Zwei der Protagonisten dieses Thrillers, die Kommissarin Ronja Jentsch und der Zollbeamte Kristian Manninen, werden gleich zu Beginn eingeführt, und zwar anhand ihres herausfordernden Privatlebens. Sowohl Ronjas Mutter als auch Kristians Frau sind schwer verwirrt bzw. krank. Erfreulicherweise beschränkt sich die Autorin auf das Beschreiben des Verhaltens der beiden, das von unkontrollierten Gewaltausbrüchen geprägt ist, und verzichtet auf die gerade gängigen Interpretationen.
Ein junger Mann wird tot auf der Strasse aufgefunden, mit einem Nagel im Kopf; seine Eltern wurden mit einer Nagelpistole an den Tisch genagelt. Offenbar eine Abrechnung im Drogenmilieu.
Als Ronja und ihr Kollege Toni wegen Verdachts auf Kindesmissbrauchs eine Wohnung überprüfen wollen, werden sie von Gewalttätern überrascht. Rasch gerät die Lage ausser Kontrolle.
Johannes Mario Simmel meinte einst, die dünne Schicht angelernten sozialen Verhaltens könne nur allzu leicht durchbrochen werden. Weisser Rausch zeigt eindrücklich, wie auch im schwedisch-finnischen Grenzgebiet die Gewalt unter der Oberfläche lauert, und jederzeit explodieren kann.
„Am Tisch sass eine bewusstlose Frau, das Kinn auf der Brust, das Stauband noch immer um den Arm gewickelt, die benutzte Spritze war auf ihren Schoss gefallen. Auf dem Boden lag ein Mann in seinem eigenen Urin. Auf dem Tisch waren zwischen Zigarettenresten eine zweite benutzte Spritze, ein Mörser, ein Einmallöffel und ein Tablettenblister zu sehen.“
Die Schilderung des Drogeneelends ist überaus gelungen, auch weil Anu Ojala deutlich zu machen versteht, wie auch die Kinder von den Auswirkungen betroffen sind. Vor allem ihr Schicksal geht einem unter die Haut.
In der Behindertentoilette des Kaufhauses stolpert der finanziell klamme Zollbeamte Kristian zufällig über dort verstecktes Geld, und entschliesst sich, es zu behalten. Er ahnt, dass das keine gute Idee ist, vor allem, als er nach und nach lernt, dass es sich dabei offenbar um Drogengeld handelt.
Dann wird ein chinesischer Dolmetscher als vermisst gemeldet, und der Geheimdienst erscheint auf der Bildfäche. Es geht ganz schön bunt zu und her im finnisch-schwedischen Grenzgebiet!
Was diesen Thriller, der fast ohne „thrills“ auskommt und eher ein Kriminalroman ist, wesentlich auszeichnet, ist die Schilderung der sozialen Verhältnisse im kalten und schneereichen finnischen Winter, wobei vor allem deutlich wird, dass die prägendsten Dramen in der häuslichen Umgebung stattfinden: Wie Ronja und ihr Bruder sich bemühen, mit der dementen Mutter zu Rande zu kommen. Wie der Zollbeamte Kristian es nicht schafft, seiner aggressiven und gewaltttätigen Frau Paroli zu bieten. Wie sich das Schicksal der Kinder von Drogenabhängigen gestaltet.
Fazit: Berührende und erhellende Aufklärungen über das Drogenelend, das weit über die Süchtigen hinausgeht, häusliche Gewalt und das Schicksal geistig verwirrter Personen im finnisch-schwedischen Grenzgebiet, inklusive der überraschenden Auflösung eines gelungenen Krimirätsels.
Anu Ojala
Weisser Rausch
Thriller
Droemer, München 2026


