Anu Ojala: Weisser Rausch

Zwei der Protagonisten dieses Thrillers, die Kommissarin Ronja Jentsch und der Zollbeamte Kristian Manninen, werden gleich zu Beginn eingeführt, und zwar anhand ihres herausfordernden Privatlebens. Sowohl Ronjas Mutter als auch Kristians Frau sind schwer verwirrt bzw. krank. Erfreulicherweise beschränkt sich die Autorin auf das Beschreiben des Verhaltens der beiden, das von unkontrollierten Gewaltausbrüchen geprägt ist, und verzichtet auf die gerade gängigen Interpretationen.

Ein junger Mann wird tot auf der Strasse aufgefunden, mit einem Nagel im Kopf; seine Eltern wurden mit einer Nagelpistole an den Tisch genagelt. Offenbar eine Abrechnung im Drogenmilieu.

Als Ronja und ihr Kollege Toni wegen Verdachts auf Kindesmissbrauchs eine Wohnung überprüfen wollen, werden sie von Gewalttätern überrascht. Rasch gerät die Lage ausser Kontrolle.

Johannes Mario Simmel meinte einst, die dünne Schicht angelernten sozialen Verhaltens könne nur allzu leicht durchbrochen werden. Weisser Rausch zeigt eindrücklich, wie auch im schwedisch-finnischen Grenzgebiet die Gewalt unter der Oberfläche lauert, und jederzeit explodieren kann.

„Am Tisch sass eine bewusstlose Frau, das Kinn auf der Brust, das Stauband noch immer um den Arm gewickelt, die benutzte Spritze war auf ihren Schoss gefallen. Auf dem Boden lag ein Mann in seinem eigenen Urin. Auf dem Tisch waren zwischen Zigarettenresten eine zweite benutzte Spritze, ein Mörser, ein Einmallöffel und ein Tablettenblister zu sehen.“

Die Schilderung des Drogeneelends ist überaus gelungen, auch weil Anu Ojala deutlich zu machen versteht, wie auch die Kinder von den Auswirkungen betroffen sind. Vor allem ihr Schicksal geht einem unter die Haut.

In der Behindertentoilette des Kaufhauses stolpert der finanziell klamme Zollbeamte Kristian zufällig über dort verstecktes Geld, und entschliesst sich, es zu behalten. Er ahnt, dass das keine gute Idee ist, vor allem, als er nach und nach lernt, dass es sich dabei offenbar um Drogengeld handelt.

Dann wird ein chinesischer Dolmetscher als vermisst gemeldet, und der Geheimdienst erscheint auf der Bildfäche. Es geht ganz schön bunt zu und her im finnisch-schwedischen Grenzgebiet!

Was diesen Thriller, der fast ohne „thrills“ auskommt und eher ein Kriminalroman ist, wesentlich auszeichnet, ist die Schilderung der sozialen Verhältnisse im kalten und schneereichen finnischen Winter, wobei vor allem deutlich wird, dass die prägendsten Dramen in der häuslichen Umgebung stattfinden: Wie Ronja und ihr Bruder sich bemühen, mit der dementen Mutter zu Rande zu kommen. Wie der Zollbeamte Kristian es nicht schafft, seiner aggressiven und gewaltttätigen Frau Paroli zu bieten. Wie sich das Schicksal der Kinder von Drogenabhängigen gestaltet.

Fazit: Berührende und erhellende Aufklärungen über das Drogenelend, das weit über die Süchtigen hinausgeht, häusliche Gewalt und das Schicksal geistig verwirrter Personen im finnisch-schwedischen Grenzgebiet, inklusive der überraschenden Auflösung eines gelungenen Krimirätsels.

