Heidi Kastner: Dummheit

Vor Kurzem veröffentlichte Spiegel Online einen Beitrag von Sibylle Berg, die unter anderem schrieb: „Es macht mich fertig, dass ein Teil der Menschen als dumm bezeichnet wird.“ Sie bezog sich dabei auf Aussagen der Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, Heidi Kastner, deren Buch Dummheit, nunmehr in dritter Auflage, solche und andere Gedanken ausführt. Doch zuerst dies: Selbstverständlich ist ein Teil der Menschen dumm. Alexandra David-Néel hat es bereits vor hundert Jahren auf den Punkt gebracht: „Die Dummheit ist die grosse Gottheit auf dieser Welt. Buddha und andere haben das schon vor Jahrhunderten gesagt. Man kann diesem Menschheitsschauspiel nicht zuschauen, ohne – je nach Temperament – von Zorn, Verachtung, Überdruss oder grenzenlosem Mitleid gepackt zu werden.“

Doch was meint eigentlich dumm? Für mich bedeutet es, nicht denken zu können. Konkret: Denken bedeutet nicht, seine Gefühle zu rechtfertigen (das tun wir, inklusive der Gescheiten, meistens); denken bedeutet, emotional Distanz zu seinen Gefühlen nehmen, sie nüchtern betrachten und anschliessend bewerten. Dass andere das ganz anders sehen, versteht sich; dass sie deswegen nicht dumm sind, genauso.

Dummheit zeigt sich wesentlich im Verhalten, weniger in der Argumentation. Was dummes Verhalten bedingt, so Heidi Kastner, ist oft „nicht ein Mangel an logischem, faktenorientiertem Denken, sondern eher ein Mangel an Fähigkeit, die eigenen Wünsche zu hinterfragen, die Wirkung der eigenen Pläne auf sich und andere zu bedenken, sie zutreffend einzuschätzen und sich entsprechend zu verhalten.“ Anders gesagt: Intelligente Leute können strohdumm sein.

Dummheit lässt sich zwar nicht messen, doch sie ruht auf „mehreren äusserst stabilen Säulen“, als da etwa wären: Lernverweigerung und Denkfaulheit. Zu letzterer hält die Autorin fest: „Die Ursachen dafür liegen wohl in der conditio humana, in der Anstrengung vermieden wird und Anstrengungsbereitschaft nicht gerade als Dauerzustand vorhanden ist.“

Was mir an Dummheit besonders gefällt: Die deutliche Sprache, die klare Positionierung, die Unsinn-allergische Haltung, der Sarkasmus, die wunderbaren Zitate, von denen zwei erwähnt werden sollen. „Was als hoher Lebensstandard bezeichnet wird, besteht weitgehend aus Massnahmen zur Schonung der Muskelkraft, zur Steigerung sinnlicher Genüsse und zur Erhöhung der Kalorienaufnahme über jedes vernünftige Ernährungsbedürfnis hinaus.“ (John Kenneth Galbraith). „The problem with the world is that the intelligent people are full of doubts, while the stupid ones are full of confidence.“ (Charles Bukowski).

Wir leben in Zeiten gefühlter Wahrheiten: Sich wohlzufühlen gilt heutzutage vielen als das ultimative Kriterium zur Beurteilung von so ziemlich allem. Das desaströseste Beispiel für die Dominanz der Bauchgefühle ist der heutige Florida Golfer; dass es auch anders geht, zeigte die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher, die nach einer Wahlniederlage gefragt wurde, wie sie sich fühle: „Warum fragen Sie mich nicht was ich denke?“ Angesichts der Flüchtigkeit der Gefühle mehr als nur eine berechtigte Frage, die sich auch die Medienleute hinter die Ohren schreiben sollten.

Apropos Medien: Diese kommen mir zu kurz in diesem Werk, denn sie geben vielem Gefühlten und Unausgegorenem (Wer, um Himmels Willen, will bloss wissen, was eine sog. Influencerin zu Corona zu sagen hat?) eine Plattform und fördern damit (angeblich im Namen der Ausgewogenheit!) die Dummheit – was tut man doch nicht alles für den Profit!

In der Hälfte des Buches hat die Autorin dann ihr Pulver verschossen; der zweite Teil befasst sich vorwiegend mit Daniel Golemans „emotionaler Intelligenz“, unter der ich mir nach wie vor nicht viel Konkretes (geschweige denn Neues) vorstellen kann. Nichts, so scheint mir, ist schwieriger als mit den uns dominierenden Emotionen umzugehen, was meines Erachtens wenig mit Intelligenz, jedoch viel mit mangelnder Selbstkontrolle, Beharrlichkeit und Geduld (die niemandem, unabhängig von der Intelligenz, leichtfällt) zu tun hat.

Überaus verdienstvoll finde ich Heidi Kastners Ausführungen zu Gustave Le Bons „Psychologie der Massen“, worin dieser darlegt, dass eine Idee, um erfolgreich zu sein, deren „Eindringen ins Unbewusste“ sowie die Transformation zu einem Gefühl sei. „Falls es einer Idee, idealerweise also einer entsprechend emotionsgeladenen, die sich für ‚rechtschaffene Empörung‘ eignet, gelinge, in die Massenseele vorzudringen, besitze sie eine unwiderstehliche Macht, die ihr auch lange erhalten bleibe.“ Leider haben die letzten Jahre genau das überdeutlich gezeigt. Gibt es einen Ausweg? „Resümee und (keine) Hoffnung“ lautet der Titel des letzten Kapitels, das (Widersprüche und Ungewissheit aushalten zu können – so ist das Leben nun einmal – ist auch ein Zeichen von Intelligenz) so wunderbar lebensweise schliesst: „Bei aller Knappheit des Wahlergebnisses: Donald Trump wurde nicht nur gewählt, sondern auch abgewählt, es ist also nicht unbedingt dumm, auf Hoffnung nicht verzichten zu wollen.“

Fazit: Unterhaltsam, clever und informativ.

Heidi Kastner
Dummheit
Kremayr & Scheriau, Wien 2021

Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006); Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011); Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011); Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013); Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017); In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018); Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018); Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019); Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021); Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022). Die Welt will betrogen sein. Über Gehorsam, Gier und Selbstvermarktung (neobooks 2023); Wie ich die Fotografie entdeckte - und was sie mich gelehrt hat (neobooks 2024); Das Jetzt ist nicht zu fassen. Notizen von unterwegs (neobooks 2024); Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession (Tredition 2025).

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