Sylvain Tesson: In den Wäldern Sibiriens

Sylvain Tesson, geboren 1972 in Paris, hatte sich vorgenommen, vor seinem 40. Lebensjahr als Eremit in den Wäldern zu leben. Und so zog er für sechs Monate in eine Hütte am Ufer des Baikalsees. Das nächste Dorf 120 Kilometer entfernt, keine Nachbarn, keine Zugangsstrassen, gelegentlich ein Besuch. Im Winter Temperaturen um die minus 30 Grad, im Sommer Bären an den Ufern.
 
Als es dann soweit ist, empfindet er den Drang kehrtzumachen. Doch er will nicht zu den Menschen gehören, die kehrtmachen. Er hat Angst davor.
 
So ein Aufenthalt will geplant werden, er benötigt einen Lastwagen vollgepackt mit Waren. „Es ist komisch: Man beschliesst, in einer Hütte zu leben, man stellt sich vor, wie man im Angesicht des Himmels Zigarren raucht, seinen Gedanken nachhängt – stattdessen sitzt man da und hakt in einem Haushaltsbuch Lebensmittellisten ab.“
 
Natürlich hat er sich mit Büchern eingedeckt, sorgfältig ausgewählt, was er mitzunehmen gedachte. „Ich wusste bereits, dass man nie mit Büchern reisen sollte, die das eigene Ziel zum Thema haben. In Venedig Lermontow lesen, am Baikalsee aber Byron.“
 
Neben Zigarren und Büchern nimmt er auch Wodka mit. Das hat mich irritiert. Ich hatte mir vorgestellt bei einem Aufenthalt in der Wildnis gehe es darum, die Sinne zu schärfen und nicht darum, sie zu betäuben.
 
Sylvain Tesson bezeichnet das Leben in den Wäldern als „Experimentierfeld, um ein verlangsamtes Leben zu erfinden.“ Und er erfährt die Einsamkeit als „eine Heimat, bevölkert mit Erinnerungen an andere.“ Und obwohl er fast alles von Jack London, James Feninore Cooper und vielen anderen, die über die Natur geschrieben haben, verschlungen hat, verschafft ihm das persönliche Erleben eine ganz andere und viel intensivere Ergriffenheit. „Trotzdem werde ich weiter lesen, weiter schreiben.“
 
Die Gesellschaft möge Einsiedler nicht, hält er fest, weil sie ihnen nicht verzeiht, dass sie fliehen. Weil sie mit ihrem Rückzug vom gemeinsamen Leben sagen, was ihr wollt, wollen wir nicht. „Der Einsiedler leugnet die Bestimmung der Zivilisation, er stellt die lebendige Kritik an ihr dar.“
 
Seinen Tag beginnt er mit einem Ritual. Er begrüsst die Sonne, den See, die kleine Zeder, die vor der Hütte wächst. Er macht Ausflüge, Fussmärsche in die nähere Umgebung, er läuft Schlittschuh, fischt, hackt Holz. Und er wagt sich an Schopenhauer, an den er sich bisher nicht heran traute. „Es gibt Bücher, um die man herumschleicht. Im Grunde habe ich mich in die Wälder zurückgezogen, um endlich zu tun, was mich immer eingeschüchtert hat.“
 
Doch das Leben in der Wildnis ist nicht nur beschaulich. Da gibt es Wölfe und Bären. Von Lena, die eine Wetterstation betreut, hört er wie ein Bär mit seiner Beute, einem Ochsen und einer Kuh, verfahren ist. Dem Ochs brach er beide Beine, damit er nicht weglaufen konnte, dann riss er ihm ein grosses Stück Fleisch aus dem Rücken heraus.
 