Anu Ojala
Weisser Rausch
Thriller
Droemer, München 2026

Kang Jiyoung: Die talentierte Frau Shim

Was mir bei diesem aberwitzigen Thriller (einer Metzgerswitwe, Mitte fünfzig, arbeitslos, zweifache Mutter, wird von der Smile Detective Agency angeboten als Killerin viel Geld zu verdienen), zuallererst auffällt, ist der Witz: „Sobald mein Magen nicht mehr leer war, stieg ein unerklärliches Selbstbewusstsein in mir auf. Was konnte schon schlimmer sein, als Tieren die Bäuche aufzuschneiden? Ich hob ermutigt den Kopf.“ Oder: „Ich hatte erwartet, dass in einer Detektei stämmige Männer Karten spielten oder am hellichten Tag Schnaps tranken.“

Als ehemaige Fachkraft in einer Metzgerei, versteht sie mit Messern umzugehen, wird dann allerdings dahingehend belehrt, dass sich das Ausbeinen von toten Tieren von der ihr bevorstehenden Tätigkeit erheblich unterscheidet, denn „ein Killer arbeitet von Anfang bis Ende allein.“

Die Killerin sucht eine Schamanin auf, will von ihr bestätigt haben, dass sie nichts Falsches tut. Und wird von der Schamanin gefragt, ob sie jemanden für sie umbringen könne. Die talentierte Frau Shim ist überaus reich an überraschenden Wendungen.

Gleich zu Beginn dieses Romans werden die handelnden Personen in der Reihenfolge ihres Auftretens aufgeführt. Der Schamanin, die sich selber gar nicht als solche sieht, die Kunden ihres Kiosks hingegen doch (und Kunden gehören bekanntlich bedient), folgt eine Spionin, deren Mann, ein Polizeibeamter, sie eingestellt hatte, „in der Hoffnung, dass ich dann endlich mit dem ganzen sinnlosen Online-Shopping aufhören und ein anständiges Leben führen würde.“ In ihrem Bezirk hatten sich in der letzten Zeit die Leichen gehäuft, wobei jemand überaus kundig mit einem Messer zugange war. Die Spionin soll der Sache auf den Grund gehen.

Der Reiz dieses Romans liegt nicht zuletzt darin, dass, und vor allem wie, die neu auftretenden Figuren, die den Lesern bereits bekannten Personen beurteilen. Jeder und jede wirkt auf unterschiedliche Personen ganz unterschiedlich. Eindrücklich zeigt dieser Roman auch auf, dass und wie wir alle in jeweils sehr eigenen Vorstellungswelten unterwegs sind.

Man trifft in diesem Buch auf eine bunte Schar von Charakteren. Von der Killerin („… verstand ich den Mann, der sie getötet hatte. Er war ein Mensch – und Menschen töten Menschen.“), die im Alter von acht Jahren von ihrer Tante am Busbahnhof ausgesetzt wurde, über den Heiratsvermittler („Seelenhändler im Jenseits; gegen Gebühr, versteht sich.“) bis zum Klienten, der die Detektei engagiert, da er an die Macht des Metalls glaubt, denn „Pistolen, Messer und Cash haben noch nie jemanden betrogen.“

Die talentierte Frau Shim ist überaus unterhaltsam, fantasievoll, originell, und macht einen sehr, sehr oft schmunzeln.

Kang Jiyoung
Die talentierte Frau Shim
Roman
Eichborn, Köln 2026

Leye Adenle: Zügel der Macht

Schon der Prolog ist preiswürdig (verraten werden soll er natürlich nicht), und der Wechsel zum ersten Kapitel, in dem der britische Journalist Guy Collins die Hauptrolle spielt (im Prolog war es eine nigerianische Studentin) kommt ebenfalls wunderbar vielversprechend daher. Guy besucht einen Nachtclub (was ihm abgeraten worden war), als sich die Ereignisse überstürzen. Das ist spannend und witzig und überaus realitätsnah geschildert. Ich fühlte mich sehr an meine Zeit im südlichen Afrika erinnert.

Die Präsidentschaftswahlen nahen, eine Frauenleiche wird im Strassengraben gefunden. „Ritualmörder. Sie haben ihr die Brüste entfernt für Juju, schwarze Magie. Das sind diese Politiker. Wegen der Wahlen. Sie praktizieren Juju, um die Wahl zu gewinnen.“ Mich an Naipauls Ausführungen zur nigerianischen Geisteshaltung erinnert, zu welcher auch gehört, dass sie sich der Rationalität widersetzt.

