Albert Einstein: Briefe

Wer wie ich von Albert Einstein nicht viel mehr weiss, als dass er eine Ausnahmeerscheinung, der Erfinder der allgemeinen Relativitätstheorie und einmal beim Eidgenössischen Patentamt in Bern angestellt gewesen war, ist dieser Band eine super-spannende Informationsquelle.

Zuallererst: es handelt sich bei „Briefe“ nicht um einen Band, in dem man vollständige Briefe an Einstein und seine ebenso vollständigen Antworten an die entsprechenden Schreiber findet. Was also dann?

Die Herausgeber Helen Dukas und Banesh Hoffmann äussern sich dazu wie folgt:
„Es ist keine Biografie und erklärt nicht Einsteins Ideen. Es hat keine Kapitel, keine Inhaltsübersicht, kein Register und, auf den ersten Blick, keinen zugrundeliegenden Plan und keine Gliederung. Es besteht zum grössten Teil aus Zitaten aus bisher unveröffentlichten Briefen und Zeugnissen, die Einstein ohne Gedanken an eine Publikation schrieb.“

„Briefe“ gibt einen höchst aufschlussreichen Einblick in Einsteins Denken. Nicht nur wegen der Briefauszüge, sondern auch wegen der knappen, klaren und wohl-formulierten Kontextualisierungen der beiden Herausgeber.

Am 17. März 1932, zum 100. Todestag Goethes, beschloss die Kaiserlich-Leopoldinisch-Carolinische Akademie der Naturforscher, Leopoldina, Einstein zum Mitglied zu ernennen. Dazu erforderlich war, dass dieser einen Lebenslauf einreichen sowie einen Fragebogen beantworten musste, in dem auch nach den Zielen seiner Arbeit gefragt wurde. Einstein antwortete: „Mein eigentliches Forschungsziel war stets die Vereinfachung und Vereinheitlichung des physikalisch theoretischen Systems …“.

Schon im Alter von sechzehn Jahren war ihm klar, dass er Mathematik und Physik studieren wollte. Was die Gründe anlangte, so stellte der Jüngling mit verblüffender Klarheit fest: „… zur Hauptsache aus meiner individuellen Veranlagung für abstraktes und mathematisches Denken, aus dem Fehlen von Phantasie und praktischer Begabung. Auch meine Wünsche haben mich zu demselben Entschluss geführt …“.

Einstein antwortet in seinen Briefen auf Fragen nach Gott, dem Zionismus, der Religion, der Wissenschaft und vielem mehr; er scheut sich auch nicht, Kindern Ratschläge zu geben („Wenn Ihr diesem natürlichen Fühlen in Euch Raum gebt …“) und erteilt einem Mann, der ein Buch plante, das auf der Psychoanalyse bedeutender Menschen beruhen sollte, eine klare Absage: „Ich bedauere, Ihrem Wunsche nicht entsprechen zu können, weil ich gerne im Dunkel des Nicht-Analysiertseins verbleiben möchte.“

„Briefe“ gibt unter anderem Auskunft über Einsteins bemerkenswerte Freundschaft mit König Albert und Königin Elisabeth von Belgien, legt Zeugnis ab von seiner Abneigung gegen das „Wettrennen der Geister“ um akademische Lehrstühle und führt für mein Empfinden verblüffend einfach aus, worin sich das Gemeinsame im künstlerischen und wissenschaftlichen Erleben zeigt: „Wird das Geschaute und Erlebte in der Sprache der Logik nachgebildet, so treiben wir Wissenschaft, wird es durch Formen vermittelt, deren Zusammenhänge dem bewussten Denken unzugänglich, doch intuitiv als sinnvoll erkannt sind, so treiben wir Kunst. Beiden gemeinsam ist die liebende Hingabe an das Überpersönliche, Willensferne.“

Eine wunderbar hilfreiche und nützliche Lektüre!

Albert Einstein
Briefe
Diogenes, Zürich 2015


David Foenkinos: Das geheime Leben des Monsieur Pick

„Bevor Sie uns Ihr Manuskript zusenden, bitten wir Sie, sich eingehend mit unserem Verlagsprogramm auseinanderzusetzen. Wir veröffentlichen grundsätzlich keine Lyrik, keine Aphorismensammlungen und auch keine Ratgeberbücher in der Art von »Wie pflege ich meinen Goldhamster?«. Seien Sie sich auch der Tatsache bewusst, dass auf tausend Einsendungen höchstens eine Veröffentlichung kommt“, steht auf der Website des in Zürich domizilierten Dörlemann Verlages.