Er zitiert Ernst Jüngers Tagebuch ‚Siebzig verweht‘; ganz besonders angesprochen hat mich diese Beobachtung: „Je weniger wir auf die Unterschiede achten, desto stärker wird die Ahnung; wir hören nicht mehr den Baum rauschen, sondern den Wald, der dem Wind antwortet.“
 
Er liest chinesische Verse, kriegt Besuch von lauten Russen, betrinkt sich mit ihnen, liest unter anderem Nietzsches ‚Ecce Homo‘ („Ich will nicht im Geringsten, dass etwas anders wird, als es ist; ich selber will nicht anders werden…“), und liest ihn ganz offenbar so, wie ich ihn überhaupt nicht lese, denn was ich gerade zitiert habe, wird von Sylvain Tesson als „Lob auf den gleichmütigen Stumpfsinn“ bezeichnet. Ich selber lese das als tiefes Einverstanden-Sein mit der Welt, so wie sie ist.
 
Sylvain Tesson hat über solche Momente des Einverstanden-Seins nicht nur gelesen, sondern sie am Baikalsee erlebt und weiss jetzt, dass es „irgendwo auf der Welt eine Hütte gibt, wo etwas möglich ist, das nicht allzu weit entfernt ist vom Glück zu leben.“
 
„In den Wäldern Sibiriens“ ist ein auf vielfältige Weise anregendes Buch.

Sylvain Tesson
In den Wäldern Sibiriens
Tagebuch aus der Einsamkeit
Knaus Verlag, München 2014

D. T. Max: Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte

David Foster Wallace war ein gescheites, schwieriges und besserwisserisches Kind, so rechthaberisch wie seine Mutter. Bereits in der Pubertät litt er unter Panikattacken und Depressionen. Seine Versagensängste bekämpfte er mit Strebertum; da er aussergewöhnlich intelligent war und hart arbeitete, erhielt er fast immer Bestnoten.
 
Er interessiert sich für Mathematik, Philosophie und Literatur, liest ausgiebig, selbst während seiner Depression und der Behandlung. Dass er sich gegen die Philosophie und für die Schriftstellerei entscheidet, begründet er später in einem Essay mit: „Schriftsteller neigen gattungsmässig zum Gaffen“. Seine frühen Einflüsse waren Pynchon und DeLillo, mit letzterem stand er immer wieder brieflich in Kontakt.
 
Sein erstes Buch erscheint bei Penguin und macht Eindruck, die Kritiken fallen grösstenteils wohlwollend aus. Doch Wallace erlebt auch eine böse Überraschung, denn Penguin schickt ihm „eine Rechnung über 324,51 Dollar, weil er einige Änderungen des Korrektors rückgängig gemacht hatte.“ Das Buch ist voll solch interessanter Details.
 
Erfolglos versucht er das Kiffen aufzugeben. Extrem befangen in Bezug auf den eigenen Körper, stürzt er sich in Affären, führt eine Strichliste.
 
Als er schliesslich erkennt, dass Alkohol und Drogen ein Problem für ihn sind, sucht er Hilfe bei den Anonymen Alkoholikern (AA) und dann auch noch in einer Entzugsklinik. Zu einem Freund, der ihn dort besucht, sagt er: „Ich habe Depressionen, und weisst du was? Alkohol löst Depressionen aus!“ Die anderen Alkoholiker lassen sich durch seine Intelligenz nicht beeindrucken und schliesslich merkt er, dass die Lösung Bescheidenheit hiess. „’Mein bestes Denken hat mich hergebracht‘ war ein Slogan der AA, der ins Schwarze traf, oder wie er im ‚Unendlichen Spass‘ umgemünzt wurde: ‚logische Gültigkeit {ist} kein Wahrheitsgarant. Er wusste, dass er sich zwingend von der Vorstellung verabschieden musste, der klügste Mensch im Raum zu sein, zu klug, um wie die anderen Menschen im Raum zu sein, weil er einer von diesen Menschen war.“
 
