
Sens, Bourgogne, France, Juni 2019
Hans Durrers Buchbesprechungen

Sens, Bourgogne, France, Juni 2019
Diesem ganz wunderbaren Roman ist ein Zitat von Marc Aurel vorangestellt, das dieses Werk treffend illustriert: „Wer sehr lange lebt, verliert doch nur dasselbe wie jemand, der jung stirbt. Denn nur das Jetzt ist es, dessen man beraubt werden kann, weil man nur dieses besitzt.“
Gerard Donovan ist ein Meister im Vermitteln dieses Jetzt. Weil er genau hinguckt, weil er genau beschreibt und weil er zu Interpretationen Abstand hält. Und das klingt dann zum Beispiel so: „Als ich Streichhölzer, Milch, Tee, Brot und Butter gekauft und alles im Pick-up verstaut hatte, überquerte ich die Strasse bis zum Café. Mir fiel auf, dass der Wind auffrischte und die vereinzelten Regentropfen sich härter anfühlten, als wären sie mit Schnee beschwert. Deshalb freute ich mich über den Schwall warmer Luft, der mir beim Öffnen der Cafétür entgegenströmte, über das helle Licht und die paar Leute, die über Suppe und Getränke gekauert dasassen. Es bediente eine andere Kellnerin, doch sie brachte mir dieselbe Kaffeesorte an denselben Tisch und sagte auch dasselbe: Lassen sie ihn sich schmecken.“
Der Protagonist, Julius Winsome, lebt mit seinem Hund Hobbes und über dreitausend Büchern in einer Jagdhütte in den Wäldern Maines. Dann tritt unverhofft Claire in sein beschauliches Dasein und verschwindet nach einiger Zeit genauso unverhofft wieder. Kurz darauf wird Hobbes aus nächster Nähe mit einer Schrotflinte erschossen. Und Winsome beginnt einen Rachefeldzug.
Das einsame Leben in den Wäldern und die Lektüre Shakespeares (wer dächte da nicht an Thoreaus Walden?) hat den Protagonisten Winsome zu einem bedächtigen, überlegten und sehr gegenwärtigen Menschen werden lassen. Daran ändert auch der Tod seines Hundes nichts und doch ändert sich mit diesem Tod alles: Winsomes Leben gerät aus den Fugen, er rächt sich nun an der Welt, an all dem, was er falsch findet an dieser Welt.
Was diesen Roman aussergewöhnlich macht, ist nicht in erster Linie der Rachefeldzug von Winsome – obwohl, dieser ist spannend genug und das Buch ist auch ein Krimi – , sondern die Stimmung, die Gerard Donovan zu vermitteln weiss. Man glaubt beim Lesen selber vor Ort in diesen Wäldern zu sein, das Holz der Jagdhütte zu riechen, die Bücher aus den Regalen zu ziehen, das Knirschen des Schnees unter den Schuhen zu hören, zu spüren, wie die Zeit verstreicht. Donovan ist ein Meister im Vermitteln der Gegenwart.
Es braucht wenig, so scheint es (ist der Tod eines Hundes wenig?), dass ein Mensch ausrastet. Doch rastet Winsome wirklich aus? Nie ist er auf seinem Rachefeldzug unkontrolliert, ganz methodisch und überlegt (genauso wie vor dem Tode des Hundes) geht er vor. Was sich geändert hat, ist, dass sein (stark von seinem Vater geprägtes) Leben plötzlich eine ganz andere Richtung genommen hat.
Gerard Donovan führt mit diesem Buch eindrücklich vor, dass es illusorisch ist zu glauben, wir hätten unser Leben unter Kontrolle. Dass er dies am Beispiel eines äusserst kontrolliert agierenden Menschen aufzuzeigen vermag, macht dieses raffinierte Werk zu einem Lesegenuss erster Güte.
