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Altstätten

Altstätten, am 8. November 2022

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Caroline Ring: Wanderer zwischen den Welten

„Was Vögel in Städten erzählen“, so der Untertitel, regt den Schluss nahe, Vögel teilen uns etwas mit, kommunizieren mit uns. Ob das so ist, weiss ich nicht. Kann man das überhaupt wissen? Der Satz steht aber auch für die Tendenz, unsere Wahrnehmung zu vermenschlichen. Ich bin mir nicht so sicher, ob das eine gute Sache ist. Nun ja, wir tun es trotzdem, denn ausser uns selber kennen wir ja so recht eigentlich nichts (und auch uns selber kennen wir nur unzureichend).

Die Biologin Caroline Ring macht sich mit ihrem Freund Mirko Thüring auf eine Vogelexpedition. „In den kommenden Monaten will ich herausfinden, wie Vögel es neben uns Menschen aushalten, obwohl wir doch überall, wo es nur geht, neue Städte errichten oder bestehende erweitern.“ Mit anderen Worten: Wir zerstören die Lebensgrundlagen der Vögel, schaffen dadurch aber auch wieder neue. Es herrscht das Gesetz des Wandels.

Das meint unter anderem, dass Städte sich nicht zwangsläufig zu naturfeindlichen Räumen entwickeln müssen. Caroline Ring schlägt vor, Parks und Grünanlagen etwas weniger zu pflegen, insektenfreundliche Pflanzen auf Balkone, Gärten und Fensterbretter zu stellen. Und und und. Steht alles im Buch.

Wanderer zwischen den Welten ist ein erfreulich persönliches Buch. So erfährt man etwa, dass die Autorin, im Gegensatz zu den von ihr geschätzten Vögeln, absolut keine Frühaufsteherin ist. Auch gehört sie nicht zu denen, die glauben, weil sie Biologie studiert haben, sich auch bei den Vogelarten auszukennen. „Ich freue mich über die Mauersegler, die im Mai an unserem Haus auftauchen, und bin durchaus in der Lage, Fotos von vermeintlichen Schwalben mit ‚Das sind doch Mauersegler!‘ zu kommentieren.“ Mit anderen Worten: Sie ist neugierig und wissbegierig – bessere Voraussetzungen gibt es eigentlich nicht, um die Welt zu erkunden.

Besondere Aufmerksamkeit erfuhr bei mir dieser Satz: „Auch könnten geeignete Markierungen an Glasfassaden dafür sorgen, dass Fensterscheiben nicht zu tödlichen Vogelfallen werden.“ Ich erinnerte mich an einen Vortrag in Südkalifornien vor fünfzehn Jahren, bei dem ich erstaunt zur Kenntnis nahm, dass unzählige Vögel ihren Tod an den beleuchteten Fassaden von Hochhäusern finden.

Wanderer zwischen den Welten ist ein auf vielfältige Art und Weise lehrreiches Buch. So lerne ich etwa, dass Gänse mit ganz wenig auskommen –  eine Wasserfläche und genügend Gras zum Fressen genügt. Und dass sich Spechte von allen anderen Vögeln dadurch unterscheiden, dass sie anstatt „sich ein Nest aus Zweigen, Halmen und Flusen zu bauen, in Höhlen zu ziehen oder ihre Eier einfach auf den Boden zu legen“, sie mit ihrem Schnabel ein Loch ins Holz hinein hämmern, bis der Nachwuchs darin Platz findet.

Sich auf etwas zu fokussieren, erweitert den Horizont. Indem sich Caroline Ring sowohl auf dem Land wie auch in der Stadt auf die Spuren der Vögel macht, entdeckt sie Vogelbezüge auch bei den Dichtern. Bei Oscar Wilde „gibt der Vogel sein Leben, damit sich die Liebeshoffnung eines jungen Mannes erfüllen kann.“ Und in Clemens Brentanos Gedicht ‚Der Spinnerin Nachtlied‘ „erinnert sich eine Frau beim Gesang des Vogels an eine innige Liebe, die ihr vor langer Zeit genommen wurde.“

Wanderer zwischen den Welten eröffnet mir ganz neue Welten. So erfahre ich etwa, dass die Berliner Nachtigallen ihren Winter in Ghana verbringen, wo die Einheimischen sie nicht mit dem Bewahren heimlicher Liebe, sondern mit dem Fremdgehen assoziieren. Wenn sie im April wieder nach Berlin zurückfliegen, suchen sie dort nicht nur ihr ehemaliges Revier wieder auf, sondern oft sogar denselben Ast auf demselben Baum!

