Debra Jo Immergut: Die Gefangenen

Frank ist Gefängnispsychologe, die ihm zugewiesene Miranda wegen Mordes zu 52 Jahren Haft verurteilt. Er kennt sie aus Schulzeiten und war damals von ihr auf eine Art besessen wie es meist nur Pubertierende sind. Sie kennt ihn nicht, weiss nichts davon, als sie ihm zur Therapie zugewiesen wird. Er weiss, dass er nicht therapeutisch tätig werden darf, wenn seine Objektivität nicht gewährleistet werden kann. So lauten die Richtlinien des amerikanischen Psychologenverbandes. Er hält sich nicht daran, ist nach wie vor von Miranda gefangen. Gefühle halten sich weder an Vorschriften noch an gesellschaftliche Tabus.

Dies die Ausgangslage, die mich sofort in die Geschichte hineinzieht. Und mir meine eigenen jugendlichen Schwärmereien, von denen meine damaligen Sehnsuchtsobjekte keine Ahnung hatten (manchmal täuschte ich mich auch und es war gegenseitig, wie ich Jahre später erfuhr), zu Bewusstsein bringt. Die Gefangenen ist ein clever aufgebauter, gescheiter Roman über das Gefangensein in emotionalen Abhängigkeiten.

Erinnert sie sich wirklich nicht an ihn? Er selber ist neugierig auf sie. „Für einen Psychotherapeuten oder eigentlich für jeden Psychologen ist Neugier eine inakzeptable Emotion. Neugier zu befriedigen, ist gleichbedeutend damit, ein Bedürfnis zu erfüllen, und psychologische Berater haben kein Recht darauf, ihre Bedürfnisse zu erfüllen oder auch nur darüber nachzudenken,wenn sie mit Patienten arbeiten.“ Es sind solche verblüffenden und ganz unerwarteten Gedanken (so habe ich das noch nie gesehen), die mich unter anderem für dieses Buch einnehmen.

Lebensnah und realistisch schildert Debra Jo Immergut, die in den 1990ern für das ‚Wall Street Journal‘ aus Berlin berichtete und heute Kreatives Schreiben unterrichtet (auch in Strafanstalten), den Alltag der Psychologen und der Wärter, „an diesem Ort, an dem für Fehler gebüsst wird“ und wo es neben Drogen und Gewalt auch echte Freundschaft gibt.

Nicht nur passte Miranda („Weiss, gut vernetzt, wohlhabend.“) nicht in das Klischee der Inhaftierten, auch Franks Familienhintergrund war kein Garant für ein reibungsloses Dasein gewesen (sein Bruder Clyde war ein Junkie). Bei ihren Therapiesitzungen verfolgten sie unterschiedliche Ziele – Miranda, die mit dem Gedanken an Selbstmord spielte, wollte zu Medikamenten kommen („Doch sie sagte ihm nicht die Wahrheit. Sie erzählte ihm von ihren Erinnerungen, ihren Träumen, den Dingen, die sie bereute, und er gab ihr die Pillen.“); Frank, der eigentlich emotionale Shitstorms auflösen sollte, erhoffte sich die Erlösung von seiner Depression.

Doch dann … Nein, ich will nicht vorwegnehmen, was geschieht. Nur soviel: Die Spannung nimmt zu. Und: Alles, was folgt gründet auf, und ist die Folge von, diesem zutiefst wahren Kerngedanken: „Wir wachsen, wir altern, wir bemühen uns eifrig, uns zu entwicklen und zu reifen, doch irgendein unentrinnbares Naturgesetz sorgt dafür, dass das Teenager-Ich das existenzielle Ich bleibt. Der unveränderliche Kern. Du kannst vor ihm davon laufen, aber es läuft dir hinterher. Es folgt dir durch jeden Seitenweg und Kellereingang. Und manchmal holt es dich ein …“.

Sie manipuliert ihn und fühlt sich dabei auch schuldig; er wird zum Opfer und – wie alle obsessiv Abhängigen – findet Gründe, um sie von Schuld freizusprechen. Sie leidet, er leidet mit ihr. Er fühlt sich selber schuldig, weil er ja auch etwas von ihr will. Sensible und gescheite Menschen unterliegen in hohem Masse der Gefahr der Selbsttäuschung, denn sie missbrauchen ihren Verstand vor allem zur Selbstrechtfertigung. Wie das geschieht, schildert dieser dichte und komplexe Roman höchst eindrücklich.

Es ist nicht nur eine hoch differenzierte, packende und spannende Geschichte, die Debra Jo Immergut in Die Gefangenen erzählt, sondern auch eine überaus lehrreiche. So erfährt man unter anderem einiges über die Arbeit und die Leiden der Psychologen. Etwa, dass die Vorstellung, ein Therapeut könne auf Distanz zu seinen Patienten bleiben, nicht mehr als „eine Schutzbehauptung für die Zartbesaiteten“ sei. Oder: „Wie jeder andere nehmen auch wir unser Leben mit ins Büro, und das, was wir im Büro erfahren, nehmen wir abends mit nach Hause.“ Oder: „Psychologen haben ein Sprichwort: Wahlfreiheit ist Macht.“

Fazit: Subtil, eindringlich, fesselnd – ein Meisterwerk!

Debra Jo Immergut
Die Gefangenen
Penguin Verlag, München 2020

Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019).

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