So oder ähnlich kann man das auch bei anderen Verlagen lesen. Es versteht sich: Die Verlage gehen davon aus, dass sie fähig sind, Qualität von Schrott zu unterscheiden. Nun irrt der Mensch vor allem dann am häufigsten, wenn er sich selber zu beurteilen hat und Verlagsangestellte bilden dabei keine Ausnahmen. Man denke an berühmt gewordene Ablehnungen wie etwa die von Marcel Proust, Richard Brautigan oder John Kennedy Toole. Oder man denke daran, wie wenige der Bücher, die man gelesen hat, einen wirklich unterhalten und bereichert haben.

Verleger (diejenigen, die lesen) haben dasselbe Selbstverständnis wie Chefredakteure (diejenigen, die lesen): Sie glauben, zu wissen, was die Leute wollen. Nun ja, mehr als Selbstüberschätzung ist das nicht, denn kein Mensch weiss, ob sich ein Buch verkaufen wird oder nicht. Sicher, man kann begründete Vermutungen anstellen, plausible Wahrscheinlichkeiten berechnen, doch am Ende kann man nur hoffen, dass der eigene und der Geschmack der Leserinnen (Männer lesen kaum) sich decken. Und da auch Verleger (und Verlegerinnen)weit weniger speziell sind als sie oft glauben, kommt das eben auch immer mal wieder vor.

Auf diesem Hintergrund beschliesst Jean-Pierre Courvec, der Leiter einer bretonischen Gemeindebücherei, eine Bibliothek für abgelehnte Manuskripte zu gründen, von der auch eine aufstrebende Lektorin in Paris erfährt. In der Folge entdeckt sie dort einen Text, der sie völlig in ihren Bann schlägt. Der Text, verfasst von einem verstorbenen Pizzabäcker, von dem niemand wusste, dass er geschrieben hatte, wird ein sensationeller Erfolg, der mannigfaltige Auswirkungen hat, nicht zuletzt auf die Witwe und ihre Tochter sowie deren Exmann.

Die Geschichte dieses Manuskripts ist spannend erzählt und auch eine Meditation über ganz viel Anderes. Etwa über das Musikhören, einer Begeisterung, die einem abhanden kommen kann. Oder über Schicksalsschläge: „Man gewöhnt sich letztlich leichter als gedacht an Dinge, die man sich erst überhaupt nicht vorstellen kann.“ Oder über den Willen: „Man kann sich selbst zur Vernunft rufen, doch letztlich entscheidet der Körper, wie lange er braucht, um eine Wunde zu schliessen.“

„Das geheime Leben des Monsieur Pick“ ist ein höchst amüsantes Buch, eine zum Schmunzeln und zum gelegentlich lauten Heraus-Lachen einladende Satire über den Literaturbetrieb, in dem auch Leute arbeiten, die weder lesen, noch einen Bezug zu Büchern haben. Etwa Magali Croze, die mit Jean-Pierre Courvec in einer bretonischen Gemeindebibliothek zusammenarbeitet und seiner Idee, abgelehnte Manuskripte zu sammeln, recht skeptisch gegenüber steht.

„Wollen Sie wirklich die ganzen Psychopathen der Umgebung hier haben? Schriftsteller sind nicht ganz richtig im Kopf, das weiss doch jeder. Und Schriftsteller, die überhaupt nichts veröffentlichen, wahrscheinlich erst recht.“
„Es wird endlich einen Ort geben, wo sie willkommen sind. Sehen Sie es als karitatives Werk an.“
„Ich verstehe: Ich soll so etwas wie die Mutter Theresa der erfolglosen Schriftsteller werden.“
„Genau, so ähnlich …“.
  „…“.

Skeptisch ist auch der einstmals einflussreiche Literaturkritiker Jean-Michel Rouche, der einfach nicht glauben kann, dass jemand im Verborgenen und nur ganz für sich schreibt – dass es solche Menschen durchaus gibt, zeigt der Autor übrigens anhand der posthum als Strassenfotografin berühmt gewordenen Vivian Maier – und eine Inszenierung des Verlags wittert. Er macht sich auf in die Bretagne, er wird dieser Geschichte auf den Grund gehen, er vermutet einen literarischen Schwindel..

