Otto A. Böhmer: Reif für die Ewigkeit

Otto A. Böhmer ist ein enorm produktiver Schreiber, der differenziert, informativ und sehr witzig unterwegs ist, und bei dem mich immer wieder erstaunt, mit welcher Konstanz er qualitativ Hochwertiges herbeizaubert. Wie macht er das bloss? Keine Ahnung, doch das dem Mann eine ausgesprochene Denk- und Schreibbegabung sowie ein Unterhaltungsgen eignet, scheint mir offensichtlich. Zudem verfügt er über einen weiten Horizont, der sich von Fachdisziplinen wenig einschränken lässt – und damit bestens zum Anreger taugt. Nietzsche und Schiller, Hesse und Schopenhauer, Conrad und Wittgenstein, Goethe und Thoreau … des Autors Neugier ist grenzenlos.

Reif für die Ewigkeit, so ein Titel muss einem erst mal einfallen! Man sollte sich Zeit dafür nehmen und bei ihm verweilen, auf dass er sich so richtig entfalten möge, denn reif wird man ja nicht nur durch Zeitablauf, sondern auch durch das Akzeptieren unserer misslichen Lage auf diesem Planeten, auf dem wir tun und lassen können, was wir wollen, bedauern werden wir es sowieso. Uns bleibt zu erkennen, dass in uns selber kein Ausweg liegt, doch das erschliesst sich denen nicht, die sich nicht darum bemüht haben – davon handelt der Prolog, der die Freuden und Leiden der Selbstsuche zum Thema hat. Apropos: Der Untertitel meiner PDF-Version lautet „Vom Nutzen und Nachteil der Selbstfindung“ und nicht, wie auf dem Buchumschlag, „Kierkegaard und das Lachen der Götter“. Ich interpretiere Letzteres in etwa so: Weisst Du, wie man den lieben Gott zum Lachen bringt? Erzähl ihm doch einfach, was du so für Pläne hast.

Von seinem Vater lernt der junge Kierkegaard das Disputieren. Als Zeichen seines Gehorsams absolviert er ein Theologiestudium, das jedoch seinen Widerwillen gegen das offizielle Christentum intensiviert, „das mehr auf Bequemlichkeit und Absicherung aus war als auf ein wirkliches Annehmen der Bodenlosigkeit, in der das Leben jedes einzelnen Menschen sich entfaltet.“

Otto A. Böhmer schildert Kierkegaard als einen, der mit Zweifeln umzugehen weiss und sich gleichzeitig ein persönliches Gottvertrauen erarbeitet, also die Widersprüchlichkeit der Existenz annimmt. „Es ist eine Verbeugung vor den Gegensätzen, die Kierkegaard verlangt: Endlichkeit und Unendlichkeit ragen unmittelbar in unser Dasein hinein und müssen ausgehalten werden.“

Mit Schwermut geschlagenen Menschen ist oft auch eine leichte und manchmal überhebliche Seite eigen. Stille Verzweiflung einerseits, unbeschreibliche Freude andererseits, scheinen Kierkegaard charakterisiert zu haben. Ernst Bloch bezeichnete ihn als einen „der witzigsten Schriftsteller“ und „Witzemacher in hohem Stil, die je gelebt haben.“

Reif für die Ewigkeit enthält viele und überaus ausführliche Zitate, nicht nur, aber vor allem von Kierkegaard – mir hat das gut gefallen, des Philosophen Denk- und Fabulierlust ist spürbar.