Gerard Donovan
Winter in Maine
Luchterhand, München 2009

Cafeteria Neuchatel, Curitiba, Brasil, Dezember 2009
Ich lese dieses Buch zum zweiten Mal. Die Lektüre im englischen Original liegt zehn Jahre zurück. Es ist eines der wenigen Bücher, von dem mir einige Sätze fast wörtlich im Gedächtnis geblieben sind. Darunter der allererste: „Die Vorstellung, Liebe könnte nicht genug sein, ist besonders schmerzhaft.“
Natürlich erinnere ich mich an vieles überhaupt nicht, weiss auch gar nicht mehr, worum es eigentlich geht, doch diese ganz eigene Stimmung, in die mich das Buch schon beim ersten Lesen gebracht hat, die ist sofort wieder da – hervorgerufen durch diese wichtigen, wahren Sätze, derentwegen ich Bücher lese.
„Sie glaubte fest daran, dass ihre Genügsamkeit in Schicksalsfragen der Schlüssel zu ihrem Glück sein würde. Sie würde ihr Gesicht der Sonne über Sydney zukehren und sich niemals hinter schlecht zusammengeschusterten Traumbildern verstecken.
Denn im Gegensatz zu Jesus und Nietzsche war die Puppe keine Träumerin. Sie selbst hätte sich eine Realistin genannt. Realismus bedeutet, die Enttäuschung bereitwillig anzunehmen, um nicht enttäuscht zu sein.“
Es ist ein eigenartig Ding mit den Übersetzungen. Auch bei guten Übersetzungen, zu denen die vorliegende von Eva Bonné gehört (obwohl, so richtig beurteilen kann ich das nicht, doch liest sich der deutsche Text bestens), gibt es gelegentlich Irritationen. Bei mir ist es die folgende: Im Original heisst die Protagonistin „The Doll“ was völlig korrekt mit „Die Puppe“ übersetzt wird, nur dass, jedenfalls in meinen Ohren, Puppe und Doll ganz anders klingen – und ich „The Doll“ nicht so recht aus meinen Gehirnwindungen kriege.
Nun gut. Die Puppe tanzt in einem Striptease-Lokal für finanziell Gut-Situierte. Am Strand lernt sie Tariq kennen, der den Sohn ihrer Freundin Wilder vor dem Ertrinken rettet. Bei einer Schwulen und Lesben Parade, bei der auch Wilder mitmacht, trifft die Puppe Tariq wieder. Sie geht mit ihm nach Hause, am andern Morgen ist er fort. Sie verlässt seine Wohnung und sieht von einem Coffeeshop aus wie das Gebäude von der Polizei umstellt wird. Gerüchte und Mutmassungen schiessen ins Kraut. „Ein älterer Man drehte sich zu schwulen Pärchen und geföhnten Damen mit geföhnten Hunden vorbei zur Puppe um und sagte, die Polizei sei einem Terroristen auf der Spur. ‚Diese Schweine gehören erschossen‘, sagte die Puppe, weil man das eben sagte und weil sie, die über derlei Themen kaum nachdachte, mehr oder weniger dieser Ansicht war.“
Solcher Sätze wegen liebe ich dieses Buch. Und wegen diesen, welche die Welt, in der die Puppe sich bewegt, auf den Punkt bringen: „Sie eilte an schwulen Pärchen und geföhnten Damen mit geföhnten Hunden vorbei, an exquisiten Feinkostläden, wo ein Päckchen Chemoulagewürz mehr kostete als das Pulver, das einem an der Strassenecke angeboten wurde; wo ein paar Scheiben importierten Schinkens den Gourmet ebenso viel kosteten wie den Freier einen Blowjob auf der Darlinghurst Road.“
Tariq wird als Terrorist verdächtigt, und auch die Puppe gerät unter Verdacht (Dank eines Kunden des Striptease-Klubs, einem vor dem Rauswurf stehenden Fernsehmoderator, den sie hat abblitzen lassen). Wie Richard Flanagan das allmähliche Hineingleiten der Puppe in eine vollkommen aberwitzige Lage aufzeichnet, ist atemberaubend. Er macht dabei deutlich, dass Situationen vor allem deswegen eskalieren, weil eine ganze Reihe von ignoranten Volltrotteln eigennützig und willkürlich Zusammenhänge erfinden, die dann ein desaströses Eigenleben annehmen.
