Tom Franklins Krumme Type, krumme Type hat mich nicht zuletzt auch deswegen beeindruckt, weil ich mich bei den Naturschilderungen so recht eigentlich mit vor Ort fühlte, ein Eindruck, der sich auch bei den vorliegenden Geschichten wieder einstellte. Übrigens: „Ich weiss natürlich, dass Arkansas für die meisten Leuten zum Süden zählt, aber es ist nicht mein Süden – der mir bis heute im Blut liegt und meine Vorstellungswelt bestimmt, der Süden, in dem diese Geschichten spielen – ist das südliche Alabama, üppig, grün, und voller Tod, die zahlreichen Countys zwischen dem Alabama und dem Tombigbee River.“
Die Vorstellung, eine Gegend könne einem im Blut liegen, finde ich faszinierend und eigenartig, wohl weil mir solche Gefühle gänzlich abgehen. Doch mit Tom Franklin in diesen Wäldern unterwegs zu sein, regt meine Wahrnehmung an – und deswegen lese ich unter anderem Bücher.
Wilderer macht mich immer mal wieder laut heraus lachen. „Glen – ein zweiundvierzigjähriger von Magengeschwüren geplagter, unter Schlaflosigkeit leidender halber Alkoholiker und notorischer Spieler – liess sich Roys Idee an jenem Abend in seiner winzigen Wohnung durch den Kopf gehen, indem er drei Sixpacks Bud Light trank…“. Ein halber Alkoholiker? Echt jetzt?! Für mich klingt er eher nach einem vielfältig Abhängigen, wovon Alkohol und Spiele nur gerade die offensichtlichsten Manifestationen sind. „Glen hatte insgesamt vier Ex-Frauen und war noch immer in jede von ihnen verliebt.“
Die Geschichten in diesem Band handeln vom Aufwachsen und Sich-Behaupten-Müssen, von Spielschulden, Erpressung und illegalen Kies-Verkäufen, von Voodoo, Gerüchten und Aberglauben und und und. Was sie ausmacht und zusammenhält, ist das Atmosphärische. Tom Franklin vermittelt einem das Gefühl (klar doch, ich spreche von mir), vom richtigen Leben zu erzählen. Und das meint unter anderem, von einem gewalttätigen Amerika, das sich im Alltag zeigt, sei es bei der Jagd, sei es, dass einer mit Messern nach einem Gürteltier wirft (um ein vergleichsweise ‚harmloses‘ Beispiel zu nehmen), sei es, dass einer in den Wald fährt und Katzen erschiesst – die Gewalt scheint in diesem Amerika ständig in der Luft zu liegen.
Dass mir diese Geschichten so realistisch vorkommen, finde ich umso bemerkenswerter, als ich mir vorstelle, dass das Leben des Universitätslehrers Tom Franklin verschiedener von den Leben der Fabrikarbeiter und Säufer, die er so überzeugend schildert, vermutlich kaum sein könnte. Ein Triumph des Einfühlungsvermögens!
Eintönig und dumpf sind die in Wilderer geschilderten Leben. Und voller Absonderlichkeiten. Was das für Ballons seien, die da rumschwimmen, will der Fahrer eines Schulbusses wissen, der vor einem Klärwerk angehalten hat. „Kondome“, sagte Henry und erklärte, dass der Mann nach dem Sex oft einen Knoten in den Gummi mache und ihn die Toilette runterspüle. Im Abwassersystem werde es dann warm, fuhr er fort. Im Gummi bildeten sich Gase und dehnten sich aus, und wenn die Gummis dann aus der Kanalisation in Vorklärbecken kämen, schwämmen sie wie Ballons.“
Die für mich gelungenste Geschichte, Wilderer handelt von den drei Gates-Brüdern aus den Sumpf-Gebieten, in denen eigene Gesetze, die mit der staatlichen Ordnung wenig zu tun haben, herrschen. Ich fühlte mich an Mariane Pearls Ein mutiges Herz erinnert, die über einen pakistanischen Warlord festhielt: „Als wir ihn fragten, ob er die Absicht habe, Musharraf zu gehorchen, reagierte er amüsiert, als ob wir ihm einen Witz erzählt hätten.“
Nachdem der Vater der Gates-Brüder sich umgebracht hatte, waren die drei, ihre Mutter war vor einigen Jahren gestorben, auf sich gestellt aufgewachsen. Der Ladenbesitzer Kirxy nahm sich ihrer an und stellt sich auch an ihre Seite, als der Sumpf die Leiche des Wildhüters freigibt und die drei ins Visier der Behördenwillkür geraten. Was dies bedeutet, schildert Tom Franklin eindrücklich.
Tom Franklin
Wilderer
Pulp Master, Berlin 2020