Es ist eindrücklich, wie es D.T. Max gelingt, den hochkomplexen und ausgesprochen schwierigen Foster Wallace zu charakterisieren. Da waren die Stimmungsschwankungen, seine Übertreibungen und Erfindungen, sein Ehrgeiz und sein Perfektionismus, seine Selbstmordversuche, das Konkurrenzverhältnis mit seinem Freund Jonathan Franzen, die Begegnung mit Elizabeth Wurtzel („Er war noch nie jemandem begegnet, der so ichbezogen war wie er selbst und dazu Erfahrungen mit Depressionen hatte, aber von Ruhm und Drogen nicht in den Zusammenbruch getrieben wurde.“), seine Beziehung zur Dichterin und Dozentin Mary Karr, die er bei den AA kennen lernt – überaus spannend ist, wie unterschiedlich die beiden sich gegenseitig wahrnehmen.
 
Am meisten überrascht hat mich, dass Wallace Ronald Reagan gewählt hat; für mich wieder einmal ein Beweis, dass Intelligenz nicht vor Dummheit schützt. Und dass er und seine Frau ernsthaft überlegten, die USA zu verlassen, als George W. Bush wieder gewählt wurde. Nicht bekannt war mir unter anderem, dass er sich für Zen-Buddhismus interessierte.

Fragen kann man sich natürlich, wie und woher D.T. Max, der Wallace nicht persönlich kannte, dies alles wissen beziehungsweise wie verlässlich jemand wirklich eine andere Person kennen kann. Es versteht sich: mehr als intensives Nachforschen (Wallace hinterliess über 2 000 Briefe; Biograf Max führt seine Quellen im Nachwort an) und aufrichtiges Bemühen ist letztlich nicht möglich. Wenn man das Resultat dieses Bemühens dann auch noch so gut zu präentieren weiss wie D.T. Max das tut, umso besser.
 
Der Untertitel von „Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte“ lautet „David Foster Wallace“ ein Leben, was jedoch nur zum Teil zutrifft, denn es ist gleichzeitig auch eine höchst spannende Einführung in sein Werk. Und zudem ein Buch voller Perlen. Eine meiner liebsten ist der Satz von J.D. Salinger: „Sie war eine von denen, die wegen eines klingelnden Telefons nun wirklich nichts weglegten.“ Laut seinem Biografen war Wallace hingerissen von dem Satz.
 
Mir sagt vieles, das Wallace geschrieben hat, sehr zu. Und ganz besonders „Das hier ist Wasser“ (KiWi-Paperbacks 2012). Doch nicht weniges von ihm finde ich nicht besonders einfach zu lesen. „Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte“ liest sich leichter, spannender und anregender, und so recht eigentlich zugänglicher als viele von Wallace‘ eigenen Texten. So recht eigentlich hat D.T. Max mit dieser Biografie ein lesbareres Foster Wallace-Buch geschrieben, als dieser es selber gekonnt hätte.

D. T. Max
Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte
David Foster Wallace. Ein Leben
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014

Daniel Everett: Die größte Erfindung der Menschheit

Alle Menschen sprechen eine Sprache und alle Sprachen weisen die gleichen Merkmale auf. Das deutet auf einen Sprachinstinkt hin. Die Gegenthese lautet: Die Sprache wurde erfunden und wird kulturell überliefert. Die Begründung? Wir besitzen die Fähigkeit, zu lernen und zudem sind viele Eigenschaften der Sprache von Kräften ausserhalb des Gehirns geprägt. Daniel Everett vertritt die Gegenthese gemäss der Sprache ein Werkzeug ist und entsprechend den Bedürfnissen der jeweiligen Kultur geformt wird.
 
Seine Auffassung gründet Everett auf Erkenntnisse, die er bei den Pirahã im brasilianischen Amazonasgebiet gewonnen hat. Darüber hat er 2010 bei DVA ein spannendes Buch, „Das glückliche Volk“, veröffentlicht.
 