Guy Collins muss kotzen, als er der Toten im Strassengraben gewahr wird. Als er von der Polizei befragt wird, behauptet er fälschlicherweise, in der Hoffnung, damit Eindruck zu machen, er sei bei der BBC. Das wird ihm zum Verhängnis und er landet im Gefängnis, von wo ihn eine ihm unbekannte Nigerianerin namens Amaka rausholt.

Amaka entpuppt sich als Anwältin, die für eine Wohltätigkeitsorganisation arbeitet, die Street Samaritans, die sich für Prostituierte einsetzen. Prostitution ist in Nigeria illegal; die Frauen, die ihr nachgehen mithin Freiwild. Sie werden betrogen, geschlagen, vergewaltigt, umgebracht. Amaka führt Buch über die Freier, kennt auch ihre Autokennzeichen. Oft sind es verheiratete, sogenannt wichtige Männer, die glauben, mit allem davonzukommen. Für Guy Collins setzt sie sich ein, weil sie sich von ihm als Journalisten einschlägige Artikel verspricht.

Wie Leye Adenle die Zustände im Gefängnis und das Gebahren der Polizei, das sich kaum von dem der Gangster unterscheidet, schildert, lässt keinen Zweifel, dass in Nigeria eine andere Zivilisation herrscht, als sich das Guy Collins aus Grossbritannien gewohnt ist. Der ihn befragende höhere Polizeibeamte findet jedoch die britischen Zustände schlimmer, er kennt sie aus dem Fernsehen.

Zügel der Macht ist witzig, reich an smarten Dialogen, voller überraschender Wendungen und, nicht zuletzt, ein Thriller darüber, wie ein junger Brite, zum ersten Mal ausserhalb Europas, Nigeria bzw. Lagos erlebt. „Ich war unterwegs nach Nigeria, in ein Land, das gefährlich genug war, um eine Reisewarnung des Aussenministeriums zu rechtfertigen, und ich flog ausgerechnet vor einer Wahl dorthin, wenn die politischen Parteien sich gerade im Kriegszustand befinden. Und ich hatte auch noch selbst um den Job gebeten.“

Er trifft auf eine Welt der Drogen und der Gewalt, in der junge desillusionierte, aggressive Gangster Angst und Schrecken verbreiten, zumeist voll zugedröhnt. Den Reichen und Einflussreichen ist dies egal, solange sie nicht davon betroffen sind. Sie erwarten von der Polizei nur, dass sie selber beschützt werden. Ist das nicht überall so? Nicht überall findet sich allerdings die Praxis der Ritualmorde. Dokumentiert ist sie nicht nur Nigeria, sondern auch in Tansania, Liberia und Malawi.

Vor allem die Schilderung der Kriminellen, einschliesslich der Polizisten (die in den Armenvierteln als Feind angesehen werden), ist dem Autor bestens gelungen. Skrupellos, brutal, ohne emotionale Kontrolle, fern von Sinn und Verstand. So reisst etwa ein Killer einer Frau das Herz raus, hat aber Mitleid mit Dobermann-Welpen, denen der Schwanz abgeschnitten wird.

Zügel der Macht ist nicht nur ein packender Thriller, sondern auch eine Einführung in das heutige Nigeria, wo genauso das Geld herrscht wie überall sonst auf der Welt. Allerdings um einiges offensichtlicher als in den sogenannten westlichen Demokratien.

Fazit: Aussergewöhnlich spannende und unterhaltsame Aufklärung. Ein Thriller vom Feinsten!

Leye Adenle
Zügel der Macht
Ein Lagos-Thriller
Unionsverlag, Zürich 2026

Val McDermid: Die Gabe der Lüge

Die Geschichte spielt zur Zeit des Corona-Lockdowns. „Es war das Fehlen von Geräuschen, was sie am Verstörendsten fand.“ DCI Karen Pirie wird von einer Bibliothekarin auf ein Manuskript eines kürzlich verstorbenen Schriftstellers aufmerksam gemacht, dessen Handlung nicht nur verblüffende Ähnlichkeit mit einem bislang ungelösten, historischen Fall aufweist, sondern auch mit den Illusionen aufräumt, ein Buch würde dank seiner Qualität zum Erfolg. Dahinter stecken vielmehr ausgeklügelte Marketingstrategien, die denen zuteil werden, die dazugehören (wollen).

