Mathias Bröckers: Klimalügner

Noch ein Buch über die Klimakrise, will ich mir das wirklich antun? Mir ist doch längst klar, was jedem mit einem bisschen Verstand, falls der nicht ausschliesslich für die Rechtfertigung des Eigennutzes eingesetzt wird, klar sein muss: Dass man nicht einfach nach Lust und Laune mit der Erde (unserem Lebensraum) umgehen kann, dass unser idiotisches und arrogantes Handeln Konsequenzen hat. Nur eben: Erstaunlicherweise ist es denen am wenigsten klar, die allen predigen, dass there is no such thing as a free lunch, eine Propaganda, die sie auf alle anderen angewendet sehen wollen, nur auf sich selber nicht.

Was mir an Klimalügner gefällt sind neben dem genialen Untertitel, der schön zusammenfasst, woran unsere Gesellschaft krankt (und zugrunde gehen wird), Sätze wie dieser: „Unser Körper liefert nur den Rahmen, die Gestalt oder das Gefäss für eine Vielzahl verschiedener Lebewesen, die symbiotisch, also zum gegenseitigen Nutzen zusammenleben.“ Sag das mal einer dem Twitterer und Quotenjäger Donald!

Was mir auch gefällt: Dass Mathias Bröckers das Thema aus verschiedenen Perspektiven angeht. So weist er etwa auf das Vorgehen des republikanischen Strategen Frank Luntz hin, der mit Worten zu vernebeln versteht, dass es um Öl, Kohle, Treibhauseffekt und Erderwärmung geht – Klimawandel klingt neutraler und entschieden weniger bedrohlich. Auch Zweifel zu säen gehört zu Luntz‘ Repertoire, der behauptet, es bestehe keine Einigkeit in der Wissenschaft. Wenn von 100 Wissenschaftlern 97 übereinstimmen, 3 jedoch eine abweichende Meinung vertreten, ist das Argument zwar formal richtig – und trotzdem falsch. Am Rande: Dass überhaupt solche Debatten geführt werden, bei denen drei Abweichler ernst genommen werden und ihnen das gleiche Gewicht gegeben wird wie den 97 übrigen, liegt auch an den Medien, die ziemlich abstruse Vorstellungen von Fairness pflegen.

Richtiggehend begeistert haben mich Bröckers Ausführungen über den Ingenieur, Mediziner und Erfinder James Lovelock und die Biologin Lynn Margulis (die Frau des Astronomen Carl Sagan), die nachwies, „dass sich mehrzellige Lebewesen, die Vorfahren aller Pilze, Pflanzen und Tiere, nicht aufgrund von Mutationen und Selektionen entwickelt haben, sondern durch Kooperation und Symbiose.“ Mit anderen Worten: Unser Weltbild bedarf der Korrektur, einer radikalen und dringenden.

Was mich überdies für Klimalügner einnimmt, ist das Ineinander-Übergehen von Informationsaufbereitung, Hinterfragen und Storytelling. Also nicht das klassische Entweder/Oder, sondern das lebenstaugliche Nebeneinander. Beim Kapitel „Wo sind all die Fliegen hin?“ zeigt sich das besonders gut, worin sich auch die wunderbar trockene Bemerkung findet: „Fliegenzählen wird, anders als das Rumschnippeln an Gen-Sequenzen, auch nicht mit ‚Drittmitteln‘ gefördert.“

Wer in der Komplexität der heutigen Zeit nicht untergehen will, tut gut daran, die Aufgeregtheiten des Tages in einen grösseren Zusammenhang zu stellen (dass der amerikanische Lebensstil „nicht verhandelbar“ sei, ist nichts Neues, das meinte George H.W. Bush bereits 1992 in Rio) und Missverständnisse zu berichtigen – es darf nicht heissen „Macht euch die Erde untertan“, sondern „Macht euch der Erde untertan“, so Papst Franziskus.

Mathias Bröckers Herangehen ans Klimathema ist grundsätzlicher Natur: er argumentiert für das, wovor diejenigen, die sich für realistisch halten, sich drücken – eine Änderung unseres Weltbildes. „Wir sind die Erde. Wir sind der Rhythmus von Tag und Nacht, wir sind die Bewegung der Erde um sich selbst und um die Sonne“, schrieb er bereits Anfang der neunziger Jahre. Ich fühlte mich an Alan Watts erinnert, der einst meinte: „Die ganze Welt bewegt sich durch dich hindurch – kosmische Strahlen, Sauerstoff, der Strom von Steaks und Milch und Eiern, die du verspeist – , alles fliesst geradewegs durch dich hindurch. Du bist ein Wirbel, und die Welt wirbelt dich herum.“

Wer meint, das klinge etwas abgehoben, ja, esoterisch, sollte sich mal vergegenwärtigen auf was für einer hirnrissigen Vorstellung „unser“ Wirtschaftssystem gründet: unbegrenztes Wachstum! Auch die, welche am meisten davon profitieren, wissen, dass das so nicht weitergehen kann. Doch Wissen hilft selten, wenn Verhaltensänderungen nötig sind. Um mich selber zu zitieren: „Niemand ändert sich freiwillig, denn das würde bedeuten, ein anderer Mensch zu werden. Und niemand will ein anderer Mensch werden, es sei denn, er muss“.

Mathias Bröckers zeigt überzeugend auf, dass wir uns ändern müssen. Er erwartet weder von der Wissenschaft noch von den Religionen eine Lösung. Stattdessen plädiert er dafür, dass aus Parasiten Symbionten werden. Das kann gelingen, sofern wir bereit dazu sind.

Noch ein Buch über die Klimakrise, will ich mir das wirklich antun?, habe ich eingangs gefragt. Und die Antwort ist simpel: Dieses schon. Weil es Zusammenhänge zur Sprache bringt, die in der CO2-Debatte untergehen. Und zu einem Bewusstsein beiträgt, das nicht von „Me First“ (unser aller Standardeinstellung) geprägt ist.

Mathias Bröckers
Klimalügner
Vom Ende des Kaputtalismus und der Zuvielisation
Edition Zeitpunkt / Fifty-Fifty Verlag, Frankfurt 2020

Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019).

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