Rob Hart: Der Store

„Ich wollte ein Buch über etwas schreiben, das mich wütend macht – die Art und Weise, wie grosse Unternehmen ihre Angestellten zu einem Wegwerfprodukt gemacht haben“, so Rob Hart in einem Interview. Da ich Wut für einen hervorragenden Motivator halte, gehe ich „Der Store“ positivist gestimmt an, auch wenn mir die anscheinend um sich greifende Mode deutsch-englischer Buchtitel (im Original heisst das Buch übrigens: „The Warehouse“), ziemlich auf die Nerven geht. Als mich der Verlag darüber hinaus wissen lässt: „ ‚1984‘ und ‚Schöne Neue Welt‘ waren gestern“ – ‚Der Store‘ ist jetzt“ und ich mich, obwohl der Werbung gegenüber grundsätzlich skeptisch, generell gern verführen lasse, ist es um mich so recht eigentlich geschehen, denn besser in Erinnerung als diese beiden klassischen Dystopien ist mir kaum ein Buch.

„Tja, ich werde bald sterben“ – ein stärkerer Einstieg ist schwer denkbar. Gibson Wells, der Gründer und Eigentümer von „Cloud“, dem weltweit grössten Online-Warenhaus, wurde mit Krebs diagnostiziert, hat noch ein Jahr, blickt nun auf sein Leben zurück und teilt sich in einem Blog mit. „Mit grosser Demut sage ich, dass Cloud eine Leistung ist, auf die ich stolz sein darf. Es ist etwas, was den meisten Menschen nicht gelingt.“ Was ihn angetrieben hat? Das Bedürfnis zu gefallen. Und dieses hat ihn erfolgreich gemacht. 30 Millionen arbeiten in den übers ganze Land verstreuten MotherClouds.

Mit „Cloud“ hat Gibson Wells Beeindruckendes geschaffen. Von der Reduktion von Treibhausgasen (weil sich Arbeits- und Wohnstätte am selben Ort befinden) bis zum Gesetz zur Vermeidung von Mechanisierung (weil dadurch nur eine beschränkte Anzahl Arbeitsplätze für Roboter reserviert werden dürfen, ist Vollbeschäftigung garantiert). Nur eben: Das hat alles seinen Preis – die Menschen werden ausgebeutet, persönliche Freiheit gibt es keine mehr. Wer das Arbeitssoll nicht erfüllt, fliegt raus. Totalitärer Terrorismus pur.

Paxton und Zinnia lernen sich kennen, als sie sich bei Cloud bewerben. Er wird als Security-Mann eingestellt und muss nun dazu sehen, dass es keine Sicherheitslücken im System gibt; sie für das Einsammeln von Waren für den Versand und muss, da sie in Wirklichkeit Industriespionin ist, für ihren externen Auftraggeber Sicherheitslücken im System finden. Beide wähnen sich bei der „Cloud“ auf einem anderen Planeten. „es ist, als würde man auf irgendeinem beschissenen Flughafen leben.“ Und kommen sich näher. Dann beginnt sich ein Manager namens Rick für Zinnia zu interessieren.

Das Cloud-Gelände, wo sich das alles abspielt (und die Angestellten auch wohnen), ist bestens organisiert beziehungsweise kontrolliert und erinnert an eine Shoppingmall „bevor sie ausser Mode gekommen waren.“ Zinnia kriegt an ihrem ersten Arbeitstag ein CloudBand ausgehändigt, das ihr angibt, was sie zu tun und wohin sie zu gehen hat. Mittels dieser virtuellen Stechuhr wird sie so recht eigentlich zu einem Roboter gemacht. Ihre Arbeit ist ausgesprochen geistlos, doch stressig. „Sie sind jetzt zu einer 15-minütigen Toilettenpause berechtigt“, wird sie informiert. „Die gesamte Infrastruktur von Cloud – von der Navigation der Drohnen bis hin zu den vom CloudBand übermittelteten Richtungsanweisungen – wurde durch ein eigenes Netzwerk von Satelliten gesteuert.“

Paxton kriegt das Angebot, in einer Art Task Force mitzumachen, die ein waches Auge auf die Droge Oblivion (ein besserer Name für eine Droge als ‚Vergessen‘ ist kaum denkbar) werfen soll, die von vielen konsumiert wird, teilweise mit tödlichen Folgen. Er weiss nichts von Zinnias Spionageauftrag. Als sie einen Ausflug machen, werden sie gefangen genommen, von Leuten, die ‚Cloud‘ gegenüber nicht nur feindlich eingestellt sind, sondern aktiven Widerstand organisieren. Die ausführliche Begründung für dieses Sich-Wehren („Wie könnt ihr nicht wütend darüber sein, dass sie euch und euer Leben im Würgegriff haben?“) gehört zu den überzeugendsten Passagen dieses Buches.

Dann erhält Zinnia einen neuen Auftrag: Sie soll Gibson Wells töten. Und auch Paxton erhält eine neue Aufgabe: Er wird dem Team zugeteilt, das Gibson Wells bei seinem Besuch vor Ort schützen soll. „Denk dran, die Freiheit gehört dir, bis du sie aufgibst“, sagt Zinnia zu Paxton.

Aufgebaut ist „Der Store“ so, dass abwechselnd Gibson Wells, Paxton und Zinnia zu Wort kommen, was unter anderem den schönen Effekt hat, dass man erleben kann, wie Gibsons-Manager-Vision mit deren praktischer Umsetzung kontrastiert. Mit anderen Worten: Das Eine hat mit dem Anderen so ziemlich gar nichts zu tun. Woraus zu folgern wäre: Wer etwas über das reale Arbeitsleben wissen möchte, sollte nicht, wie das die Medien meist tun, Manager befragen, sondern sich die Arbeitsbedingungen vor Ort ansehen.

Dass wir auf dem Weg in eine solche Albtraum-Welt der totalen Kontrolle sind, in der nur das reibungsloses Funktionieren gefragt ist, steht für mich ausser Frage. Nicht, weil der Mensch eine solche Welt plant oder sich wünschen würde, sondern weil er unfähig zu langfristigem Denken ist und nicht merkt, dass er sich diese Albtraum-Welt gerade selber schafft.

„The Store“ spielt in der nahen Zukunft; vieles was darin vorkommt, gibt es bereits – von den Drohnenlieferungen (mit denen „Cloud“ grossgeworden ist) bis zu den Highways, die teilweise so schlecht gepflegt werden, dass sie zerbröseln.

Fazit: Ein spannendes, gut geschriebenes, engagiertes Plädoyer für den Widerstand gegen die eigene Entmündigung.

Rob Hart
Der Store
Wilhelm Heyne Verlag, München 2019

Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006); Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011); Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011); Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013); Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017); In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018); Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018); Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019); Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021); Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022). Die Welt will betrogen sein. Über Gehorsam, Gier und Selbstvermarktung (neobooks 2023); Wie ich die Fotografie entdeckte - und was sie mich gelehrt hat (neobooks 2024); Das Jetzt ist nicht zu fassen. Notizen von unterwegs (neobooks 2024); Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession (Tredition 2025).

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