Zentral ist für Kierkegaard der Einzelne, der dem Idealismus, der das abstrakte Denken pflegte, fremd war. Dieser Einzelne steht jedoch nicht für sich allein, sondern unter göttlicher Beobachtung. „Die unlösbare Verbindung zu Gott macht das Wesen des Menschen aus, was aber eigentlich auch nur abstrakt gedacht werden kann (…) Kierkegaard plädiert für eine realistische Abstraktion, die sich, einmal auf den Weg gebracht, ihres Ursprungs bewusst bleibt. Wirkliches Leben und Denken müssen nicht unvereinbar sein, sondern können zusammenfinden, dafür zuständig ist das Individuum, nicht ein verselbstständigtes System ambitionierter Begriffe , das sich für zu vornehm hält, um dem Einzelnen noch Beachtung zu schenken.“

In unseren Zeiten, in denen der Mensch sich selbst genug wähnt und sich dem Diktat der Schnelllebigkeit sowie der (eingebildeten) Kompetenz unterwirft, interessiert nicht mehr, „dass einst nach einer höheren Einlösung des irdischen Daseinsauftrags gesucht wurde“; stattdessen: „der Himmel hat seine fliehenden Sterne und den Weltraummüll, einen Ort für Gott aber, von dem sich manche trotz des einst ausgesprochenen Bilderverbots noch immer ihr Bild machen wollen, hat er anscheinend nicht.“

Reif für die Ewigkeit ist ein Werk, das mich immer mal wieder innehalten liess. Etwa wegen Sätzen wie diesen: „Wenn zur Menschlichkeit aufgerufen wird, ist das wünschenswert und in Ordnung; dabei sollte es aber, so Kierkegaard, nicht zu menschlich zugehen, denn dann wird es matt und mittelmässig, der Mensch bleibt unter seinen Möglichkeiten.“ „Das Geheimnis der Liebe hat den gleichen, nicht einsehbaren Grund wie das Geheimnis des Lebens, für das Gott steht.“ „Eine Betriebsprüfung des Ich, elend lang hingezogen und zu gründlich umgesetzt, ist eher von Nachteil, als dass schnelle Vorteilsnahme von ihr zu erwarten wäre.“

Dass man mit Kierkegaard, dessen Blick sich auf die Schwächen und Selbstgefälligkeiten des Menschen richtete, wie Otto A. Böhmer ausführt, heute wenig anfangen kann, sagt mehr über die heutige Zeit als über den dänischen Philosophen. Reif für die Ewigkeit ermahnt uns, gescheit und unterhaltsam (das Markenzeichen dieses Autors), massvoll wie auch grundsätzlich zu denken und wesentlich zu werden.

Otto A. Böhmer
Reif für die Ewigkeit
Kierkegaard und das Lachen der Götter
Verlag Karl Alber, Freiburg 2021

Karl Deisseroth: Der Stoff, aus dem die Gefühle sind

So recht eigentlich hätte mich ja bereits der Titel, Der Stoff, aus dem die Gefühle sind, skeptisch machen sollen. Tat es aber nicht. Auch der Untertitel, der noch mehr Uneinlösbares versprach – Über den Ursprung der Emotionen – tat es nicht. Leitend war stattdessen die Hoffnung, über die der Autor nüchtern und treffend notiert: „… die Hoffnung ist ein Gut, das sorgfältig reguliert und so sparsam dosiert werden sollte, dass es vernünftiges Handeln motivieren kann“, was bei mir eindeutig nicht der Fall gewesen ist, denn ich bin auf die Werbeversprechen des Verlages reingefallen, die da suggerieren, es gebe tatsächlich Antworten auf Fragen wie „Warum fühlen wir? Wie entstanden unsere Emotionen? Welche Geheimnisse birgt das ganze Spektrum unserer Gefühlswelten?“

Karl Deisseroth, Professor für Biotechnik und Psychiatrie, ist vor allem bekannt geworden durch seine Entwicklung der Optogenetik, bei welcher Gene von Mikroben, Bakterien und einzelligen Algen in ausgewählte Hirnzellen von Wirbeltieren (etwa Mäusen oder Fischen) verpflanzt werden.

„Das mag befremdlich klingen, hat aber seinen Sinn, denn in ihrem neuen Umfeld bewirken die geborgten Gene (sogenannte Opsine) die Produktion von bemerkenswerten Proteinen, die Licht in elektrischen Strom verwandeln (…) Mithilfe von Laserlicht, das wir durch dünne Faserkabel oder Hologramme ins Gehirn einbrachten, konnten wir in diesen modifizierten Zellen die elektrischen Signale verändern und das Verhalten der Tiere damit auf erstaunliche spezifische Weise manipulieren.“ Da gehen bei mir zahlreiche Warnlampen an, es klingt in meinen Ohren nach Doktor Frankenstein.

