Der Mörder, den wir auf den ersten Seiten kennenlernen, gehöre zu den Figuren, mit denen wir zutiefst mitfühlen, schreibt ‚The Guardian‘ über Denise Minas ‚Blut Salz Wasser‘ und so bin ich gespannt, ob ich auch so empfinde (ich tue es) und frage mich gleichzeitig, weshalb das nicht gängiger ist, Täter in Kriminalromanen als normal empfindsame, mit Gedanken und Skrupeln behaftete Menschen darzustellen.
Die Geschichte spielt vor der Unabhängigkeitsabstimmung Schottlands im Herbst 2014. „Sie ahnte, dass McGrain wahrscheinlich gegen die Unabhängigkeit war, weil er ‚aus dem Süden‘ und ‚hier oben‘ statt ‚England‘ und ‚Schottland‘ sagte. Selbst in der Polizeitruppe hatte das Referendum eine Atmosphäre von wachsender Paranoia und Misstrauen geschaffen und sie alle darauf reduziert, die Mikrosignale der Kollegen überaufmerksam zu lesen.“
Denise Mina, geboren 1966, lebt in Glasgow und ist eine Menschenkennerin, der Leser (und die Leserin) erfahren viel vom Innenleben der Figuren, hauptsächlich von ihren Unsicherheiten und Zweifeln. Und sie verfügt über einen ausgeprägt gesellschaftskritischen Blick, der sich nicht in allgemeinen Sätzen zur Lage der Nation äussert, sondern konkret benennt, was benannt gehört.
„Morrow sass da, den Rücken an die Wand gelehnt, eine ruhige Beobachterin in einem Schneesturm von nasskalter Panik. Drei der bestbezahlten, mächtigsten Männer der Police Scotland waren einberufen worden. Schwere Geschütze. Wie um ihre Anwesenheit zu rechtfertigen, monologisierten sie der Reihe nach über Fehler, die andere vermeiden sollten. Dinge, vor denen sie sich hüten sollten. Mit dem, was jeder von ihnen an einem Tag verdiente, hätte man eine der ländlichen Polizeiwachen, die sie dichtmachten, eine Woche lang am Laufen halten können. Das Machtgefälle zwischen Morrow und den anderen im Raum war so steil, dass sie den Eindruck hatte, sie könnte hier in Unterhosen sitzen, und niemand würde es merken.“
Es geht um eine verschwundene Frau, Mord, Entführung, Drogen, eine aus Amerika zurückgekehrte Lehrerin, Geldwäsche, berufliche Rivalitäten und um vieles andere mehr. Doch vor allem geht es um ganz unterschiedliche Menschen, die versuchen mit ihrem Leben irgendwie klarzukommen. Denise Mina, mit der Vielfältigkeit des Daseins vetraut, zeichnet sie einfühlsam und realistisch. Und schreibt darüber hinaus Sätze, die mich schmunzeln machen. „Die meisten Familien werden durch Mythen zusammengehalten.“ „Niemand wusste, ob er Optimist war oder dumm.“
‚Blut Salz Wasser‘ vermittelt mir auch Eindrücke von Schottland, das ich nicht aus eigener Anschauung kenne, doch in Grundzügen nicht sehr verschieden von anderen Ländern scheint. In den Stadt ist man anonym, auf dem Land gehört man dazu, ob man will oder nicht. „Es gefiel ihm nicht, so genau zu wissen, wer er war. Es gefiel ihm nicht, dass andere Leute wussten, mit wem sie es zu tun hatten.“
‚Blut Salz Wasser‘ ist höchst clever gebaut. Gekonnt webt die Autorin die verschiedenen Lebenschicksale ineinander und versteht es hervorragend, die Spannung (vor allem gegen den Schluss hin) zunehmen zu lassen.
Gelungener Rhythmus, gute Sprache, stimmige Atmosphäre. Und eine aufschlussreiche Einführung in Schottisches und in die britische Klassengesellschaft. Es sei ein Roman, der einen regelrecht nötige, „gleichzeitig zu denken und zu fühlen“, so die Zeitung ‚The Scotsman‘, und das trifft es in der Tat recht gut. Zudem: ‚Blut Salz Wasser‘ ist auch eine Einladung zur Empathie.
PS: Die Übersetzung von Zoë Beck liest sich flüssig – sie wird im Klappentext als ‚literarische‘ Übersetzerin vorgestellt, weshalb man denn auch auf ein Wort wie ‚rüschig‘ stossen kann, das Nicht-Literaten wie mir unverständlich ist.
Denise Mina
Blut Salz Wasser
Ariadne 1230
Argument Verlag, Hamburg 2018