Gibt es ein Denken ohne Sprache? Ganz klar, meint Daniel Everett, der Beweis dafür sei sein Hund. Nur eben: gäbe es nur nicht-sprachliches Denken, gäbe es weder Mathematik noch Poesie. „Und ohne Sprache wäre es uns kaum möglich, unsere Gedanken zu ordnen, zu überprüfen und abzuwägen.“
 
Die meisten Linguisten sind der Überzeugung, und berufen sich dabei auf Noam Chomsky, dass alle Sprachen gemeinsamen grammatikalischen Prinzipien folgen, es also eine Universalgrammatik gibt, die angeboren und im menschlichen Gehirn verankert ist. Daniel Everett sieht das anders: „Es ist nicht bewiesen worden, dass irgendwelche sprachspezifischen Gene existieren.“ Sicher, man wisse, dass Gene wichtig für die Sprache seien, doch das bedeute noch nicht, dass es ein Gen für Sprache gebe. Und: „Die Vorstellung apriorischen sprachlichen Wissens stösst angesichts der linguistischen Vielfalt weltweit auf ein ernstes Problem. Die abstrakten Ähnlichkeiten, auf die sich die Nativisten berufen müssen, beziehungsweise der Werkzeugkasten, den sich einige vorstellen, könnten ebenso gut darauf zurückzuführen sein, dass alle Sprachen die gleichen Probleme lösen müssen, egal ob es um Kommunikation oder Reflexion geht.“
 
Aus seinen Erfahrungen bei den Pirahã (so können sie etwa ohne fest zugeordnete lexikalische Hilfsmittel Farben bezeichnen) folgert Everett, „dass das Denken in entscheidenden Punkten von der Sprache unabhängig ist.“ Im Gegensatz zu vielen Nativisten hält er Zahlenbegriffe nicht für angeboren, denn das Pirahã ist eine Sprache ohne Zahlwörter. Zudem vermutet Everett, weil es noch andere Kulturen gibt, die ähnlich isoliert leben, dass das Pirahã nicht die einzige Sprache ohne Zahlwörter ist. Und ohne Farbnamen.
 
Natürlich kann es nicht ausbleiben, dass auch die linguistische Relativität zur Sprache kommt. Pinker („The Language Instinct“) verwerfe Whorfs Hypothese als durchwegs falsch, schreibt Everett und kontert: „Ein faires Urteil kommt indes zum Schluss, dass die Art unseres Sprechens bisweilen unsere Denkweise beeinflusst. Auch unser kultureller Lebensstil wirkt sich auf unser Denken aus.“ Mir selber scheint offensichtlich, dass Sprache und Denken in einer komplexen Wechselwirkung stehen. Und Everett liefert dafür in diesem Buch viele faszinierende Beispiele und Argumente.
 
Es gehe ihm in seinen Ausführungen nicht darum, recht zu haben, schreibt er (na ja), sondern ihm sei es darum zu tun, „nach Beweisen für den gelegentlich unsichtbaren, aber stets mächtigen Einfluss der Kultur“ zu suchen. Dies illustriert er unter anderem am Beispiel der Dokumentarfilme über Stammesgesellschaften. Wer einen solchen gesehen habe, habe nichts anderes gesehen als ein paar wenige Aspekte, die die Aufmerksamkeit des Filmemachers gefesselt hätten. Doch das Leben ausserhalb des Kamerawinkels sei „viel reicher und bunter als die geruchlosen, temperaturneutralen Bildfetzen und Tonschnipsel, die für den Bildschirm eingefangen werden … Eine fremde Kultur lässt sich nicht einmal ansatzweise verstehen, wenn man nicht intensiv darin lebt.“
 
Es spricht für Daniel Everetts Redlichkeit, dass er auch schildert, dass er sich bei den Pirahã manchmal fast zu Tode gelangweilt hat und zugibt, dass er wohl vieles in ihrer Kultur nie wird verstehen können. „Aber ich weiss, was ich sehe und was ich höre. Ich erlebe lächelnde Gesichter, innige Berührungen und herzliches Lachen wie sonst nirgendwo.“