„Das geheime Leben des Monsieur Pick“ handelt auch von mehreren, berührenden Liebesgeschichten und ist nicht nur witzig und wunderbar unterhaltend, sondern bietet auch eine raffinierte Zuspitzung und überraschende Auflösung der Geschichte. Und ist überdies auch voller smarter Einsichten. „Wie lange hatte er sich aus dem Gespräch ausgeklinkt? Wer vermochte das zu sagen? Der Mensch verfügt über die einzigartige Fähigkeit, immerzu mit dem Kopf zu nicken, so zu tun, als würde er der Unterhaltung folgen, und dabei doch an etwas vollkommen andres zu denken. Daher braucht man nie zu glauben, im Blick des anderen lesen zu können.“

 Fazit: Intelligente, anrührende und lehrreiche Unterhaltung.

David Foenkinos
Das geheime Leben des Monsieur Pick
DVA, München 2017

Paolo Cognetti: Acht Berge

Als Kind ging Pietro mit Vater und Mutter zu Berge. Beide gingen anders, ihrem Charakter und ihren Neigungen entsprechend – der Vater, ein einzelgängerischer, sturer Kämpfer, die Mutter, die die Weiden, Wildbäche und Wälder unter zweitausend Metern den grossen Höhen vorzog, umgänglich und auf ihre Art beharrlich

Pietro, der eine einsame Kindheit gehabt hatte und seinem Vater ähnlich ist, entdeckt durch Bruno die Natur. Detailliert und wunderbar anschaulich – ich hatte das Gefühl vor Ort mit dabei zu sein – schildert Paolo Cognetti Täler und Flüsse, Wasserfälle, Bachbecken und Forellen. „Langsam dämmerte mir etwas, nämlich dass für einen Fisch alles vom Berg kommt: Insekten, Zweige, Blätter, einfach alles.“

„Acht Berge“ ist, was die Hauptpersonen angeht, genauso die Geschichte der Freundschaft von Pietro, dem Dokumentarfilmer, und Bruno, dem Bergbauer, wie auch die von Pietros Verhältnis zu seinen Eltern, von denen er als Bub geglaubt hat, sie hätten keine Geheimnisse voreinander, nur um dann später herauszufinden, dass er sich darin (wie auch in vielem anderen) getäuscht hatte. Wunderbar differenziert und einfühlsam macht der Autor nachvollziehbar, wie vielschichtig und letztlich unergründlich (vor allem für uns selber) wir Menschen durchs Leben gehen.

Besonders eindringlich ist die Schilderung von Pietros Vater gelungen, einem in seiner Natur gefangenen Mann. „ … er konnte einfach nicht anders, fühlte sich immer gehetzt. Ihn zu beruhigen war genauso unmöglich, wie ihn beim Bergsteigen dazu zu bringen, es „langsamer“ angehen zu lassen, die frische Luft zu geniessen und mit niemandem zu wetteifern.“

Als der Vater stirbt, hinterlässt er dem Sohn ein Grundstück, hoch oben am Berg. „Das war also mein Erbe: eine Felswand, Schnee, ein Haufen quaderförmiger Steine und eine Kiefer.“ Unter Brunos Anleitung, bauen die beiden ein Haus. „Aus mir unerfindlichen Gründen hatte mein Vater mich hier haben wollen, auf dieser lawinengeplagten Hochebene, am Fuss dieses seltsamen Felsens, damit ich mit diesem Mann eine Ruine restaurierte. Also sagte ich mir: Okay Papa, du hast also ein neues Rätsel für mich? Mal gucken, was du dir ausgesucht hast. Mal gucken, was ich diesmal dabei lerne.“ Viel schöner kann man konstruktive Schicksalergebenheit kaum ausdrücken.