„Projections – A Story of Human Emotions“ heisst der englische Originaltitel. Das ist etwas ganz anderes als was der deutsche Titel (fälschlicherweise) behauptet. Was der Autor in diesem Werk versucht, ist, drei unterschiedliche Perspektiven, „die Erfahrungen eines Psychiaters, die Ursprünge der Emotionen und die aktuelle Hirnforschung“ zu einem Bild zusammenzufügen. Er erzählt von seinen Begegnungen mit Patienten, Frauen wie Männern, auf der psychiatrischen Notaufnahme und macht dabei deutlich, wie stark da mit Annahmen, Vermutungen und Interpretationen operiert wird.

Eindrücklich ist dabei, wie er auch seine eigenen Empfindungen schildert. „Als ich mit ihm sprach, spürte ich, wie sich der Raum mit seiner aufgestauten Energie auflud. Während Alexander in seiner Verärgerung und Erregung vor mir sass, stiegen in meiner Vorstellung unwillkürlich Szenen aus seinem Leben auf, die sich in meinem Kopf festsetzten wie die Bilder aus dem Flugzeug in seinem – unausgesprochen, aber sonderbar klar und detailliert. Ich liess diese Bilder wachsen und sah ihn, wie er nach der Rückkehr von seiner Odyssee in seinem Wohnzimmer sass und die Augen öffnete.“

Karl Deisseroth „studierte in Harvard, u.a. Creative Writing“, informiert der Klappentext. Leider, habe ich immer mal wieder gedacht, denn sein bildungsgesättigter Stil, ist gar nicht mein Ding. Ein Beispiel: Als er einmal zum Opfer eines Raubüberfalls wird, notiert er: „Ich händigte meinen Rucksack aus und wartete, während der grosse Schatten ihn ausleerte. Dabei hielt ich den Blick fest auf die Klinge in der Hand des anderen gerichtet. Meine süsse Misericordia, das feine Stilett, mit dem man nach mittelalterlichen Schlachten wie den von Orléans oder Azincourt den Sterbenden den Gnadenstoss gab. Im unwirklichen Licht des Bahnsteigs schien die Klinge zu pulsieren und jede Zelle meines Körpers fiel in ihren Rhythmus ein.“ Meine eigenen Assoziationen, stelle ich mir vor, wären in einer solchen Situation wohl etwas anders ausgefallen.

Trotzdem: Am Aufschlussreichsten fand ich des Professors Selbst-Offenbarungen, in der Regel als Reaktion auf Verhaltensweisen der Patienten. „Er war ein menschliches Säugetier aus einem zerstörten Bau, im Alter von drei Jahren hatte er sein Nest verloren und war dann als Borderliner zur Welt gekommen – fixiert in der Zeit, mit kindischen Abwehrreaktionen, doch mit den Waffen, um meine Grenzen zu überwinden, mir unter die Haut zu gehen und meine tiefsten, ältesten Reaktionen anzurühren.“

Ist es ihm gelungen, die drei eingangs erwähnten Perspektiven zusammenzuführen? Mich haben seine Ausführungen oft ratlos gelassen, obwohl ich seine Herangehensweise speziell und anregend gefunden habe. Zu ungewohnt war mir sein Denken. Und seine Sprache. Doch was wir im Augenblick nicht verstehen, kann sich uns ja auch zu einem späteren Zeitpunkt offenbaren. „Tiefere Einsichten dürfen mehr Zeit beanspruchen und sehr viel später erfolgen, nachdem alle Informationen gesammelt sind und über Wochen und Monate reifen …“. Es ist dies eines der Phänomene, das mich immer wieder staunen macht: Dass viele Erkenntnisse, die wir mit uns herumtragen, Jahre brauchen können, um sich in Handlungen zu manifestieren – oder auch nicht.

