Der Einstieg in Schmerz ist glänzend gelungen, weil er so unaufgeregt daherkommt und mit einem Knall endet, einem Knall im wörtlichen Sinne. Davon und von mehr ist Dora, die Polizistin, betroffen, deren Hirn seither anders funktioniert als zuvor. Dass man sofort drin ist in dieser Geschichte liegt an der Erzählweise des Autors, der versteht, dass das vermeintlich Gewöhnliche ungewöhnlich ist.
Spannend, interessant und aufklärend beschreibt der Autor die Auswirkungen der Hirnverletzung, die Dora erlitten hat. Ein Aspekt dabei sind die verschiedenartigen Obsessionen, die sie in der Folge entwickelt, von der E-Musik bis zum Bedürfnis, jemandem unbedingt sagen zu müssen, dass er gut riecht. Wie sie damit umzugehen lernt, erfährt man auch in diesem Buch.
Bei einem Schulausflug ist ein non-binärer Teenager Namens Morgan verschwunden. Ihrem Vater ist Morgan egal. Sehr schön werden die überaus verständnisvollen Betreuer geschildert. Auftritt Hector, ein professioneller Dieb, der gerade dabei ist, sich auf einen blöden Deal einzulassen. Hector wird als unauffälliger Durchschnittstyp charakterisiert. Der ist ja wie mein Nachbar, hat dieselben Alltagsprobleme wie wir alle. Es gehört zu den Stärken dieses Buches, die auftretenden Figuren nicht zu aussergewöhnlichen Figuren zu machen und damit aufzuzeigen, dass die Welt des Verbrechens banaler Alltag und ohne jeden Glamour ist.
Doras Kollege bei der Kriminalpolizei heisst Rado, stammt ursprünglich aus Serbien, ist mit einer polnischen Frau verheiratet, deren Vater ein Krimineller ist. Die Zwickmühle, in der sich Rado befindet (auch weil seine Frau den Ton angibt), ist sehr überzeugend geschildert. Dann werden Dora und Rado von der Suche nach Morgan, die ihnen zwischenzeitlich ans Herz gewachsen ist, abgezogen.
Auftritt Morra, früher beim norwegischen Militär, jetzt als Auftragskiller unterwegs. Als er zum zweiten Mal in Erscheinung tritt, beobachtet er das Haus von Rado. Bei seinem dritten Auftritt … doch soll hier nicht die ganze Geschichte vorweggenommen werden.
Schmerz gehört zu den seltenen Kriminalromanen, die einen immer mal wieder die Welt neu sehen lassen, denn dieser Autor versteht sich auf das genaue Hinschauen, das er erfreulicherweise nicht psychologisiert, denn die genaue Beschreibung erübrigt eine Deutung. „Trotz des Akzents ist der alte Mann auf Isländisch ziemlich wortgewandt. Und trotz seines unscheinbaren Aussehens und des korpulenten Körperbaus ist er, anders als die meisten Leute denken, ein geborener Anführer und sehr intelligent. An einem anderen Ort und zu anderer Zeit hätte er es auf legalem Weg weit bringen können, wenn er darauf Wert gelegt hätte.“ Nicht jeder ist am legalen Weg interessiert, aus was für Gründen auch immer, sollten denn Gründe nötig sein.
Es zeichnet Schmerz ganz besonders aus, dass darin viel Lebensweisheit zu finden ist. Als Rados Schwiegervater im Gefängnis stirbt, beschreibt der Autor Doras Reaktion darauf so: „Sie empfindet Mitleid mit diesem Mann, ihrem neuen Kollegen. Sie kannte seinen Schwîegervater nicht, aber auch sie hat schon einige Menschen verloren. Manchmal auch sich selbst.“ Wenn wir andere beschreiben, beschreiben wir auch immer uns selber. Schliesslich kennen wir ausschliesslich uns selber. Und meist nicht einmal besonders gut.
Fazit: Grossartig! Packend, smart und vielfältig lehrreich.
Jón Atli Jónasson
Schmerz
Ein Fall für Dora und Rado
Scherz, Frankfurt am Main 2025