Daniel Everett
Die größte Erfindung der Menschheit
Was mich meine Jahre am Amazonas über das Wesen der Sprache gelehrt haben
DVA, München 2013

Maike Maja Nowak: Wie viel Mensch braucht ein Hund

Maike Maja Novak war neunzehn Jahre als Liedermacherin erfolgreich und arbeitet heute als anerkannte Trainerin für Mensch-Hund-Kommunikation. Von 1991- 97 lebte sie in dem russischen Dorf Lipowka und beobachtet dort, wie ihr Leithund Wanja ein zehnköpfiges Hunderudel führte. In ihrem Dog-Institut in Berlin, das Hundehalter aus der ganzen Welt besuchen, orientiert sie sich am Führungsstil von Hunden.
 
In ihren tierisch menschlichen Geschichten „Wie viel Mensch braucht der Hund“ erzählt Maike Maja Novak aus ihrem beruflichen Alltag. Da trifft sie auf einen desinteressiert wirkenden Herdenschutzhund und zwei nettere ältere Leute, „die leider nicht wissen, was für einen Hund sie da haben …“ und auch nicht wissen, dass das vermeintliche Vibrationshalsband ein Elektrohalsband ist, aus dem Elektroschocks gesendet werden. Das Desaster ist vorprogrammiert. Und sie lernt Villenbesitzer kennen, die ihrem Pudel Leibchen anziehen und sich ärgern, dass er beisst. „Stellen Sie sich vor, man würde Sie den ganzen Tag wie eine Frau behandeln, obwohl sie ein Mann sind. Würden Sie sich respektiert fühlen? Genauso wenig lässt sich ein Hund gerne wie ein Baby behandeln.“
 
Wenn Maike Maja Novak wegen Problemen mit Hunden herangezogen wird, dann bereitet sie sich nicht speziell vor, sondern fährt einfach hin und lässt sich dann von der Situation vor Ort leiten. „Ich plane meine Aktionen nicht vorher, sondern handle rein instinktiv und richte mich ausschliesslich nach der Situation sowie dem Verhalten und Wesen des jeweiligen Hundes.“
 
Trifft sie dann vor Ort ein, bemühen sich die Hundebesitzer oft, einen braven Hund vorzuzeigen. Einmal, an einem heissen Sommertag, findet sie vier reglose, zottige, schwarze Neufundländer vor und schildert diese mich schmunzeln machende Szene: „Das Gemälde im Hintergrund bewegt sich. Einer der Neufundländer hebt den Kopf und blinzelt zu uns hinüber. Sein Kopf fällt nach dieser Anstrengung, von einem lauten Seufzer begleitet, wieder auf den Boden. Die anderen drei Hunde bewältigen das Abschätzen der Situation nur mit den Augen.“ Plötzlich zerreisst ein sirenenartiger Ton die Stille …
 
Unter den Hundebesitzern, auf die Maike Maja Nowak trifft, gibt es auch solche, die eindeutig zu den Tierquälern zu zählen sind, sich dessen jedoch – selbstkritisch zu sein, ist nicht jedem gegeben – überhaupt nicht bewusst sind. „Anschreien, Schlagen, Treten, der Einsatz von Elektroschockgeräten, Isolationshaft, Würgen und andere Willkür“ sind Methoden, die für einige unter Hundeerziehung laufen, jedoch nichts anderes als Misshandlung und Folter sind. „Wie wir Menschen jemals auf die Idee kommen konnten, dass sie für die Hundeerziehung angebracht sind, sagt leider viel über uns und unsere Haltung Tieren gegenüber aus.“
 
„Wie viel Mensch braucht ein Hund“ lässt den Leser nicht nur an Frau Nowaks Arbeit mit Hunden teilhaben, sondern geht weit darüber hinaus. So zeigt sie etwa auf, wie Verhaltensänderungen des Hundehalters sich eben nicht nur auf den Hund, sondern auch auf den Hundehalter selber auswirken. Natürlich, für Aussenstehende ist das so recht eigentlich wenig überraschend, doch für die Direkt-Beteiligten ist das eine ganz andere Geschichte, nämlich eine Erfahrung. Und nur durch Erfahrungen sind Verhaltensänderungen möglich.
 
