Frank Schirrmacher: EGO – Das Spiel des Lebens

„Wir sollten nicht zu entdecken versuchen, wer wir sind, sondern was wir uns weigern zu sein.“ Der Satz stammt von Michel Foucault und ist Frank Schirrmachers „EGO. Das Spiel des Lebens“ vorangestellt. Aus gutem Grund, denn wir sind ausgesprochen schlecht beraten, wenn wir dem gegenwärtigen Diktat der Ökonomie, das uns nur noch als „homo oeconomicus“ sieht, angetrieben von Profitinteressen, Opfer unserer Egos, deren vordringliches Interesse angeblich im Eigennutz liegt, nachgeben und ihm uns ausliefern.

Es versteht sich: der Mensch ist um einiges vielschichtiger, seine Motive sehr viel komplexer als dass er auf eine so simple Formel wie Eigennutz reduziert werden könnte. „Seit Jahrhunderten hatten Leute herausfinden wollen, wie der Mensch tickt, und sie alle, ob Wahrsager, Philosophen, Psychologen, waren letztlich gescheitert. Wie sollten ausgerechnet Ökonomen die menschliche Unberechenbarkeit auf eine Formel bringen können?“

Indem sie mit einer zündenden Idee aufwarteten: „Sie fragten nicht mehr, wie der Mensch tickt. Sie fragten, wie der Mensch ticken müsste, damit ihre Formeln funktionierten. Und die Antwort lag auf der Hand: Alle Probleme mit dem Unsicherheitsfaktor ‚Mensch‘ lösen sich in Wohlgefallen auf, wenn man zwingend annimmt, dass er bei dem, was er denkt und tut, immer nur an seinen eigenen Vorteil denkt. Diese Theorie hatte den Vorteil, dass sie immer funktionierte und alles berechenbar machte. Das Gegenüber ist undurchsichtig? Es wird durchsichtig wie Glas, wenn man annimmt, dass es nur seinen Profit vergrössern will. Menschen helfen andern Menschen? Sie tun es, weil sie sich selbst etwas Gutes tun wollen.“

Ist doch klar, dass jeder zuerst an sich selber denkt – dieses Menschenbild ist heutzutage nicht nur gang und gäbe, es wird auch selten angezweifelt. Obwohl doch eine Mutter fast immer zuerst an ihre Kinder und erst dann an sich selber denkt. Das tut sie nur, weil sie sich deswegen besser fühlt als wenn sie zuerst an sich selber denken würde, werden die Anhänger des profitmaximierenden Credos jetzt entgegnen. Nur sagt das mehr über die Anhänger dieses Denkens aus, als über die Dinge, wie sie sind. Denn das Menschenbild, das die Anhänger der Profitmaximierung predigen, ist nichts als Ideologie, ein Glaube. Und was der Mensch glaubt, das ist er. „Man is made by his belief. As he believes, so he is“, heisst es in der „Bhagavad Gita“. Und das meint: Wir können auch etwas anderes glauben, als was uns gepredigt wird. Vor allem, wenn es sich um solchen Unsinn handelt wie diesen: „Will Gott, dass du reich bist?“, fragte das „Time Magazine“ in einer Titelgeschichte im Jahre 2006. Die Antwort? Er will. Und das impliziert: Wer es nicht schafft, ist selber schuld.

Der Mensch erfindet sich die Welt, indem er sich Systeme schafft, die ihm Orientierung, Sicherheit und häufig auch finanzielle Vorteile verschaffen. Die Juristerei wurde deswegen erfunden, die Bürokratie oder eben diverse Finanzinstrumente. Leider haben es nun diese Systeme so an sich, dass sie sich verselbständigen, die Herrschaft übernehmen und wir zu ihren Opfern werden. Frank Schirrmacher zeigt dies mit vielen historischen Herleitungen an der Figur des egoistischen „homo oeconomicus“ auf, auch wenn er zu einem weit weniger radikalen Schluss kommt: „Vieles spricht dafür, dass im Inneren der gegenwärtigen Finanz- und Europakrise ein viel grundlegenderer Konflikt schwelt, in dem es im Kern um die Implementierung der neoklassischen und neoliberalen Ideologie in die Gesellschaften Mikro-Märkte und sogar in die konstitutionellen Ordnungen des europäischen Westens geht.“