Höchst eindrücklich wird hier geschildert, wie Gerüchte und ‚Fake News‘ instrumentalisiert werden, um Angst und Panik zu schüren. Wie Voreingenommenheiten anstelle von Fakten treten. Und wie problematisch es ist, auf offizielle Verlautbarungen (sei es von Seiten des Staates oder profitorientierter Medien) zu vertrauen.
„Aber ein Gutes hat die Sache“, sagt die Puppe einmal, „ich weiss jetzt, wie es läuft im Leben. Die Menschen sind weder gut noch schlecht, sie sind einfach nur schwach … Sie fügen sich der Macht … Was bleibt Ihnen anderes übrig? Was zur Hölle sollte man dagegen tun?“
„Die unbekannte Terroristin“ ist spannend geschrieben, reich an wirklich schlauen Lebenseinsichten und zudem witzig. „Und obwohl sie es nicht aussprach, hatte die Puppe den Eindruck, dass auch sein Verhalten im Bett nicht zu einem gläubigen Moslem passte. Auf der anderen Seite hatte sie mit gläubigen Moslems im Bett überhaupt keine Erfahrung.“
Fazit: Hellsichtig, clever, packend und anregend. Ein grossartiges Buch!
Richard Flanagan
Die unbekannte Terroristin
Piper, München 2017

Auf dem Weg zum Lac de Bret, Oktober 2018
Es gibt viele Schriftsteller, deren Namen einem zwar geläufig sind, deren Werke man jedoch nie gelesen hat – aus was für Gründen auch immer. Und wenn man dann einen oder eine von ihnen doch noch liest – aus was für Gründen auch immer – , wundert man sichmanchmal, wie man daran all die Jahre hat vorbei gehen können und freut sich, dass man sie doch noch entdeckt hat. Mir ist es mit Muriel Sparks ‚Memento Mori‘ so ergangen.
Es war in Brasilien gewesen, Anfang des Jahres, als Muriel Spark entweder im ‚New Yorker‘ oder in der ‚New York Review of Books‘ lobend erwähnt worden war, vielleicht aber auch anderswo, jedenfalls blieb mir ihr Name dieses Mal haften und ich war sofort fest entschlossen, etwas von ihr zu lesen – und war dann schon nach wenigen Seiten von ‚Momento Mori‘ hell begeistert, dauernd musste ich schmunzeln und immer mal wieder laut heraus lachen, so scharf war ihre Beobachtungsgabe, so treffend ihr Witz, so britisch ihre Ironie.
„Die Ampel ist rot“, sagte Lettie. „Und sprich nicht mit mir, als wäre ich Charmain.“
„Lettie, bitte, ich brauche keinen Fahrunterricht. Ich habe die Ampel gesehen.“ Er musste scharf bremsen, und Dame Lettie rutschte ein Stück nach vorn.
„Wenn er über sein eigenes Verhalten nachsann, dann dachte er nie ‚ich‘, sondern immer ‚man‘.“
‚Memento Mori‘ handelt vom Leben betagter Personen, die sich gegenseitig verdächtigen, senil zu sein, von Beerdigungen („Godfrey erkannte nicht sofort alle, denn da sie sich prüfend über die den Blumenspenden angehefteten Karten beugten, erblickte er nur eine Reihe von Hinterteilen.“) und Todesfällen („… obwohl ihm der allgemeingültige Grundsatz, dass der Tod jedem Menschen bevorsteht, durchaus bekannt war, vermochte er sich das im jeweiligen Einzelfall nicht vorzustellen.“), ständigen Testamentsänderungen und ausgesprochen skurrilem Verhalten. Reich an Situationskomik, ist dieses Buch ein ganz aussergewöhnlicher Lesegenuss, selten fühlte ich mich besser und intelligenter unterhalten – und bin ganz beglückt, dass viele der Szenen nachhallen.
