Fred Vargas: Klimawandel – ein Appell

Fred Vargas, erfahre ich aus der Presseinformation, ist Doktorin der Archäozoologie und ehemalige Mitarbeiterin am renommierten Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung in Paris. Mir selber ist ihr Name als Verfasserin von Kriminalromanen geläufig.

Im November 2008, anlässlich des Klimagipfels in Helsinki, verfasste sie einen kurzen Text zum Klimaschutz (er ist in diesem Buch abgedruckt), der weltweit geteilt wurde. 10 Jahre später, an der UN-Klimakonferenz in Katowice, wurde derselbe Text von Charlotte Gainsbourg vorgetragen. Offenbar hatte der Text nichts von seiner Aktualität eingebüsst – und das sagt uns so recht eigentlich alles über Klimakonferenzen und die Regierungstheater, die wir uns gefallen lassen: Sie sind schlicht für die Katz, taugen höchstens als Inszenierungen eitler Wichtigtuer.

Mir gefällt, wie Fred Vargas ihre Herangehensweise schildert – was sie sich vorstellt, sich vornimmt, und wie es dann herauskommt. Je mehr sie darüber lernt, wie der Mensch mit der Welt umgeht, desto fassungsloser ist sie ob diesem gigantischen Verbrechen. Sie liest überaus langweilige Auszüge aus ministeriellen Dokumenten, wird zunehmend ungehaltener darüber, wie inkompetent Regierungen, denen wir die Verantwortung für den Planeten zugeschoben haben (ohne zu bedenken, dass die Politik der verlängerte Arm der grossen Konzerne ist), unseren Lebensraum verwalten. Dabei spricht ganz besonders für sie, dass sie die Dinge in den grossen Zusammenhängen sieht und die Werbung als das bezeichnet, was sie ist: Desinformation.

So allgemein wissen wir ja alle (also gut: so ziemlich alle), dass stetiges Wachstum nicht nur ein Unding ist, sondern schlicht nicht funktionieren kann. „Glaubt nicht, ich hätte mehr gewusst als ihr. Ich habe nur gesucht, ich habe gearbeitet, und am Ende habe ich erreicht, was ich erreichen musste: Ich habe erfahren. Und was ich erfahren habe, das muss ich mit euch teilen, denn nur gemeinsam können wir den Schock mildern, auf den unsere Erde und alles Leben auf ihr zutreiben.“

Das Tolle an diesem Buch ist, wie Fred Vargas aufzeigt, zu was unsere Ideologie des Gewinnstrebens geführt hat: 82 Prozent des Reichtums der Welt liegt in den Händen von 1 Prozent der Weltbevölkerung; allein in Europa beläuft sich die jährliche Steuerflucht auf über 1000 Milliarden Euro. Aberwitziger und zerstörerischer als unser Gesellschaftssystem geht gar nicht!

Der Motor unseres materiellen Wohlstandes (und unserer seelischen Desorientiertheit) ist die Gier. Wir sind in einem System gefangen, das darauf angelegt ist, uns zu Süchtigen zu machen, die den Hals nicht voll kriegen und immer mehr wollen. Darauf ist auch die Intensivierung der Landwirtschaft zurückzuführen, die uns ermöglicht, sommers wie winters (weitestgehend geschmacksfreie) Südfrüchte von all überall her zu konsumieren. Dass diese Intensivierung auch ein Massensterben von Tieren und Pflanzen zur Folge hat – In Europa und Zentralasien sind in den letzten zehn Jahren 42 Prozent aller Tiere und Pflanzen verschwunden, ebenso 71 Prozent der Fische und 60 Prozent der Amphibien – , wird, wenn überhaupt. schulterzuckend hingenommen. Man täusche sich nicht: Entgegen anderslautenden offiziellen Verlautbarungen gilt Nach uns die Sintflut.

Klimawandel – ein Appell ist ein sehr informatives Werk, das nützliche und notwendige Aufklärung darüber liefert, wem die gegenwärtige Misere zu verdanken ist. Den Treibhausgas-Emissionen, zum Beispiel. „An der Spitze steht die Industrie mit einem Anteil von 32 Prozent, gefolgt von, ihr werdet es nicht glauben, Viehzucht, Landwirtschaft und der mit ihr verbundenen Entwaldung mit einem Anteil von 25 Prozent …“.

Es ist zudem auch ein recht umfassendes Werk; kaum ein Bereich, der nicht zu Sprache kommt. Das Recyceln der Batterien genauso wie das Elektroauto, die Erschöpfung der Lithium-Vorräte wie der gigantische Wasserverbrauch, die miserable Ökobilanz der Pflanzenmilch wie auch das krebsfördernde Natriumnitrat, das bei der Herstellung von Speck, Wurst und gekochtem Schinken zum Einsatz kommt.

Es ist eine ausgesprochen detaillierte Auseinandersetzung, die Fred Vargas hier vorlegt. Und die Fakten sprechen eine klare Sprache. Ihr Forderungskatalog ist ebenfalls sehr ausführlich. Man kann ihn ambitioniert und unrealistisch finden, man kann sich aber auch fragen, was man persönlich tun kann. Wie wär’s mit der drastischen Einschränkung unseres Fleischkonsums? Das passt Ihnen nicht? Mir auch nicht. Doch das ist vollkommen irrelevant. Relevant ist hingegen, was zu tun, also was nötig ist, um der weiteren Zerstörung unseres Lebensraums Einhalt zu gebieten.

„Wir sind dazu verurteilt, gemeinsam zu handeln oder alle wie die Trottel unterzugehen“, sagte Martin Luther King einmal zu den Schwarzen. Der Satz gehört heutzutage uns allen gesagt.

Klimawandel – ein Appell ist ein aufrüttelndes Buch, das einen wütend macht, Und das ist nötig.

Fred Vargas
Klimawandel – ein Appell
Wir müssen jetzt handeln, um unser Klima zu retten
Limes Verlag, München 2021

Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006); Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011); Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011); Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013); Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017); In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018); Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018); Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019); Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021); Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022). Die Welt will betrogen sein. Über Gehorsam, Gier und Selbstvermarktung (neobooks 2023); Wie ich die Fotografie entdeckte - und was sie mich gelehrt hat (neobooks 2024); Das Jetzt ist nicht zu fassen. Notizen von unterwegs (neobooks 2024); Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession (Tredition 2025).

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