Die Staaten würden von der Ökonomie, und ohne dass es die Politiker merkten, schon längst als reine Mitspieler im Markt behandelt werden, behauptet Schirrmacher, und „nicht mehr als marktüberwölbende konstitutionelle Gebilde“. In der Schweiz hatte man in den letzten Jahren eher den Eindruck, der Staat, in dem er die Banken mit Steuergeldern rettete, müsse den Finanzmarkt so recht eigentlich um jeden Preis am Laufen halten. Zugespitzt gesagt: der Staat ist für die Wirtschaft da, einesteils als Mitspieler, andrerseits als Garant und Retter des sogenannten Marktes. „Bürger und Staat haben keine Souveränität mehr, sondern ’spielen‘ sie nur.“

Sinn und Zweck jeden System ist, sich selbst zu erhalten.
Im ökonomischen Imperialismus ist der Mensch, was er will. Warum er will, was er will, ist nicht relevant. Denn solange er etwas will, kann man es ihm verkaufen. Blöder, ja gefährlich wird es, wenn er sich weigert, mitzuspielen. Damit jeder will, was alle wollen, muss der Mensch zum Automaten werden. Und die Konsumideologie ist auf dem besten Weg, ihn dahin zu bringen. Doch da gibt es eben noch das Ich, das Widerstand leistet: „Es zeigt sich, das zwischen dem, wie sie sein sollen, und dem, wie sie sind, ein fast unüberbrückbarer Abgrund klafft.“ Manchmal hat das Ego auch ganz erfreuliche Seiten.

Frank Schirrmacher
EGO – Das Spiel des Lebens
Blessing, München 2013

Katherine Boo: Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben

Schon die Widmung ist inspirierend: „Für die zwei Sunils, die mir beigebracht haben, wie man nicht aufgibt.“ Und so recht eigentlich ist „Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben“ genau das: Inspiration, nicht aufzugeben.

Ich war schon einige Male in Slums, in Afrika, Südostasien und Südamerika, trotzdem hatte ich keine Vorstellung davon, wie Menschen in solchen Verhältnissen leben. Ich habe mir dazu auch nie Gedanken gemacht, habe Slumbewohner auch nie wirklich individuell wahrgenommen. Katherine Boo hat mir Augen und Herz geöffnet, indem sie von realen Lebensschicksalen aus Annawadi, einem Slum beim Airport von Mumbai erzählt und mir die Menschen dort nachvollziehbar macht.

Von Abdul erfahre ich, einem geschäftstüchtigen und nachdenklichen Jungen, der im Müll der reichen Leute „ein unermessliches Vermögen“ sieht. Und von der behinderten Fatima Einbein, die „via Sex hinauswachsen (wollte) über das Gebrechen, das die anderen ihr als Namen angehängt hatten“. Und von Asha, die sich für die korrupte Politik als den Weg nach oben entscheiden hat. Und von Manju, ihrer hübschen und intelligenten Tochter, die das College besucht. Und von …

Katherine Boo zeichnet ihre Figuren als komplexe, vielschichtige Wesen voller Widersprüche. Genau so wie Menschen eben sind. So ist etwa die behinderte Fatima nicht etwa einfach eine bedauernswerte Kreatur. „Zehrunisa gab sich Mühe, Fatima und ihre selbstgebastelte Privatmoral nicht zu verurteilen, sie wusste, die Frau verzehrte sich nach Zuneigung und Respekt. Aber sobald sie an Fatimas Kinder dachte, schmolz ihr Respekt zusammen. Vor kurzem war Fatima mit ihren Krücken so massiv auf die achtjährige Noori losgegangen, dass Zehrunisa und noch eine Frau dazwischengehen mussten. Und dann war da noch die Sache mit Medina, der zweijährigen Tochter von Fatima. Als die Kleine Tuberkulose bekommen hatte, war Fatima besessen von der Idee, sie könne sich anstecken. Und dann war Medina in einem Eimer ertrunken.“

