Tuomas Oskari: Im Sturm der Macht

Diesem Thriller sind Fakten vorangestellt: Am Kongress der International Association of Democratic Lawyers (IADL) im Oktober 2000 in Havanna, unterzeichneten die versammelten Juristen ein Abschlussdokument, in dem sie ihre Mitglieder aufforderten, sich dem unregulierten Kapitalismus und der neoliberalen Globalisierung in den Weg zu stellen. Mit anderen Worten: Im Sturm der Macht ist ein Thriller, der sich wesentlich mit den von Menschen geschaffenen und einer kleinen Elite dienenden Verhältnissen auseinandersetzt. Und dies ist sehr, sehr ungewöhnlich für einen Thriller – und überaus begrüssenswert!

Der ehemalige finnische Ministerpräsident Leo Koski wird von einem einflussreichen Anwalt aus seinem spanischen Exil zurück nach Finnland gelockt. Er soll seiner ehemaligen Konkurrentin und heutigen Geliebten, Emma Erola, die sich vor Gericht verantworten muss, beistehen. Doch dann zeigt sich, dass nicht der Anwalt, sondern jemand Unbekannter Leo Koskis Rückkehr veranlasst hat.

Es ist dies ein Kennzeichen von Tuomas Oskaris Thrillern, das er bereits in Tage voller Zorn verwendet hat: Die Strippenzieher agieren im Verborgenen. Ein Verschwörungstheoretiker ist der Autor jedoch beileibe nicht, vielmehr zeigt er gekonnt auf, dass wirtschaftliche Interessen (sprich Gier) besonders die Menschen leiten, denen es wirtschaftlich bestens geht.

Gleichzeitig geschehen noch ganz andere Dinge: Ein hoher Richter wird von einem rechtsextremen Killerkommando, das von einem Ex-Polizisten angeführt wird, der seine Befehle anonym erhält, ermordet. Dieser anonyme Einflüsterer (eine weitere Spezialitat des Autors) plant Grosses, doch die dafür vorgesehene Gruppierung wird von einer Wissenschaftlerin ausspioniert, die allerdings auffliegt. Erst zum Schluss wird enthüllt, wer an den Strippen zieht.

Im Sturm der Macht ist spannend erzählt, reich an überraschenden Wendungen, und als Polit-Thriller insofern aussergewöhnlich, weil das, was zurzeit die Welt umtreibt (in diesem Falle: die Migration und der Rassismus von Rechts) viel Raum einnimmt. Dabei zeigt sich, dass die Rechten den Puls der Bevölkerung bestens spüren, ihn allerdings zu Zwecken verwenden wollen, die so ziemlich gar nicht im Interesse der Bevölkerung liegen. Das Gleiche gilt auch für die Linke, wie dieser Thriller zeigt.

Dass die Demokratie in Gefahr sei, hat jeder, der Medien konsumiert, schon einmal gehört. Dass vor allem die Kreise, die in den Institutionen ihr Auskommen finden, glauben, der Staatsapparat würde diesen Angriffen standhalten können, sollten diesen Thriller lesen, der unter anderem unterstreichtt, dass dieser Apparat keinewegs von der Politik unabhängig agiert, sondern von ihr instrumentalisiert wird.

Besonders aufschlussreich ist, wie Tuomas Oskari den gegenwärtigen historischen Umbruck in Europa schildert, den er mit der Geschichte Kubas vergleicht, das etliche solcher Umbrüche erlebt hat. „Es hatte Reichtum und Armut in ihren extremsten Formen gesehen. Harmonie und Kämpfe. Spannungen und ihre unerwartete Entladung. Kuba war Heimstatt für Piraten und Schmuggler und hatte später im Kalten Krieg eine zentrale Rolle gespielt als ein Ort, an dem sich die Ideen aus Ost und West begegneten.“ Im Sturm der Macht bietet auch vielfältige politische Aufklärung, auch auf spielerische Art und Weise. So tritt etwa eine kubanische Scharfschützin auf, die Fotos schiesst … Ein Hinweis fürs Lektorat:: La Zorra y el Cuervo heisst nicht Der Fuchs und der Rabe, sondern Die Füchsin und der Rabe.

Tuomas Oskari ist ein Aufklärer. War es in Tage voller Zorn die Ökonomie, die er den Lesern (und Leserinnen) nahebrachte, ist es diesmal die Geschichte: Die Parallelen zwischen Deutschland zwischen den beiden Weltkriegen und heute sind in der Tat augenfällig.

Im Sturm der Macht ist sowohl packender Polit-Thriller, berührende Liebesgeschichte wie auch überzeugendes Plàdoyer, sich für mitmenschliche Werte zu engagieren. Grossartig!

Tuomas Oskari
Im Sturm der Macht
Thriller
Lübbe, Köln 2023

Jacob Weinreich / Lars Findsen: Dunkelmann

Was mir zuerst auffällt: Die Buchgestaltung ist echt toll: Dunkler Farbschnitt, durchschnitten von gelben Linien, mit denen auch der Titel gestaltet worden ist. Sehr gelungen, sehr ansprechend.