Wir sind der Natur, sowohl der eigenen wie auch der uns umgebenden, in einem Masse ausgeliefert, das unser das Ego zelebrierende Zeitalter uns fast nur bei Naturkatastrophen zu sehen erlaubt. Als eine Lawine des Vaters Freund unter sich begräbt, versucht dieser mittels Personalisierung seiner Gefühle Herr zu werden. „In den Monaten danach beschrieb sie mein Vater als Ungeheuer, das im Schlaf gestört worden war, einmal laut gefaucht und sich auf den Störenfried geworfen hatte, um es sich wieder gemütlich zu machen und zu schlafen.“ Trocken und realistisch kommentiert der Autor: „Für den Berg war nicht das Geringste vorgefallen.“

Ganz besonders haben es mir die Beobachtungen und Bemerkungen zur Natur angetan. „… der Gletscher ist der Schnee vergangener Winter, die Erinnerung an einen Winter, der einfach nicht vergehen will.“ „Nur ihr Städter redet von Natur: Für euch ist sie dermassen abstrakt, dass sogar der Name abstrakt ist. Wir sagen „Wald, Weide, Bach, Fels“ – alles Dinge, die man anfassen und nutzen kann. Was nutzlos ist, bekommt erst gar keinen Namen, weil es nichts bringt.“ „Sie verabschiedete sich durchs Wagenfenster von mir und nahm mit Maultier und Hund wieder den Weg in die Berge. Gemeinsam verschwanden sie im Wald, oder – besser gesagt – der Wald nahm seine Kreaturen wieder auf.“ Sätze wie diese helfen mir die Welt neu zu sehen, solcher Sätze wegen lese ich Bücher.

Ich fühlte mich immer wieder an Thoreaus Walden aus dem Jahre 1854 erinnert, der auch darauf hingewiesen hat, dass die Natur uns zwingt, die Welt (die ebenso schön wie unwirtlich, genauso erhaben wie unerbittlich ist) nüchtern zu betrachten, denn der genaue Blick auf die Realität befreit von Illusionen.

„Acht Berge“ ist eine aussergewöhnlich hilfreiche Schule der Wahrnehmung, und darüber hinaus eine überzeugende Anregung, selber die Berge zu erkunden. Ein grossartiges und wichtiges Buch!

Paolo Cognetti
Acht Berge
DVA; München 2017

Dominique Manotti / DOA: Die ehrenwerte Gesellschaft

Es sei gleich gesagt: Das ist ein super Polit-Thriller, der 2011 den ‚Grand Prix de la littérature policière“ für den besten französischen Kriminalroman erhielt und jetzt neu aufgelegt wurde.

Die 1942 in Paris geborene Dominique Manotti, ehemalige Professorin für Wirtschaftsgeschichte, schätze ich schon lange, vor allem ihres Stakkato-Stils wegen, der mich jedes Mal mit französischen Sehnsüchten erfüllt. DOA, geboren 1968 in Lyon, war mir bisher kein Begriff.

„Die ehrenwerte Gesellschaft“ handelt von idealistisch gesinnten, naiven und bornierten Ökoaktivisten, der obersten französischen Behörde für Atomenergie, den finanziell motivierten Bemühungen, die Atomindustrie zu privatisieren, der Politik, die so recht eigentlich nichts anderes ist als die zynische und rücksichtslose Durchsetzung von Eigeninteressen sowie, wir sind in Frankreich, um Ehebruch in den höheren Kreisen.

Es ist eine überaus spannende Geschichte mit vielen ganz unterschiedlichen Charakteren – rasant geschildert und, trotz vieler Szenenwechsel, eine Einladung zum Mitfiebern. Was mich neben der Handlung vor allem beeindruckte, sind die prägnanten Einsichten, die dieser Thriller vermittelt. Diese zeugen von Durchblick. Manotti und DOA beschreiben besser als soziologische Studien es könnten, wie nackte Habgier die heutige Welt beherrscht. Und besonders eindrücklich, wie brutal es dabei zu und her geht.

Zu den Einsichten, die ich schätze, gehören:
„Wenn Chefs Eier hätten, würde so etwas nicht passieren.“
„Du irrst dich, den Chefs geht’s genau so, die haben auch keine Wahl.“

„Es reizt sie, zu husten, aber sie beherrscht sich. Angenehmer Schmerz. Das Leben. Egal ob Autosuggestion oder reale Wirkung, es tut ihr gut.“

„Das Erste, was ihm bei Scoarmec auffällt, ist das Chaos überall: Nicht das Resultat einer Durchsuchung, sondern so, wie es eine unordentliche Person anrichtet. Pâris erkennt es wieder. Es entspricht seinem eigenen, er ist nur bei der Arbeit ordentlich.“

„Das Erste, das man als junger Bulle lernt, wenn man in einem etwas heiklen Dienst anfängt, ist, keinem Politiker zu trauen.“
„Verallgemeinern wir doch bitte nicht.“
„Ihre Freundschaft dauert, solange sie nützlich ist. Oder ungefährlich …“.

