Ein Zitat von Stephen Hawking ist diesem Thriller vorangestellt: „Wir riskieren, uns durch Gier und Dummheit selbst zu zerstören.“ Mehr gibt es über unsere Zeit kaum zu sagen, ausser vielleicht, dass das Risiko bereits zu einer Realität geworden ist.
Todsünde spielt in Südafrika, ein Land, das mir sowohl als Tourist wie auch als Delegierter des IKRK (des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz) bekannt ist. Die Bilder, die sich bei der Lektüre in meinem Kopf einstellen, bringen mich auch immer wieder 25 Jahre zurück – ich war damals viel auf Polizeistationen und habe südafrikanische Polizisten zumeist als no-nonsense Typen kennengelernt.
Ein Geldtransporter wird überfallen, Kaptein Bennie Griessel und seine Kollegen rücken aus. „Griessel spürte sofort das intensive Bedürfnis nach der beruhigenden Wirkung eines Jack Daniel’s. Er war trockener Alkoholiker; kein Tropfen, seit über zweihundert Tagen.“ Auch eine andere Polizeieinheit begibt sich vor Ort – ein Chaos sondergleichen entwickelt sich, bei dem alle durch die Gegend schiessen, doch keiner weiss, was er tut.
Todsünde erzählt keine eindimensionale Geschichte, sondern verbindet ganz unterschiedliche Erzählstränge miteinander. Ein Disziplinarverfahren gegen Bennie Griessel und seinen Partner Vaughn Cupido, das sie von ihren Funktionen im Direktorat für Schwerverbrechen entbindet und sie ins vermeintlich ruhige Stellenbosch versetzt, wo „die Superreichen und ganz Armen Seite an Seite“ leben. Der Verkauf einer mehrere Millionen teuren Immobilie für einen psychopathischen Geschäftsmann, der plötzlich verschwindet. Die Ermordung eines Polizisten, der als Whistleblower gefährlich hätte werden können. Ein Student und begabter Hacker ist plötzlich nicht mehr auffindbar. Und und und …
Auch über das Privatleben von Bennie Griessel und Vaughn Cupido erfährt man einiges. So traut etwa Bennies Sohn der Abstinenz seines Vaters nicht, seine Tochter geht damit jedoch recht locker um. Und Vaughn befürchtet seine Beziehung zu Desiree könnte darunter leiden, dass er immer dicker wird. „Sie muss mir helfen! Sie kann einfach alles essen und beleibt schlank. Dahinter steckt ein Geheimnis, Benna, und das muss ich wissen.“ So witzig ich das finde, man kann sich natürlich schon fragen, wie jemand, der so denkt, jemals einen Kriminalfall lösen kann.
Deon Meyer versteht sich nicht nur aufs Thriller-Schreiben, er weiss auch, wie Menschen ticken, denen gemeinsam ist, dass sie die Wirklichkeit nicht wahrhaben wollen und sich in Alkohol und andere Formen der Verdrängung flüchten. Sein nüchterner Blick auf die (Polizei)Behörden, bei denen politische Loyalität häufig vor der Sachkenntnis kommt, wie auch auf die korrupte Regierung des Landes, ist wohltuend.
Wie jeder Thriller, so gibt auch dieser dem Autor die Gelegenheit, sich über Sachen auszulassen, die ihm auf die Nerven gehen. Die politische Korrektheit liberaler Weisser etwa, die sich nicht trauen, korrupte schwarze Politiker beim Namen zu nennen. Oder: „Die indischen Geschäftsleute, die mit dem Präsidenten zusammen haben den Staat ausbluten lassen, mussten erst vier, fünf Billionen stehlen, bevor sie ins Scheinwerferlicht gerieten. Da sieht man’s mal wieder: Als Weisser ist man privilegiert, sogar als Krimineller.“
Nicht zuletzt ist Todsünde auch eine gute Südafrika-Einführung, die immer mal wieder zum Schmunzeln einlädt. „Rolli“, sagte Cupido, „wenn eure Partnerschaft so unschuldig ist, warum hast du dann zuerst gesagt, dass du ihn nicht kennst?“ „Jetzt tun Sie doch nicht so, als ob Sie das nicht wüssten! So was macht man als Farbiger, wenn die Buren anklopfen. Bloss nix zugeben.“
Ein solider Thriller, gut geschrieben, aufklärend und spannend – der Schluss ist schlicht genial!
PS: Aus dem irreführenden und aussergewöhnlich unbedarften Klappentext: „Griessel und Cupido halten sich an ihre bewährte Strategie: Mund halten, Kopf zusammenhalten, durchhalten.“ Was das mit diesem Buch zu tun haben könnte, hat sich mir nicht erschlossen …
Deon Meyer
Todsünde
Ein Bennie-Griessel-Thriller
Rütten & Loening, Berlin 2021