Die junge Agentin Maja Birk ist auf Erkundungstour in der Türkei, was den Autoren Lars Findsen, lange Jahre Chef des dänischen Geheimdienstes, und Jacob Weinreich, Autor verschiedener Bestseller und Drehbücher (so der Klappentext), auch die Gelegenheit zum Zitieren des türkischen Sprichwortes Wenn das Haus fertig ist, kommt der Tod gibt, eines ziemlich morbiden Satzes, der die philosophische Wahrheit sehr eigenwillig bzw. sehr türkisch wiedergibt: „Es gibt nichts Gefährlicheres als am Ziel zu sein. Das Wichtigste ist immer weiterzumachen, in Bewegung zu bleiben, Schritt für Schritt, Tag für Tag.“

Überaus treffend wird auch die Türkei als ein riesiges, chaotisches, lautes und oft unmögliches Land, „das sich nie so richtig entscheiden konnte, ob es nun zu Europa, dem Nahen Osten oder einer ganz anderen Region gehörte. Ein Land, das wie ein enfant terrible mit seiner Position am Rande der westlichen Zivilisation regelrecht prahlte.“ Treffender geht kaum!

Dann werden Maja und ihr Kollege Ramin, der einen USB-Stick mit chinesisch-iranischen Gesprächen aus dem Iran geschmuggelt hat, auf der Fahrt vom Osten der Türkei nach Antalya von der Strasse gedrängt. Ihre Mission scheint gescheitert. Maja wacht in einem Spital auf; auch Ramin habe überlebt, wird ihr gesagt. Majas Kollege Daniel Hartmann muss in Kopenhagen Majas Lebensgefährten Jonas über den Unfall informieren. Es sind auch solche realistischen Szenen (Jonas will partout nicht einsehen, weshalb er nicht persönlich mit Maja sprechen kann), die diesen Thriller von vielen anderen, in denen so etwas gar nie zur Sprache kommt, unterscheiden.

Dunkelmann, ganz im Gegensatz zu den meisten Thrillern, ist nah an der Realität, und ganz besonders nahe an der Realität der Geheimdienste, deren Aufgabe in Demokratien, die Transparenz verlangen, nicht gerade einfach ist. Auch kommt der Alltag der staatlichen Institutionen prominent zur Sprache: Die politischen Manöver, die persönlichen Intrigen, der Neid und die Missgunst.

Daniel Hartmann, mit einer Journalistin verheiratet, die sogenannt Geheimes nicht geheim lassen will, hat Asienwissenschaften studiert, zuerst mit dem Fokus auf Japan, später dann auf China. Dunkelmann bringt wesentliche Aspekte der Weltpolitik auf den Punkt. „Wenn die USA ein hart zuschlagender Boxer sind, der darauf abzielt, durch einen Knock-out zu gewinnen, dann ist China ein raffinierter Schachspieler. Noch dazu ein ziemlich erfolgreicher.“

Eine chinesische Delegation wird in Kopenhagen erwartet, die sich auffällig für ein Forschungsprojekt zum Nordpolarmeer von Grönland interessîert. Ein Mitglied, den die Delegation angemeldet hat, scheint jedoch gar nicht zu existieren. Daniel Hartmann bemüht sich, die chinesische Doktorandin Jia Ling anzuwerben, allerdings ohne zu wissen, dass sie bereits für China spioniert.

Dunkelmann ist nicht nur ein packender Thriller, sondern bietet auch fundierte politische Aufklärung. So wurde etwa Jia Ling beigebracht, dass die Demokratie zum Scheitern verurteilt ist. „Wie soll ein Politiker die richtigen Entscheidungen treffen, wenn er immer befürchten muss, abgewählt zu werden? Gerade die vernünftigsten Entscheide sind bei der Bevölkerung oft unbeliebt, aber eine Gesellschaft ist abhängig von der Vernunft. Darum ist Demokratie im Kern ein irrationales Konstrukt, das letztlich zu einer verkommenen und nutzlosen Gesellschaft führt.“

Zudem ist Dunkelmann auch witzig. Da Jonas, der so ziemlich gar nicht damit klarkommt, dass Maja über das, was sie tut, Stillschweigen zu bewahren hat, insistiert er auf eine Paartherapie, der Maja schlussendlich zustimmt. „Die Frau ist fast zu schön, um Paartherapeutin zu sein, denkt Maja. Es erscheint ihr jedenfalls nicht gerade hilfreich für ein zerrüttetes Paar, das hier auf dem Sofa sitzt, wenn der Kerl nur noch Augen für die Therapeutin hat.“

Dieser Fall für Birk und Hartmann, so der Untertitel, ist ungemein vielschichtig und ausgesprochen lehrreich sowie hervorragend geeignet, Klischeevorstellungen zu korrigieren. So erfährt man etwa, dass Chinesen so uniform gar nicht sind, wie wir uns das in der Regel vorstellen: Jia Ling fragt sich, weshalb ihr Bruder Cheng nie Zweifel am System hat. Weil er wisse, so Cheng, dass das System ihn brauche, und sie auch. Doch Jia scheint nicht so systemtauglich wie die meisten, sei es in China oder anderswo.