PS: Unter dem Titel „Weiterführend Literatur“ finden sich Links auf frei verfügbare Hintergrundartikel zu den jeweiligen Themen. Das ist höchst hilfreich und für mich eine Premiere.

Karl Deisseroth
Der Stoff, aus dem die Gefühle sind
Über den Ursprung der Emotionen
Blessing, München 2021

Essad Bey: Öl und Blut im Orient 

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 gibt es fünf Anrainerstaaten am Kaspischen Meer: Russland, Turkmenistan, Kasachstan, Aserbaidschan und Iran. „Jetzt gibt es eine Einigung: Auf ihrem Gipfeltreffen im kasachischen Küstenort Aktau haben sich die Staatschefs im Grundsatz auf eine Aufteilung des rohstoffreichen Sees geeinigt – sie unterzeichneten eine entsprechende Übereinkunft. Damit ist der Weg frei für eine stärkere Förderung von Erdöl und Gas in der Region“ berichtete die Deutsche Welle  am 12. August 2018.

Unter dem Kaspischen Meer lagern grosse Mengen von Gas und Öl und um diese wird schon lange gerungen. Wie heftig, brutal und rücksichtslos es im Ölgeschäft zu und her geht, darüber gibt Essad Beys Öl und Blut im Orient Aufschluss, das in der Zeit um den Ersten Weltkrieg in Baku, Aserbaidschan, spielt. Es handelt sich um einen „autobiografischen“ (die Glaubwürdigkeit, informiert die Pressemitteilung des Verlages, sei zurecht angezweifelt worden) Bericht, der die damaligen Zustände ungemein farbig schildert und mich zum Staunen und zum Lachen brachte und wiedereinmal die Einsicht verstärkte, dass es sich beim Menschen um eine wenig erfreuliche Spezies oder drastischer gesagt, um ein nur schwer zu bändigendes Tier handelt.

Das Ölgeschäft, dachte es so in mir, ist wohl ähnlich dem Baugeschäft in New York, Chicago, Moskau oder São Paulo, und vermutlich weniger von der Liebe zur Literatur und anderem Schöngeistigen geprägt als von den primitivsten Instinkten, die vornehmlich den Menschen eigen zu sein scheinen. „Unter russischen Kaufleuten gibt es das Sprichwort: ‚Wer ein Jahr unter Bakus Ölbesitzern lebte, kann nie wieder ein anständiger Mensch werden’“. Essad Bey war der Sohn eines solchen Ölbesitzers, floh im Alter von 16 Jahren vor den Bolschewisten nach Berlin, konvertierte dort zum Islam und schrieb mit Öl und Blut im Orient  einen aberwitzigen, informativen und meinungsstarken Text, der mich einerseits dauernd zum Losprusten brachte und mir andererseits Einblick in eine Weltgegend gab, die mir bis anhin ebenso unbekannt war wie das Ölgeschäft. „Man scheute vor nichts zurück, man brauchte sich auch vor nichts und niemandem zu scheuen, man war ja im Orient, wo Recht und Unrecht seit jeher dehnbare Begriffe sind. Auch untereinander hielt man Fairness nicht für angebracht. Den Begriff ‚fair‘ gab es überhaupt nicht, vielleicht noch bei den Grössten, die sich auch diese Marotte mitunter leisteten.“

Nicht nur auf den Ölfeldern Aserbaidschans, sondern auch auf den mexikanischen und venezolanischen und genau so in den Goldminen von Alaska und bei den Diamantensuchern Südafrikas „herrschten dieselben Verhältnisse, dieselbe Brutalität, Betrug und List, mit denen ein Häuflein Abenteurer ihren eben errafften Reichtum zu schützen wusste.“ Befreit man sich von ideologischen Scheuklappen und Wunschdenken, so beschreibt das auch die heutige Welt trefflich.