Eine ausführliche Auswahlbiografie sowie eine Aufzählung von Internetquellen runden dieses nützliche Buch ab.

Caroline Ring
Wanderer zwischen den Welten
Was Vögel in Städten erzählen
Berlin Verlag 2022

Witold Gombrowicz: Durch die Philosophie in 6 Stunden und 15 Minuten

Witold Gombrowicz, geboren 1904, Jurastudium in Warschau, lebte 24 Jahre in Buenos Aires, schrieb Zeitungsartikel und arbeitete als Sekretär bei der Banco Polaco. 1963 kehrte er nach Europa zurück, lebte zuerst in Berlin, später im südfranzösischen Vence, wo er am 24. Juli 1969 friedlich im Schlaf starb.

Durch die Philosophie in 6 Stunden und 15 Minuten ist das erste Werk, das ich von ihm lese – mich sprach der Titel an. Ein bescheidener Mann scheint der Autor nicht gewesen zu sein. Andererseits: Weshalb immer diese Hochachtung, dieses Eingeschüchtert-Sein vor der Philosophie?

Der Band wird eingeleitet mit einem Vorwort von Francesco Matteo Cataluccio über „Gombrowiczs Philosophie“. Keine Ahnung, wer der Mann ist. Der Verlag sah offenbar keine Notwendigkeit, ihn vorzustellen. Egal, schauen wir, was er schreibt. Er beginnt mit Wesentlichem. Für Gombrowicz sei der Schmerz zentral gewesen. „Ich sehe das Universum als etwas vollkommen Schwarzes und Leeres, in dem das einzig Wirkliche das ist, was wehtut; eben der Schmerz. Das ist die wahre Hölle, der Rest ist nichts als Geschwafel.“

Schön schält Francesco Matteo Cataluccio heraus, was er als den Kern von Gombrowiczs Philosophie bezeichnet: Die Unreife, die Infantilität der modernen Menschen (er nimmt sich selber nicht aus), denen eine Vaterfigur fehlt, und die deswegen dem Totalitarismus anhängen. Kennzeichen der Moderne seien „die Weigerung, erwachsen zu werden, Verantwortung zu übernehmen, die traurige Bürde der Reife, die schwindelerregende Orientierungslosigkeit, die durch Freiheit und Demokratie bewirkt werden.“ Hellsichtiger ist die heutige Zeit selten charakterisiert worden.

„Wir verwirklichen uns nicht in der Sphäre der Begriffe, sondern der Personen. Wir sind Personen und müssen es bleiben, unsere Rolle besteht darin, dass in einer immer abstrakteren Welt das lebendige Menschenwort nicht verklinge“, zitiert Cataluccio Gombrowicz, dem die Literatur sowohl der Philosophie und auch der Naturwissenschaft überlegen schien, da diese die Stimme eines Menschen aus Fleisch und Blut, die Philosophie hingegen eine Systematisierung sei. „Ich glaube nicht an eine unerotische Philosophie. Ich habe kein Vertrauen zu einem Denken, das sich frei macht vom Geschlecht …“.

Gombrowicz befasst sich in diesem Werk mit Kant, Schopenhauer, Hegel, Kierkegaard, Heidegger, Husserl, Sartre, Nietzsche, dem Existenzialismus, Marx sowie dem Marxismus. Und zwar so, dass er sie auf auf ihre wesentlichen Gedanken und Aussagen herunterbricht. Das ist höchst erfrischend. Und ausgesprochen lehrreich.

Besonders angetan ist er von der Weltsicht Schopenhauers (und hat damit ganz automatisch meine Sympathie), dem sich sein direktes Wissen durch Intuition offenbarte. Gombrowicz führt aus: „Der Mensch ist auch ein Ding. Also, wenn ich ein Ding bin, muss ich in meiner Intuition, meinem Absoluten das suchen, was ich in meinem Wesen bin. Und, sagt Schopenhauer, ich weiss, dass das Elementarste, das Grundlegendste in mir, der Wille zum Leben ist.“ Der Wille zum Leben (oder der Wille zum Sein – denn auch ein Stein will überdauern, ein Licht sich fortsetzen), existiert ausserhalb von Raum und Zeit, ist also an sich, kann sich aber nur manifestieren, wenn er, begrenzt in Raum und Zeit, Phänomen wird.