„Die ehrenwerte Gesellschaft“ ist auch überaus lehrreich. Nie war mir klarer, dass es unter anderem grosse Selbstdisziplin ist, was Reiche und Erfolgreiche auszeichnet. Und dass es in allen Schichten Menschen mit Rückgrat gibt.

Wer wissen will, wie raffgierig, korrupt und intrigant die herrschende Klasse operiert, sollte diesen Thriller lesen. Allerbeste Aufklärung! Ein grandioser Page Turner!

Dominique Manotti / DOA
Die ehrenwerte Gesellschaft
Assoziation A, Hamburg 2019

Paul Collier: Exodus – Warum wir Einwanderung neu regeln müssen

Paul Collier ist Professor für Ökonomie und Direktor des ‚Centre for the Study of African Economies‘ an der Universität Oxford. Man darf also davon ausgehen, dass er sich nicht nur über Einwanderung, sondern auch über afrikanische Verhältnisse kenntnisreich äussern wird. Und so ist es dann auch.

Die Frage „Ist Migration gut oder schlecht?“ sei die falsche Frage, so Collier, denn Migration ist nichts anderes als eine Tatsache. Welches Mass an Integration gut ist, das ist die Frage. Dabei ist klar: Übermässige Migration ist nicht gut. „Ich werde zeigen, dass die Migration, wenn man nicht eingreift, zunehmen und damit wahrscheinlich übermässig werden wird. Aus diesem Grund sind Migrationsbeschränkungen keine peinlichen Auswüchse von Nationalismus und Rassismus, sondern in allen wohlhabenden Gesellschaften immer wichtiger werdende Werkzeuge der Sozialpolitik.“

Grundlegend für den Wohlstand, so Collier, sei die Fähigkeit zur Kooperation, denn viele Güter und Dienstleistungen seien ‚öffentliche Güter‘ und diese würden am effektivsten durch kollektive Anstrengungen erschaffen werden. Die Basis der Kooperation ist das Vertrauen. „Das Ausmass, in dem Menschen bereit sind, einander zu vertrauen, unterscheidet sich erheblich von Gesellschaft zu Gesellschaft.“ So gibt es etwa in Gesellschaften mit hohen Einkommen eine höheres Mass an Vertrauen (und ein geringeres Mass an zwischenmenschlicher Gewalt) als in Gesellschaften mit geringem Einkommen.

Eine der Gesellschaften, die Professor Collier genauer kennt, ist die nigerianische. Er bezeichnet sie als diejenige mit dem geringsten Vertrauensniveau. „Nigeria finde ich aufregend und sehr lebendig; die Menschen sind engagiert und einfallsreich, aber sie misstrauen einander zutiefst. Das Ergebnis vieler Jahrzehnte und wahrscheinlich Jahrhunderte, in denen Vertrauen weltfremd gewesen wäre, ist Opportunismus, der heute das Alltagsleben von Grund auf prägt.“

Es versteht sich von selbst: Migranten werden ihre Kultur in ihre Aufnahmegesellschaften mitnehmen. Und das ist umso problematischer, je grösser der Einwandereranteil in einer Gemeinde ist. Nicht nur wird das Vertrauen zwischen Einwanderern und Einheimischen geringer, sondern er führt auch zu einem geringeren gegenseitigen Vertrauen unter den Einheimischen, weil sich diese zurückziehen und weniger am sozialen Leben teilnehmen.

À propos Kultur mitbringen: In Jamaika sind Schusswaffen normal, die Mordrate ist fünfzigmal höher als in Grossbritannien, wo man nicht das Recht hat Waffen zu tragen. Die Konflikte sind also vorprogrammiert. „Tatsächlich ist die Waffenkultur der afrokaribischen Gemeinde heute eine besondere Sorge der britischen Polizei.“

Was Colliers Buch auszeichnet: er guckt hin, und fragt, wo viele lieber nicht hingucken und lieber nicht fragen wollen. „Migranten fliehen zumeist aus Ländern mit nicht funktionierenden Sozialmodellen. Diese Tatsache und ihre Folgen sollte man sich etwas näher anschauen. Zum Beispiel könnte sie einen veranlassen, weniger bereitwillig in das gut gemeinte Mantra einzustimmen, man müsse ‚Respekt für andere Kulturen‘ aufbringen. Die Kulturen – oder Normen und Narrative – armer Gesellschaften stehen neben ihren Institutionen und Organisationen doch im Verdacht, die Hauptursache ihrer Armut zu sein.“