Fazit. Ein aussergewöhnlich fesselnder Thriller über die dunkle Politik der Grossmächte, sowie darüber, dass das Private auch politisch und das Politische auch privat ist.

Jacob Weinreich / Lars Findsen
Dunkelmann / Ein Fall für Birk und Hartmann
Thriller
Scherz, Frankfurt am Main 2026

Hans Rosenfeldt: Die Farm der Mädchen

Zwei schwangere Frauen sind auf der Flucht, die eine verliert ihr Kind im Wald, sie hetzen weiter. Die Polizistin Hannah Wester, deren Mann, ebenfalls Polizist, im Dienst erschossen wurde, kommt nach einer Auszeit zurück zur Arbeit. Soweit die Ausgangssituation.

Hannahs Mutter war sehr eigen, ihr Vater ist nicht mehr richtig im Kopf, sie plant ihn unmündig erklären zu lassen. Ein spielsüchtiger, verschuldeter Gynäkologe, der in den Handel mit Kindern verstrickt ist, und dessen Boss von ihm verlangt, dass er das tote Baby im Wald aufspürt. Autor Hans Rosenfeldt lässt Die Farm der Mädchen ziemlich verwirrend angehen; ich jedenfalls brauche so meine Zeit, bis ich die grossen Linien verstehe, die verschiedenen Rückblenden erleichtern die Lektüre auch nicht gerade.

Als Thriller überzeugt mich Die Farm der Mädchen wenig, doch die einzelnen Episoden find ich packend und gelungen. Wie etwa der spielsüchtige Gynäkologe sich selber von jedem Unsinn zu überzeugen weiss, ist überaus typisch für Süchtige. Gekonnt führt Hans Rosenfeldt den Selbstbetrug, den wohl verbreitetsten Charakterzug, an zahlreichen Beispielen vor. Am Polizisten, der seiner Freundin, die unbedingt Kinder haben will, nicht gestehen kann, dass er sich hat unterbinden lassen. Am Vater von Hannah Wester, der sich in eine psychische Krankheit rettet, die als Capgras-Syndrom bezeichnet wird. An den beiden aus Moldawien stammenden jungen Frauen Natalia und Dardana, die auf ein besseres Leben hoffen und für Fremde Kinder austragen. Am Staatssekretär im Aussenministerium, der erpresst wird.

Die Farm der Mädchen ist ein Lehrstück über Geld und Gier, die beiden Antreiber des kapitalistischen Systems, dargestellt am Kinderhandel. Moral ist keine Triebfeder des modernen Lebens, in dem der Imperativ ‚Ich will‘ dominiert. Und dass dabei die Reichen in den reichen Staaten (in diesem Fall Schweden), die Armen in den armen Staaten ((in diesem Fall Moldawien) ausnehmen, wobei Verbrecherbanden und Killer als Mittler fungieren, geschieht auch ohne irgendwelche Skrupel.

Hans Rosenfeldt beherrscht das Thriller-Handwerk. Ständig wechselnde Schauplätze, verschiedene Alltagsschicksale wechseln sich ab mit spannungsgeladenen Begegnungen – das wird routiniert erzählt. Ein Airbnb, das ganz anders aussieht als die Werbung, Drogen, Klein- und Grosskriminelle – nichts, das man für Geld nicht tun würde und bekommen könnte. Kaum etwas, das die moderne Welt auf Trab hält, wird ausgelassen, was auch dazu beiträgt, dass sich in Thrillern oft ein realistischeres Bild unserer Zivilisation zeigt, die dies allerdings nur dem Namen nach ist, als es die Medien und noch so viele akademische Forschungen zustande bringen.

Eine undurchsichtige verbrecherische Organisation, die im Kinderhandel aktiv ist und an die Mafia erinnert, eine eiskalte Killerin mit Herz, Polizisten mit persönlichen Problemen, wohlangesehene Bürger mit Suchtproblemen, randständige Drogensüchtige, und und und – Die Farm der Mädchen lässt so ziemlich gar nichts aus, was einem Thriller ganz viele thrills verschafft.

In der zweiten Hälfte nimmt die Geschichte enorm an Fahrt auf, die Ereignisse überschlagen sich, die vermeinlich gewonnenen Gewissheiten lösen sich auf. Und recht vieles kommt so ganz anders als dass man es sich vorgestellt hat.

Hans Rosenfeldt
Die Farm der Mädchen
Thriller
Rowohlt, Hamburg 2026

Moa Berglöf / Joakim Zander: Die Stockholm Protokolle

Moa Berglöf arbeitet als Redakteurin, Joakim Zander gelernter Jurist, verfügt über Erfahrungen aus der Europapolitik und ist Autor von Ein ehrliches Leben. Mit Die Stockholm Protokolle legen die beiden einen Thriller vor, der in der Medienwelt und der Politik angesiedelt ist, zwei Gebieten also, in denen sie sich auf vertrautem Terrain befinden, was man bereits auf den ersten Seiten merkt, in denen auch der gnadenlose Konkurrenzkampf sowohl in der Politik als auch in der Medienbranche zur Sprache kommt.