Doch auch zu Schopenhauer hat er Einwände: Der Teil seines Werkes, der der orientalischen Philosophie gewidmet ist, hält er für wenig überzeugend, denn diese proklamiere die Kontemplation und den Verzicht auf das Leben. Nun ja, Kontemplation ist nicht dasselbe wie der Verzicht aufs Leben. „Derjenige, der die Welt betrachtet und darüber staunt, ist der Künstler“, schreibt er an anderer Stelle. Genau so isses.

Durch die Philosophie in 6 Stunden und 15 Minuten ist eine Einladung, Witold Gombrowicz beim Denken zuzusehen. Eine faszinierende Einführung in Hegel und Kant und all die andern, die in diesem Buch mit ihren Kerngedanken vorgestellt werden, kenne ich nicht.

Fazit: Eine Entdeckung, die Lust macht auf die Welt der Ideen und Vorstellungen; Gombrowiczs Freude am eigenständigen Denken, das im Erfahren des Lebens, also auf unseren Empfindungen gründet, ist fast mit Händen zu greifen.

Witold Gombrowicz
Durch die Philosophie in 6 Stunden und 15 Minuten
Kampa, Zürich 2022

Alexander McCall Smith: Der talentierte Herr Varg

Dass Alexander McCall Smith, emeritierter Professor für Medizinrecht an der Universität Edinburg, Träger von dreizehn Ehrendoktorwürden sowie Verfasser von über achtzig Romanen, einen Kriminalroman über einen talentierten Kriminalpolizisten namens Ulf Varg schreibt, der in Schweden lebt, ist irgendwie naheliegend, weil der Autor selber ein überaus talentierter Mann ist, der lange in Botswana gelebt hat, und man sicher von ihm auf den Kommissar, zumindest teilweise, schliessen darf. Schliesslich schreibt doch der Mensch hauptsächlich von dem, was er kennt – also von sich selber.

Es ist in jeder Hinsicht zu begrüssen, dass Alexander McCall Smiths Motto – „Ich setze auf die fröhlichen Seiten des Lebens!“ – auch in diesem Werk auf vielseitige Art und Weise zum Tragen kommt. Das beginnt schon bei seinem ersten Fall, bei dem ein Priester einem Vertreter des Fahrenden Volkes eine blutige Nase schlägt und dafür auch verurteilt wird, obwohl keiner der fünfzehn Zeugen den Vorfall bestätigen wollte. Nur dass sich dann herausstellt, dass die Dinge ziemlich anders gewesen waren …

Das Dezernat für heikle Fälle, bei dem Herr Varg angestellt ist, hat bei den Kollegen keinen einfachen Stand, da sie der Auffassung sind, so recht eigentlich seien alle Fälle heikel. Das Dezernat teilt diese Auffassung und weist denn auch die eingehenden Fälle meist anderen Dezernaten zu, da sie zu wenig heikel sind. Dieser Auswahlvorgang hält das ganze Dezernat für heikle Fälle vollauf beschäftigt.

Der ledige Ulf Varg besitzt einen Abschluss in Kriminologie sowie einen hörgeschädigten Hund, der imstande ist von den Lippen zu lesen. Zu Beginn dieses Kriminalromans befindet er sich auf dem Weg zu einer eintägigen Psychotherapieveranstaltung in einem Wellnesscenter auf dem Land zum Thema „Löse deine Vergangenheit“. Einer der Teilnehmer bei der Gruppentherapie kämpft mit seinen Impulsen – und verlässt dann aus einem Impuls heraus die Gruppe.

Varg ist nicht nur ein aufmerksamer Beobachter, er macht sich auch über vieles Gedanken, womit sich die meisten selten bis gar nie beschäftigen. Über die Installationskunst etwa, die er für „rein zufällige Ansammlungen von Gegenständen“ hält, die regelmässig von Raumpflegerinnen, den Vertretern „einer Ästhetik des gesunden Menschenverstands“, als Abfall entsorgt wird. Oder über Sportreporter einer Zeitung, die sich ausführlich über ein geschossenes Tor ereifern konnten, obwohl es da ja so recht eigentlich nicht wirklich viel zu sagen geben sollte.

