Ayad Akhtar: Homeland Elegien

Bereits die Ouvertüre hat es in sich, in der wir die College Professorin Mary Moloni kennenlernen, die lehrt, „Amerika habe als Kolonie begonnen und sei es bis heute geblieben, nämlich etwas, das noch immer definiert sei durch seine Plünderung, ein Ort, wo Bereicherung vorrangig und die bürgerliche Ordnung nur ein Nebengedanke sei.“ Und die Amerikaner: „Längst darauf abgerichtet, jedem noch so verborgenen oder banalen Verlangen nachzugeben, anstatt es zu hinterfragen, wie es die Klassiker gelehrt hätten, sei die stetig anschwellende Selbstverliebtheit zum plündernden patria geworden …“. Was für ein Auftakt!

Ayad Akhtar, geboren 1970, wuchs als Sohn pakistanischer Einwanderer in Milwaukee, Wisconsin auf. Der Erzähler des vorliegenden Romans ist 1972 auf Staten Island geboren und zog im Alter von vier mit seinen Eltern nach Wisconsin. Und so stelle ich mir vor, dass Autor und Erzähler zwar viel gemeinsam haben, Homeland Elegien sich jedoch Freiheiten herausnimmt, die einer Autobiografie schlecht anstehen würden.

Der Vater ist Kardiologe und Trump-Fan, denn dieser war einmal kurz sein Patient. Doch „Trump ist nur der Name dieser Geschichte“, die davon handelt, dass das „Streben nach gottgefälligem Reichtum“ die offenbar „einzige verbliebene amerikanische Leidenschaft ist.“ Es gibt noch ganz viele solcher treffender Amerika-Einschätzungen in diesem flüssig erzählten und sehr differenzierten Werk, das sich wesentlich mit der Frage auseinandersetzt, ob eine fremde Kultur zur eigenen werden kann. Um zu verstehen wie kompliziert das ist, ist auch nützlich, sich darüber im Klaren zu sein, dass die Bedeutung von Begriffen oft kulturabhängig ist. „Für uns war das sowjetische Böse nicht, wie für die meisten Amerikaner, der Sozialismus, sondern der Atheismus.“

Anlässlich eines Besuchs in Pakistan, macht der Vater dem schreibenden Sohn klar, was der Unterschied zwischen Amerika und Pakistan ist. „Schriftsteller, hm? Theater! Meinst du, diese Art von Mist gibt es hier? Dass einer sechsunddreissig Jahre alt ist und mich noch immer um Geld bittet. Meinst du, du würdest hier damit durchkommen? Man würde dich auslachen! Wenn wir hier leben würden, wärst du derjenige, der mich unterstützen müsste! Hast du das verstanden?“

Homeland Elegien ist ganz Vieles: ein Buch über die kurzsichtige und ignorante amerikanische Aussenpolitik; eine differenzierte Schilderung vom ungewollten Fremdsein von Einwanderern; eine Studie über die Schwierigkeit nach 9/11 ein Muslim in den Vereinigten Staaten zu sein; eine sehr gebildete Auseinandersetzung mit Grundsätzlichem (höchst anregende Gedanken von Clausewitz, Salman Rushdie, Edward Said, Oriana Fallaci, Sigmund Freud, Jacques Lacan, Norbert Elias, Jane Austen und und und … kommen zur Sprache).

Vor allem jedoch konfrontiert einen Homeland Elegien mit den eigenen instinktiven Reaktionen in Bezug auf den Islam. Zugegeben, ich spreche von mir. Noch nie habe ich mir bislang vorgestellt, was wohl in einem in Amerika als Muslim Geborenen, der eine westlich geprägte Art hat, sich mit dem Islam auseinanderzusetzen („Mein eigener Weg vom Kinderglauben zu jener Erwachsenengewissheit, dass den zentralen Narrativen des Islams sehr menschliche Bedingtheiten zugrunde liegen …“), vorgehen könnte; wie sehr so ein Mensch mit-definiert wird von dem, wie andere ihn einschätzen (und nicht nur davon, wie er sich selber sieht) – so gibt der Protagonist der Geschichte bei einer Polizeikontrolle an, sein Name stamme aus Indien. „Diese Antwort hatte den offensichtlichen Vorteil, dass sie keine Verbindung zu dem Terror, den Morden und der Wut herstellte, die die meisten Menschen mit Pakistan assoziierten, sondern die bunten Farben und köstlichen Aromen exotischer Gerichte wie Tikka Masala, Yogahosen und Bollywood-Filme mit tanzenden Massen heraufbeschwor.“

Doch das Dilemma liegt tiefer und Ayad Akhtar bringt es überzeugend auf den Punkt. Obwohl weder praktizierender noch gläubiger Muslim, ist er vom Islam geprägt und betrachtet sich auch nach vierzig Jahren Amerika noch als „anders“. „Wir Muslime lebten in einem christlichen Land, so sahen wir es, jedenfalls in den Familien, die ich kannte. Wir lebten in einem christlichen Land, aber wir verstanden das Christentum nicht. Wir verstanden und respektierten es nicht.“ Genau so (einfach umgekehrt) erging es auch mir, dem christlich Geprägten, als ich in Istanbul Englisch unterrichtete. Übrigens: Nicht nur das Gefühl der Überlegenheit, auch die hartnäckigen Schuldgefühle sind beiden Religionen gemeinsam.

Pakistan und Amerika, erfahre ich zu meiner Verblüffung, sind gar nicht so verschieden – Voreingenommenheiten, Besserwissereien, Ignoranz und Korruption ähneln sich sehr. Doch die Ideologien sind anders, sehr anders; in den USA gibt es keine andere mehr als die Selbstbereicherung. „Die Menschen waren, wie Hobbes sie beschrieben hatte: arm, gemein, roh und nihilistisch – und keiner verkörperte das besser als Donald Trump (….) Trump hatte die nationale Gefühlslage erfasst, und seine besondere Eigenschaft war ein Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, so schamlos und unbedingt, dass er bereit war, unsere ganz Hässlichkeit zu verkörpern, komme, was da wolle.“

Homeland Elegien ist genauso eine tragische Familiensaga wie auch die Geschichte einer Desillusionierung, „dass es an der Zeit war, nicht mehr auf das zu hören, was mein hoffnungsvolles Herz mir erzählte“. Stattdessen galt es, genau hinzuschauen und nüchtern zu konstatieren, dass das Eigentum die Welt immer aus seiner Perspektive betrachtet und diese stets über alle anderen Interessen stellt.

Klar, die Amerikaner gibt es nicht, genau so wenig wie die Muslime. Das wissen wir, Ayad Akhtar gelingt es mit Homeland Elegien, dass wir das auch gefühlsmässig erleben – und uns Amerika als auch Muslime neu, anders und nüchterner sehen lässt.

Ayad Akhtar
Homeland Elegien
Claassen, Berlin 2020

Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006); Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011); Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011); Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013); Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017); In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018); Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018); Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019); Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021); Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022). Die Welt will betrogen sein. Über Gehorsam, Gier und Selbstvermarktung (neobooks 2023); Wie ich die Fotografie entdeckte - und was sie mich gelehrt hat (neobooks 2024); Das Jetzt ist nicht zu fassen. Notizen von unterwegs (neobooks 2024); Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession (Tredition 2025).

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