Eberlin, der Protagonist dieser Geschichte, ist Vater eines Jungen, lebt allein, fragt sich jedoch gelegentlich, ob er die Mutter des Jungen, die mittlerweile einen Gutsbesitzer geheiratet hat, nicht hätte heiraten sollen. „Seine verheirateten Bekannten nahmen alsbald jene beschränkte Selbstgefälligkeit ein, die für ihren Stand bezeichnend zu sein schien, und er zog sich von ihnen zurück und lebte allein und ging nur unverbindliche Beziehungen zu Frauen ein, am liebsten aber gar keine.“
Nach dem Studium in Oxford war Eberlin in den Staatsdienst eingetreten, nach Uganda geschickt worden, wo er nichts zu tun hatte. In einem seiner Lageberichte hatte er ein Kapitel aus Evelyn Waughs Roman über einen Afrika-Korrespondenten (eine Satire, in der sich viele Afrika-Korrespondenten wieder erkennen) abgeschrieben und eingeflochten. Der Bericht war im Ministerium für gut befunden worden.
Es sind solche Einschübe, die mich für diesen Roman einnehmen. Hier gerade noch ein Beispiel: Eberlin, der grosse Sorgfalt auf seine Kleidung verwendete, bekam von irgendeinem langweiligen Kerl aus Paris eine Schallplatte von Leo Ferré zugeschickt, „die ihm sehr zu seinem Missbehagen gefiel.“
Vor seinem Studium in Oxford hatte Eberlin die sowjetische Militärakademie in der Nähe von Kiew absolviert. Wie viele liberale Kommunisten war er im Grunde ein ultraextremer Sozialist im britischen Sinne. Wie er dazu geworden ist, hat sich mir nicht so recht erschlossen. Überhaupt ist das Deutlichmachen der Motivlage nicht des Autors Stärke.
Freunde hat er nicht, es ist ihm lieber so. Als von Natur aus ungesellig, charakterisiert ihn sein Schöpfer. Doch er will, dass ihn die Russen zurückholen aus London, doch diese sperren sich, was ihn ausgesprochen desorientiert lässt.
„Seine Arbeit für Pavel bestand nicht in seiner Tätigkeit als Informant, sondern als Attentäter.“ Wie Derek Marlowe diesen Roman sich entwickeln lässt, ist überaus gekonnt – erst nach und nach geht dem Leser auf, dass es sich bei Eberlin nicht einfach um einen etwas kauzigen Typen handelt, sondern um einen Mann, der für seine Ideologie zu töten bereit ist.
Drei Männer, britische Geheimdienstler – Sidney Nightingale, Esau Pretty und Ernest Lee Gulliver – sind umgebracht worden. Eberlin wird zu einem geheimen Treffen beordert, wo ihm aufgetragen wird, den Mörder der drei, einen Mann namens Krasnevin, zu finden. Eberlin, von dem die Briten nicht wissen (oder wissen sie es?), dass er unter diesem Namen für die Russen tätig ist, soll also sich selber finden – ist das vielleicht eine Falle?
Er wird mit einer Legende (Verwaltungsinspektor George Dancer) ausgestattet und nach Berlin geschickt, das damals – Ein Dandy in Aspik wurde 1966 erstmals veröffentlicht, als das Rauchen offenbar sehr in Mode war. Jedenfalls wird in diesem Roman fast ständig zur Zigarette gegriffen – zweigeteilt war. Er landet im Westen der Stadt, wähnt sich überwacht, doch von wem? Er lässt sich auf ihm Unbekannte ein, die gegen viel Geld versprechen, ihn in den Osten zu bringen …
Derek Marlowe erzählt eine recht verwickelte Geschichte, in der das Misstrauen regiert. Für Eberlin, so scheint es, geht die grösste Gefahr, dass er als Doppelagent auffliegen könnte, von dem englischen Agenten Gatiss aus, einem unangenehm agressiven Mann, der ihm nicht über den Weg traut.
Ein Dandy in Aspik ist ein clever aufgebauter Roman, einerseits spannend und psychologisch ansprechend („… sympathisch und mit viel Charme, wie die meisten scheuen Menschen“), und andererseits sehr gekonnt das Atmosphärische eines Ortes widergebend. So wird etwa das südliche England als so idyllisch, wohltuend und besinnlich geschildert, dass es im Sonnenschein des Sommers, „das beste Allheilmittel gegen Sorgen“ sei.
Fazit: Ein packender Spionageroman, reich an überraschenen Wendungen. Ein klasse Klassiker!
PS: Zwei ausführliche Nachworte ergänzen dieses Werk. Martin Compart beschäftigt sich dabei sowohl mit Leben und Karriere von Marlowe als auch mit dem Genre des Spionage-Romans zur Zeit des Kalten Krieges; Rolf Giesen hat sich in die Verfilmung des Romans vertieft.
Derek Marlowe
Ein Dandy in Aspik
Elsinor Verlag, Coesfeld 2024
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