Die Protagonisten der Stockholm Protokolle sind die Investigativjournalistin Julia und ihr Mann Alfred, der gerade zum Pressesprecher des Ministerpräsidenten gewählt wurde, was, wie Julia argwöhnt, wohl in erster Linie einem strategischen Kalkül zu verdanken ist, um sie kaltzustellen, weil die Politikmaschinerie ihre Recherchen, insbesondere die über den Ministerpräsidenten, fürchtet. Am Rande: Pressesprecher werden offenbar Vogelscheuchen genannt. „Der Pressesprecher des Ministerpräsidenten hat den Job, die Vögel zu verscheuchen, sie nicht landen und mit ihren Schnäbeln nach Samen picken lassen. Wer weiss schon, was sie dann finden?“

Es ist eine spannende Geschichte über die Machenschaften, die hinter der öffentlichen Fassade vor sich gehen. Sicher, dass die Politik ein Drecksgeschäft ist, das wussten wir, wie jedoch das Autorenpaar das politische Haifischbecken schildert, ist derart detailliert und kenntnisreich erzählt, dass man ein veritables politisches Aufklärungsbuch in Händen hält, notabene ein überaus packendes.

Angetrieben von Missgunst, Neid und Gier sind Politiker in einer sehr eigenen Welt unterwegs, die mit dem, was sie zu sein vorgibt (den Bürgerwillen nach bestem Wissen und Gewissen umzusetzen), nicht einmal ansatzweise etwas zu tun hat. „Sie sind in der Politik gross geworden, sie kennen jedes kleine Detail darüber, wie das Machtspiel funktioniert, seit sie klein gewesen sind. Sie können nichts anderes.“ Sie fühlen sich der sogenannt obersten Liga zugehörig, wissen sich zu verkaufen und verachten die Wähler.

Zu den eindrücklichsten Szenen in diesem Thriller gehören die unablässigen Kämpfe um einen Platz im Scheinwerferlicht bzw. nahe beim Ministerpräsidenten. Selten wurde mir so deutlich vor Augen geführt, dass Politik nichts als eitles Theater ist, bei dem es wesentlich um Kontakte und Beziehungen, um Loyalität geht. „Was man über wen weiss. Und wozu man mit diesem Wissen bereit ist.“

„Man weiss bei einem Meeting nur, dass es nicht über das gehen wird, was sie sagen.“, gehört zu den Sätzen, die man sich merken sollte. Weil dies auch auf die Nachrichten zutrifft, die nie davon berichten, worum es wirklich geht. Nicht, weil dauernd an Verschwörungen gebastelt wird, sondern weil Leute, die von Aufmerksamkeit und Macht nicht genug kriegen können, Süchtige sind. Und Sucht, die täglich praktizierte, auch wenn viel darüber zu lesen ist, ist tabu.

Julia ist nicht nur schmutzigen Geschäften auf der Spur, Alfred nicht nur dabei, sich die skrupellosen Methoden des Politikbetriebs anzueignen, beide sind auch Eltern von zwei kleinen Kindern, die nach Aufmerksamkeit verlangen. Ein Thriller, der den Alltag nicht ausblendet. Eine Rarität!

Politiker, die aufsteigen, lassen nicht nur ihre Vergangenheit, sondern oft auch Weggefährten hinter sich. Zu den Weggefährten, die Ministerpräsident Christian Bratt in Brüssel zurückgelassen hat, gehört auch sein Assistent Fredrik Krantz. Als gewiefte Intestigativjournalistin ist sich Julia sicher, dass es da einige Verletzungen gegeben hat und offene Rechnungen zu begleichen sind. Sie schafft es, dass Krantz sich bereit erklärt, mit ihr zu sprechen.

Zwischenzeitlich macht Alfred in seinem neuen Job Erfahrungen, die seine Neugier anstacheln. Als er und Julia schliesslich ihre unabhängig voneinander gewonnenen Erkenntnisse teilen, dämmert es ihnen, dass sie selbst zur Zielscheibe geworden sind …

Die Stockholm Protokolle führt mitreissend vor, wie es hinter den Kulissen der inszenierten Politik zu und her geht. Und macht dabei auch klar, dass die offiziellen Aushängeschilder vor allem der Ablenkung dienen, da die medial aufbereitete Politik allein der Täuschung dient.

Ein packendes, grandioses, politisches Lehrstück, unbedingt empfehlenswert!

Moa Berglöf / Joakim Zander
Die Stockholm Protokolle
Gefährliche Beziehungen
Rowohlt, Hamburg 2026

M.W. Craven: Die Witwe

Nach Der Gourmet und Der Kurator ist Die Witwe mein dritter Krimi von M.W. Craven, in dem DS (was vermutlich für Detective Sergeant steht) Washington Poe und die Analytikerin Tilly Bradshaw die Hauptrollen spielen. Auch der MI5 sowie die FBI-Agentin Melody Lee spielen prominent mit in dieser spannend erzählten Geschichte voller überraschenden Wendungen. Die Witwe wurde von der britischen Crîme Writers‘ Association 2023 zum besten Thriller des Jahres gewählt.