„Exodus“ ist ein Plädoyer dafür, eine von Emotionen gesteuerte Debatte zu versachlichen. Das tut man, indem man nicht einfach seinen Gefühlen nachgibt, sondern diese einer nüchternen Betrachtung unterzieht. „Migranten stammen für gewöhnlich aus den bessergestellten Schichten ihrer Heimatländer, denn die wirklich Armen können sich die Migrationskosten nicht leisten. Die Bedürftigsten sind die in den Herkunftsländern zurückbleibenden Menschen. Darin besteht die grosse Herausforderung unserer Zeit, die durch Weichherzigkeit gegenüber der Migration nicht zu bewältigen ist.“

Paul Collier
Exodus
Warum wir Einwanderung neu regeln müssen
Siedler, München 2014

Brigitte Schwaiger: Wenn Gott tot ist

Brigitte Schwaigers erstes Buch, „Wie kommt das Salz ins Meer“, verkaufte sich allein im deutschsprachigen Raum über 500’000 Mal. Dieser Erfolg, so Benedikt Föger, der Verleger des Czernin Verlags, im Vorwort zu „Wenn Gott tot ist“, habe unter anderem zum Vorschein gebracht, dass sie an Depressionen und einer schizoiden Persönlichkeitsstörung litt. Die Autorin hat sich in ihrem autobiografischen Bericht „Fallen lassen“ darüber ausgelassen. Und auch in „Wenn Gott tot ist“ kommt sie auf ihre Borderline-Erkrankung zu sprechen.

Sie schreibt in diesen unvollständigen Memoiren so wie ein Kind denkt und redet. Und das ist als Kompliment gemeint, denn unser Erwachsenengetue ist nur aufgesetzt, ist reine Fassade.

„Meine Mutter hat ein Parfum, das heisst Chanel 5. Und sie führt ein Tagebuch. Sie hat durchscheinende Nachthemden und einen schwarzen, mit Gold verzierten Rock, den sie aber nicht anzieht, weil er sehr teuer ist. Der Vater hat viele Krawatten und bekommt jedes Jahr zum Geburtstag, zum Vatertag und zu seinem Namenstag eine neue. Auch zu Weihnachten. Der Papa schenkt uns Kindern nichts. Er arbeitet eh das ganze Jahr für uns und sagt: ‚Ich schenke euch meine Liebe.’“

Lustig und tragisch, dieses Paar durchzieht das ganze Buch..

Sie wächst katholisch auf und wundert sich über diese eigenartige Lehre („… und dann die Kirche voller Bilder und Statuen, und es hiess doch: Mache dir kein Bild!“). Sie wundert sich auch über ihre Nazi Eltern. „Im Geschichtsunterricht lernen wir nichts über Gaskammern, und die Eltern sagen, die Gaskammern seien nach dem Krieg erst von den Amerikanern gebaut worden, sie wüssten das.“

Sie heiratet einen Macho-Spanier, trennt sich wieder von ihm und es beginnen die Jahre, „in denen ich nicht begriff und (bis heute) nicht begreife, warum ich leben muss und wozu.“ Sie leidet unter Depressionen, nimmt ständig Valium, geht zur Therapie, verschweigt jedoch viel.

Sie geht ein Verhältnis mit Friedrich Torberg ein, der einundvierzig Jahre älter ist als sie. Er unterstützt sie, tritt für sie ein. Als er im November 1979 stirbt, fühlt sie sich zuerst befreit und dann verlassen.

Sie landet auf dem Sozialamt, dann in der Psychiatrie. Tabletten und Alkohol. Sie leidet an Wahnvorstellungen, Anfang 2004 zwei Selbstmordversuche. „Der Borderliner“, zitiert sie, „sucht sein Leben lang die Liebe, und wenn sie kommt, kann er sie nicht ertragen, er flüchtet.“

Brigitte Schwaiger geht mit ihrem Schicksal nicht weinerlich um, sie beklagt sich nicht, sondern notiert, was ihr zustösst, versucht zu fassen, was ist. Sie berichtet unprätentiös, wirkt immer mal wieder fragil und verwirrt und vor allem sehr menschlich.

„Wenn Gott tot ist“ ist ein sehr berührendes Buch.

