinungen sind wie Arschlöcher‘, pflegte Shannon immer zu sagen, ‚jeder hat eine. Aber Überzeugungen, das ist eine ganz andere Nummer – Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.‘ Letzteres war von Nietzsche, obwohl das Driver damals nicht wusste.“
Daseinssteigerung sei der Sinn von Literatur, meinte Martin Walser kürzlich in einem Interview. Und genau das ist auch, was dieser schmale Band von James Sallis leistet.
| James Sallis Driver 2 Liebeskind, München 2012 |