Zum Auftakt steht Poe vor Gericht. Die Gemeinde will ihn von ihrem Gebiet, wo er ohne Bewilligung eine Scheune umgebaut hat, weghaben. Wie das ausgeht soll hier nicht verraten werden, doch soll Poes Geisteshaltung geschildert werden, auf dass sich dem geneigten Leser nicht nur erschliessen möge, weshalb M.W. Craven ein begnadeter Krimi-Autor ist, sondern auch aufzeigt, dass wir uns an Absuditäten gewöhnt haben, die uns als normal verkauft werden. Etwa, dass englische Richter Perücken tragen. Oder „dass Polizisten grundsätzlich mit Misstrauen begegnet wurde, wenn sie als Zeugen aussagten.“ Oder „dass es sogenannten Experten erlaubt wurde, Entscheidungen zu zerpflücken, die innerhalb eines Sekundenbruchteils getroffen worden waren.“ Poe kotzt das an. Es sollte uns alle ankotzen.

Eigenwillig und unangepasst ist dieser Washington Poe. Seine Kollegin Tilly Bradshaw ist dann noch einmal eine andere Kategorie von eigen, da sie, hochintelligent, immer ausspricht, was ihr gerade so durch den Kopf geht. Das ist den wichtigtuerischen Diplomaten eindeutig vorzuziehen. Doch Tilly ist auch sonst aussergewöhnlich, sie verfügt über ein exzellentes Gedächtnis und über analytische Fähigkeiten, die ziemlich einzigartig sind.

Es sind diese beiden Charaktere, die diesen Kriminalroman wesentlich prägen und ihn zu einer packenden Lektüre machen, stehen sie doch für vieles, was wir in unseren normierten Leben vermissen.

Worum geht es? Ein Mord in einem Hinterhof-Bordell in Carlisle, für den sich auch das FBI interessiert. Eine Keramikratte wird am Tatort vorgefunden. Tilly erinnert sich an einen viele Jahre zuückliegenden Banküberfall, bei dem ebenfalls eine Keramikratte zurückgelassen wurde. Da gibt es offenbar einen Zusammenhang, doch was für einen? Und weshalb micht sich der MI5 und das FBI ein?

Die sogenannten Führer der Welt werden in Cumbria für einen ihrer Gipfel erwartet. Deshalb wird auch das FBI aktiv. Als Rückversicherung, damit nichts schiefgeht. Der Tote war Helikopterpilot mit eigener Firma, die er zusammen mit einem Partner betrieb, und sollte beim Politikergipfel zum Einsatz kommen. Doch der Tote war nicht irgendein Helikopterpilot …

Die Witwe ist ein vielschichtiger Text, der unter anderem von Antiquitätenschmuggel, Hehlerei, dem Afghanistan-Krieg sowie vom Handel mit vom Gesetz Verbotenem erzählt, bei dem (wie fast immer) die Falschen kriminalisiert werden. „Nicht die Plünderer sind das Problem, sondern die Sammler. Genau wie bei Kokain erzeugt die Nachfrage das Angebot.“

Eigenwilligen Menschen wie Poe und Tilly ist es nicht gegeben, mit anderen gut zusammenzuarbeiten, es sei denn, diese anderen geniessen ihren Respekt. Das trifft auf die FBI-Agentin Melody Lee zu, auf die meisten MI5’Agenten, und speziell die Agentin Hannah Finch, hingegen nicht (sie läutert sich im Verlaufe der Geschichte). Interessant ist auch, dass Autor M.W. Craven das obere Führungspersonal als kompetent schildert, was in der Realität definitiv selten der Fall ist.

Neben den originellen Hauptfiguren sind es die Alltagsdetails, die diesen Kriminalroman auszeichnen. „Paulina Tuchlin war Polin, lebte jedoch mit einer rechtmässigen Aufenthaltsgenehming im UK. Das war das Erste, was sie sagte, als sie in das saubere, moderne Vernehmungszimmer trat.“ Oder: „Das erste Anzeichen dafür, dass sie sich dem Schauplatz des Gipfels näherten, erblickten sie, als sie an einer kleinen Schar Demonstranten vorbeikamen.“

Fazit: Originell und packend, mit meinungsstarken und gewitzten Protagonisten.