Dieses unvollständige Manuskript, das sich auch in diesem Buch abgedruckt findet, liefert nicht zuletzt vielfältige Aufklärung über das Buchgeschäft, das in seiner modernen Ausprägung dem Showgeschäft nicht unähnlich ist.

Die Geschichte wird routiniert erzählt, ist auch immer wieder überraschend, doch was sie für mich wesentlich ausmacht, ist Val McDermids Charakterisierung der heutigen Zeit, in der man „Lebensabschnittsgefährten“ hat, was Detective Inspector Karen Pirie „einfach nur peinlich“ findet. Auch hasst sie es, dass bei FaceTime die Zwischentöne nicht rüberkommen. „Auch wenn ihr klar war, dass der Lockdown eine Gefahr für die psychische Gesundheit vieler Menschen bedeutete, fand sie ihn selbst geradezu als Segen. Der ständige Druck von oben, rasch Ergebnisse erzielen zu müssen, war weg.“

Die Gabe der Lüge ist so recht eigentlich ein Krimi über einen Krimi. „Eine Figur bildet nie eins zu eins ihren Erfinder oder andere Menschen in seiner Umgebung ab.“ Das sagen alle, die schreiben, aber eben auch alle, die etwas verheimlichen oder sich speziell machen wollen. Dazu kommt: Wer glaubt, Realität und Fiktion sauber trennen zu können, befindet sich auf dem Holzweg. Die Übergänge und gegenseitigen Beeinflussungen sind fliessend. „Traditionell ist das Motiv Sex oder Geld. Doch seit Krimis ein derartiges Massenphänomen geworden sind, sowohl im Fernsehen als auch in der Literatur, werden die Motive immer komplizierter. Und sie erwecken den Anschein, als wäre Mord die logische Antwort.“

Val McDermid lehrt einen nicht nur Aufschlussreiches übers Krimihandwerk, sie nervt sich auch ausgiebig über Podcasts, und insbesondere über True-Crime-Podcasts. „Warum glaubten manche Leute, ein Verbrechen besser aufklären zu können als ausgebildete Kriminalpolizisten und Kriminaltechnikerinnen (…) Die Leute, die solche Podcasts produzierten, waren höchstwahrscheinlich genauso betriebsblind und voreingenommen wie irgendein besonders bequemer Polizeibeamter und neigten genauso dazu, Dinge aussen vor zu lassen, die nicht zu ihrer Theorie passten.“

Gewisse Krimis bilden unser gesellschaftliches Sein oft besser ab als die Literatur es vermöchte, da sie sich meist weniger mit Stilfragen auseinandersetzen und sich mit der Beschreibung der sozialen Realität begnügen. Die Gabe der Lüge ist so ein Krimi, der auch davon berichtet, wie die Zeit von Covid-19 zu Spannungen führte, von denen ich bislang kaum gelesen habe. Als die Mutter von Jason, seines Zeichens Polizist, und Ronan wegen Corona in die Klinik gebracht wird, reagieren die beiden Brüder ganz unterschiedlich. Der eine hält sich, wenn auch widerstrebend, an die Regeln, der andere nicht. Und Karen, die sich selber auch nicht an alle Regeln hält, fragt sich, ob Jason wohl etwas getan hatte, „das über die durchschnittliche Dummheit hinausging?“

Doch Die Gabe der Lüge handelt nicht nur davon, wie die Covid-Regeln auf vielfältige Art und Weise gebrochen werden (wobei natürlich alle ihre guten Gründe haben), sondern auch von der Beziehung einer Polizistin zu einer Grundschullehrerin (ja, Liebe auf den ersten Blick, die gibt es) sowie einer anderen Beziehung, bei der sich ein Mann viel Mühe gibt, einer Frau zu gefallen, „und dabei oft danebenliegt“. Und von Flüchtlingsschicksalen, erfährt man, und dem Innenleben der Polizei, dem Preis, den man zahlt, in der Öffentlichkeit zu stehen, sowie von schottischen Pubs, wo man feste Sitzbänke findet, „weil betrunkene Rowdys dann nicht mit Stühlen um sich werfen konnten.“ … Und und und …

