Princeton, New Jersey. Professor Seymour T. Baumgartners Tag beginnt mit Missgeschicken: Der Siebzigjährige verbrennt sich die Hand, dann fällt er auf der Kellertreppe hin … Das ist alles so realistisch und ausgesprochen packend geschildert, inklusive der die Vorfälle begleitenden Gedankengänge und Gefühle, dass man glaubt, vor Ort mit dabei zu sein.
Baumgartner ist Witwer und beschäftigt sich mit Kierkegaard, wenn er nicht gerade an seine verstorbene Frau denkt oder ein Rotkehlchen beobachtet, das Würmer aus der Erde zerrt. Der Tod seiner Frau Anna mit 58 lässt ihn über Leid und Verlust meditieren und, wie er zur Trauerbegleiterin Marion sagt, erkennen: „Das Leben ist gefährlich, Marion, und jedem von uns kann jeden Augenblick etwas zustossen. Sie wissen das, ich weiss das, jeder weiss das – und wer es nicht weiss, tja, der hat nicht richtig hingesehen, und wer nicht richtig hinsieht, geht am Leben vorbei.“
Er liest in Texten seiner Frau. Ihr Tod hat ihn paralysiert, er kann ihn nicht wahrhaben, macht ihr in der Früh nach wie vor Kaffee, faltet immer wieder von neuem ihre Unterwäsche. Kann man sich eigentlich von jemandem lösen, die man als seine bessere Hälfte empfunden hat? Und falls ja, soll man?
Eines Nachts hört er ein Geräusch, das er nicht zuordnen kann, macht sich auf die Suche, und konstatiert erstaunt, dass das abgemeldete Telefon läutet, er nimmt ab, am anderen Ende ist Anna, die ihm erklärt, der Tod sei nicht, was man sich gemeinhin vorstelle. Auch scheine sie weiter zu existieren, solange sie in seinen Gedanken sei. Am nächsten Morgen ist ihm klar, dass das alles ein Traum gewesen war, doch einer, der in Baumgartner etwas veränderte.
Er entdeckt die Bewegung und damit seinen Körper neu. Und findet, mit siebzig Jahren sei die Zeit des Zauderns abgelaufen, „denn Zeit ist jetzt das Wesentliche, und wie soll er wissen, wie viel ihm noch bleibt.“ Nicht einfach Jahre, sondern produktive Jahre. Zu den Wünschen, die er sich für sein Ableben vorstellt, gehört auch ein dröhnender Fluch „in Richtung der machtgeilen Irren, die die Welt beherrschen“.
Rückblenden auf Anna und ihre gemeinsame Zeit, die ich als bemühte und wenig überzeugende Versuche begreife, dem Vergangenen Bedeutung und Sinn zu geben. Baumgartner trägt sich mit der Absicht, wieder zu heiraten, fürchtet jedoch, Judith könnte ihn seines Alters wegen abweisen. Denken Siebzigjährige wirklich ans Heiraten? Offenbar, doch wie sieht das die wesentlich jüngere Judith?
Baumgartners Gedanken gehen zurück zu seiner Kindheit, seiner Jugend, seiner Familie. Das ist differenziert und ansprechend geschildert, doch ich frage mich – ich bin schon weit über die Hälfte – , was wohl jemanden bewogen hat, einen Klappentext zu verfassen, in dem zu lesen steht: „Eine Mut machende und optimistische Betrachtung der späten Lebensjahre, die sich der Endlichkeit alles Irdischen stoisch bewusst ist.“ Ich jedenfalls habe das in diesem Band vergeblich gesucht.
Stattdessen: Eine Erinnerung an eine Reise in die Ukraine, wo die Familie von Baumgartners Mutter herstammt, und wo er unter anderem von einem Dichter, der Buddhist ist, erfährt, dass im Sommer 1944, nach dem Einmarsch der Sowjets in Stanislaus, Dutzende Wölfe über den menschenleeren Platz streunten, auf der Suche nach Nahrung. „Mangels jeglicher Fakten, die die Geschichte als wahr oder falsch erweisen könnten, glaube ich dem Dichter. Und ob es sie damals dort gab oder nicht, ich glaube an die Wölfe.“
Dann meldet sich die 27jährige Beatrix Coen („Zur Hälfte Jüdin, ein Viertel weisse Protestantin und ein Viertel schwarz.“) bei Baumgartner – sie möchte eine Dissertation über Anna schreiben. Er sagt zu, freut sich auf sie, hat jedoch Bedenken wegen ihrer langen Anfahrt aus Michigan … und baut dann selber einen Unfall …
Fazit: Eine wehmütige Meditation über das Vergangene und über eine von Sehnsucht erfüllte Gegenwart.
Paul Auster
Baumgartner
Roman
Rowohlt, Hamburg 2023