Der Auftakt: Im Frühling 1943 ruft das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Sloweniens die anrückenden italienischen Soldaten auf: „Es genügt nicht zu sagen, dass auch ihr die Brutalität Hitlers und Mussolinis verurteilt, dass auch ihr das Ende des Faschismus und des Krieges wünscht. Ihr müsst eure Freiheits- und Friedensliebe, euren Hass gegen eure und unserer Unterdrücker mit Taten beweisen, sonst erwartet euch und sie der Untergang.“ Es ist dies eine Botschaft, die mich an den Boxer Cassius Clay erinnert, der, als er zum Vietnamkrieg eingezogen werden sollte, sagte, er habe kein Problem, mit den Leuten dort, sollten die Rekrutierer Probleme mit ihnen haben, sollten sie doch selber dorthin gehen. Anders gesagt: Es gilt (fast) immer, sich gegen die sogenannt Seinen zu wenden.
Die Vorgeschichte dieses Romans, aus der auch das obige Zitat stammt, spielt im Nachkriegseuropa, die Hauptgeschichte während des Kalten Krieges, wo sich in einer Bar in Bologna ehemalige Partisanen, junge Kommunisten und Filuzzi-Tänzer treffen, und wo als wichtigste Regel gilt: kein Flüstern! Übrigens: Dass Zugezogene es schwer haben, gilt auch in diesem Roman. „In Bologna ist er erst seit zwölf Jahren. Deshalb haben seine Ansichten nicht dasselbe Gewicht wie die der anderen.“
54 wurde von einem italienischen Autorenkollektiv geschrieben und ist ein abenteuerliches und recht aberwitziges Potpourri, in dem man nicht nur auf Cary Grant („Er hatte sich als Proletarier verweigert und verkörperte den Traum von Millionen von Menschen.“), sondern auch auf John Fante, John Dos Passos und die umwerfende Frances Farmer, die in der Psychiatrie landete, stösst: „Ich glaube, sie erwarten von mir genau dasselbe, meine Mutter erwartet es, Hollywood erwartet es, aber … ich kann das nicht. Warum kann man nicht einfach man selbst sein?“
Cary Grant wird in Palm Springs vom britischen Secret Service aufgesucht, dessen Abgesandte wünschen, dass er sich nach Jugoslawien aufmacht, um dort mit Tito über einen Film über sein Leben zu sprechen. Für Grant soll derweil ein Doppelgänger in Palm Springs einspringen … Nicht nur Schweizer Geheimdienstleute, die das österreichische Herr ausspionierten und in Irland Schlösser erwerben, haben ziemlich abgefahrene Ideen.
Auch Dien Bien Phu kommt zur Sprache. Von den Vietcong erobert, welche die Franzosen in die Flucht schlugen. An der Friedenskonferenz in Evian nimmt auch der von den Amerikanern unterstützte Kaiser Bao Dai teil, der sich allerdings lieber im Kasino und bei den Huren aufhält. 54 liest sich auch als plausible Realitätsschilderung, wenn auch nicht die an Universitäten gelehrte.
Steve Cemento, der seine Namen dem sicheren Entsorgen von Leichen mit Zementstiefeln verdankte, und im Dienste des Mafiabosses Lucky Luciano stand, der schwule Schwulenjäger J. Edgar Hoover, seines Zeichens 37 Jahre lang (!) FBI-Chef, und viele andere zwielichtige Typen geben sich in diesem Roman ein Stelldichein. Schmuggel, Entführungen, Liebesgeschichten, Ehebruch, Drogenhandel, Betrügereien kommen natürlich auch vor. Darüber hinaus erfährt man auch viel Lehrreiches: Etwa dass Geheimagenten vorzugsweise wie Postangestellte aussehen, dass sich die grösste Haarwurzeldichte pro Quadratzentimeter des Gesichts auf der Oberlippe befindet und dass wirklich Neugierige der Faszination erliegen, die „von den immer gleichen gepflügten Feldern, Cottages und Baumreihen“ Englands ausgeht.
Dieses fantasievolle und überaus witzige Zeitdokument leistet zudem vielfältige Aufklärung. Etwa darüber, wie die italienische Psychiatrie damals unterwegs war (abgesehen von der Hygiene, ziemlich ähnlich wie heute – die Patienten werden ruhiggestellt). Oder dass Amerika auch zur Zeit der Kommunisten-Hetze von McCarthy ein zutiefst gespaltenes Land war. Und dann die Kino-Lektionen – Italiener können offenbar auch im Kino nicht ruhig sein, müssen alles lautstark kommentieren: Rossellini ist ein kindischer Trottel, „Ingrid Bergmann rannte einem Huhn hinterher, das ihre Rosen gefressen hatte. Pierre hatte Hunderte von Hühnern gesehen, aber noch keines, das Rosen frass.“ Herrlich!
Ganz besonders packten mich die russischen Kapitel – Stalin war 1953 gestorben, Chruschtschow kam an die Macht – und andere historische Lektionen, etwa dass Einstein die Amerikaner aufgerufen hatte, die Zusammenarbeit mit den Tribunalen des Inquisitors McCarthy zu verweigern, wofür ihm Thomas Mann und Bertrand Russell applaudierten. Doch 54 ist kein Geschichtsbuch, es ist ein Geschichtenbuch, ein sehr erfinderisches und überaus fantasievolles. Andererseits: Ist das traditionelle Geschichte nicht auch? Nur eben weit weniger kurzweilig …
Gute Dialoge, die an Direktheit nichts zu wünschen übriglassen, treffende Charakterisierungen (Schauspieler etwa: „Als grosszügig entlohnter Teil der grossen amerikanischen Propaganda tauschten sie ihre Würde gegen Ruhm und Geld.“) und nachdenklich Machendes („Einmal, als Kind, hatte er gesehen wie ein Schwein geschlachtet wurde. Es hatte wie ein menschliches Wesen geschrien; zu fünft hatten sie es festgehalten.“) wechseln sich ab.
Krimi, Burleske, Polittheater, Aufklärung, Gangster, Spione, ehemalige Partisanen, eine bewegende Vater/Sohn-Geschichte und vieles mehr – eine abstrusere und gelungenere Mischung geht kaum. Sehr clever und sehr lustig!
Wu Ming
54
Assoziation A, Berlin/Hamburg 2021