David Bowie sah ich eigentlich immer als begnadeten Selbstvermarkter und für solche habe ich wenig übrig, doch da waren eben auch noch Moonage Daydream, Changes, und China Girl, Songs, die mich nicht mehr losgelassen haben. Und da war dann ja auch noch die Super-Gitarre von Mick Ronson …
100 Bücher sind in diesem Band versammelt, darunter viele, die mir unbekannt sind und von denen ich mir einige nun bestimmt vornehmen werde, denn ich lasse mich gerne von passionierten Lesern anregen. Und David Bowie war zweifellos einer, wie dieses Buch deutlich macht.
Ob diese 100 Bücher wirklich sein Leben verändert haben? Ich bin da skeptisch, denn wir wissen selten warum wir tun, was wir tun – die nachgelieferten Erklärungen und Begründungen sind zwar unterhaltsam, doch entspringen mehr einer Gewohnheit des Denkens als der Realität (die wir eh nicht begreifen). Wie auch immer: Gelten lassen will ich auf jeden Fall, dass diese 100 Bücher für Bowie wichtig waren.
Verfasst wurde Bowies Bücher vom freien Journalisten John O’Connell, der nicht nur exzellent zu schreiben versteht, sondern auch ein scharfsinniger Denker ist und treffend bemerkt, dass Lesen, neben vielem anderen, eine Flucht ist – „in andere Menschen, Perspektiven und Bewusstseinszustände. Es hebt uns aus uns heraus, nur um uns dann wieder zurückzubringen, aber unendlich bereichert.“
O’Connell, der Bowie in 2002 einmal interviewt hat und mit dessen Werdegang bestens vertraut ist, sieht sein Buch als „Blick auf die Werkzeuge, die Bowie benutzt hat, um sein Leben zu steuern, und nicht zuletzt ein starkes Argument für eine altmodische Theorie, die mir immer gefallen hat: dass einen das Lesen von Büchern zu einem besseren Menschen macht.“ Da mir diese Theorie auch lange gefallen hat (bis ich auf George Steiners Beobachtung gestossen bin, Bücherlesen könne einen auch immun gegen das reale Leiden machen), bin ich gespannt auf die Bücher, die Bowie für sich selber als wichtig erachtete.
Dabei stosse ich auch auf solche, die, so bilde ich mir ein, mich selber geprägt haben. Dazu gehören Nik Cohns Awopbopaloobop Alopbamboom, Albert Camus‘ Der Fremde, Jack Kerouacs Unterwegs, George Orwells 1984, Ronald D. Laings Das geteilte Selbst, Truman Capotes Kaltblütig, und Hubert Selbys Letzte Ausfahrt Brooklyn.
Bowies Bücher referiert nicht nur summarisch den Inhalt der jeweiligen Werke, sondern stellt auch einen Bezug zu Bowies Lektüre her d.h. spekuliert unter anderem darüber, welchen Einfluss dieses oder jenes Buch auf ihn gehabt haben mag. Ob das auch wirklich so gewesen ist, steht natürlich in den Sternen, doch O’Connells Vermutungen sind plausibel, nachvollziehbar, unterhaltsam und immer anregend. Und manchmal auch etwas arg weit hergeholt – dass T.S. Eliot Das öde Land in einem Sanatorium in Lausanne verfasst hat, veranlasst ihn, darauf hinzuweisen, dass Bowie grosse Teile der Achtziger- und Neunzigerjahre ebenfalls in Lausanne verbracht (im Château du Signal, einem 14-Zimmer-Anwesen) sowie Lodger und einige weitere Alben in den Mountain Studios im vierzig Minuten entfernten Montreux aufgenommen hat (und nicht wie fälschlicherweise behauptet „vierzig Minuten von Montreux entfernt“).
Darüber hinaus finden sich jeweils am Ende einer Buchvorstellung zwei Tipps – welche Musik man zum Buch hören sollte und was sich zum Weiterlesen eignet. Bei Flauberts Madame Bovary heisst der Song „Life on Mars?“ und als Buch wird Flauberts „Die Erziehung des Herzens“ empfohlen. Und bei John Dos Passos Der 42. Breitengrad wird uns „Young Americans“ anzuhören nahegelegt und zum Weiterlesen Dos Passos „Manhattan Transfer.“
Fazit: Wunderbar inspirierend, ein Lesegenuss erster Güte!
John O’Connell
Bowies Bücher
Literatur, die sein Leben veränderte
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020