Es liegt viele Jahre zurück, dass ich eine Buchkritik mit dem Titel „Professor schreibt Buch“ gelesen habe. An den Inhalt erinnere ich mich nicht, doch der Titel geht mir bei der Lektüre von The Walker, die mich ungemein erheitert, ständig durch den Kopf.
Ungemein erheitert? Ein Beispiel: Das Buch nähme seinen Ausgang von der Behauptung Raymond Williams‘, dass die Wahrnehmung der modernen Stadt „mit einem Mann, der zu Fuss durch die Stadt geht, als ob er allein wäre“ verbunden sei. So weit so gut, wenn auch für mich als Laien wenig bemerkenswert. Doch Matthew Beaumont, Professor für Englische Literatur am University College London, sieht das anders. „Im Besonderen evoziert Williams‘ kryptische oder vielleicht sogar euphemistische Bemerkung des ‚als ob er allein wäre‘ die Präsenz oder Absenz von Frauen auf den Strassen: ihre abwesende Anwesenheit. Laura Elkin hat nachdrücklich darauf hingewiesen, dass, wenn ‚wir in der Zeit zurückreisen, war da schon immer eine flãneuse, die auf der Strasse an Baudelaire vorbeiging.’“ Literaturkritik, so wirken diese Sätze auf mich, handelt offenbar vor allem davon, was nicht im Text steht.
Bei meiner Beschäftigung mit Fotografie bin ich auch auf einen Satz aus dem Talmud gestossen, der mich Entscheidendes in Sachen Wahrnehmung gelehrt hat: „Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen die Dinge wie wir sind.“ Mit anderen Worten: Ich lese die Essays in diesem Band, die von G.K. Chesterton, H.G. Wells, Edgar Allan Poe und anderen handeln, im Wesentlichen als Selbstporträt. Sie zeigen mir einen Mann, der in so ziemlich allem eine versteckte Bedeutung zu erkennen vermag. Ich fühlte mich an eine Fotografie erinnert, die den Autor Eric Ambler zeigte sowie einen Regisseur, der ein Buch von Ambler verfilmen, und einen Schauspieler, der eine Hauptrolle in diesem Film spielen sollte. Die Bildlegende lautete sinngemäss, man solle den interessierten Gesichtsausdruck von Autor und Regisseur beachten, mit dem die beiden den Ausführungen des Schauspielers lauschten, der ihnen gerade erklärte, wie Buch und Film verstanden werden müssten.
Selten war mir die abgehobene Welt der Literaturkritik absurder erschienen als bei der Lektüre von The Walker. Doch so unverständlich und ärgerlich diese aufgeblasenen Ausführungen auf mich wirkten, sie regten mich auch an, mich mit dem Weltverständnis, auf dem sie gründen, zu befassen, das sich im Kern so definieren lässt: Das Essentielle liegt versteckt, es kann und soll gefunden werden. Je mehr ich weiss, desto mehr Zusammenhänge werde ich erkennen können. Es ist dies die Ideologie der Konsumgesellschaft: Mehr-Mehr-Mehr. Mein eigenes Weltverständnis ist genau umgekehrt: Das Wesentliche liegt auf der Hand und ist für alle, die zu sehen verstehen, ersichtlich. Und mir ist selbstverständlich: Weniger ist mehr.
Doch zum Buch, genauer zu Beaumonts Ausführungen über G.K. Chesterton, von dem ich einiges gelesen habe. Vor allem Chestertons geistreiche und witzige Auseinandersetzungen mit George Bernard Shaw habe ich sehr genossen, und so mache ich mich hoffnungsfroh und guter Dinge an den Text, der mit „Irren“ überschreiben ist, komme allerdings nicht sehr weit, da mich die Gelehrsamkeit von Professor Beaumont regelrecht erschlägt. Kurz und gut: Mir ist die Geisteswelt, die hier ausgebreitet wird, viel zu fremd, als dass ich mich dazu äussern möchte.
Ich lese noch in andere Texte hinein (Georges Bataille, Ray Bradbury, Charles Dickens), doch auch hier mache ich die Erfahrung: Diese Gedankenwelten liegen mir fern, da ist einer auf ganz anderen Umlaufbahnen unterwegs – so fern, dass sie mich nicht einmal neugierig machen. Schliesslich lande ich bei „Nicht dazugehören: Über die architektonische Logik des zeitgenössischen Kapitalismus.“ Auch hier wimmelt es von Sätzen, die mich als Nicht-Initiierten laut heraus lachen machen: „Žižek, der sich in diesem Zusammenhang auf den japanischen Philosophen Kojin Karatani und seine Darstellung der Antinomien in Kants Denken bezieht, betont jedoch, dass dieser scheinbare Unterschied in einem Objekt, wenn es aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet wird, in philosophischer Hinsicht mehr als nur subjektiv ist; tatsächlich ist er objektiv.“ Zuerst trifft man Unterscheidungen, dann hebt man sie auf, trifft wiederum neue … Könnte ja sein, dass das Problem im Unterscheiden liegt.
In diesem Text über „Nicht dazugehören“ stosse ich auch auf einen überaus anregenden Gedanken über unser Verhältnis zur städtischen Architektur, die als höchst bedrohlich erlebt werden kann. „Zu Fuss durch die Stadt zu gehen, vor allem, wenn wir uns in einer prekären Lebenssituation befinden, ist ein ständiger Kampf gegen die einschüchternde Beharrlichkeit und Stabilität der gebauten Umwelt, gegen das Gefühl, dass sie für andere ein Zuhause ist, nicht aber für uns.“ Matthew Beaumont interessiert sich „nicht nur dafür, wie wir uns als empfindungsfähige Wesen zu den Gebäuden verhalten, sondern auch dafür, wie sich die Gebäude als im Grunde belebte Wesen zu uns verhalten.“ Was mir W.J.T. Mitchells „What do pictures want?“ in Erinnerung ruft, denn auch er geht davon aus, dass das, was wir als unbelebt erleben, im Grunde belebt ist.
Solche Anregungen lasse ich mir gerne gefallen, denn solcher Anregungen wegen lese ich Bücher. Natürlich nicht nur – unterhalten zu werden, ist ebenso wichtig –, aber auch.
Matthew Beaumont
The Walker
Die Stadt, die Moderne und ihre Fussgänger
Edition Tiamat, Berlin 2023