M.W. Craven
Die Witwe
Kriminalroman
Droemer, München 2026

Garry Disher: Zuflucht

Der erste Satz, bei dem ich hängengeblieben bin: „Grace’ Gier und Konzentration waren intensiv, aber ihr Blick verriet nichts dergleichen, und ihr Lächeln war dünn und höflich.“ Ein Profi, denkt es so in mir, unauffällig und kontrolliert. Unterwegs wie eine Kriegerin, hellwach, jederzeit auf alles gefasst. Dazu geistesgegenwärtig. Als sie nachts alleine durch die Strassen von Brisbane streunt und sie ein Autofahrer abschleppen will: „»Ich mache erst ein Foto von Ihnen und Ihrem Nummernschild«, sagte sie, griff in ihre Tasche, und er raste mit quietschenden Reifen davon.“

Grace ist eine Meisterdiebin. Ins Diebeshandwerk eingeführt worden ist sie von Adam Garrett. Sie haben sich im Unguten getrennt. Als sie ihn Jahre später bei einer Ausstellung teurer Briefmarken sieht, flüchtet sie. Ein Bekannter von Adam, der ausgesprochen tölpelhaft für eine Privatermittlerin im Einsatz ist, ist zufällig auf Grace gestossen. Adam nimmt die Verfolgung auf. „Ihm ging auf, dass er eigentlich nicht recht wusste, was er ihr antun wollte, falls und wenn er sie fand – außer, dass er sie irgendwie bestrafen wollte.“

Zuflucht spielt in einer Welt „aus Männern und Frauen, die in den dunkleren Ecken dieser Welt agierten. Briefmarken, Münzen, Kunst und Antiquitäten. Händler und Sammler, die nicht über normale Kanäle operierten; auf Kunstdiebstähle spezialisierte Detectives mit Schulden oder zweifelhaften Gewohnheiten; Restauratoren, Fälscher.“

Garry Disher zeigt nicht nur ein wohl vielen unbekanntes Australien, sondern auch eine Frau, die sich die Kompetenz für ihr Diebesleben selbst erworben hatte, „in dessen Verlauf sie ein Verständnis für den Dollarwert von Gemälden, Silbersachen, alten Münzen, Briefmarken und Edelsteinen entwickelt hatte. Noch wichtiger aber war, dass sie ein natürliches Verständnis für den inneren Wert eines jeden einzelnen Gegenstands hatte: seine historische und kulturelle Bedeutung; seine Schönheit.“

Grace will sich neu orientieren. Dazu gehört, sich zurückzuziehen. In einer Kleindtadt in Südaustralien sieht sie bei Mandel’s Collectibles, einem Trödlerladen, eine Stelle ausgeschrieben und bewirbt sich. Erin Mandel, die Besitzerin, stellt sie auf die Probe; Grace besteht die Prüfung. Wie der Autor dieses Bewerbungsgespräch schildert, macht klar, weshalb Garry Disher eine Klasse für sich ist: Kenntnisreich, smart und humorvoll. Und auch wie er den Trödlerladen schildert, ist so recht eigentlich ziemlich einzigartig. Man wähnt sich vor Ort und mittendrin.

Im Laufe der Geschichte zeigt sich dann, dass nicht nur Grace, sondern auch Erin ein Geheimnis hat. „Die blanke Ironie: Sie war bei einer Frau untergetaucht, die untergetaucht war.“

Zwischendurch geht Grace auf Beutezüge, für die sie sich metikulös vorbereitet. Nichts überlässt sie dem Zufall. Das liest sich streckenweise wie eine überaus gelungene Anleitung zum erfolgreichen Stehlen.

Doch nicht allein die Geschichte von Grace und Adam wird ezählt, sondern auch die des Polizisten Des Liddington, der kurz vor seiner Pensionierung von der Strasse gedrängt wird, sowie von Brodie Hendren, der im Darknet unterwegs ist. Seit ihn seine Freundin verlassen hat, sinnt er auf Rache. Wie Adam Garret, so ist auch Brodie Hendren abzockerisch unterwegs. Gelegenheiten, so lernt man in diesem Buch, das reich an sarkastischen Kommentaren zur Welt und den Trotteln, die sie bevölkern, ist, gibt es wahrlich genug.

Die Männer in diesem Kriminalroman sind nicht gerade die hellsten, mässig begabt, von zweifelhaftem Charakter. Angetrieben vom Willen zu überleben, wursteln sie sich so durch. Sie sind auf eine Art und Weise street smart, die Garry Disher hervorragend zu vermitteln weiss. Dazu kommt, dass er die einzelnen Erzählstränge geschickt zu verknüpfen versteht. Besonders ansprechend sind die zahlreichen Details (Handy-Klau per Skateboard, Long Covid, Frauenhäuser, Kontrollfreaks …), die ein Bild der modernen Wirklichkeit zeigen, das nicht nur realistisch ist, sondern auch aufklärt. Nicht zuletzt darüber, dass sich und die Welt neu zu erfahren jederzeit möglich ist. „Sie sah eine Veränderung auf seinem Gesicht, den neuen Ausdruck eines Mannes, der etwas Essenzielles in seinem Leben herausgefunden hatte.“

Fazit: Packend, clever, voller überraschender Wendungen. Grossartig!

Garry Disher
Zuflucht
Kriminalroman
Unionsverlag, Zürich 2026

Otto A. Böhmer: Geht ein Philosoph übers Wasser

Otto A. Böhmer, geboren 1949, ein geistreicher Fabulierer der Sonderklasse, gehört zu den wenigen Autoren, die mich alle paar Zeilen zum Lachen bringen (nur gerade zwei andere fallen mir ein: Nigel Barley und Hans Peter Duerr). Die Tatsache, dass mich ein Philosoph und zwei Ethnologen heiter zu stimmen vermögen, ist an sich schon bemerkenswert, zeichnet doch beide Professionen eine überaus ernste Bedeutungshuberei aus, die im wesentlichen darauf hinausläuft, das Leben als Denksportaufgabe und sich selber besonders wichtig zu nehmen.

