Baku ist die Hauptstadt Aserbaidschans, das im Norden an Russland, im Nordwesten an Georgien, im Süden an den Iran und im Westen an Armenien und die Türkei grenzt. Die Stadt liegt am Kaspischen Meer, obwohl, man streitet darüber, ob es wirklich ein Meer oder nur ein See ist.
Olivier Rolins Annäherung an die Stadt geschieht, wie es einem Schriftsteller geziemt: genau beobachtend, luzide, differenziert, kritisch, dabei alles ernst und doch nicht so ganz ernst nehmend: „Wie alle Städte, die wechselnden Herrschern unterstanden, verwischt Baku unaufhörlich die Spuren seiner Geschichte. Schwierig, einen Ort zu finden, der nicht in die jüngste Liste offizieller Gedenkstätten aufgenommen wurde.“
Im Jahre 2004 veröffentlicht Rolin einen Roman, in dem ein Schriftsteller gleichen Namens sich im Zimmer 1123 des Hotels Abscheron in Baku umbringt. Fünf Jahre später macht sich der Autor auf nach Baku, um dieser Geschichte nachzugehen. Mich überzeugt dieser Plot ganz und gar nicht, und trotzdem fand ich „Letzte Tage in Baku“ ein höchst lesenswertes Werk.
Immer wieder nimmt der Autor Bezug auf andere Autoren, etwa auf Nicolas Bouviers ‚Die Erfindung der Welt‘, zitiert Pierre Bayard mit dem treffenden Satz: „Das Geschriebene schlägt auf das Leben durch, es ahmt das Leben nicht nach“, spielt mit der Idee eines Vortrags über „Öl und Literatur und berichtet vom Spion Ronald Sinclair, auf den er durch die Notizbücher von Reginald Teague-Jones gestossen ist.
Rolin, der von sich sagt, er habe immer schon ein unglückliches Verhältnis zu Fremdsprachen gehabt, bemüht sich, ein wenig Russisch zu lernen, lernt die Lesgierin Sabina kennen, die gerne eine ‚businesswoman‘ sein würde und deren Traumland die Schweiz ist, der vielen Banken wegen. Sabina würde aber auch gerne als Maskenbildnerin beim Film arbeiten oder in einem Film von Luc Besson mitspielen. Und er lernt auch den Maler Tahir Salachow kennen, den seine Kataloge als ‚living legend of the universal culture‘ präsentieren.
Dann fliegt er nach Turkmenistan. „Der nächtliche Flughafen ist fast menschenleer, zu fünft besteigen wir das Flugzeug nach Aschgabad. Im Flugzeug legt man uns ein Schriftstück vom Zoll vor mit der detaillierten Anweisung, dass ‚printed issues, manuscripts, film/foto tapes, video sound recordings, graphics, are to be submitted for inspection‘. Willkommen im Land des Grossen Tukmenbaschi!“
Das ansprechend gestaltete Buch weist auch Fotos auf, grösstenteils stammen sie vom Autor, und das finde ich für ein Reisebuch nicht nur angemessen, sondern ausgesprochen nützlich, konkretisiert es doch visuell die Schilderungen des Autors. Zwei Bilder haben es mir besonders angetan: das eines Dromedars, das mitten auf der Strasse steht und sich nicht mehr von der Stelle rührt: „bockig, verstockt blickt es von oben auf die Autos herunter, die es umfahren“ sowie das der grössten Moschee Zentralasiens in Weiss und Gold: „Im gigantischen Innenraum der Moschee ist niemand, nicht ein einziger Gläubiger, nur ein paar Wachmänner und ein junger Bärtiger mit finsterem Blick, der sich sogleich um mich bemüht, mir nicht einen Augenblick Ruhe gönnt und mich mit einer Flut von Informationen in grässlichem Englisch ermüdet.“
„Letzte Tage in Baku“ ist nicht, wie der Titel vermuten lässt, ein Krimi, sondern eine höchst anregende und ganz wunderbar gelungene literarische Reiseerzählung.
Olivier Rolin
Letzte Tage in Baku
Liebeskind, München 2014