Der talentierte Herr Varg ist ein höchst amüsantes Buch, bei dem die Absurditäten des Alltags nicht zu kurz kommen, sei es, dass Ingenieure über die Instabilität von Brücken diskutieren, sei es, dass die Auswüchse der Bürokratie aufs Korn genommen werden, sei es, dass die Moderaten Extremisten (dessen Vorsitzender Ulfs eigener Bruder, Björn Varg, ist) dafür plädieren, mehr Hunde auszubilden, die mehr Menschen beissen – natürlich nur die, die es verdient haben.

Man kann den Ausuferungen der Politischen Korrektheit so recht eigentlich nur mit Humor begegnen. Zum Beispiel indem man darauf hinweist, dass Vorschläge, die die Polizei dazu auffordern, weniger aggressive Hunde – also etwa Dackel oder Pudel – einzusetzen, offenbar nicht bedenken, dass eine gewaltfreie Polizei vor allem von gewaltbereiten Kriminellen geschätzt werden würde. Anders gesagt: Der talentierte Herr Varg ist auch ein aufklärendes Werk, dessen Autor sich nicht zuletzt wundert, dass Leonard Cohen von seiner Suzanne offenbar Orangen erhält, „die den weiten Weg aus China gekommen sind.“

Der talentierte Herr Varg ist zudem ein ausgesprochen realistisches Buch, das unter anderem auch von einem Kurs mit dem Titel „Stressbewältigung am Arbeitsplatz“ berichtet, der dann vierzig Minuten überzogen wird, was dazu führt, dass man wegen es einsetzenden Feierabendverkehrs gestresster nach Haus kommt als an anderen Tagen.

Wir leben ja bekanntlich in aktiven Zeiten, in denen wir ständig psychologisch analysiert werden. Sehr schön bringt es Alexander McCall Smith auf den Punkt: „Heutzutage stehen alle unter dem Druck, etwas zu tun. Wenn man nicht irgendwas tut, wird einem vorgeworfen, nichts zu tun.“

Der talentierte Herr Varg ist reich an ganz vielen, ausgesprochen skurrilen Geschichten – Varg, der dem Mann seiner Kollegin Anna hinterher spioniert, weil er sich in sie verguckt hat; Schwedens berühmtester Schriftsteller, der anscheinend etwas zu verbergen hat und deswegen angeblich erpresst wird; ein Betrüger, der Hunde als Wölfe verkauft – , doch es sind vor allem McCall Smiths oft bizarre Alltagsbeobachtungen, die dieses Werk auszeichnen und mich ständig zum Lachen bringen. Dazu kommt, dass man auch einiges lernt: Ich jedenfalls wusste nicht, dass schwedische Hunde als anfälliger für Depressionen gelten als ihre südländischen Artgenossen.

Anstelle von psychologischen Ratgebern sollte man Der talentierte Herr Varg lesen. Weil es vergnüglicher ist. Aber auch wegen Sätzen wie diesen: „Narziss war ein Teenager. Das vergessen wir gern.“

Alexander McCall Smith
Der talentierte Herr Varg
Neues aus dem Dezernat für heikle Fälle
Knaur, München 2022 

Guy Deutscher: Die Evolution der Sprache

Die Bücher, bei denen mich schon die ersten Seiten ständig zustimmend schmunzeln lassen, sind rar; das vorliegende gehört eindeutig dazu. Das liegt an Sätzen wie „Oft scheint die Sprache mit derartigem Geschick entworfen worden zu sein, dass man sich kaum vorstellen kann, sie sei etwas anderes als die vervollkommnete Schöpfung eines Handwerksmeisters.“  Oder: „Die Sprachmaschine gestattet es so ziemlich jedem – vom prämodernen Jäger in grauer Vorzeit bis hin zu postmodernen Intellektuellen in grauer Vorstadt – , diese bedeutungslosen Laute zu einer unendlichen Vielfalt subtiler Bedeutungen zu verknüpfen, und das alles anscheinend ohne die geringste Mühe.“

Guy Deutscher will mit diesem Buch „einige Geheimnisse der Sprache enthüllen und versuchen, das Paradox dieser grossen Erfindung, die nicht erfunden wurde, aufzulösen.“ Doch wie will man eigentlich Verbindliches über die Herausbildung komplexer Sprachen herausfinden, also über etwas, das sich in vorgeschichtlicher Zeit zugetragen hat? Indem man sich eines Grundaxioms bedient, mit dem auch dîe Geologie operiert, also von der Gegenwart ausgeht, denn die Gegenwart ist der Schlüssel zur Vergangenheit.