Vergesslichkeiten und Zusammenstösse mit dem Pflegepersonal sind an der Tagesordnung, Pläne, die dauernd wieder über den Haufen geworden werden, ebenso. Und auch die Gesundheit der zehn Greise ist nicht stabil und unterliegt mannigfachen Schwankungen.
In diese Schilderungen, die wesentlich ums Alter kreisen, sind auch Krimi-Elemente eingebettet, denn Dame Lettie, eine der Protagonistinnen, erhält dauernd Telefonanrufe, bei denen sich eine Stimmer mit dem Satz meldet: ‚Bedenke, dass du sterben musst.‘ und dann einhängt. In der Folge erhalten auch ihr Bruder, Godfrey Colston und seine Frau, die erfolgreiche Schriftstellerin, Charmian Piper, wie auch der Amateurgerontologe Alec Warner (eine wunderbare Figur!) solche Anrufe. Und auch der Detektiv … Gestorben wird natürlich auch, rasch und ohne grosse Umstände.
‚Memento Mori‘ macht mich jubeln. Wegen Sätzen wie diesen. „Mrs. Anthony erkannte instinktiv, dass Mrs. Pettigrew eine nette Frau war. Ihr Instinkt irrte sich.“ Für solche Erkenntnisse braucht ein Psychologe mindestens ein Buchkapitel. Und auch so wirklich hilfreiche, praktisch-philosophische Ratschläge findet man in einschlägigen Ratgebern kaum. „Wenn ich noch einmal leben dürfte, würde ich mir angewöhnen, jeden Abend über den Tod nachzudenken. Ich würde mir den Tod sozusagen in Erinnerung rufen. Keine andere Übung lässt einen das Leben intensiver spüren. Wenn der Tod naht, sollte er einen nicht mehr überraschen. Er sollte Teil dessen sein, was man vom Leben erwartet. Ohne das ständige Bewusstsein vom Tod ist das Leben fade. Es ist wie ein Ei ohne Eigelb.“
Scharfsinnig, nüchtern, psychologisch versiert, wunderbar witzig und wesentlich, so nehme ich Muriel Sparks ‚Memento Mori‘ wahr. Auf mich wirkt das befreiend. Als das Buch 1959 auf Englisch erschien (die hervorragend ins Deutsch übertragene Neuveröffentlichung zeigt wieder einmal, dass wirklich gute Literatur zeitlos ist), war die Autorin 41 Jahre alt – es ist verblüffend, wie realistisch und akkurat sie die Greise (Frauen wie Männer) porträtierte. ‚Momento Mori‘ ist ein höchst unterhaltsames und wunderbar lebenskluges Buch.
Muriel Spark
Memento Mori
Diogenes, Zürich 2018

Sargans, Bahnweg, August 2019
Es liegt Jahre zurück, dass ich Anna Quindlens „Kein Blick zurück“ gelesen habe – obwohl keine Erinnerung an den Inhalt, weiss ich noch, dass es mich packte, ich es mir in einem Zug reingezogen habe. Ein paar Stellen habe ich mir angestrichen. Hier ist eine:
„Der ist auf dich scharf“, sagte Cindy. „Das ist alles, was ich dazu zu sagen habe. Aber echt.“
„Ach, hör doch auf“, sagte ich. „Er ist ein Freund. Einfach ein guter Freund. Frauen können auch Männer zum Freund haben.“
„Na ja, mein Herzchen, das ist gut und schön, aber wenn unser Herrgott gewollt hätte, dass Frau und Mann Freunde werden, hätte er dafür gesorgt, dass sie etwas gemeinsam haben.“
Ich mag Quindlens Humor, ihre sehr menschliche, pragmatische und wache Sicht auf die Dinge. Und ich finde sie auch wieder in „Ein Jahr auf dem Land“.