Besonders eindrücklich an diesem Buch ist der Verzicht auf jegliche Schwarz/Weiss-Malerei. Mensch zu sein bedeutet gut und schlecht, schlau und dumm, hinterhältig und freundlich zu sein. Abwechselnd und manchmal auch gleichzeitig. Ob besser situiert oder im Slum lebend. Es ist kein geringes Verdienst, dass Katherine Boo anschaulich aufzuzeigen vermag, dass die Menschen in den Slums genau so sind wie wir andern, die wir nicht in Slums leben, auch. Sie haben die selben Sorgen und Nöte, erleben die selben Hoffnungen und Enttäuschungen. Klar, das weiss man. In der Theorie. Katherine Boo hingegen macht es spürbar und erlebbar und vermittelt dadurch Wirklichkeit.

Sie habe sich vor zehn Jahren in einen indischen Mann verliebt und ein ganzes Land dazubekommen, schreibt die Autorin im Nachwort. Zu diesem Zeitpunkt war sie bereits dreizehn Jahre als Reporterin unterwegs gewesen, hatte über Armenviertel in den USA geschrieben. „Manche Menschen halten es für ein ‚moralisches‘ Problem, dass Reichtum und Armut so dicht nebeneinander existieren. Ich dagegen finde faszinierend, wie selten dieses Nebeneinander als ‚praktisches‘ Problem wahrgenommen wird. Schliesslich gibt es mehr arme als reiche Leute in den Mumbais dieser Welt. Wieso eigentlich sehen Gegenden wie die Airport Road, in der Slums praktisch auf Tuchfühlung mit Luxushotels liegen, nicht aus wie die Bürgerkriegsszenarien in Videospielen? Warum implodieren unsere ungleichen Gesellschaften nicht viel öfter?“

Bücher, die ihr einige ihrer Fragen hätten beantworten können, fand sie nicht, selber eines zu schreiben, traute sie sich nicht zu, schliesslich war sie keine Inderin und sprach die Sprachen nicht. Doch dann tat sie es doch. Drei Jahre lang, vom November 2007 bis zum Abschluss ihrer Recherchen im März 2011 (die geschilderten Personen und Ereignisse sind real), rang sie zusammen mit ihrer Dolmetscherinnen immer wieder mit der Frage, „ob tagelanges Herumhocken in rattenverseuchten, müllverstopften Hütten in einem Slum und nächtelange Erkundungszüge mit Dieben an einem neuen Flughafen irgendetwas zum Verständnis dessen beitragen konnten, was das Streben nach Aufstiegschancen in der ungleichen globalisierten Welt bedeutet. Doch, vielleicht, beschlossen wir forsch.“

Das Ergebnis liegt nun vor, es heisst „Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben“, von dem Salman Rushdie (wohl zu Recht) gesagt hat: „Ein Muss! Nie zuvor hat jemand einen Slum so verstanden und so eindringlich beschrieben.“

Katherine Boo
Annawadi oder der Traum von einem anderen Leben
Droemer, München 2012

Hans Pleschinski: Wiesenstein

Hans Pleschinski, geboren 1956, als freier Autor in München lebend, nimmt sich in diesem Roman Gerhart Hauptmanns an, der zusammen mit Thomas Mann (über den Pleschinski den ganz wunderbaren Roman „Königsalleee“ geschrieben hat) zu den grossen Figuren der deutschen Literatur (beide sind Nobelpreisträger) zählt. „Wiesenstein“ beginnt im März 1945 mit dem Aufbruch des greisen und pflegebedürftigen Hauptmann und seiner Entourage (inklusive Masseur) vom Sanatorium Dr. Weidner im eben zerstörten Dresden nach Schlesien, in seine Villa „Wiesenstein“, einem prächtigen Anwesen im Riesengebirge.