Ob die Sprache angeboren ist, streiten sich Linguisten noch heute, was hauptsächlich daran liegt, dass niemand wirklich weiss, was genau im Gehirn verankert ist. Fakt ist jedoch (und darüber wird nicht gestritten), dass Kinder sich jede beliebige menschliche Sprache aneignen können. „Man nehme ein menschliches Baby von irgendeinem Ort des Globus und setze es an einem beliebigen anderen Ort ab, auf der indonesischen Insel Borneo beispielsweise, und in wenigen Jahren wird es heranwachsen und fliessend und fehlerlos Indonesisch sprechen.“

Um sich verständigen zu können, genügt es bekanntlich nicht, einfach Wörter aneinanderzureihen. Entscheidend ist vielmehr wie die Worte aneinandergereiht werden. Vertauscht man ein Wort, ändert sich die Bedeutung eines Satzes. So hat man etwa Entwicklungshilfe definiert als Transfer von Geld „von armen Menschen in reichen Ländern zu reichen Menschen in armen Ländern.“

Wie alles andere so befindet sich auch die Sprache im ständigen Wandel. Viele dieser stetigen Veränderungen nehmen wir gar nicht wirklich wahr, doch wenn wir einmal innehalten (was ganz generell ein gute Idee ist) und uns die Zeit nehmen, einige Sprachphänomene etwas genauer zur betrachten, so stellen wir unschwer fest, dass sich da ganz Eigenartiges tut. Nehmen wir ein Wort wie „irre“, das heutzutage für „es ist ja unglaublich“ (im negativen Sinne) bis zu „das ist so was von super“ (im positiven Sinne) gebraucht wird. Schon eigenartig, dass ein Wort, das einst für „geistesgestört“ stand, so schnell seine Bedeutung gewechselt hat.

Wie immer und überall: Der Wandel geschieht in einem Kontext und ist in diesem meist verständlich, wobei ein besonderes Problem die Präpositionen stellen, wie dieses Beispiel sehr schön illustriert: „Ein junger Mann bremst neben einem Türken und fragt: ‚Sag mal, wo geht’s hier nach Aldi?‘ ‚Zu Aldi‘, entgegnet der Türke. Darauf der junge Mann: ‚Was denn, schon Feierabend?'“

Gemäss den Fachleuten ist der Sprachwandel oft ein Wandel zum Schlechten. „Sprachen haben ebenso wie Regierungen eine natürliche Neigung zur Entartung“, so Samuel Johnson. Viele sehen Anglizismen als Hauptgefahr. So meinte E. Siewert in der Süddeutschen Zeitung, Luthers Worte „hier stehe ich, ich kann nicht anders“ müssten  in einer zeitgemässen Fassung heissen:  „Dies ist mein Statement. Ich sehe keine Alternative. Der Superboss im Heaven möge mir assistieren! Und tschüss!“

Die Evolution der Sprache ist eine wahre Fundgrube an Erhellendem und Aufschlussreichem. Und es ist ein überaus witziges Werk. „Eine Frau im Laden: ‚Kann ich das Kleid im Fenster anprobieren?‘ Die Verkäuferin: ‚Sicher, aber wir haben auch Umkleidekabinen.'“ Zudem geht dieses Buch so recht eigentlich weit über die Sprache hinaus und bietet höchst Lehrreiches in Sachen Wahrnehmung bzw.  Welt- und Lebensorientierung. Konkret: „Wäre es nicht möglich, wiederkehrende Muster in der wachsenden Masse an neuen Informationen ausfindig zu machen, dann würde unser Verstand einfach an Details ersticken.“

Guy Deutscher
Die Evolution der Sprache
Wie die Menschheit zu ihrer grössten Erfindung kam
C.H. Beck, München 2022 

