Der Auftakt ist eindrücklich, denn da wird aus der Sicht des 23jährigen Taxifahrers Albin, der einmal davon geträumt hat, Rennfahrer zu werden, seine Heimatstadt geschildert – es ist nicht das Amerika, das wir aus Fernsehserien kennen.
Mick Hardin, Mordermittler bei der Army, Irakkrieg-Veteran, geschieden, abhängig von Schmerzmitteln, ist zurück in Rocksalt, einer Stadt mit drei Kreuzungen: Main Street, First Street und Second Street. Ein stadtbekannter Drogendealer namens Barney Kissick wird tot aufgefunden. Die Polizei mache nichts, behauptet Barneys Mutter, und bittet Mick um Hilfe, was seine Schwester, mit der er zusammenlebt und die als Sheriff kandidiert, mit Unbehagen zur Kenntnis nimmt.
Schon bald gibt es einen weiteren Toten, Mason Kissick, den Bruder von Barney Kissick. Mick trifft im Wald auf aggressive, schiesswütige Männer; dir Hütte seines Grossvaters geht in Flammen auf. „Die Hütte war seine letzte Verbindung zur Vergangenheit gewesen, und jetzt war sie eine ausgebrannte Ruine.“
Was zu Beginn nach einer Drogengeschichte aussieht, entpuppt sich schliesslich als das illegale Abladen von Giftmüll, dem Mick Hardin zusammen mit Raymond Kissick, dem Bruder der zwei Ermordeten, auf die Spur kommt. Die Spannung nimmt im Laufe der Geschichte zu, doch es sind vor allem die Randbemerkungen, die mir diesen Kriminalroman sympathisch machen. Etwa diese Charakterisierung des Jurastudiums: „Da muss man alles aus jedem Blickwinkel beleuchten und auseinanderpflücken, und man muss gut lügen können.“
Chris Offutt versteht es ausgezeichnet, die Atmosphäre des ländlichen Kentucky zu vermitteln – die eigenwilligen Bewohner, die sich wie ausgestorben anfühlenden Kleinstädte, das Gefühl, dass eigentlich nie etwas passiert. Was die Lokalkultur der Kentucky Hills verlangte, war „die unbedingte Loyalität der Familie gegenüber. Jeder Art von Bildung stand man ganz allgemein skeptisch gegenüber. Wer studierte, musste seiner Familie immer wieder beweisen, dass der schädliche Einfluss des Seminarraums ihn nicht verdorben hatte und man sich nicht einbildete, etwas Besseres als die Eltern zu sein. Die Furcht war weitverbreitet, die Kinder würden einen Abschluss machen, anderswo einen Arbeitsplatz finden und die Eltern im Alter allein zurücklassen.“
Was diesen Krimi überdies auszeichnet sind die anregenden Unterhaltungen. Als Mick einen Tüftler fragt, als was er sich bezeichnen würde, „Als Erfinder oder als Künstler?“, antwortet dieser: „Keine Ahnung. Wo liegt der Unterschied?“ Und es sind so ganz wundervolle Szenen wie etwa die, als ein Goldfink gegen eine Fensterscheibe fliegt und betäubt zu Boden fällt. „Er hob das Vögelchen an den Mund und blies ihm dreimal Luft in den offenen Schnabel. Schnell atmend stand der Fink auf seinem Handteller. Er legte den Kopf schief, um Mick anzusehen, blickte sich um, als müsse er sich orientieren und flog davon.“
Leider ist nicht alles so gelungen, denn die nordamerikanische Fleiss-Kultur bringt es mit sich, dass Beschreibungen jeweils derart detailgetreu ausfallen, dass es manchmal auch etwas komisch wirkt. Etwa dann, wenn der Weg zum Campus einerseits nur schwer gefunden, jedoch andererseits kurz darauf über das Gebäude gesagt wird, dass es an der Vorderseite über vierundsechzig (!) Fenster verfüge.
Es ist Chris Offutts sehr differenzierte Lebenswahrnehmung, die Ein dreckiges Geschäft wesentlich ausmacht. „Mick schaute aus dem Wagenfenster und dachte über den Frühling nach – das überall im Wald sich regende neue Leben, die unsichtbare Kraft, mit der sich die Knospen der Sonne entgegenschoben. Die Saison hatte etwas Melancholisches an sich. Jedes Jahr erneuerten die Hügel sich wieder, nur die Menschen alterten sichtbar. Die Schönheit der Natur verhüllte die ihr innewohnende Brutalität, aber bei den Menschen lag sie nackt zutage.“
Dass Ein dreckiges Geschäft unter der Bezeichnung Ein Kentucky-Krimi läuft, hat seinen guten Grund, denn es ist die Atmosphäre des ländlichen Kentucky, die diesen Krimi hauptsächlich prägt. Man kennt sich, regelt Konflikte untereinander, übt Selbstjustiz, erwartet von der Obrigkeit wenig.
Fazit: Sympathisch, erhellend und clever.
Chris Offutt
Ein dreckiges Geschäft
Ein Kentucky-Krimi
Tropen Verlag, Stuttgart 2023