Für jemanden, der Krimis nicht in erster Linie des Unterhaltungswertes wegen liest, sondern weil sie ihm die soziale Wirklichkeit erklären, zeichnet sich Die Gabe der Lüge vor allem als Corona-Geschichte aus, die leider bei den nicht direkt Betroffenen schon fast in Vergessenheit geraten ist (der Mensch ist bedauerlicherweise nicht fähig, über seine Nasenspitze hinaus zu denken). Gut also, dass uns Val McDermid in Erinnerung ruft: „Corona forderte einen noch weit höheren Tribut als die Menschenleben, die ihm zum Opfer fielen. Es griff schon jetzt die Substanz der menschlichen Beziehungen an, dachte sie, während sie über die Stadt blickte. All the lonely people, summte sie. Covid hatte sie alle zu Eleanor Rigby gemacht.“

Die Gabe der Lüge ist ein aussergewöhnlicher Krimi, reich an unerwarteten Wendungen, mit einem verblüffenden Schluss. Und ein hoch reflektiertes, buntes und überaus anschauliches Porträt der Covid-Zeit.

Val McDermid
Die Gabe der Lüge
Ein Fall für Karen Pirie
Droemer, München 2026

Tony Hillerman: Geheime Kanäle

Milliardenbeträge für den Tribal Trust Fund sind illegal abgezweigt worden. Ein ehemaliger Mitarbeiter der CIA, Carl Mankin, der jetzt im Ruhestand ist, soll helfen, den dafür Verantwortlichen auf die Spur zu kommen. Könnte es ein Milliardär sei? Die Franzosen, so lerne ich, haben für einen, der nicht und nie genug kriegen kann, einen speziellen Ausdruck: porc sinistre, das mit ‚teuflisches Schwein‘ und einmal mit ‚das unersättliche Oberschwein‘ übersetzt wird. Unheimlich ist zwar treffender für ’sinistre‘, doch sind diese Gierigen in der Tat unersättlich und vom Teufel besessen.

Carl Mankin macht sich auf nach New Mexico, und da ich dort schon war, einmal im Sommer und einmal im Winter, tauchen sofort Bilder in meinem Kopf auf, insbesondere der Indianer auf dem Campus der Uni von Albuquerque, der mich auf das dortige Licht hinwies und es als magisch bezeichnete. Mir sind Tony Hillermans Kriminalromane auch deswegen sympathisch, weil Indianer und ihr Denken im Zentrum stehen.

Mankin wird verfolgt, und wundert sich, dass er das nicht schon früher bemerkt hat. Doch da ist es bereits zu spät. Eigentlich wäre Jim Chee von der Navajo-Police für die Untersuchung des Todes zuständig, aber das FBI mischt sich ein und schliesslich übernimmt Washington. Offensichtlich soll da etwas schön unter der Decke bleiben. Geheime Kanale zeigt auch wie Politik funktioniert: Viel informeller als das die Transparenz-Enthusiasten jemals verstehen werden.

Szenenwechsel. Der Drogenhandel kommt ins Spiel. Und inwiefern die Politik mit ihrer „stümperhaften Inkompetenz“ dazu beiträgt, „dass die Gefängnisse überquollen von kleinen Dealern und Abhängigen, während die grossen Drogenbosse unbehelligt blieben und die Preise von Kokain und Heroin weiterhin satte Profite garantierten.“

Für die Politik und die Geschäftswelt ist Verlässlichkeit entscheidend, man muss einander vertrauen können, doch dieses Vertrauen hat nichts mit Moral, sondern mit Abhängigkeit zu tun. Nur wenn man den anderen gegenüber etwas in der Hand hat, kann man ihnen vertrauen. Tony Hillermann ist ein wahrhafter Aufklärer.