Wolfgang Hagen: Das Loch

Wolfgang Hagen (1950-2022) war Professor für Medienwissenschaft an der Leuphana Universität Lüneburg. Bei diesem Werk handle es sich um „die Fokussierung auf die Leerstellen und Nullstellen der neuzeitlichen Philosophie-, Technik-, Kunst-, Medien- und Materialgeschichte“, lese ich und in mir denkt es: Ups, da habe ich mir ganz etwas anderes vorgestellt, nämlich eine witzige, skurrile Abhandlung über das Wesen des Lochs. Wobei: Das ist dieses Werk ab und zu auch. Und trotzdem habe ich ein Problem damit. Das liegt an der akademischen Ausdrucksweise, die ja vor allem den Zweck hat, die Fachfremden draussen zuhalten. Konkret: Wenn Kurt Tucholsky das Loch als „Grenzwache der Materie“ beschreibt, verstehe ich das; wenn diese höchst gelungene Formulierung jedoch als „die präziseste gestalttheoretische Beschreibung des Lochs“ und als „seine semiotisch-ikonografische Paradoxie literarisierend“ bezeichnet wird, weiss ich, dass ich nicht zum Zielpublikum gehöre. Mit anderen Worten: Keine Chance, dass ich diesem Werk auch nur annähernd gerecht werden könnte – einige Eindrücke müssen genügen.

Immer mal wieder anregend und mich zum Schmunzeln bringend ist Das Loch zweifellos. „Wird zwischen Loch und Öffnung unterschieden, dann wäre das A…loch kein Loch, denn es lässt sich schliessen und öffnen.“ Oder: „Phänomenologisch sind Löcher ein Etwas und ein Nichts zugleich. Sind sie wie das was sie umgibt, also z.B. Käse oder Höhlen, oder sind sie das gerade nicht?“ Oder: „Entgegen so mancher Kolportage des Höhlengleichnisses sei festgehalten: Bei Plato gibt es kein Loch, sondern einen Balken und dahinter ein Feuer.“

Wolfgang Hagen scheint ein Mann von grenzenloser Neugier gewesen zu sein; seine intellektuelle Bandbreite ist beeindruckend – und würde mich vermutlich einschüchtern, wenn ich einen Zugang zu den Wissensgebieten hätte, die ihn offenbar umgetrieben haben.

Auch wenn ich den meisten Gedankengängen nicht zu folgen imstande bin, da diese meinem Hirn bzw. der Art wie es nun mal funktioniert, verschlossen sind, stosse ich nichtsdestotrotz auf Auffassungen, die ich so noch nie gedacht und deswegen als bereichernd empfunden habe. Etwa dass Heidegger die neuzeitliche Technik als „Anmassung einer Metaphysik, die sich nur an die Stelle eines weltschaffenden Schöpfers setzen will“ kritisierte.

Zugang hatte ich vor allem zu Hagens Ausführungen über Tucholsky, der Hitler kommen sah, und auch geschrieben hat, Löcher auf Reisen gebe es nicht. Falsch, meint Wolfgang Hagen, auch wenn das zu Tucholskys Zeiten so gewesen ist, denn: „Heute aber durchqueren ‚Löcher auf Reisen‘ das Silizium aller unserer Computerchips, quadrillionenfach jede Sekunde.“

Verblüffend und faszinierend zugleich ist, dass Löcher offensichtlich allgegenwärtig sind. So arbeitet etwa das Fernsehen mit Löchern, „nämlich mit zwei sich synchron drehenden Loch-Scheiben“, und auch den Transistor, „heute myriadenfaches Schaltelement in allen Computern auf der Welt, gäbe es nicht ohne dieses Loch.“

Mein spezielles Interesse gehört der Fotografie, weshalb mich denn auch die Schilderungen rund ums Bild besonders angesprochen haben. In Erinnerung gerufen hat mir Wolfgang Hagen unter anderem, dass das erste bekannte Foto von Niépce aus dem Jahre 1826 keine Menschen zeigte. „Niépce erlebte die pompöse Einführung der Fotografie durch die Académie française im September 1839 nicht mehr und musste deshalb alles seinem technisch unbegabten, aber geschäftstüchtigen Gönner Louis Daguerre überlassen.“

Schon damals also regierten die Geschäftstüchtigen. Und schon damals gab es Widerstand gegen die Maschinisierung und Technisierung des Blickes auf die Welt. So bezeichnete Baudelaire 1859 „die fotografische Industrie (als) die Zuflucht aller gescheiterten Maler (…) der Unbegabten und der Faulen.“ Was auf den ersten Blick einleuchten mag, verkennt jedoch, dass bei der Malerei alles von Grund auf gestaltet werden muss, während es bei der Fotografie darum geht, das bereits Vorhandene einzurahmen.

Fazit: Das Loch weitet den Horizont.

Wolfgang Hagen
Das Loch
Merve Verlag, Leipzig 2022