Ich staune, welche Ehrerbietung die Leute dem Dichter Hauptmann, der offenbar lange schwankte „zwischen der Poesie und dem Wunsch, ja, ein neuer Michelangelo zu werden“ entgegenbringen. Ja, ich staune überhaupt, dass einem Dichter einmal Ehrerbietung entgegengebracht worden ist – solche Zeiten sind lange her. Allenthalben wird er „Herr Dr. Hauptmann“ genannt, der vielfach Geehrte, der nun mit einem Pfleger auf dem eisigen Bahnhof steht. Es ist höchst beeindruckend wie es Hans Pleschinski gelingt, die damalige Simmung zu vermitteln.

Von Propagandaminister Dr. Goebbels (wieder ein Doktor) war Hauptmann zwar wenig geschätzt, von dessen Widersachern auf der Kulturbühne dafür (und auch deswegen) um so mehr. Und wie fürstlich der Mann gelebt hat! „Ein Lebenshöhepunkt – von Galadiners gerahmt – waren natürlich die Gerhart-Hauptmann-Festspiele in Breslau gwesen: vierzehn Stücke en suite füllten damals, in den Zwanzigerjahren, die Theater.“

Dem Dichter war offenbar eine heftige Radikalität eigen. So lässt Hans Pleschinski die Sekretärin Annie Pollak sagen: „Vor dieser Lebensberuhigung hatte Hauptmann, pardon, wenn ich’s so ausdrücke, gesoffen, randaliert. Jetzt wurde er – man kennt solche Umschwünge – zum strikten Abstinenzler.“ Worauf der Masseur Paul Metzkow meint: „Ich glaube, der Wunsch meldet sich beim Menschen und in der Geschichte regelmässig. Heute hui, morgen pfui. Erst Schwung durch Schnaps, dann Prohibition. Und dann wieder andersrum.“

Dass Hauptmann, im Gegensatz zu seinem Nobelpreiskollegen Mann („Der eine, Mann, war eher zerebral, der andere, Hauptmann, oft vulkanisch. – Gut, dass wir beide haben! Das ist ein geistiger Reichtum“, so Hans Pleschinski in einem Gespräch mit seinem Lektor Martin Hielscher), nicht ins Exil ging, bedeutet nicht, dass er ein Nazi war, schon von seinem ganzen Wesen her, konnte er gar keiner sein. „Hauptmann sagt: Selbst wenn ich Antisemit wäre, so müsste es mich doch stutzig machen, dass Gott soviele Juden mit so zauberhaften Gaben beschenkt hat.“ Doch die Privilegien, die Hauptmann geniesst, sind nicht gratis. Natürlich benutzen ihn die Nazis für ihre Zwecke und scheuen auch nicht davor zurück, sinnentstellend in seinen Dresden-Appell, der das Kultur-Verbindende hervorhob, einzugreifen und in eine parteiische Beschuldigung der Alliierten umzuwandeln.

Ausser dem „Bahnwärter Thiel“, den wir in der Schule durchgenommen hatten (und ich nicht erinnere), habe ich von Gerhart Hauptmann nichts gelesen. Von seinem Stück „Die Weber“ habe ich gehört. Anders gesagt: „Wiesenstein“ war für mich eine Einführung in Leben und Werk dieses Mannes, der ganz offensichtlich weltweit wahrgenommen wurde (sogar James Joyce übersetzte Stücke von ihm) und zwar eine, die mich auch Einiges über das Leben lehrte. „Man möchte sagen, seine Seele öffnete sich der unberechenbaren Vielfalt der Schöpfung.“

Hans Pleschinski ist ein begnadeter Erzähler. „Dorn mochte jede Jahreszeit. Der Sommer, dieser Brüllaffe, heizte allem ein, was kreuchte und fleuchte, die Käfer schossen über den Stein, die Ameisen schleppten, was sie konnten, aber ein wohliges Ächzen erfüllte die Natur. Im Herbst durften alles und jeder ermattet sein, Gärtner Dorn rechte Laub und Nadeln, liebte die Abkühlung im Gesicht, den kräftigen Duft aus der Erde und freute sich auf den Winter, wenn das Dunkel ruhiger machte, die Schlitten vorfuhren und der Atem dampfte. Schon um fünf Uhr früh schippte er dann den Fussweg von Schneewehen frei, liess die Frostluft willig an ihm beissen, fühlte umso mehr seine Lebenswärme. Und wenn er danach die Brotkante in den Malzkaffee stippte, den ersten Schluck getrunken hatte, kam er sich wie neugeboren vor. Bohnenkaffee war den Herrschaften vorbehalten. Er träumte dann am Küchentisch, liess die Frauen schwatzen und lauschte dem Klappern der Töpfe und Pfannen.“