Ganz unterschiedliche Leute (und damit ganz unterschiedliche Perspektiven) kommen in Geheime Kanäle zum Zuge. Da ist der pensionierte Lieutenant Joe Leaphorn, der sich in die Professorin Louisa Bourebonette verguckt, die die Mythen und Legenden in der Ute-Resevation erforscht. „So kam es, dass eine polizeiferne, weibliche und sehr akademische Sichtweise in Jim Chees ohnehin komplexes Problem eingeflossen war.“ Und da ist Jim Chees heimliche (von der jedoch so ziemlich alle wissen) Flamme Bernadette Manuelito, die von der Navajo-Police zur Customs Service Grenzpatrouille gewechselt ist, die überaus clever mit potentiell Verdächtigen umgeht. Und dann ist da Budge C. de Baca, der ganz vieles ist, doch nicht unbedingt der, für den man ihn hält.

Geheime Kanäle handelt von Korruption, gierigen und rücksichtslosen Kapitalisten, dem Schicksal von Flüchtlingen, dem internationalen Drogenhandel, der erst durch die Drogenkäufer möglich gemacht wird, und von smarten Indianern mit Ehrgefühl und Courage. Das Ganze wird angenehm unaufgeregt erzählt, genau so, wie man mit dem Leben so recht eigentlich umgehen sollte.

Doch Geheime Kanäle ist noch weit mehr, denn in der zweiten Hälfte wird es plötzlich sehr, sehr spannend, wobei sich zeigt, dass dieser Kriminalroman auch ein überzeugendes Plädoyer für Zivilcourage ist. Und diese, auch das lernen wir, kommt oft aus einer ganz unerwarteten Richtung. Grossartig!

Tony Hillerman
Geheime Kanäle
Ein Fall für die Navajo-Police
Unionsverlag, Zürich 2026

Christoffer Carlsson: Hinter dem Nebel

Johan Oskarsson wird erhängt aufgefunden. Sein letzter Kontakt war der Ich-Erzähler, beide von Beruf Schriftsteller, die sich einig sind, dass Schreiben nichts Besonderes ist, doch einsam macht. Hinter dem Nebel ist auch ein Buch über die Literaturszene und die Notwendigkeit des Schreibens.

Selbstmord hält der Ich-Erzähler für ausgeschlosssen, dafür hatte Johan viel zu viel Angst vor dem Tod. Und einen einzigen Satz auf dem Computerbildschirm hätte er auch nicht hinterlassen, er, der immer alles von Hand schrieb.

Johan arbeitete an einer Biografie über die einstmal bekannte und erfolgreiche Schrifstellerin Ingrid Klinga, die der Ich-Erzähler als damals junger Autor interviewte und jetzt wiederum aufsucht. Doch sie erkennt ihn nicht, verwechselt ihn mit Johan. Sie galubt, er wolle sie blossstellen, hat also etwas zu verbergen. Und dieses etwas liegt, wenig überraschend, in der Vergangenheit. Konkret: in den 1950er Jahren, zur Zeit des Kalten Krieges, der in einem Wettrüsten zwischen Ost und West gipfelte.

Ein Polizeiinspektor interessiert sich für Ingrids Studienfreunde, von denen sich einige geheime Dokumente über taktische Kernwaffen aus dem Verteidigungsministerium angeeignet haben. Sie wähnen sich ideologisch motiviert. „Aber der westliche Kapitalismus und Imperialismus sind rücksichtslos.“ Ingrid wird zur Informantin des Nachrichtendienstes.

Der Ich-Erzähler, der Johans Arbeit an Ingrids Biografie fortführen will, stösst auch auf ihre Berichte für die Polizei. Und erfährt, dass in den 1950er Jahren in Uppsala ein Mord geschehen ist, der vertuscht worden ist. Dass Johan darauf gestossen ist, so vermutet er, ist ihm zum Verhängnis geworden. Er wendet sich an den ihm bekannten Polizisten Vidar Jörgensson, der ihn wiederum mit einer Frau vom Geheimdienst zusammenbringt …

Christoffer Carlsson gelingt es ausgesprochen gut, das Atmosphärische, worauf es letztlich ankommt, zu schildern. Wie sich Ingrid und der Polizeiinspektor näherkommen, was der Ich-Erzähler für die Frau vom Geheimdienst empfindet.