Ein besonders eindrückliches Beispiel ist der Fall des magersüchtigen Mädchens Farina und ihrem kräftigen Deutsch-Kurzhaar-Rüden. „Weil es gerade das Gefühl von Kontrolle ist, das der Magersucht zugrunde liegt, ist es sehr schwer, diese aufzugeben … Diese Kontrolle ohne therapeutische Unterstützung aufzugeben würde für einen Menschen mit Magersucht bedeuten, sich wieder dem Gefühl der Ohnmacht ausliefern zu müssen.“ Es geht also darum, sich der Angst zu stellen. „Die Kraft der Angst ist bei einem einzelnen Auslöser häufig stärker, als wenn man sich mit vielen Eindrücken zugleich auseinandersetzen muss. Ich rechne deshalb damit, dass Farina zwar ihre Angst bei einzelnen Hunden aufrechterhalten kann, aber nicht bei den Dutzenden von Hunden, die uns nun im Laufe einer Stunde begegnen werden.“ Doch Farina knickt ein, sie scheint mehr Unterstützung zu brauchen, als ihr Maike Nowak geben kann. In die Klinik zu gehen, lehnt sie jedoch ab, das bringe nichts, sie wolle es nochmals versuchen … und diesmal klappt es.

Maike Maja Nowak
Wie viel Mensch braucht ein Hund
Mosaik Verlag, München 2013

Flore Vasseur: Kriminelle Bande

Flore Vasseur wurde 1973 im französischen Annecy geboren, besuchte die Eliteuni HEC und beschreibt in „Kriminelle Bande“ mit Clara, Jérémie, Bertrand, Vanessa, Alison, Antoine und Sébastien Absolventen eben dieser Eliteuni, die es zu Politikern, Journalisten, Investmentbankern und PR-Spezialisten gebracht haben. Soweit, so gut: die diversen Charakterisierungen sind gelungen, doch hat Flore Vasseur damit wirklich, wie „Le Figaro“ meint, „das Porträt einer Generation und das finstere Abbild des Endes einer Epoche geschrieben“? Nun ja, eher das Porträt einer Generation von gestressten, überaus ehrgeizigen und sozial gestörten HEC-Absolventen, denn diese werden sehr anschaulich geschildert.
 
Als Roman hat mich „Kriminelle Bande“ nicht wirklich überzeugt. Jedenfalls nicht in der ersten Hälfte, im letzten Drittel gewinnt das Buch hingegen enorm an Fahrt, wird sehr spannend und steuert auf ein dramatisches Finale zu. Überzeugend fand ich „Kriminelle Bande“ jedoch als Mentalitätsstudie von ambitionierten Franzosen. Die einzelnen Porträts sind scharfsinnig und witzig („Auf die Vorderseite eines der Zwanzigeuroscheine hat jemand mit schwarzer Tinte geschrieben: ‚Ich bin ein Stück Papier und kontrolliere dein Leben.’“), die Beschreibung der Finanzwelt ernüchternd, wenn auch gelegentlich etwas platt, dann nämlich, wenn wieder einmal die Politiker an allem Schuld sind: „Das Finanzgeschäft ist nicht verlogen. Aber es macht die Lüge möglich. Geblendet von den Zahlen und aus Angst, genauestens Rechenschaft über ein Projekt abzulegen, das der Wirklichkeit nicht standhält, hat die Politik die Zügel schiessen lassen. Als letzter Schrei der Manipulation der Massen hat sich das ‚Storytelling‘ als ein machtvolles Instrument durchgesetzt. Der grosse Mythos vom Aufbau Europas lässt sich nicht aufrechterhalten. Seine Vollendung, der Euro, wird ihn zerstören. Was weniger am räuberischen Überfall der Finanzwelt als am Versagen der von persönlichen Interessen getriebenen Politiker liegt. Ein ‚echtes‘ Gaunerstück. Die Wahrheit hat keinen Wert. Es geht nur darum, die Geschichte gut zu verkaufen.“
 