Von den Jassaien im Norden Aserbaidschans berichtet Essad Bey, bei denen die Hände der Männer keine Arbeit verrichten dürfen und die deshalb den ganzen Tag ausgestreckt unter grossen Nussbäumen verbringen, zum Himmel emporblicken und über die Weisheit ihrer Vorfahren nachdenken, die ihnen die Arbeit verboten haben. Oder dass in Südaserbaidschan „die bekannte Hörnerfrisur“ getragen wird, “ das heisst, die Haare werden in der Mitte des Schädels von der Seite bis zum Nacken in einer geraden, breiten Linie ausrasiert und hängen rechts und links ungeschnitten herab. Sie werden oft so gekämmt, dass sie nach vorn hängen und unter dem kleinen, schwarzen Fez, der den rasierten Schädel bedeckt, wie zwei gebogene Hörner aussehen.“

Gänzlich unbekannt war mir auch, dass in den unendlichen Sandwüsten Turkestans und Persiens der Karawanenführer, der ‚Tschalwadar‘, der Herrscher ist, denn „mit seinem fast tierischen Instinkt kann der Führer auf weite Entfernungen hin das Vorhandensein von Wasser buchstäblich riechen.“ Und von Persien erfahre ich, dass es „die üppigsten Gärten, Felder und Wälder, tropische Palmen und unendliche Wüsten und dazu die ältesten Ruinen der Menschheit“ besitzt, jedoch praktisch unbewohnt ist. (Das Land zählte damals 10 Millionen Einwohner, heute über 80 Millionen).

Als ich lese: „Der Orient kennt Massaker, blutige Tage, tierische Grausamkeit, die sich sozusagen explosionsartig entlädt, aber bald wieder dem angeborenen Phlegma der Bevölkerung Platz macht“, geht mir Raphael Patais The Arab Mind (Erstveröffentlichung 1973) durch den Kopf, der die Beduinen (und allgemein die Araber) ganz ähnlich beschrieb. Explosive Eruptionen, gefolgt von phlegmatischen Phasen – keine wirklich beruhigende Kombination.

Öl und Blut im Orient  wurde erstmals 1929 veröffentlicht. Schön, dass es dieses Buch in dieser tollen Aufmachung (Hardcover mit Buchschlaufe, bedruckter Einband, Vor- und Nachsatzpapier, Fadenheftung) wieder gibt.

Essad Bey
Öl und Blut im Orient 
Die Andere Bibliothek, Berlin 2018

Heidi Kastner: Dummheit

Vor Kurzem veröffentlichte Spiegel Online einen Beitrag von Sibylle Berg, die unter anderem schrieb: „Es macht mich fertig, dass ein Teil der Menschen als dumm bezeichnet wird.“ Sie bezog sich dabei auf Aussagen der Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, Heidi Kastner, deren Buch Dummheit, nunmehr in dritter Auflage, solche und andere Gedanken ausführt. Doch zuerst dies: Selbstverständlich ist ein Teil der Menschen dumm. Alexandra David-Néel hat es bereits vor hundert Jahren auf den Punkt gebracht: „Die Dummheit ist die grosse Gottheit auf dieser Welt. Buddha und andere haben das schon vor Jahrhunderten gesagt. Man kann diesem Menschheitsschauspiel nicht zuschauen, ohne – je nach Temperament – von Zorn, Verachtung, Überdruss oder grenzenlosem Mitleid gepackt zu werden.“

Doch was meint eigentlich dumm? Für mich bedeutet es, nicht denken zu können. Konkret: Denken bedeutet nicht, seine Gefühle zu rechtfertigen (das tun wir, inklusive der Gescheiten, meistens); denken bedeutet, emotional Distanz zu seinen Gefühlen nehmen, sie nüchtern betrachten und anschliessend bewerten. Dass andere das ganz anders sehen, versteht sich; dass sie deswegen nicht dumm sind, genauso.