„’Hey, Sarah‘, rief jemand. Rebecca fragte sich, wie lange die Frau sonst wohl noch weiter geredet hätte. Vermutlich sehr lange. Sie schien zu den Frauen zu gehören, die keine Stille ertragen können, ohne sie zu füllen.“
Die 60jährige Fotografin Rebecca Winter zieht für ein Jahr aufs Land, aus wirtschaftlichen Gründen. „Sie hatte eine Abmachung mit sich getroffen. Sie würde so lange hier im Exil wohnen bleiben, bis sie es sich wieder leisten konnte, in ihr altes New York zurückzukehren.“
Das Landleben hält einige Überraschungen bereit. „Hier gab es eine ganze Welt, von der sie nicht die geringste Ahnung hatte. Wild ausnehmen. Ausgussbecken. Klärgrube. Ein Sprache, die ihr bisher nur in den grossen amerikanischen Romanen des 19. Jahrhunderts untergekommen war.“
Sie freundet sich mit einem 16 Jahre jüngeren Dachdecker an, der nach einer gemeinsam verbrachten Nacht, aus ihr zu dem Zeitpunkt nicht bekannten, dramatischen Gründen, wegbleibt …
Sie fällt in ein noch grösseres Loch als das durch ihre Scheidung, den Sohn, dessen Umgang mit Freundinnen sie an ihren Ex-Mann erinnert, die demente Mutter, den mit sich und seiner Geliebten beschäftigten Vater, ausbleibende Aufträge und ihren stetig sinkenden Kontostand, verursachte.
Anna Quindlen ist eine äusserst begabte Erzählerin, die es zudem hervorragend versteht, eine Geschichte spannend zu strukturieren. Mit „Ein Jahr auf dem Land“ hat sie ein einfühlsames Buch über das Älterwerden geschrieben – wie man sich befreien, eine Neuorientierung wagen kann. „Die Leute nagelten einen fest, dachte Rebecca oft, wenn sie durch den Wald stapfte. Mehr noch, man nagelte sich selber fest, oft auf eine Persönlichkeit, die einen im Grunde gar nicht interessierte. Man hatte also die Wahl …“. Auch die, wenn man glücklich und bei sich ist, keine Rationalisierungen liefern zu müssen:
„Was in aller Welt ist mit dir passiert?“
„Ich weiss es nicht. Und es ist mir auch egal.“
„Ich bin neidisch“, sagte Dorothea
„Ein Jahr auf dem Land“ ist auch ein Buch über Fotografie. Genauer: über die Berufserfahrungen einer Fotografin. So erfährt man etwa, dass, im Gegensatz zur Digitalfotografie, wo man sofort sah, ob man seine Zeit verschwendete, man beim Film länger hoffen konnte, „so lange, bis sich die Umrisse unter der schillernden Oberfläche der Flüssigkeit im Entwicklungsbad abzeichneten.“ Und man nimmt verblüfft zur Kenntnis, dass die Arbeit von Rebeccas männlichen Kollegen entweder aus körperlichen Strapazen bestand oder sich der persönlichen Genialität verdankte – während sie selber ihre besten Arbeiten „als zufällig und unmittelbar“ empfand. Hier noch ein schöner, zum Nachdenken einladender Satz: „Es waren Fotos, die man erklären musste, und folglich Fehlgriffe.“ Und gerade noch einer: „Sie hatte gelernt zu erkennen, wie die Dinge aussahen, aber nicht, was sie wirklich ausmachte. Dieses dreidimensionale Leben hier war etwas völlig anderes.“ (Ein Satz, der im Verlaufe der Geschichte noch eine ganz unerwartete Bedeutung annehmen wird, die aber hier nicht verraten werden soll).
Fazit: Ein zutiefst menschliches Buch, dramatisch und bewegend, zum Schmunzeln und zum Nachdenken einladend, anrührend und inspirierend, ein Genuss!
Anna Quindlen
Ein Jahr auf dem Land
DVA, München 2015

Falknis, August 2019
Im Sommer 1998 bringt der amerikanische Schriftsteller Walter Kirn einen behinderten Jagdhund von Montana nach Manhattan – zu Clark Rockefeller, der den Hund via Internet adoptiert hat. So beginnt die fünfzehn Jahre währende Beziehung Kirns mit diesem reichen Sonderling, der sich dann jedoch als Serienbetrüger, Kidnapper und eiskalter Mörder entpuppt. Auch Walter Kirn selber wird als Opfer ausgelotet.