Solche Sätze schärfen meine Wahrnehmung – und das ist einer der Gründe, weshalb ich Bücher lese. Wie auch diese, die mich die Dinge neu (der Gedanke ist mir nicht neu, ihn so wohlwollend auszudrücken hingegen schon) sehen lassen. „Das unentschiedene Schwanken scheint eine Spezialität von ihm zu sein. Nun gut, wer wankt, gewahrt vielleicht mehr als derjenige, der stur geradeaus schreitet.“ Oder dieser: „Nichts auf Erden kann zufriedenstellen.“

Eindrücklich auch, wie Pleschinski den Einmarsch der Sowjetarmee nördlich von Görlitz schildert. Oder die Plünderungen und Enteignungen am Kriegsende. Man glaubt, sich selber mittendrin zu befinden. Überhaupt hat mich Vorstellungskraft und Einfühlungsvermögen des Autors, der den Krieg ja nicht selber erlebt hat, verblüfft, erstaunt und tief beeindruckt. Ganz wunderbar auch sein Witz und sein Formulierungsgabe. „Madame hingegen wirkte gelegentlich, einer selbst auferlegten Fasson halber, ein wenig indigniert. Da dies zumeist keine Konsequenzen zeitigte, blieb es, wenn sie ihre Lippen kurz spitzte, eher bedeutungslos. Oft sah sie auch nur schlecht.“

„Wiesenstein“ ist ein tief beeindruckendes, rundum grossartiges Werk!

Hans Pleschinski
Wiesenstein
C.H. Beck. München 2018

Lisa McInerney: Göttliche Ketzereien

„Ein spektakuläres Debüt, hart und einfühlsam, düster und poetisch“, hat jemand in „The Telegraph“ über dieses Buch geschrieben und ich frage mich, ob mit „hart“ vielleicht solche Sätze gemeint waren: „Wie Godzilla würde der über ihn kommen, mit einem Gesicht wie ein stillgelegter Steinbruch“ und „Er wollte den Drink, aber es kostete ihn Zeit und Mühe, den Whiskey aus der Flasche ins Glas zu bekommen und dann aus dem Glas an seinen Zähnen vorbei“. Echt jetzt? An den Zähnen vorbei? Whiskey runter stürzen geht anders.

Es gibt in diesem Buch – Gott sei Dank! – viele andere und viel bessere Sätze. Diesen hier zum Beispiel: „Er wusste nicht, was er tun sollte, bis jemand anders die Entscheidung für ihn traf.“

Die Geschichte spielt in Irland und das bedeutet natürlich Alkohol. Der Säufer heisst Tony Cusack, ein alleinerziehender Vater von sechs Kindern, wovon eines, der fünfzehnjährige Ryan, als Dealer aktiv ist und natürlich in Schwierigkeiten gerät, während sein Vater für Jimmy Phelan, der das organisierte Verbrechen der Stadt kontrolliert, eine Leiche entsorgen soll.

Die Leiche war der Einbrecher Robbie O’Donovan, was Jimmy Phelans Mutter Maureen, die ihn mit einer Devotionalie (wir sind in Irland) erschlug, erst im Nachhinein erfuhr und ihr zu schaffen macht. „Maureen suchte Erlösung. Nicht für sich selbst. Du bringst nicht einfach jemanden um und dir wird vergeben. Die hängen dich schon für viel weniger auf. Nein, sie suchte Erlösung wie ein Schwein nach Trüffeln suchte: Sie wühlte danach, wollte sie umdrehen und schmecken, wusste aber, dass sie nicht für sie bestimmt war.“ Es gibt einige solcher (für mich eigenartiger) Gedankenkonstrukte in diesem Werk, von denen ich nicht wirklich weiss, ob ich sie verstehe.