Dummheit zeigt sich wesentlich im Verhalten, weniger in der Argumentation. Was dummes Verhalten bedingt, so Heidi Kastner, ist oft „nicht ein Mangel an logischem, faktenorientiertem Denken, sondern eher ein Mangel an Fähigkeit, die eigenen Wünsche zu hinterfragen, die Wirkung der eigenen Pläne auf sich und andere zu bedenken, sie zutreffend einzuschätzen und sich entsprechend zu verhalten.“ Anders gesagt: Intelligente Leute können strohdumm sein.

Dummheit lässt sich zwar nicht messen, doch sie ruht auf „mehreren äusserst stabilen Säulen“, als da etwa wären: Lernverweigerung und Denkfaulheit. Zu letzterer hält die Autorin fest: „Die Ursachen dafür liegen wohl in der conditio humana, in der Anstrengung vermieden wird und Anstrengungsbereitschaft nicht gerade als Dauerzustand vorhanden ist.“

Was mir an Dummheit besonders gefällt: Die deutliche Sprache, die klare Positionierung, die Unsinn-allergische Haltung, der Sarkasmus, die wunderbaren Zitate, von denen zwei erwähnt werden sollen. „Was als hoher Lebensstandard bezeichnet wird, besteht weitgehend aus Massnahmen zur Schonung der Muskelkraft, zur Steigerung sinnlicher Genüsse und zur Erhöhung der Kalorienaufnahme über jedes vernünftige Ernährungsbedürfnis hinaus.“ (John Kenneth Galbraith). „The problem with the world is that the intelligent people are full of doubts, while the stupid ones are full of confidence.“ (Charles Bukowski).

Wir leben in Zeiten gefühlter Wahrheiten: Sich wohlzufühlen gilt heutzutage vielen als das ultimative Kriterium zur Beurteilung von so ziemlich allem. Das desaströseste Beispiel für die Dominanz der Bauchgefühle ist der heutige Florida Golfer; dass es auch anders geht, zeigte die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher, die nach einer Wahlniederlage gefragt wurde, wie sie sich fühle: „Warum fragen Sie mich nicht was ich denke?“ Angesichts der Flüchtigkeit der Gefühle mehr als nur eine berechtigte Frage, die sich auch die Medienleute hinter die Ohren schreiben sollten.

Apropos Medien: Diese kommen mir zu kurz in diesem Werk, denn sie geben vielem Gefühlten und Unausgegorenem (Wer, um Himmels Willen, will bloss wissen, was eine sog. Influencerin zu Corona zu sagen hat?) eine Plattform und fördern damit (angeblich im Namen der Ausgewogenheit!) die Dummheit – was tut man doch nicht alles für den Profit!

In der Hälfte des Buches hat die Autorin dann ihr Pulver verschossen; der zweite Teil befasst sich vorwiegend mit Daniel Golemans „emotionaler Intelligenz“, unter der ich mir nach wie vor nicht viel Konkretes (geschweige denn Neues) vorstellen kann. Nichts, so scheint mir, ist schwieriger als mit den uns dominierenden Emotionen umzugehen, was meines Erachtens wenig mit Intelligenz, jedoch viel mit mangelnder Selbstkontrolle, Beharrlichkeit und Geduld (die niemandem, unabhängig von der Intelligenz, leichtfällt) zu tun hat.

Überaus verdienstvoll finde ich Heidi Kastners Ausführungen zu Gustave Le Bons „Psychologie der Massen“, worin dieser darlegt, dass eine Idee, um erfolgreich zu sein, deren „Eindringen ins Unbewusste“ sowie die Transformation zu einem Gefühl sei. „Falls es einer Idee, idealerweise also einer entsprechend emotionsgeladenen, die sich für ‚rechtschaffene Empörung‘ eignet, gelinge, in die Massenseele vorzudringen, besitze sie eine unwiderstehliche Macht, die ihr auch lange erhalten bleibe.“ Leider haben die letzten Jahre genau das überdeutlich gezeigt. Gibt es einen Ausweg? „Resümee und (keine) Hoffnung“ lautet der Titel des letzten Kapitels, das (Widersprüche und Ungewissheit aushalten zu können – so ist das Leben nun einmal – ist auch ein Zeichen von Intelligenz) so wunderbar lebensweise schliesst: „Bei aller Knappheit des Wahlergebnisses: Donald Trump wurde nicht nur gewählt, sondern auch abgewählt, es ist also nicht unbedingt dumm, auf Hoffnung nicht verzichten zu wollen.“

Fazit: Unterhaltsam, clever und informativ.