Frohgestimmt nahm ich also das Buch zur Hand und war dann etwas irritiert, als ich bereits auf der ersten Seite auf Sätze stiess, die ich in bester Erinnerung habe (das ist selten genug; die meisten Bücher, auch wenn ich sie gerne gelesen habe, habe ich bereits nach wenigen Wochen fast vollständig vergessen). Nun gut, dass ein Vielschreiber wie Otto A. Böhmer sich bei sich selber bedient, soll ihm nachgesehen werden, denn auch beim wiederholten Lesen haben sie nichts von ihrer Originalität verloren.

Über die masslos überteuerten Flughafenpreise haben sich vermutlich die meisten schon geärgert, doch ist die Absurdität der Ausbeutung unseres Konsums selten so auf den Punkt gebracht worden: „… nachdem er einen grosszügig überteuerten Tee getrunken hatte, in dem ein Beutel schwamm, der schon mehrfach benutzt worden war …“

Der Protagonist dieses Romans, Professor Prenzlau, soll auf einem Kreuzfahrtschiff, „philosophisch beglaubigte Lebensweisheiten“ ausgeben. Um zum Schiff zu gelangen, muss er allerdings zuerst einmal zur Anlegestelle kommen und zwar per Flugzeug, doch Fliegen ist auch nicht, was es einmal war, wie die Flugbegleiterin klarstellt. „Die goldenen Zeiten für Alkoholiker an Bord sind vorbei.“

Auf dem Schiff wird Prenzlau dann von der Entertainment-Chefin Carla Mares begrüsst, schliesslich gehört Lebensberatung zur Unterhaltungssparte. Er fügt sich, obwohl er sich über vieles echauffieren kann, von Windrädern über den Islamischen Staat zur amerikanischen Nahost-Politik, doch für den Moment versagt er sich sogar, „einen kleinen bösen Gedankenmonolog zur Lage des Individuums im Grossen und Ganzen“, da er sich einzugewöhnen hat.

Bei einer Lesung von Gerry Stubenrauch, dem Prenzlau nicht gerade zugetan ist, fallen dann Worte, die so recht eigentlich Geht ein Philosoph übers Wasser bestens charakterisieren: „leicht und heiter, still und traurig.“  Inklusive der Böhmer’schen Bodenhaftung: „wie dumm doch manche Leute waren, die sich für kritisch und aufgeklärt hielten“.

Prenzlau leidet unter seinem Gewicht, wird auf See, ohne sein Dazutun, jedoch leichter, dafür ist er nicht mehr so konzentriert wie auch schon. „Sie (die Konzentration) ist jetzt anderweitig unterwegs.“ Eine pragmatische Philosophie, von Alltäglichkeiten informiert, und deswegen hilfreich, zeichnet dieses Buch aus, das auch die heutigen Aufgeregtheiten als wenig neu erkennt. „Man besprach Vermögensfragen, klagte über die Unsicherheit der Zeit und die allgemeine Orientierungslosigkeit …“.

Grossartig, die Schilderung des Taxifahrers bzw. des Busfahrers auf Lanzarote. Letzterer, erfährt man, kennt die Insel so gut, da er vermutlich „schon die ersten Vulkanausbrüche im September 1736 mitgemacht, sich alles gemerkt und danach beschlossen (hatte), Busfahrer zu werden.“

Doch Otto A. Böhmer ist nicht nur ein begabter Betrachter der Absurditäten des menschlichen Dasein, er ist auch ein profunder Menschen- bzw. Goethe-Kenner, wie seine Ausführungen zu dem 25Jährigen Dichter, der nebenbei als Rechtsanwalt tätig ist, zeigen. Und er ist ein Intellektueller, der die Grenzen des Intellektes kennt. „Prenzlau war traurig. Intellektuelle Einwönde gegen ein solches Gefühl, das einfach da war und zu Herzen ging, standen ihm nicht zur Verfügung.“

PS: Professor Prenzlau ist Mitglied der Schopenhauer-Gesellschaft, was unter anderem zur Folge hat, dass man einiges über Schopenhauer lernt. Etwa dass dieser „eher ein Mann des unnachgiebigen Monologs (war), als dass er auf Diskussionen aus gewesen wäre. In seinen Schriften steckt vielleicht auch gerade deswegen ein Quantum Weisheit, wie es die allermeisten seiner Kollegen nicht zusammenbekommen haben.“

Otto A. Böhmer
Geht ein Philosoph übers Wasser
Roman
der blaue reiter, Hannover 2025

László Krasznahorkai: Zsömle ist weg

Der ehemalige Elektriker und angebliche Spross einer jahrhundertealten Adelslinie, 91 Jahre alt, der nicht Majestät, sondern Onkel Józsi genannt werden will, hat genug vom Leben und sich in die Wälder zurückgezogen. Doch dann wird er von einer bunten Truppe vermeintlicher Anhänger aufgespürt, die ihn dazu bewegen wollen, in ihrem Sinne in die Politik einzugreifen. Sie wollen die Monarchie wieder herstellen. Onkel Józsi lehnt ab und meint, sinnvoller wäre, sich auf das Ende der Welt vorzubereiten („das zu Ende des Jahres zu erwarten ist, wie ich in den Nachrichten lese“). Und überhaupt habe er weder Lust noch Energie, um am Leben noch lange teilzuhaben.

