Harro Albrecht: Schmerz

Harro Albrecht ist gelernter Arzt und seit zwanzig Jahren Medizinjournalist. „Sollte in einer Bahn oder in einem Flugzeug jemand einen Herzinfarkt erleiden, könnte ich darüber einen Artikel verfassen. Ob ich medizinisch mehr als eine stabile Seitenlage hinbekäme, ist sehr fraglich.“ Mit anderen Worten: Schmerz. Eine Befreiungsgeschichte ist ein erfreulich persönliches Buch.

Höchst beeindruckend ist die ungeheure Fülle an Material die Eingang in dieses Werk gefunden hat, auch wenn man sich manchmal des Eindrucks nicht erwehren kann, der Autor verliere sich gelegentlich darin, was natürlich auch daran liegen mag, dass sich die Schmerzforschung nicht geradlinig entwickelt hat. „Selbst heute sind sich die Gelehrten nicht sicher, welcher Sphäre sie den Schmerz zuschlagen sollen. Mal wird er eher in den Molekülen verortet, dann wieder in der Psyche.“

Doch was ist eigentlich Schmerz? Eine höchst subjektive Empfindung und nicht objektiv messbar. Weshalb denn auch Medikamente nicht immer helfen. Dazu kommt, und das belegen die Schicksale von schmerzfreien Menschen (das beruht auf einem extrem seltenen genetischen Defekt), dass der Schmerz ein notwendiges Übel ist.

Lange Zeit glaubten die Ärzte, der Schmerz sei ein einfaches Warnsignal und relativ leicht in den Griff zu kriegen. „Mittlerweile erscheint dieses Phänomen als schillernder, unfassbarer Begleiter des Lebens, der sich selbst raffinierten Gegenangriffen erfolgreich entzieht.“
„Ohne Gehirn kein Schmerz“ sei, so Harro Albrecht, das Credo unseres Hirnzeitalters. Damit ist gemeint, dass es ohne Bewusstsein keinen Schmerz gebe. Und was ist mit dem Unbewussten? „Heute ist bekannt, dass nur fünf Prozent unserer Handlungen auf bewusste Entscheidungen zurückgehen, fünfundneunzig Prozent aller Prozesse in diesem Zentralorgan finden unbewusst statt.“

Heute bedeutet der Kampf gegen den Schmerz vor allem „die Suche nach einem neuen Molekül, irgendeiner Substanz, die den Patienten möglichst wirksam und nebenwirkungsarm Linderung verschafft.“ Doch das heisst nicht, dass alte Vorstellungen völlig aufgegeben worden sind. So hält sich etwa die Idee einer gestörten Balance, die wieder ins Gleichgewicht gebracht werden soll genauso wie die christliche Vorstellung vom Schmerz, der ertragen werden werden muss.

Dass das Ertragen von Schmerz auch eine kulturelle Dimension hat, zeigt die Aussage eines Arztes aus dem israelischen Be’er Scheva. „Wir hatten hier viele Frauen aus Äthiopien. Als die hier Kinder bekamen, waren sie sehr beherrscht. Jetzt, in der zweiten Generation, schreien die Migrantinnen so laut wir die israelischen Frauen.“

Höchst aufschlussreich ist auch, was der Autor unter dem Titel „Geselligkeit statt Aspirin“ aufgezeichnet hat. Etwa wie der Theologe Ivan Illich, der unter einem Tumor litt und sich trotz Schmerzen der ärztlichen Therapie verweigerte. „Was Illich vor allem half, waren Geselligkeit, Freundschaft und etwas, das weit über die Verbindung zwischen zwei Menschen hinausgeht: Philia.“ Und er führt unter anderem aus, dass Selbsthilfegruppen oder gemeinsames Musizieren geeignet sind, Spannungen und womöglich auch den Schmerz zu lösen.

Schmerz. Eine Befreiungsgeschichte  ist kein Ratgeber. Es ist ein sehr informatives Werk, das uns hilft, die Prozesse in unserem Körper zu verstehen. Darüber hinaus ist es ein Buch, das den Schmerz in den Lebenszusammenhang stellt. „Schmerz ist nicht nur Leid, sondern auch Ausgangspunkt für Freude und Motor der kulturellen Entwicklung. Ohne Schmerz herrscht Stillstand.“

Harro Albrecht
Schmerz
Eine Befreiungsgeschichte
Pattloch Verlag, München 2015

Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006); Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011); Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011); Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013); Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017); In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018); Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018); Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019); Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021); Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022). Die Welt will betrogen sein. Über Gehorsam, Gier und Selbstvermarktung (neobooks 2023); Wie ich die Fotografie entdeckte - und was sie mich gelehrt hat (neobooks 2024); Das Jetzt ist nicht zu fassen. Notizen von unterwegs (neobooks 2024); Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession (Tredition 2025).

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