Heidi Kastner
Dummheit
Kremayr & Scheriau, Wien 2021

Susan Taubes: Nach Amerika und zurück im Sarg

Susan Taubes, 1928 in Budapest geboren, emigrierte im Alter von 11 Jahren mit ihrer Familie in die USA. Der vorliegende Roman erschien 1969 unter dem Titel Divorcing in New York, „eine Woche vor dem Freitod der Autorin und zwei Jahre nach Abschluss ihres eigenen Scheidungsverfahrens. Insofern war es naheliegend, den Roman als autobiografisches Zeugnis zu lesen“, so die mit dem Nachlass von Susan Taubes betraute Sigrid Weigel im Vorwort, nur um dann hinzuzufügen: „Dem widerspricht jedoch die in jeder Hinsicht radikale Schreibweise, die alle genreüblichen Konventionen durchbricht und ein intelligentes Spiel mit etablierten Erzählmustern und mit den Rollenreden traditioneller Rituale treibt.“ Rollenreden traditioneller Rituale? Was auch immer das sein mag …

Ausser Leuten, die Literatur studiert haben, kenne ich niemanden, der der Auffassung ist, man könne Autor und Werk voneinander trennen. Weshalb die gewählte Form ein Argument gegen das autobiografische Zeugnis sollte, entzieht sich mir: Bei Allem, was wir tun und sagen, in welcher Form auch immer, geben wir immer vor allem Auskunft über uns selbst. Dazu gehört auch Erfundenes und Konstruiertes. In diesem Sinne ist schlicht alles autobiografisch, kann es so recht eigentlich gar nichts anderes geben. Mit anderen Worten: Ich lese diesen Roman als Abschiedsbrief einer seit Jahren depressiven Frau, die plant sich umzubringen. „Jetzt, da ich tot bin“, scherzt Sophie mit ihrem Lover, „kann ich endlich meine Autobiografie schreiben.“

Auf Nach Amerika und zurück im Sarg bin ich durch einen Beitrag von Leslie Jamison in der ‚New York Review of Books‘ aufmerksam geworden, der sich auch in diesem Buch findet, worin sie unter anderem dieses „Sammelsurium von Erinnerungen, Träumen, Streitereien, erotischen Begegnungen, Notizen aus dem Leben einer Mutter sowie finsteren Fantasien, einschliesslich einer Leichenschau, einem Begräbnis und einem Strafprozess“ als „ein seltsames Kunstwerk, provokativ und beunruhigend“ beschreibt. Das trifft es für mich sehr gut.

Sophie Blind verlässt ihren treulosen Mann Ezra und siedelt mit ihren drei Kindern nach Paris über, wo sie etliche Liebhaber hat. „So grauenhaft, frivol oder sinnlos, wie es Sophie vorkommt, kann es in Paris eigentlich gar nicht sein. Nichts von dem, was sie tut, kann sie ernst nehmen.“ Freischwebend, nicht zu fassen, melancholisch und scharfsinnig, so wirkt sie auf mich. Ezra reist ihr nach, will nicht akzeptieren, dass ihre Ehe gescheitert ist, sie nicht mehr mit ihm verheiratet sein will.

Rückblenden auf ihre Ehe mit Ezra, die Kindheit in Ungarn, die Zeit als junge Frau. „Es war schön, immer beschäftigt, immer überlastet zu sein; aufgebraucht zu werden, darum ging es im Leben, sie war damals schon fast durchsichtig geworden.“ Es ist die Mischung aus Gedanken- und Erinnerungsfetzen, existenziellen Einsichten („Bewusstwerdung, ein lebenslanger Kampf. Weil ungezählte Aufbrüche, selten ein Ankommen – meistens irrig.“) und hellsichtiger Eigenwahrnehmung („Sie ist nur begrenzt zum Selbstbetrug fähig …“) empfinde ich als überaus faszinierend.