Brigitte Schwaiger
Wenn Gott tot ist
Czernin, Wien 2012

Frédéric Beigbeder: Oona und Salinger

Dieses Buch wird vom Verlag als Roman bezeichnet, doch es ist kein rein fiktives Werk, vielmehr handelt es sich um „Faction“ und das meint, so der Autor: „Die Orte existieren (oder haben existiert), die Figuren sind real, die Ereignisse authentisch und die Daten in Biografien oder Geschichtsbüchern nachprüfbar. Der Rest entspringt meiner Vorstellungskraft …“.

„Oona & Salinger“ handelt von der kurzen Beziehung im Sommer 1941 zwischen J.D. Salinger, dem legendären Autor des Klassikers „Der Fänger im Roggen“ und Oona O’Neill, der einzigen Tochter des Dramatikers und Literaturnobelpreisträgers Eugene O’Neill, die ihren Vater – ihre Eltern liessen sich scheiden – jedoch nur selten sah, obwohl sie sich immer wieder um den Kontakt zu ihm bemühte. Oona gilt als Salingers ganz grosse Liebe.

Es sei gleich gesagt, „Oona & Salinger“ ist ein tolles Buch. Das liegt nicht zuletzt an Beigbeders Ton. „Der Beginn ist ein völliger Reinfall. Stellen Sie sich vor, Sie sind das It-Girl von New York und Ihre Mutter stellt Ihnen einen grossen mageren Kerl vor, der mühsam atmet und die Kiefer aufeinanderpresst. ‚Wir haben uns schon mal gesehen, erinnern Sie sich nicht an mich?‘ Nein, sie erinnert sich nicht an ihre erste Begegnung im Stork Club. Leute, die viel ausgehen, darf man nie fragen: ‚Erinnerst du dich an mich?‘ Natürlich erinnern sie sich nicht, Dummkopf. Sie treffen jeden Abend dreihundert Leute! Jerry ist gekränkt.“

Wie gesagt, „Oona & Salinger“ ist wesentlich das Buch von Beigbeders Vorstellungskraft und diese orientiert sich natürlich auch an seiner Lebenserfahrung, die unter anderem in so schöne und treffende Beobachtungen mündet wie „Wenn zwei Zungen sich berühren, geschieht manchmal nichts. Aber manchmal geschieht etwas …“ oder „Die Liebe entsteht aus einer unwillentlichen Liebkosung, einem unkontrollierten Ausrutscher.“

Besonders gut gefallen hat mir, dass der Autor den Leser am Prozess seines Schreibens teilnehmen lässt. Als er etwa schildert, wie sich die beiden in Point Palisades näherkommen, unterbricht er plötzlich den Erzählfluss und notiert: „Gerade hat sich etwas Seltsames ereignet. Als ich dabei war, mir Jerry Salinger und Oona O’Neill in Point Pleasant vorzustellen, beschliesse ich, eine Pause zu machen, ich schalte den Fernseher ein und … sehe den verwüsteten Strand von Point Pleasant. Ein Orkan namens Sandy ist über den Ort hinweggezogen. Die Planken der Uferpromenade auf der Jerry Oona emporgehoben hat, sind wie Strohhalme davon geflogen und liegen wie ein Mikadospiel übereinander, die Swimmingpools der Häuser sind voller Sand, das Riesenrad ist …“.

Am Ende des Sommers meldet sich Salinger zur Armee, Oona zieht zu ihrer Mutter nach Hollywood, sie will Schauspielerin werden.

„Sie las Jerrys Briefe, aber antwortete nicht. Sie wusste, dass es zwischen ihnen aus war und diese Geschichte für ihn nur deshalb zur Obsession geworden war, weil er sich in einem Militärschlafsaal befand.“ Sie lernt Orson Welles kennen, der ihr die Hand liest und eine Begegnung mit einem älteren Mann prophezeit, jedoch nicht sich selber, sondern Charlie Chaplin meint. Und so kam es dann ja bekanntlich auch. Die Orson Welles-Anekdote ist übrigens verbürgt.

Oona ist 17 als sie auf Chaplin trifft, er 54. Wie Beigbeder das Zusammentreffen der beiden schildert, lohnt allein schon die Lektüre dieses gut geschriebenen, einfallsreichen, informativen, witzigen und bewegenden Buches.

Frédéric Beigbeder
Oona und Salinger
Piper, München 2015


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