Port Harcourt, Nigeria. Drei Studenten werden von einem Mob gejagt und brutal ermordet. Der Vater von einem der drei, ein einflussreicher Mann, bittet den investigativen Psychologen Philip Taiwa, der zum Thema Lynchmobs promoviert hat, um Hilfe. Keine Frage: Ohne Kreativität erlangt man heutzutage keinen Doktortitel!
Light Seekers beruht auf einer wahren Begebenheit. „Das viral verbreitete Video von vier jungen Studenten der University of Port Harcourt, die gelyncht und bei lebendigem Leib verbrannt wurden, verfolgt mich bis heute“, schreibt der Autor, der an der University of Ibadan in Lagos Klinische Psychologie studierte sowie das Creative Writing Programme an der University of East Anglia absolvierte, in seiner Danksagung.
Philip, ohne feste Anstellung, ist mit Folake, Professorin für Rechtswissenrschaft, verheiratet. Sie hat eine Affäre, er weiss es, doch er will es doch lieber nicht wissen, weil er nicht streiten will, und Folake sowieso besser streiten kann. Das ist temporeich, witzig und wunderbar unterhaltsam geschildert.
Als Philip seiner Sitznachbarin auf dem Flug von Lagos nach Port Harcourt erklärt: „Ich untersuche Verbrechen und analysiere, warum und wie sie sich ereignet haben“, reagiert diese so: „Sie schnaubt verächtlich, wie es nur eine Nigerianerin kann. Ein abschätziges Knurren, begleitet von mimischen Verrenkungen, bei denen gleichzeitig die Augen verdreht, die Brauen hochgezogen und die Mundwinkel nach unten gebogen werden, ‚Wozu soll das gut sein? Es ist schon passiert, abi?’“ Und wer schon einmal auf Afrikas Strassen unterwegs gewesen ist, weiss auch bei dieser Szene, dass da mehr beschrieben als erfunden worden ist. „’Wie lange fährt man nach Okriki?‘ frage ich Chika, als er von der Flughafenzufahrt in eine Strasse einbiegt, die eine On-Off-Beziehung mit Teer zu haben scheint.“
Okriki liegt auf dem Land, die Bewohner sind Städtern gegenüber sowohl neugierig wie auch skeptisch. Und besonders gegenüber denen aus der Hauptstadt wie Taiwa, der von den örtlichen Gegebenheiten auch kaum etwas weiss. „Spricht man hier nicht Igbo?“, flüstere ich Chika zu. „Nein, hier sprechen sie Ikwerre“, antwortet er ebenfalls flüsternd. „Ich dachte, im Osten sprechen alle Igbo.“ „Das sollten Sie hier besser nicht laut sagen, Sir.“
Auf Unliebsames wird von den politisch Verantwortlichen üblicherweise mit eine Vorwärtsstrategie reagiert. „Versuchen Sie nicht, alte Wunden aufzureissen.“, mahnt der Polizeichef den investigativen Psychologen, der wunderbar clever antwortet: „Wenn es nach all der Zeit immer noch Wunden gibt, müssen sie vielleicht mal gereinigt und verbunden werden, damit sie richtig verheilen können.“
Schon bald merkt Dr. Taiwa, dass er so recht eigentlich keine Ahnung von dieser Gegend Nigerias hat, in der er da gelandet ist. Sein lokaler Assistent Chika klärt ihn auf. „Das ist eine sehr unruhige Gegend hier. Es gibt ständig Konflikte, mit der Regierung, den Ölfirmen, zwischen den Gemeinden. Es ist eine sehr militante Atmosphäre, ständig wird für oder gegen irgendetwas gekämpft.“ Es ist dies ein Phänomen, das auf viele Länder zutrifft: Die Leute in den grösseren Städten haben keinen Schimmer wie es auf dem Land zu und her geht …
Femi Kayode verschafft einem aufschlussreiche Einblicke ins heutige Nigeria. Dass er seinen Protagonisten nach einem Amerika-Aufenthalt zurückkehren lässt, erlaubt ihm einen distanzierten Blick von aussen – und ein solcher ist bekanntlich besonders aufschlussreich. „Tom Ikime, der Rektor, ist ein gutaussehender Mann von Anfang fünfzig. Er ist elegant gekleidet, Krawatte und Blazer sind von einer Qualität, die sein Gehalt nicht hergeben dürfte – aber zeig mir einen nigerianischen Beamten, der nicht über seine Verhältnisse lebt, und ich präsentiere dir ein lebendes Einhorn.“ Gleichzeitig macht er auch deutlich, dass die sogenannt Verantwortlichen überall auf der Welt gleich ticken. „Tom Ikime redet, als ob er von einem Skript abliest, vervollkommnet durch viele Wiederholungen bei verschiedenen Diskussionen, in denen er die Universität verteidigen und jegliche Schuld an dem Geschehen abstreiten musste. Nicht viel anders würde es in den Staaten laufen, wenn ich es mir recht überlege.“
Der distanzierte Blick von aussen bedeutet allerdings nicht, dass man nicht in Dinge hineingezogen wird, von denen man lieber Abstand gehalten hätte. „Wie es scheint, habe ich mich von der Schnell-schnell-Mentalität anstecken lassen, der Neigung, den kürzesten Weg zu nehmen, statt mit Bedacht vorzugehen.“ Geduld fällt offenbar auch Nigerianern schwer
Immer mal wieder macht mich Light Seekers schmunzeln. So hält sich Taiwa für einen Ehe-Experten und gibt Chika, der sich wundert, weshalb er sich bei seiner Frau entschuldigen soll, Gratis-Ratschläge. „Oh, diese Amateure. Ich seufze und erkläre ihm geduldig, warum es in einer Ehe von grösster Wichtigkeit ist, dass der Gatte lernt, sich zu entschuldigen, auch wenn er nicht die geringste Ahnung hat, was er falsch gemacht haben soll.“ Das Warum erklärt er allerdings nicht!
PS: Light Seekers gehört zu der zunehmenden Zahl von englischen Titeln für deutsche Bücher, von denen es im deutschen Sprachraum aus mir unerfindlichen Gründen geradezu wimmelt. Erinnert mich irgendwie an die deutschen Meisterschaften in den lateinamerikanischen Tänzen. Aber eben nur irgendwie. Was hätte eigentlich gegen Lichtsucher gesprochen? Ausser natürlich, dass man sich darunter genau so wenig vorstellen kann wie unter Light Seekers.
Fazit: Clever, witzig, atmosphärisch gelungen. Und ein willkommener Nigeria-Einstieg.
Femi Kayode
Light Seekers
btb, München 2022