„Es lief jetzt schon nicht rund“ lautet der erste Satz. Berufsverbrecher Wyatt, obwohl er dringend einen Job braucht, wird sich auf diese Trottel nicht einlassen. Er sagt es nicht, er handelt entsprechend.
Diese Trottel – die Pepper Brüder, der drogensüchtige Syed, Stefan Vidovic – bleiben mit dem wortkargen Eigenbrötler Wyatt („Er offenbarte seine Bedürfnisse nicht. Er gestand sich nicht einmal ein, dass er welche hatte.“) verbunden.
Als der Bauunternehmer David Minto, der auch Anwalt für Immobilienrecht war und in den Hinterzimmern der Labour Party die Strippen zog, ihm einen Auftrag anbietet, fliegt Wyatt an die Goldküste. Wie er diese beschreibt, ist einer der Gründe, weshalb mir Garry Dishers Schreiben gefällt. „Hier gab es keine Notwendigkeit nachzudenken. Niemand erwartet es und die Sonne verbrannte alle Denkvorgänge, während sie zugleich die perfekten weissen Zähne und den perfekt gebräunten Körper. Politiker bezeichneten es als ‚Gods own country‘, aber Wyatt war der Ansicht, Gott sei die meiste Zeit geschäftlich woanders unterwegs.“
Minto ist nur der Vermittler, die Auftraggeberin ist Hannah Sten, die ein Bild zurück will, von dem sie behauptet, es gehöre ihrer Familie und sei im Zweiten Weltkrieg von den Nazis geklaut worden. Der jetzige Besitzer will jedoch nichts davon wissen, also soll Wyatt das Gemälde klauen.
Wyatt sieht sich vor, ist aufmerksam, vergewissert sich ständig, ob er verfolgt wird. Er verfügt über Qualitäten, die auch in jedem anderen Beruf gefragt gewesen wären, er ist ein Profi. Und er ist auch ziemlich paranoid – was manchmal kein Nachteil ist.
Die detaillierten Schilderungen von Wyatts Einsatzort ist nicht nur Ausdruck seiner Kontrollwut, sondern gibt auch Einblick in den Lokalkolorit von Noosa Heads und Umgebung, eine Gegend, die zu der Zeit als ich dort war (vor gut dreissig Jahren), sehr hip war.
Bei der Vorbereitung des Raubes spielen auch David Mintos Nichte Leah, ihr Liebhaber, der New Yorker Anwalt Rafael Halperin, sowie ihr Partner Trask, ein Ex-Cop, eine Rolle, wollen sich jedoch damit nicht zufriedengeben – sie planen selber den grossen Coup zu landen.
Obwohl kein Denker, macht Wyatt sich viele Gedanken (praktische, die fast nur mit der Erledigung seines Auftrags zu tun haben), ausgeprägter ist jedoch sein Instinkt. Er weiss, dass etwas nicht stimmt. Und er hat seine Prinzipien. „Keinen Alkohol im Vorfeld eines Coups. Kleine Mahlzeiten. Viel Schlaf.“ Ein Sportler, ein Soldat. Jederzeit bereit zu sein, darum ist es ihm zu tun. Weshalb er denn auch angespannt und misstrauisch ist – und das zahlt sich aus.
Garry Disher ist ein meisterhafter Erzähler, und Hitze ein meisterhafter Roman. Das liegt, neben der spannenden Handlung, wesentlich an seiner Fähigkeit, Charaktere zu zeichnen. Neben Wyatt ist da besonders die ständig kurz vor dem Explodieren stehende Leah, über die ihr Partner Trask einmal räsoniert. „Sie war giftig, sah niedlich aus, war fies, couragiert, ambitioniert, gewissenlos. Im Bett stürmisch, wenn auch emotional distanziert. Hasste es, ausgefragt oder kritisiert zu werden …“. Und er fragt sich, ob sie wohl an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung litt. Unter anderem, würde ich sagen.
Was mir auch gefällt, ist Dishers trockener Humor. „…. als eine Frau mit dem Modegespür einer fundamentalistischen Zeugin Jehovas schnurstracks hereinspazierte.“
Aussergewöhnlich finde ich, dass es dem Autor gelingt, den Leser mit dem (anständigen) Einbrecher Wyatt mitfiebern zu lassen, ja, sich mit ihm zu identifizieren. Jedenfalls ist es mir so gegangen. Damit macht Disher auch klar, wie relativ die Zuschreibungen von Gut und Böse manchmal sind.
Ein vielschichtiges und grossartiges Buch!
Garry Disher
Hitze
Pulp Master, Berlin 2019