Robbie O’Donovans Freundin war die Prostituierte Georgie, die bei einer christlichen Gruppe verkehrt und deren Dealer Ryan ist, den sie einmal nach seiner Freundin Karine fragt: „Was würde sie sagen, wenn sie wüsste, dass du mit einer Prostituierten zusammen in einem christlichen Gebetshaus kokst?“ Es ist schon eine arg konstruierte Geschichte, die Lisa McInerney hier erzählt.

Andererseits: „Glorreiche Ketzereien“ ist eine Geschichte voller Geschichten. Eine, die mir besonders gut gefällt handelt davon, wie Ryan in einem Laden ein Ehepaar beobachtet, das seine vierjährige Tochter dazu einspannt, Bierdosen für sie zu klauen, und dann – er ist fünfzehn! – den Vater verbal angreift. Um der Kleinen Willen lässt er jedoch von dem Ehepaar ab. „Er stillte seine Wut mit Gewaltfantasien. Den ganzen Weg vom Fluss bis zu Dan Kanes Wohnung stellte er sich vor, wie er den Kerl im grünen Hoodie zu rosa Brei verarbeitete.“

Grossartig auch die Geschichte von Tonys Aufenthalt im Solidarity House, dem Behandlungszentrum für Alkis, wo der Therapeut der versammelten Familie bekannt gibt: „Wir haben eine besondere Aufgabe, und die betrifft Tonys Sucht. Was an diesem Punkt wirklich helfen würde, wäre, wenn ihr Tony alle ehrlich und offen erklärt, was seine Trinkerei euch angetan hat. Damit hätten wir eine stabile Grundlage, um einen auf eure Familie zugeschnittenen Lösungsansatz zu entwickeln.“ Was in der Therapeuten-Welt als sinnvoller Ansatz gilt, entpuppt sich bei dieser Familie als (lesenswertes) Desaster.

Genauso grossartig ist die Geschichte der Beichte der Devotionalien-Mutter: „Wenn Sie etwas wirklich bereuen, wird Gott Ihnen zuhören.“ „Darin ist Gott wirklich toll. Er hat riesige Ohren und einen zugenähten Mund.“ „Das klingt jetzt aber ganz und gar nicht reuevoll.“

Die Beichte entwickelt sich zu einem Schlagabtausch. Schliesslich schlägt der Beichtvater vor: „Vielleicht besteht für Sie der einzige Weg, Frieden zu finden, darin, zur Polizei zu gehen.“ „Herrgott, erhalten Sie von denen eine Provision, oder was?“

Wer wissen will, wie’s weitergeht, greife zu diesem Buch! Und wer Lust auf komplexes Irisches hat sowieso!

Lisa McInerney
Göttliche Ketzereien
liebeskind, München 2018

Philippe Lançon: Der Fetzen

Am 7. Januar 2015 stürmten zwei maskierte Attentäter in Paris das Gebäude, wo sich die Redaktion von ‚Charlie Hebdo‘ befand und richteten ein Blutbad an. Der Autor Philippe Lançon sass am Redaktionstisch und wurde schwer verletzt.
„Am Vorabend des Attentats war ich mit Nina im Theater.“ Gelungener könnte ein erster Satz gar nicht sein und natürlich bin ich sofort drin, in diesem hoch differenzierten, spannend zu lesenden und höchst persönlichen Buches. ‚Was ihr wollt‘ von Shakespeare wurde an diesem Abend gegeben.