László Krasznahorkai schreibt in Bandwürmern, Punkte gibt es in diesem Text nicht, Kommas schon. Abschnitte fehlen, eine nennenswerte Gliederung gibt es nicht (wobei: es gibt 11 Teile), stattdessen endlose Sätze, die einem Gedankenfluss recht nahe kommen, auch wenn ein solcher letztlich viel zu komplex ist, um überhaupt erfasst werden zu können. Es gelingt dem Autor ausgezeichnet, den Leser, jedenfalls diesen Leser, (die Leserin spar ich mir, ich bin ein Mann und kann nicht für Frauen sprechen, und auch nicht für andere Männer) in die Geschichte hineinzuziehen.

Der Adlige zeigt seinen Besuchern (Monarchisten, unter denen sich auch „ein ungeschlachter junger Mann“ namens László Krasznahorkai findet) ein Schwert, das er von der englischen Königin erhalten, und einen Brief von Dschimmi Karter („mit J und C, fügte er hinzu, und in seiner Stimme verbarg sich eine leise Verwunderung, auf welch interessante Weise, nicht wahr, diese Amerikaner die Buchstaben benutzten“) ihm geschrieben hat.

Viel Geschichtliches wird angesprochen, die Habsburger kommen dabei schlecht weg, Auch viel Ungarisches wird einem näher gebracht, wobei wohlmeinende Kritiker ständig auf die quasi universelle Gültigkeit von Krasznahorkai Schreiben hinweisen, wofür sie dann regelmässig die verschiedenen Orte, an denen er lebt bzw. gelebt hat, anführen. Mir selber ist egal, wo ein Roman spielt; für mich sind alle Orte gleichzeitig provinziell und universell.

Es finden sich ganz viele Geschichten in diesem Roman, und nicht wenige von ihnen haben mich schmunzeln lassen. Als etwa Onkle Józsis Schwiegersohn, zusammengeschlagen auf der Intensivstation von Eger, auf die Frage der Polizisten, „was geschehen sei, woran er sich erinnere, und ob er den Angreifer ‚und/oder‘ die Angreifer beschreiben können, nichts sagen konnte, weil er sich einzig und allein daran erinnerte, dass er nichts antworten durfte, wenn die Polizisten ihn dies fragten, weil man ihn dann bei nächsten Mal wortwörtlich totschlagen würde …“.

Ob die Bezugnahmen auf die ungarische Geschichte wahr oder erfunden sind, weiss ich nicht zu sagen, da ich von ungarischer Geschichte keine Ahnung habe; es spielt meines Erachtens auch keine Rolle, handelt es sich bei Zsömle ist weg (Zsömle ist der Hund von Onkel Józsi) um einen Roman, also um etwas Erfundenes. Dass Onkel Józsi „mit Storm geheizt hat“ hielt ich zuerst für einen Druckfehler, als dann jedoch „Storm“ noch weitere Male auftauchte, liess mich das einigermassen ratlos. Ebenso wenig erschlossen hat sich mir, dass Onkel Józsi gemäss eigenen Angaben keine Kinder hat und dann doch von seiner Tochter und seinen Enkeln gesprochen wird. Nun ja, in der Literatur geht eben vieles …

Der Thronfolger fühlt sich zunehmend unverstanden von den Monarchisten, die ihn zwar verehren, doch nicht in der Form, die er für sich gewählt hat. In Budapest zeigen sie ihm in herrschaftlichen Räumen befindliches unterirdisches Waffenlager. Onkel Józsi ist entsetzt, Gewalt lehnt er ab. Doch er liebäugelt eben doch auch mit den sogenannt guten alten Zeiten, „weil heutzutage die Moral als Ganzes“ fehlt. Der Autor zeigt eindrücklich, dass sich beide Seiten, obwohl sie sich viele Gedanken auch über die andere Seite machen, nur von ihren eigenen Interessen geleitet bzw. diesen unterworfen sind.

So sehr Zsömle ist weg eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Gefahren, die der Demokratie durch Reichsbürger und Verschwörungsfans drohen, ist, es ist auch eine Auseinandersetzung mit dem Alter. Vor allem ist es jedoch ein ungewöhnliches Sprach- und Denkerlebnis, das vom Leser Geduld und die Art Aufmerksamkeit verlangt, die einer Meditation gleichkommt.

Fazit: Scharfsinnig, gescheit, amüsant, unterhaltsam, witzig und lehrreich.

László Krasznahorkai
Zsömle ist weg
Roman
S. Fischer, Frankfurt am Main 2025

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