Dann fliegt Ingrids Spionieren auf, und es wird spannend, kompliziert und sehr abwechslungsreich – eine Mischung, die bei Kriminalromanen eher selten ist. „Bei der Frage Wahrheit oder Fiktion entscheidet sich der Schriftsteller immer für die Fiktion.“

Hinter dem Nebel ist ein vielschichtiger Kriminalroman (ein Markenzeichen dieses Autors), der sich wesentlich mit der Frage auseinandersetzt, ob Ideologie wirklich die Triebfeder ist, für die sie viele halten. „Ideologische Motivation ist anfällig, launenhaft. Es genügt, dass der Betreffende ein neues Hobby für sich entdeckt oder heiratet oder von seiner besseren Hälfte bekehrt wird, und schon ist die Ideologie dahin. Und manchmal braucht es noch weniger. Älterwerden allein reicht völlig.. Das Alter verändert das Weltbild eines Menschen, häufig zum Nüchternen. Mit Schulden verhält es sich anders. Sie lösen sich nicht auf, ebenso wenig ihre Bedeutung. Sie werden nur prekärer.“ Selten wurde so nüchtern und klar dargelegt, dass Geld als Motivator allen anderen Beweggründen weit überlegen ist.

So packend sich diese Geschichte auch liest – dass sich die Spannung gegen Ende zunehmend steigert, ist meisterhaft – ist das Eine, das Andere (und für mich Spezielle) sind jedoch zum Innehalten einladende Passagen wie diese: „Sitzt die Sehnsucht wirklich tief, wird sie ganz friedlich. Drängt sich nicht mehr in den Vordergrund, wird kein Widerstand. Stattdessen dreht sie sich langsam im Kreis. Erst wenn man dieses sonderbare Wurzelsystem der Sehnsucht versteht, ergeben die Dinge einen Sinn.“

Fazit: In jeder Hinsicht aussergewöhnlich.

Christoffer Carlsson
Hinter dem Nebel
Kriminalroman
Rowohlt Kindler, Hamburg 2026

Ingar Johnsrud: Blendfeuer

Ein Mann liegt erschossen in einer Tiefgarage. Als sich aufgeklärt wähnender Zeitgenosse, erwartet man jetzt das Eintreffen eines Care-Teams (auch wenn man nicht genau weiss, was ein solches da tun soll), doch stattdessen ist der Sonderermittler Martin Tong, ein Quartalstrinker, der zu Treffen (einer Selbsthilfegruppe, so ist anzunehmen) geht, aber nicht immer, unverzüglich eingetroffen, um seiner Kollegin Liselott Benjamin beizustehen. „Er war nicht der Typ, der einen in den Arm nahm oder ihr Seelenleben mit Fragen kartierte, stattdessen zeigte er seine Fürsorge durch kurze, aufmerksame Blicke und kleine Pausen, nachdem sie gesprochen hatte, für den Fall, sie wolle noch etwas über ihr Erleben des Dramas hinzufügen.“ Sprachlich zwar eher suboptimal, doch von der Sache her erfreulich unzeitgemäss. Dann taucht der Nachrichtendienst auf …

Blendfeuer ist ein Polit-Thriller, was auch meint, dass man einiges darüber erfährt, wie Machtpolitik funktioniert: Einzig entscheidend dabei ist, wer wem was schuldet: Oder anders gesagt: Wer wann welche Schulden eintreiben kann. Neben der Politik handelt dieser Thriller auch von den recht absonderlichen Auswüchsen unserer Zeit. So wird etwa der Chef der Antiterroreinheit als „ein gross gewachsener Mann, knochig und mager, wie Männer mittleren Alters es werden, wenn der Trainingsirrsinn zuschlägt“ beschrieben. Es ist anzunehmen, dass der Autor sich nicht dazuzählt.