Rückblende: Bagdad vor dem amerikanischen Ultimatum. Der Autor, damals  siebenundzwanzig, ist als Journalist vor Ort. „Mein Sinn für die Geschichte war durch das, was ich sah, begrenzt, mein Respekt für ihre Macher tendierte gegen null – zumindest in dieser männlichen, schnauzbärtigen Region der Welt.“ Eitle Egomanen, mit denen uns die Journalisten, diesen häufig nicht unähnlich, täglich füttern.
Houellebecqs ‚Unterwerfung‘, Hemingways ‚Paris, ein Fest fürs Leben‘, des Autors Bewunderung für Raymond Aron, „der für mich all das repräsentierte, was mir selbst zu fehlen schien: mit Vernunft gepaarte Bildung“, die morgendliche Konferenz bei ‚Charlie Hebdo‘, reich an Humor und Pöbeleien … Philippe Lançon beschreibt, was ihm so durch den Kopf geht, hin und her, vor und zurück, wie das eben im richtigen Leben, im Kopf und in den Gefühlen so ist. Sehr dicht, der Mut zur Lücke fehlt, er will die Kontrolle über sein Leben wieder gewinnen.
Und er stellt ‚Charlie Hebdo‘ in den „richtigen“ Zusammenhang: „Die Zeitung zählte nur noch für ein paar Getreue, für die Islamisten und für alle möglichen mehr oder weniger zivilisierten Feinde: angefangen bei den Jugendlichen aus der Banlieue, die sie nicht lasen, bis hin zu den ewigen Freunden der Verdammten dieser Welt, die sie gerne als rassistisch titulierten.“

Das Attentat, bei dem ihm der Unterkiefer zerschossen wurde („Die beiden oberen Drittel des Gesichts waren intakt“, sagte die Krankenschwester im Spital), schildert er als etwas gänzlich Unwirkliches. Schüsse und ‚Allah Akbar‘ Rufe sind zu hören. Er liegt am Boden und erkennt in einem Meter Entfernung den Freund und Kollegen Bernard, dessen Gehirn „leicht aus dem Schädel quoll. Bernard ist tot, sagte mir derjenige, der ich war, und ich antwortete, ja, er ist tot, und genau hier wurden wir eins, an jenem Punkt, an dem dieses Gehirn hervorquoll, das ich am liebsten wieder in den Schädel zurückgestopft hätte und von dem ich mich nicht mehr losreissen konnte, denn seinetwegen habe ich in diesem Moment endlich gespürt und begriffen, dass etwas nicht rückgängig zu Machendes geschehen war.“
Er selbst ist getroffen, verletzt, steht unter Schock („ich war in einer anderen und doch in dieser Welt“), will seine Mutter anrufen, kann nicht reden, was er aber nicht wirklich wahrnimmt „Ein paar Zahnstücke schwirrten von rechts nach links und von links nach rechts durch meinen Mund, meine Zunge spielte damit wie mit Krümeln, und ich merkte, dass ich mich möglicherweise undeutlich artikulierte.“ Sanitäter kommen, er will sich nicht von seinem Handy trennen, versucht die Krankenversicherungskarte und seinen Personalausweis herauszunehmen – die müssen doch wissen, wer er ist!

Es mutet beängstigend surreal an, wie Philippe Lançon seine Situation und Wahrnehmung beschreibt, obwohl er instinktiv nichts anderes tut, als sich an Vertrautes zu halten. So will er im Krankenhaus den Air France-Flug nach New York stornieren. Er hält fest: „Ich wäre fast gestorben und will mir von Air France mein Ticket erstatten lassen. Der Kleinbürger überlebt alle.“ Nun ja, mit Kleinbürger hat das wenig zu tun, eher mit Sich Orientieren an dem, was man kennt und in den Griff kriegen kann, da alles andere uns überfordert.

282 Tage bleibt er insgesamt im Krankenhaus gefangen. Er beobachtet, denkt nach, sein Geist wandert, seine Überlegungen entbehren nicht des Humors. Über eine junge Krankenschwester notiert er: „Jemand mit mehr Erfahrung half ihr eine Vene zu finden. Sie war verärgert. Während ich schwer atmend in meinem Bett lag, sah ich ihr zu und fragte mich, ob mein Leben tatsächlich von jemandem abhängen konnte, der derartig stur und, mehr noch, derartig jung war.“

Unter anderen besucht ihn auch Gabriela, die er vorgehabt hatte, in New York zu besuchen. Sie will nicht, dass er sich mit dem Attentat beschäftigt und ermuntert ihn, an etwas Positives zu denken, zum Beispiel an eine Landschaft, die er mag. Doch er funktioniert anders und sucht nach allem, „was nach und nach, ungeordnet und aus unterschiedlichen Gründen leichenartig wieder an die Oberfläche trieb.“
Sein Unterbewusstsein fabriziert dabei einen faszinierenden (immer auch ausgesprochen literarischen – von Balzac, Proust, Queneau zu Gérard de Villiers) Mix und an diesem lässt Philippe Lançon den Leser in „Der Fetzen“ teilhaben. Eine Lektüre, die lohnt!