Bei dem vermeintlichen Clark Rockefeller handelt es sich in Wahrheit um Christian Gerhartsreiter, einen Psychopathen, den Kirn auf Anhieb nervig fand, „ein putziger kleiner Hobbit, der sich selber für so amüsant hielt, dass er etwas Wahnhaftes hatte.“ Er lässt sich von Rockefeller/Gerhartsreiter in Restaurants und Clubs ausführen, in seine Wohnung einladen („spartanisch und schmucklos … die Kunst an den Wänden aber war kühn und gewaltig“) und ist von seinen Monologen hingerissen. Über Geld wird nicht gesprochen, auch dann nicht, als Kirn für seine Aufwendungen mit einem Check entschädigt wird, der nicht einmal die Hälfte seiner Ausgaben deckt.
Christian Gerhartsreiter, geboren 1961 im oberbayerischen Siegsdorf, geht mit ganz unterschiedlichen Identitäten („Alles war kopiert, angeeignet, nachgemacht …“) durchs Leben. Als er durch Scheidung das Sorgerecht über seine Tochter verlor, kidnappte er diese, woraufhin er zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Während des Prozesses wurden verschiedene Aliase des falschen Rockefellers aufgedeckt. In der Folge wurde er angeklagt, 1985 John Sohus, den Adoptivsohn seiner damaligen Wohnungsvermieterin ermordet zu haben. Heute sitzt der zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe Verurteilte im Gefängnis von Los Angeles ein.
Walter Kirns Tatsachenbericht „Blut Will Reden“ beschreibt einerseits die Welt des Hochstaplers Gerhartsreiter und liefert damit ein eindrückliches Gesellschaftsporträt: „Im Showgeschäft, das die eigene Verlogenheit offen zur Schau stellt, hatte der aus Kalifornien Geflohene nicht landen können, aber an der Wall Street kam er gigantisch gut an.“
Andererseits versucht dieses Buch zu ergründen, wie der abstinente Alkoholiker Kirn auf diesen Psychopathen hereinfallen konnte. „Clark erkannte ein perfektes Opfer, wenn er eins vor sich sah …“). Doch was war es, das Kirn zum Opfer machte? Hatte es damit zu tun, dass er Ritalin nahm? Diese Tabletten riefen nämlich „ eine Stimmung hervor, in der ich wahl- und unterschiedslos jederzeit zu allem bereit war.“ Oder hatte ihn womöglich sein Geltungsbedürfnis zur Zielscheibe gemacht?
Der Gründe sind wie immer viele. Auch des Hochstaplers Regiearbeit (und nicht etwa seine schauspielerischen Fähigkeiten): „… der Einsatz bestimmter Requisiten und die Art, wie er sich atmosphärische Schwingungen zunutze machte“ trug dazu bei, dass sich Kirn verführen liess. Wie auch die Tatsache, dass Clark literarisch hoch gebildet und ein begabter Causeur war. „Das Essen war nichts Besonderes, das Gespräch aber, als ich mich erst einmal darauf eingelassen hatte und Clark in Fahrt gekommen war, liess sich mit nichts vergleichen.“
Nicht unwesentlich dafür, dass Kirn auf Clark hereingefallen ist, ist natürlich auch, dass so ein Rockefeller-Zugang wunderbares Material für eine Geschichte, das Brot des Schriftstellers, liefert. Wie sehr man sich dafür verbiegen kann, beschreibt Walter Kirn einfühlsam, selbstkritisch und schonungslos: „Ich hatte mich ebenso sehr angestrengt, hinters Licht geführt zu werden, wie er daran gearbeitet hatte, mich hinters Licht zu führen. Ich war kein Opfer; ich war Mittäter.“
Walter Kirn
Blut Will Reden
Eine wahre Geschichte von Mord und Maskerade
C.H. Beck, München 2014