Machtpolitik bedeutet auch, dass die Vorstellung, in einer Regierung würden alle an einem Strang ziehen, wohl zu den falschesten Vorstellungen überhaupt zählt, denn ausser Partikularinteressen ist da nichts. Langfristige Ziele, gemeinsames Vorgehen? Nichts als Illusionen. Gegenseitiges Wohlwollen? Höchstens bei Beerdigungen.

Natürlich lassen sich nicht alle Politiker über einen Kamm scheren. Da ist der Justizminister, der sich für die Ukrainer stark macht, die Verteidigungsministerin, die den Russen verpflichtet scheint, und der Ministerpräsident, der bei allen anderen nichts als persönlichen Ehrgeiz wittert – und sich damit treffend selbst beschreibt,

Blendfeuer spielt auf dem Hintergrund der russischen Ukraine-Invasion und macht darauf aufmerksam, dass bisher fast 20 000 ukrainische Kinder entführt worden sind. Eine ukrainische Krankenschwester: „… ich hatte nie dasrüber nachgedacht, ob wir Ukrainer oder Russen aufnahmen. Wir sind doch alle Menschen.“ Sie hob den Finger. „Ich lag falsch. Sie sind Tiere, und ich hasse sie.“ Es gehört zu den Vorzügen dieses exzellenten Thrillers, dass die ukrainischen Mütter sich rächen …

In Norwegen finden geheime Friedensverhandlungen statt. Diese dürfen nicht gefährdet werden. Die norwegische Verteidigungsministerin ist dafür, ihr Geliebter, der Justizminister, ist dagegen. Beide machen für ihre jeweiligen Positionen plausible Gründe geltend. Doch die Frage ist: Kann/soll man verhandeln, wenn man dem Verhandlungspartner nicht traut? Das ist natürlich eine rhetorische Frage, denn das wird ständig praktiziert. Und uns als vernünftig verkauft, von Leuten , die unvernünftiger kaum sein könnten, und letztlich nur so argumentieren, weil sie sich so wichtig machen können.

Ein Flugzeug mit Waffen und ukrainischen Spezialkräften explodiert in der Luft;; ein Litauer, der sich als Russe entpuppt, wird hingerichtet. Es gibt Hinweise auf ein russisches Mordteam, gefolgt von überraschenden Ereignissen. Blendfeuer gehört zu den Thrillern, geprägt von Menschlichkeit und Ironie, die einen nicht mehr loslassen.

Was hier geschikldert wird, ist sehr nahe an der Wirklichkeit. Nicht zuletzt, weil es wie im richtigen Leben zu und her geht, wo auch die Politiker sich mit noch ganz anderem als der Politik beschäftigen müssen. So hat der Justizminister eine pubertierende Tochter, derentwegen er zu einem Gespräch in der Schule beordert wird, wo auch ein Sozialpädagoge, „ein gutmütiger Teddybär aus dem Land, in dem alles durch Reden gelöst werden konnte“ zugegegen ist.

In der Politik geht es um das, was auch die Schauspielerei ausmacht: Um den Schein. Kein Politiker bzw. keine Politikerin sagt, was er oder sie denkt. Man sagt, was man glaubt, dass die Leute hören wollen. „Niemals in der Geschichte der Menschheit hatte sich ein Politiker aus Rücksicht auf seine Familie zurückgezogen.“ .

Ein guter Thriller (und das ist Blendfeuer zweifellos) ist nicht nur packend, sondern klärt auch auf. Ungeschminkt und erhellend. Etwa über russische Desinformation, von welcher die westliche Bevölkerung nicht einmal den Ansatz einer Ahnung hat. Oder um die Unterwanderung der westlichen Institutionen durch die Russen. Oder über die diplomatische Immunität, mit der so recht eigentlich immer nur Schindluder getrieben wird.

Fazit: Ein Thriller, der aufrüttelt – eine Seltenheit! Sowie ein aufschlussreicher und erfreulich illusionsloser Blick auf die heutige Weltlage, fesselnd und reich an unerwarteten Wendungen.

Ingar Johnsrud
Blendfeuer
Thriller
Droemer, München 2026

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