In der Tat: „Es geht nur darum eine Geschichte gut zu verkaufen“. Erinnert hat mich der Satz an meinen Sitznachbarn aus der amerikanischen Finanzwelt auf einem Flug von New York nach Zürich, der meinte, als ich mich über mein neuestes Buchprojekt ausliess: „In the end, it all comes down to marketing, isn’t it?“ Ich kann nur zustimmen, jedenfalls dann, wenn das Ziel finanzieller Erfolg und soziale Anerkennung heisst.
 
„Kriminelle Bande“ lohnt sich wegen der vielfältigen Einblicke in die heutige Finanz- und Wirtschaftswelt. Da lernen wir etwa wie radikal sich Zeitungen, die von grossen Industriekonzernen „gerettet“ werden, verändern: „Die unbefristeten Arbeitsverträge wurden durch befristete ersetzt, die angestellten Journalisten durch freie, die nach Zeilen bezahlt werden, die Vor-Ort-Recherchen durch AFP-Meldungen.“ Und wir erfahren, dass der Chef von Folmann Pachs unter der Tourette-Krankheit leidet und die Vorsitzenden multinationaler Konzerne niemandem vertrauen, weshalb denn auch die Luft ganz oben dünn wird, austrocknet und „das Denken versagt.“
 
Dass die Protagonisten von „Kriminelle Bande“ nichts als bestens funktionierende Rädchen im erbarmungslosen kapitalistischen Getriebe sind, das wissen sie, und funktionieren trotzdem gehetzt weiter. Schön auf den Punkt bringt es Alison, als sie zu ihrer Freundin Clara sagt: „Honey, wir haben uns dermassen beschnitten, dass wir keinen Atem mehr bekommen! Wir sind lustige kleine Bonsais.“
 
„Kriminelle Bande“ zeigt sehr schön auf, dass auch die schlauesten und intelligentesten Einsichten für die Katz sind, wenn Angst und Gier als Antriebskräfte nicht in Frage gestellt werden. Selbst so smarte Einsichten wie diese: „Absurder könnte es nicht sein: Die Zukunft ganzer Länder wird Leuten anvertraut, die auf den Begriff des Gemeinwohls am allergischsten reagieren.“
 
Fazit: ein anregender, weitestgehend süffig geschriebener Roman, intelligent und differenziert, gespickt mit klugen Einsichten („Würde … das ist das einzige Konzept, das weder an irgendeiner Uni, noch an den Eliteschule gelehrt wird … weil es zu subversiv ist …“), der vielfältige Einblicke in das Getriebensein erfolgshungriger Menschen vermittelt, dabei einen nüchternen Blick auf das Gebaren der Machtelite wirft und aufzeigt, wie die Bürger Europas verschaukelt werden: „Je mehr ein Unternehmen ausgibt, um sich den Anstrich zu geben, ‚menschlich‘ zu sein, umso weniger ist es das.“
 
PS: Einigermassen verblüfft war ich, dass dem Lektorat dieses tollen Verlages ein solch hölzerner Satz durchgegangen ist: „Er hatte sie mit einigen Brocken Chinesisch und nicht mehr feierlicher Galanterie auf die französische Art bezirzt.“

Flore Vasseur
Kriminelle Bande
Haffmans & Tolkemitt, Berlin 2014

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Erste Schritte