Dieser Roman ist auch ein Lebensbericht. Die Flucht vor den Nazis, die Jahre in New York. „Sie hatte durchaus vor, Amerika zu lieben.“ Ihr Besuch 1947 im von den Russen besetzten Budapest, wo sie auch ihre Mutter trifft, die sie erstaunlich jugendlich und unverändert erlebt. Wie sie es geschafft habe zu überleben? „Als das Bombardement begann – wahrscheinlich liegt es daran, dass ich so neurotisch bin“, sagte sie in bester Laune, „es hat mich überhaupt nicht gestört. Ich habe alles verschlafen wie ein Bär.“ Ich bezweifle, dass man sich das ausdenken kann.

„Ja, sie liebte das Reisen. Es ist die einzige Art zu leben, sagte Sophie immer, die einzige Art, in der Zeit zu leben: mit ihr zu entfliehen. Sophie wurde unruhig, wenn sie zu lange an einem Ort war.“ Nirgendwo scheint sie sich zugehörig zu fühlen; sie wirkt, als ob sie sich auch sich selber entziehen würde.

In Paris, ein Mann mit hängendem Wahlrossschnauzer will ihr weismachen, ihr Problem sei, sich „zwischen Spinoza und einer Existenz als Playgirl in Acapulco zu entscheiden“ – Nach Amerika und zurück im Sarg liest sich so phantastisch wie realistisch. „Zwischen Leben und Traum war eigentlich kein allzu grosser Unterschied, sosehr die beiden auch miteinander zankten, stritten, sich gegenseitig auszutricksen versuchten. Anders war nur ein Buch (…) In einem Buch wusste sie, wo sie war. Denn mochte es auch noch so verwirrend, stümperhaft und doppelsinnig sein – ein Buch war und blieb ein Buch.“

Überaus faszinierend auch die Ausführungen zur Psychoanalyse. Sophies Vater erklärt seiner Tochter, er sei Mediziner, Neurologe und Psychoanalytiker, die Psychoanalyse eine neue Wissenschaft, die noch von sehr wenigen verstanden würde. „Man glaubte, dass man etwas gegen die Lehre oder über die menschliche Natur ausgesagt habe, aber nach dieser Lehre handelten alle Aussagen von sich selbst.“ Hellsichtig kommentiert die junge Sophie: „Die Leute, die zu ihren Vater kamen und ihm alles erzählten, wussten nicht, dass das Allerwichtigste war, sein Geheimnis zu wahren. Sie hatten kein Geheimnis, darum waren sie so unglücklich und deshalb mussten sie immer wieder zu ihrem Vater kommen.“ Max Frisch geht mir durch den Kopf. Der Mensch vergebe sich mit seinen Geheimnissen, hat er einmal gemeint.

Nach Amerika und zurück im Sarg ist sehr gut übersetzt; Sprache, Ton und Rhythmus sprechen mich sofort an. Und natürlich ist es kein simples Erinnerungsbuch, schliesslich kann man Erinnerungen nicht trauen. So notiert Sophie über ihren Vater: „Was er über sie erzählte und woran sie sich tatsächlich erinnerte, das gehörte in verschiedene Schubladen. Nur, dass sie sich nicht sicher war,, was wirklich ihres war, alles war mit anderer Leute Sachen vermischt: was sie ihr erzählten, Papi, Omama und ihre vielen Tanten und Onkels. Sie brauchte wirklich eine Schublade, wo sie deren Dinge einlagern konnte.“

Fazit: Ein wunderbares Potpourri! Traurig und lustig, tragisch und berührend, clever und imaginativ.

Susan Taubes
Nach Amerika und zurück im Sarg
Matthes & Seitz Berlin 2021

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