Philippe Lançon
Der Fetzen
Klett-Cotta, Stuttgart 2019


Gerard Donovan: Winter in Maine

Diesem ganz wunderbaren Roman ist ein Zitat von Marc Aurel vorangestellt, das dieses Werk treffend illustriert: „Wer sehr lange lebt, verliert doch nur dasselbe wie jemand, der jung stirbt. Denn nur das Jetzt ist es, dessen man beraubt werden kann, weil man nur dieses besitzt.“

Gerard Donovan ist ein Meister im Vermitteln dieses Jetzt. Weil er genau hinguckt, weil er genau beschreibt und weil er zu Interpretationen Abstand hält. Und das klingt dann zum Beispiel so: „Als ich Streichhölzer, Milch, Tee, Brot und Butter gekauft und alles im Pick-up verstaut hatte, überquerte ich die Strasse bis zum Café. Mir fiel auf, dass der Wind auffrischte und die vereinzelten Regentropfen sich härter anfühlten, als wären sie mit Schnee beschwert. Deshalb freute ich mich über den Schwall warmer Luft, der mir beim Öffnen der Cafétür entgegenströmte, über das helle Licht und die paar Leute, die über Suppe und Getränke gekauert dasassen. Es bediente eine andere Kellnerin, doch sie brachte mir dieselbe Kaffeesorte an denselben Tisch und sagte auch dasselbe: Lassen sie ihn sich schmecken.“

Der Protagonist, Julius Winsome, lebt mit seinem Hund Hobbes und über dreitausend Büchern in einer Jagdhütte in den Wäldern Maines. Dann tritt unverhofft Claire in sein beschauliches Dasein und verschwindet nach einiger Zeit genauso unverhofft wieder. Kurz darauf wird Hobbes aus nächster Nähe mit einer Schrotflinte erschossen. Und Winsome beginnt einen Rachefeldzug.

Das einsame Leben in den Wäldern und die Lektüre Shakespeares (wer dächte da nicht an Thoreaus Walden?) hat den Protagonisten Winsome zu einem bedächtigen, überlegten und sehr gegenwärtigen Menschen werden lassen. Daran ändert auch der Tod seines Hundes nichts und doch ändert sich mit diesem Tod alles: Winsomes Leben gerät aus den Fugen, er rächt sich nun an der Welt, an all dem, was er falsch findet an dieser Welt.

Was diesen Roman aussergewöhnlich macht, ist nicht in erster Linie der Rachefeldzug von Winsome – obwohl, dieser ist spannend genug und das Buch ist auch ein Krimi – , sondern die Stimmung, die Gerard Donovan zu vermitteln weiss. Man glaubt beim Lesen selber vor Ort in diesen Wäldern zu sein, das Holz der Jagdhütte zu riechen, die Bücher aus den Regalen zu ziehen, das Knirschen des Schnees unter den Schuhen zu hören, zu spüren, wie die Zeit verstreicht. Donovan ist ein Meister im Vermitteln der Gegenwart.

Es braucht wenig, so scheint es (ist der Tod eines Hundes wenig?), dass ein Mensch ausrastet. Doch rastet Winsome wirklich aus? Nie ist er auf seinem Rachefeldzug unkontrolliert, ganz methodisch und überlegt (genauso wie vor dem Tode des Hundes) geht er vor. Was sich geändert hat, ist, dass sein (stark von seinem Vater geprägtes) Leben plötzlich eine ganz andere Richtung genommen hat.

Gerard Donovan führt mit diesem Buch eindrücklich vor, dass es illusorisch ist zu glauben, wir hätten unser Leben unter Kontrolle. Dass er dies am Beispiel eines äusserst kontrolliert agierenden Menschen aufzuzeigen vermag, macht dieses raffinierte Werk zu einem Lesegenuss erster Güte.

Gerard Donovan
Winter in Maine
Luchterhand, München 2009

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